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M. 240* Erstes Blatt. Donnerstag den 12. October 1893
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Gießener Anzeiger
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77^ I7u7 | Kratisöeitage: Gießener Kamitienökätter.
Amtliche»' Theil.
Bekanntmachuua.
Es wird hiermU zur öffenllichen Kenntniß gebracht, daß die nach § 6 des Reichsgesetzes vom 21. Juni 1887 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden ermittelten Durchschnittsmarktpreise, einschließlich eine» Aus» Mag- von Fünf vom Hundert, pro Monat September 1893 für den Lieferungsverband Gießen pro 100 kg betragen;
Hafer JL 19.40, Hm Jt 12.10, Stroh JL 7.90. Gießen, den 10. October 1893.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.____
Bekanntmachung,
betreffend Ausübung des Hufbeschlags.
Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß 1. Georg Ludwig Haubach zu Gießen, 2. Jacob Henkelmann zu Heuchelheim, 3. Carl Friedrich Märle zu Lich
nach Mittheilung der Militärbehörde die Prüfung zum Betriebe de« Hufbeschlaggewerbes bestanden haben.
Genannte sind daher nach § 7 der Verordnung vom 7. November 1885 (Regierungsblatt pag. 163 ff.) berechtigt, daß Hufbeschlaggewerbe im Großherzogthum auszuüben.
Gießen, den 10. October 1893.
Großherzogliches Kreiramt Gießen, v. Gagern.
Die deutschen Manöver in englischer Beleuchtung.
Der Manöverbericht des militärischen Berichterstatters der „Times" ist insofern interessant, als manche Vergleiche mit den englischen Truppen und Winke für die englischen HrfehlShaber mit unterlaufen. Er beschäftigt sich mit der Srßcheinung, der Haltung und den Leistungen des deutschen Eilboten im Manöver:
Der deutsche Soldat hat manche bemerkenswerthe Eigen- thümlichkeiten. Beginnen wir unsere Umschau bei der In- samterie, die im deutschen Heere als die Königinder Schlachten erscheint. Man ist geneigt, seiner Leistungen in Oesterreich und Frankreich eingedenk, den deutschen Linien- Saldaten als einen großen, breitschulterigen, bärtigen Mann zu schildern, etwa von der Art, wie die Leute, die wir aus einem unserer Colonialkriege in Indien zurückkehren sehen. DaiS ist die volkSthümliche Vorstellung. Sie ist indeß weit von der Richtigkeit entfernt. Thatsache ist, daß selbst bei einer starken Zahl von Reserveleuten im Glied — und bei btti Manövern hatte jede Compagnie Infanterie deren 25 und mehr — die Leute sehr jung auSsehen, und was die Größe betrifft, erheblich kleiner sind als in der Regel die Leute in einem englischen Bataillon. Ihr Alter kennen wir. Sie sind nicht unter 20 und mit Ausnahme der Unteroffiziere nicht über 24. Im Allgemeinen sind sie breitschulterig und durch ihre fortwährenden Turnübungen hat sich der Brustkasten erweitert,- allein, was die Stattlichkeit betrifft, so fällt ein vergleich zu Gunsten unserer Rekruten aus. Nur in einem Punkte scheint mir der deutsche Soldat dem unserigen durch- gehend überlegen, und dies mag dem Umstande zuzuschreiben ein, daß seine Hosen gewöhnlich sackartig sind und die Schöße ieines Waffenrockes, gelinde gesagt, umfangreich. Aber er sieht sicherlich „fester auf den Beinen" aus, als viele unserer Lekruten, und auch kräftiger gebaut von den Hüften ab. Es mag das zu seiner Fähigkeit beitragen, unter der ihm auf- erlegten Last kräftig zu marschiren. So wie er da steht zur Parade, mit feinem Tornister aus Kalbfell, Mantel und Zelt )rrüber gerollt, mit feinen Patronentasche», seinem Spaten, mt Flinte und Seitengewehr, sowie seinen Kleidern, trägt Jet deutsche Soldat wohl mehr als 60 (engt) Pfund auf tem Leibe. Damit dies jedoch nicht mißverstanden werde, tota ich hinzufügen, daß der Tornister mit seinem Inhalt, niit dem Mantel, dem Zelt und dem Kochgeschirr nur 24 Pfund ivcegt, und man darf kaum annehmen, daß unsere eigenen i Leute, die ja jung sind, diese Mehrlast nicht ertragen könnten, nenn sie darauf gehörig eingeübt wären.
Eine Eigenthümlickkeit des deutschen Infanteristen sind I (eine Stiefel. Es find rauhe „Wellingtons" mit viereckigen Stpitzen, die gut an den Knöchel schließen und worein die Hosen gesteckt werden. Diese Stiefel mögen sehr dienlich sein mit ihnen schwerbenagelten Sohlen und die Form verhindert siä-erlich das Eindringen von Koth zwischen die Beinkleider umb die Schube, was bei Gamaschen auch vermieden wird-
bei nassem Wetter jedoch müssen die Stiefel schwer aus- I zuziehen sein und kann nur wenig Luft an die Füße kommen. Trotzdem ist der deutsche Soldat an sein seltsames Schuhwerk 1 gut gewöhnt, er trägt feine wollenen Strümpfe, sondern Fußlappen, was ihn nicht verhindert, mit den Schritten eines Niebesiegten über Land zu marschiren. Immer und immer zählte ich die Marschgeschwindigkeit der (Solennen nach, und ich fand, daß sie beinahe 4 Meilen (6,4 Km.) in der Stunde machten und daß die Infanterie thatsächlich in manchen Fällen vor der ihr folgenden Artillerie lief. Diese Schnelligkeit, wobei ich die Halte nicht mitrechne, können die Leute sehr lange aushalten. An einem heißen Tage sah ich sie, weiß vor Staub, nach einem beschwerlichen Marsche von 18 bis 20 Meilen (29—32 Km.) mit demselben großen Schrite daher kommen, in guter Ordnung und ohne irgendwelche Nachzügler. Den Schießvorrath führt der Soldat in drei Patrontaschen, zwei vorn und eine größere hinten- diese Taschen sind practischer als die unserigen. Der Soldat führt 150 Patronen für feinen Mannlicher und daö Magazin ist auf fünf Patronen berechnet. . . . Die Rasanz ist, glaube ich, geringer als diejenige des Lee-Metford-GewehreS, aber das deutsche Gewehr ist etwa ein Pfund leichter. Es gibt wenig ältere Unteroffiziere in den Bataillonen. Große Begünstigungen werden den Leuten angeboten, um sie zum Capituliren zu bewegen, indeß werden wenige über zwölf Jahre behalten, und so viel ich beurteilen kann, find bei Weitem die meisten, auch die Sergeanten, nicht länger als drei Jahre bei der Fahne- sie sehen demnach genau so aus, wie diejenigen Gemeinen, die schon dem Ende ihrer Dienstzeit zugehen. Diese Beschreibung der Infanterie trifft auf die vier Armeecorps zu, die ich auf der Reise in Deutschland beobachtet habe- ich weiß aus guter Quelle, daß sie auch noch wörtlich auf wenigstens vier andere Corps paßt. Frei- lich gibt es Regimenter und möglicherweise ganze Divisionen in anderen Theilen des Reiches, die ausnahmsweise auch so weit voran sind, was daS gute Aussehen betrifft, aber bei den Leuten der Armeecorps, die auf den beiden Seiten des Rheines ausgehoben werden, trifft meine Beschreibung zu. Ehe wir zu Schlußfolgerungen übergehen, sei an den Unterschied zwischen dem deutschen und unserem Heere erinnert. Wir haben ein kleines Heer von Söldnern. Deutschland kann zwei Millionen in den Feldzug führen und kann jeden tauglichen Mann ausheben. Wir sind in der Lage, Leute, welche die erforderliche Größe nicht haben, abzuweisen - Deutschland aber muß, um die notwendige Heeresstärke zu erhalten, ein geringeres Maß annehmen, und es ist nicht ausgeschlossen, daß, wenn es, wie wir, nur 210,000 Mann aufzubringen hätte, seine Bataillone den unserigen überlegen wären. Wie dem auch sei, unsere Infanterie, Mann für Mann, ist selbst zu Hau,e an äußerlichem Ansehen der deutschen Linie überlegen. Aber die wichtigste Frage ist nicht die, welches Heer die stärksten und sehnigsten Leute hat, sondern die, ob unser besseres Rohmaterial so gut ausgearbeitet ist als das deutsche.
Zwischen der englischen und der deutschen Cavallcrie kann in zwei Hinsichten ein Vergleich nicht gezogen werden. Sowohl die Stattlichkeit als die Reitkunst unserer Truppen sind entschieden überlegen. Darin ist überhaupt die englische Cavallerie der besten überlegen, die es auf dem Festlande giebt, und unsere indische leichte Reiterei hat ihresgleichen weder in Deutschland noch in Frankreich. Der junge deutsche Soldat scheint, wiewohl daö Reiten in den letzten Jahren besser geworden ist, sich nicht gut im Sattel zurecht zu finden- er sieht aus, als ob er im Felde nur deshalb von Nutzen sein könne, weil sein Roß militärfromm ist. Alle Regimenter führen hohle Stahllanzen, Säbel und Mehrladercarablner - gewisse Reiter führen Revolver. Die Lanzen mit ihrem fröhlichen Fähnlein sind das einzige Schaustück bei Ulanen und Dragonern, mit Ausnahme der Helme. Die langen Stiefel sind schwerfällig gemacht und nicht gefirnißt und den Waffenröcken mangelt der gute Schnitt, her nach unseren Begriffen beim Soldaten nicht fehlen darf. Die Pferde fordern beim ersten Blick keineswegs dieselbe Bewunderung heraus wie die gestriegelten und gut genährten Thiere unserer Reiter. Indessen, wie verhältnißmäßig geringwerthig sie zu sein scheinen und ob sie auch im Vergleich zum Reiter zu leicht auSsehen, sie beweisen, daß sie gut gehalten sind- so herabgekommen, wie sie infolge des harten sommerlichen Werkes aussehen, sind sie nur mehr Haut, Knochen und Sehnen, aber dabei vollkommen felddiensttüchtig. Was am meisten auffällt, ist ihre vollkommene Ruhe im Glied. Das Gebiß ist leichter als bei uns und die Reiter sind weniger gewandt, unb doch ist es erstaunlich, wie leicht sie auf dem Marsch aufschließen. Thatsächlich sind sie bestens gezähmt unb ebenso gut gebrillt wie bie Mannschaften. In einer anberen Hinsicht
theilen sie bie Eigenthümlichkeiten ihrer Reiter: sie ftnb ebenso weit bavon entfernt, bem lanbläufigen Begriff von einem Schlachtroß zu entsprechen als bie Leute bem fröhlichen Husaren ober bem blitzschneibigen Infanteristen auS den Romanen gleichen. Weder ein Ulane noch ein Infanterist sieht so auS, als käme er von einem kriegerischen Zuge. Täppisch, geduldig unb gutmütig ist er, ein FriebenSmensch burch unb burd), trotz alles kriegerischen Zierraths- selten sieht man in ber Reihe ein Gesicht, baS die Kennzeichen des „Teufelskerls" aufweist, unbändig im Frieden und sehr viel werth im Kriege. Jenen natürlichen Hang zum Fechten auf eigene Rechnung, den wir beim Kelten finden, jene Abenteuersucht, bie vornehmlich bie Anglo-Dänen auszeichnet, bürfen wir bei biefen Leuten mit bem friebvollen Aeußern nicht suchen- unb boch, was auch ihre natürliche Anlage in anberer Richtung sein mag, wir fühlen unwillkürlich, baß er sich instincttv in bie Dis- eiplin ergiebt. Er ist nicht zur Unabhängigkeit erzogen, er hat viel Gemüth unb wenig Zünbfeuer, aber er kann gehorchen, folgen unb beharren. Wie bei ber Cavallerie ftnb bie Pferbe auch bei ber Artillerie scheinbar zu leicht für ihre Aufgabe, befonberö wenn man sie mit ben Thieren bei uns vergleicht- aber sie ftnb gut abgerichtet und sehen am Ende der Manöver ebenso arbeitstüchtig als am Anfang, trotz ber staubigen Straßen unb bes schweren Bobens. Auch hier giebt eS keinen Glanz unb keinen Flitter- bas Geschirr, alt unb geflickt, aber reinlich unb bienlich, sieht mehr arbeitsmäßig als schön aus. Auch in bieser Waffe zeigt sich in ber Art, wie bie schweren Abteilungen von sechs ober acht Batterieen auf bem Marsche aufschließen ober als eine einzige Einheit über bie Felber fahren, bie ausgezeichnete Schulung von Mann unb Pferb.
Aus bieseS „Aufschließen" habe ich großes Gewicht gelegt; einigen meiner Leser wirb die Wichtigkeit desselben nicht sofort einleuchten. Wenn man bebenfe, wie viel Raum bie Truppen auf bem Marsch bebecken — nehmen wir oberflächlich 2000 Mann auf bie Meile —, so heißt bas, baß eine in Marsch befinbliche Colonne sich allmälich in die Länge zieht, unb daß die letzten Truppen alsdann, wenn der Feind in der Nähe ist, lange Zeit brauchen, um in die Action zu gelangen. Und Zeitersparniß ist von der äußersten Wichtigkeit, denn „im Kriege", sagt Napoleon, „rechnet man mit Minuten und nicht mit Stunden." Wenn die Truppen nicht gut ausschließen, so sind sie nicht gut geschult- unb eine Infanterie ober Cavallerie, die zerstteut marschirt, b. h. mit großen unb ungleichen Abstänben, zwischen ben Zügen, mit größeren Abstänben hinten als vorn, marschirt nicht gut, gleichviel, welche Entfernung sie in einem Tage zurücklegt. In beiben Hinsichten, was bie Marschlänge unb bas Einhalten ber Ab- ftänbe betrifft, geht eS bei allen Waffen bes beutschen HeereS tabellos zu.
Deutscher Reich.
Berlin, 10. October. Der Kaiser hat sich nach Beenbigung seines Jagbaufenthaltes in Ostpreußen birect nach Schloß Hubertusstock in ber Schorfhaibe begeben. Die Kaiserin begrüßte ihren hohen Gemahl in Eberswalbe unb begleitete ihn bann nach Hubertusstock.
__ In ben Kreisen ber Weinprobucenten macht sich eine immer schärfere unb «eitergreifenbe Opposition gegen das projectirte Reichswein st euerproject geltend. AuS allen Weinbau treibenden Gegenden unseres Vaterlandes, vom Rhein unb von ber Mosel, vom Neckar unb vom Main, kommen Melbungen, welche genugsam erkennen lassen, wie einmüthig unb entschlossen bie Weinintereffenten in ber Be- kämpsung^ber neuen Weinsteuer ftnb. Dagegen gilt für die Interessenten in der Tabakbranche bezüglich deren Stellungnahme gegenüber dem Tabaksteuergesetzentwurf nicht das Nämliche, denn während Fabrikanten und Händler sich entschieden ablehnend gegen den Entwurf wenden, was angesichts der vorgeschlagenen Fabrikatbesteuerung allerdings auch erklärlich erscheint, beginnen die Tabakpflanzer theilweise eine dem Entwürfe günstigere Stellung einzunehmen. Speciell gilt dies von ben kubischen Tabakpflanzern, bieselben hielten am Sonntag in Heibelberg eine große Versammlung ab, in welcher beschlossen würbe, für die Einführung der Tabak- fabritatfteuer energisch einzutrelen, wenn damit die Aufhebung der Jnlandssteuer, unter Beibehaltung des Tabakzolls in der jetzigen Höhe, verbunden sei. Die sämmtlichen deutschen Tabakpflanzer sollen aufgefordert werden, sich dieser Resolution anzuschließen. — Jedenfalls wird es sich der Bundesrath angelegen sein lassen, bei der Vorerörterung der ihm nächstens vermuthlich zugehenden neuen Reichssteuerentwürfe sowohl die Interessen der hierbei zunächst, in Bettacht kommenden Bevölkerungskreise wie auch die Interessen ber Allgemeinheit genau zu prüfen und gegenseitig abzuwagen.


