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Mittwoch den 12. April

1893

Gießener Anzeig er

Kenerat-Mnzeiger.

viert ei jährige >»o*ef*e*U|rteti I

2 Mark 20 Pfg. mb vringerlohn.

Durch die Post beHSG»

2 Mark 50 Pgtz.

Redaktion, epebittoe und Druckerei:

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Aints- und Anzeigeblntt süv den Kreis Gietzen.

Annahme eon Anzeige, zu der Rachmittafs für de» Hfenbro tag erscheinenden Nummer hi» vor». 10 UH

Gratisbeilage: Gießener Kamikienölätter.

ii! i a »i i ii ii i i ! i i ii i ii Aste An»o»cen-Vureanx des In« und Auslandes nehmen Anzeigen für den .Gießener 'Anzeiger- entgegen.

Amtlicher Theil.

Bekanntmachung, betreffend das Pflegegeld für auf Kosten der Landeswaifen- anstalt untergebrachle Waisenkinder, hier Anträge auf Er­höhung des Pfleggeldes.

Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß durch Entschließung Großh. Ministeriums des Innern und- der Justiz vom 5. April 1893 das Pflegegeld für auf Kosten der LandeSwaisenanstalt untergebrachte Waisenkinder in den Städten, unter welchen auch Gießen genannt ist, auf 160 JC. und in den übrigen Gemeinden des Landes auf 120 JL pro Jahr erhöht worden ist. Ebenso ist eine entsprechende Er­höhung der Unterstützung für Waisenlehrlinge von Großh. Ministerium des Innern und der Justiz bewilligt worden.

Gießen, den 10. April 1893.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. (Sagern.

Gießen, den 10. April 1893.

Betr.: Die Einrichtung der Fortbildungsschulen.

Die

Großh. Kreis-Schulcommission Gießen

an die Schulvorstände des Kreises.

Wir sehen der Einsendung der Berichte über den Zustand der Fortbildungsschulen im verfloffenen Winterhalbjahr in­nerhalb acht Tagen entgegen.

Dieselben sind genau nach folgendem Schema abzufaffen: 1. Zahl der Klaffen,

2. ,, Lehrer,

3. Schüler,

4. abgehaltenen Stunden,

5. Vergütung für den ganzen Unterricht abzüglich der Vergütung für Heizung,

6. Leistungen der Schüler,

7. Betragen der Schüler,

8. Zahl der Versäumniffe der Schüler:

a) erlaubte,

b) wegen Krankheit,

c) unerlaubte,

9. Dasselbe wie 8, a, b, c in Procenten (e/0) ausgedrückt, v. Gagern.

Deutsches Reich.

Berlin, 10. April. Die ungünstige Ausnahme, welche die Comprornißvorschläge des Abgeordneten v. Bennigsen in der Militärfrage regierungsseitig gefunden haben, soll bei

dem genannten nattonalliberalen Führer eine allerdings ganz begreifliche tiefe Verstimmung erzeugt haben. Es verlautet im Anschluß an diese Nachricht, Herr v. Bennigsen sei im Falle einer Reichstagsauflösung fest entschlossen, sich bei den alsdann folgenden Neuwahlen nicht wieder um einen Reichs­tagssitz zu bewerben. Sollte Herr v. Bennigsen sich wirklich mit einem derartigen Vorhaben tragen, so hätte die national­liberale Partei noch vor dem eventuellen Wahlkampfe einen schweren Verlust zu verzeichnen, denn es würde gerade unter den gegenwärtigen Verhältnissen nicht leicht sein, einen geeigneten Ersatzmann für Herrn v. Bennigsen in der poli­tischen Führerschaft der gemäßigt-liberalen Partei zu beschaffen. Vielleicht wäre es da bester, wenn dieser hervorragende Politiker und Staatsmann eher auf sein Slaatsamt verzichtete, um sich dafür voll und ganz der Oberleitung seiner Partei widmen zu können- schon bislang dürfte der preußische Ober­präsident v. Bennigsen mit dem liberalen Politiker und Führer v. Bennigsen manchmal in Conflict gekommen sein! Uebrigens heißt es, noch ein anderes hervorragendes Mitglied der nationalliberalen Partei des Reichstages, Dr. Buhl, Ver­treter des rheinbayerischen Wahlkreises Kusel-Wolsstein, sei ebenfalls gesonnen, sich wegen der Militärfrage aus dem parlamentarischen Leben zurückzuziehen. Herr Dr. Buhl soll im engeren Kreise erklärt haben, er behalte sich vor, noch vor der Plenarabstimmung über die Militärvorlage die Nieder­legung seines Mandats in Erwägung zu ziehen. Der genannte Parlamentarier steht in der Militärfrage voll auf dem Bennigsen'schen Standpunkte, wie aus einem von Dr. Buhl vor feinen Wählern erstatteten Rechenschaftsberichte erneut hervorgeht. Ein Theil der nationalliberalen Wählerschaft von Kusel Wolfstein scheint aber für Annahme der Regierungs­vorlage zu sein, welcher Umstand in Herrn Dr. Buhl wohl den Gedanken einer MandatSniederlegung wachgerufen hat.

Berlin, 7. April. Nachdem der Bundesrath den Gesetz­entwurf gegen gemeingefährliche Krankheiten soweit fertig« gestellt hat, daß derselbe der Volksvertretung unterbreitet werden konnte, liegt ihm von gesetzgeberischen Arbeiten haupt­sächlich noch die Novelle zur Gewerbeordnung vor, welche den Gewerbebetrieb im Umherziehen betrifft. In dieser Angelegenheit waren schon längere Zeit hindurch von den zuständigen Reichsbehörden Erhebungen veranstaltet, als im Anfang November v. Js. Bayern beim'Bundesrath den Antrag stellte, über einen Gesetzentwurf von 13 Artikeln, betreffend die Aenderung der Gewerbeordnung, Beschluß zu fasten. Der Entwurf wurde in Verathung gezogen und hat seitdem verschiedentliche Erörterungen erfahren. Man ist im Allgemeinen einig darin, daß dem seßhaften Kleingewerbe ein Schutz gegen die Concurrenz des Hausirhandels gewährt werden muß, jedoch sollen auch die berechtigten Interessen des letzteren, sowie der Handelsreisenden nicht geschädigt werden. Es ist sehr schwierig, hier die richtige Grenze zu ziehen und

gesetzliche Bestimmungen zu treffen, welche beiden Zielen ge­recht werden. Die Verhandlungen dürften demnach in nächster Zeit wohl noch nicht zum Abschluß gebracht werden können. Bei dem gegenwärtigen Stand der Arbeiten des Reichstags, dem noch eine ganze Anzahl von Gesetzentwürfen zur Er­ledigung vorliegt, ist es, denVerl. Polit. Nachr." zufolge, überhaupt nicht sehr wahrscheinlich, daß ihm eine Gewerbe­ordnungsnovelle über den Hausirhandel noch in der laufenden Tagung zugestellt werden wird.

Ausland.

Paris, 10. April. Die politischen Persönlichkeiten der französischen Republik können das Geflunker mit glänzenden Phrasen nicht lasten. So hielt der Präsident der Deputirtenkammer, Casimir Pürier, in Trohes bei einem ihm zu Ehren veranstalteten Banket eine Rede, in welcher er namentlich betonte, die Republik sei gegen Angriffe und Ueber- raschungen geschützt. Was soll das heißen? Die heuttge französische Republik ist so wurmstichig, wie der Panarna- scandal gezeigt hat, daß es nur einer kräftigen Faust bedarf, um ihr den Garaus zu machen! Weiter erklärte Pürier, die Republik könne wohl ehemalige Monarchisten annehmen, aber nicht als Führer, sondern nur als Soldaten hätten sie dann in die republikanischen Reihen einzutreten. Die zu einem Compromiß mit der Republik geneigten monarchistischen Elemente dürften indessen sich mit dieser ihnen angebotenen subalternen Stellung gewiß nicht zufrieden geben. An­läßlich der Neuwahlen zur städtischen Vertretung von Paris haben die gemäßigt-republikanischen Abgeordneten die Pariser Gemeindewähler in einem Aufruf aufgefordert, gegen alle radicalen und focialistischen Candidaten zu stimmen. Die Kundgebung bezeichnet die etwaige Wiederwahl der bisherigen radlcal-socialistischen Mehrheit des Pariser Gemeinderathes sehr richtig als eine Gefahr für die Republik.

Budapest, 9. April. Siegmund Brodh, der Heraus­geber desNeuen Pester Journals", hat heute eine Viertel­millionen Gulden für ein interconsessionelles Kinderspital zum Andenken an seine verstorbene Gattin Adele Brody gestiftet.

Chnstiania, 9. April. Das Wikingerschifs hat heute Mittag seine Fahrt zur Chicagoer Weltausstellung angetreten.

Kopenhagen, 9. April. Der Kaiser und die Kaiserin von Rußland haben in dem Glückwunsch-Telegramm, welches sie dem Könige gestern zum Geburtstage sandten, ihren Besuch in Fredensborg für diesen Sommer bestimmt zugesagt.

Feuilleton.

Dir verhängnißvolle Polonaise.

Novelette von Carl 6 aff au.

(Schluß.)

Er wandte sich, er ging.

Teufel !" zischte ihm Oginsky nach. Er küßte der Haus­frau die Hand und war ebenfalls verschwunden.

Was fehlt Oginsky?" hieß es überall.

Warum geht er?" fragten andere.

Künstlerlaunen!" meinte Gablonsky und verschwand mit einem höhnischen Blick auf Olga in der Thür.

Die Gesellschaft hielt sich noch ziemlich lange zusammen- Baronin Olga stand Folterqualen aus. Als der letzte Gast fort war, stürzte sie in ihr Boudoir.

Aurelie!" rief sie.Nun, was ist zwischen Oginsky und Gablonsky im Glashaus geschehen?"

Ich hatte mich unter den Palmen versteckt, gnädige Frau, ich hörte alles."

Foltere mich nicht, antworte!"

Ein Duell in aller Form!"

Wann, wo?"

Ein amerikanisches Duell! Wem man zuerst mit hellem Wein zutränke, der soll sich selbst erschießen!"

Mein Gott!"

Ich verfolgte sie!"

Sprich, sprich!"

Es traf ihn!"

Barmherziger Gott! Vielleicht setzt er jetzt schon die Pistole an die schöne Stirn!"

Nein, die Zeit hat der Sieger zu bestimmen."

O, daran erkenne ich Gablonsky! Mein Gott, mein Gott, was thue ich?"

Schicken Sie ihn fort, weit, weit weg!"

Frau v. LubowLky gerteth in eine förmliche Raserei, so daß die Zofe den Vetter Davinsky herbeirufen mußte. Dieser wußte auch keinen Rath, aber das eine versicherte er sie:

Fällt er, Olga, so soll Gablonsky nicht mit dem Leben davonkommen."

Ach, es war ihr doch ein Trost!

Am folgenden Tage erhielt Olga ein Billet:

Theure Olga! Rufe mich nicht zu Dir, Heißgeliebte, schreibe mir nicht, ich darf Dich nicht sprechen, nichts von Deiner Hand lesen! Gott weiß, wie ich leide, aber ich will Dir täglich mehrere Male schreiben! Zweifle nicht an meiner Liebe. Ich bin Dein bis in den Tod!

Oskar von Oginsky."

Was war das? Ohnmächtig sank sie nieder.

Zehn Tage waren vergangen.

In Warschau hatte sich alles zum Losbruch vorbereitet. Graf Orlow gab heute einen glänzenden Ball, dort sollten die Führer die letzte Verabredung treffen. Olga hatte Oginski noch nicht wieder gesehen- sie hielt es nicht länger aus, denn ihr Herz starb vor Sehnsucht nach dem Geliebten. Hastig warf sie ein paar Zeilen an ihn aufs Papier:

Einzig Geliebter! Komme heute zu Orlows, ich will Dich nur sehen, nicht einmal sprechen, obwohl ich für ein Wort von Dir in den Tod gehen möchte!

Deine Olga."

Und er kam. Sie sahen sich, sie lächelten sich an, sie waren selig. Oginsky erntete Lorbeeren in Fülle. Gablonsky stand wie eine Statue aus Erz an der Salonlhür.

Eben tanzte man ein Menuett.

IIch muß Dich sprechen," flüsterte bei einer passenden

Tour die Baronin Oginsky zu,muß, und wäre es mein Tod."

Wo?" srug er.

Im Boudoir der Gräfin Orlow, sie ist meine Freundin !"

Ich komme!"

Und sie sprachen sich, sie herzten sich, sie küßten sich, sie waren selig.

Liebst Du mich unwandelbar, Olga?" srug er dann.

Ewig, mein Geliebter!"

Die Gräfin Orlowsky trat ein und ging mit den Liebenden wieder in den Salon, dort aber hieß es wieder:

Oginsky, Oginsky, an den Flügel!"

Er folgte der Aufforderung- Gräfin Orlow stand mit Olga ganz nahe. Gablonsky stützte sich auf das Instrument.

Die Polonaise \" bat Olga dann herzlich.Ich sollte sie ja auch schriftlich haben, Graf!"

Oginsky nickte nur bleich wie der Tod, aber er spielte so entzückend, als ob Engel weinten.

Gablonsky lachte laut auf und verschwand.

Der letzte Ton war verklungen. Oskar von Oginsky stand auf und ging wie ein Trunkener durch den Saal. Im Vorsaale traf er Jean, den Kammerdiener, dem er zurief:

Jean, Notenpapier, Tinte, Feder! Schnell!" Er erhielt alles pünktlich.Der Baronin Olga von Lubowsky gewidmet," lautete die Ueberschrift. Dann folgte die Polo­naise und darunter standen die Worte:

An der Schwelle der Ewigkeit hört jede Lüge auf; Deine Bitte, Olga, um die Polonaise war das Signal zu meinem Tode. Lebe wohl! Oginsky."

Zwei Secunden später Härte man einen Knall. Alles eilte in den Dorfaal. Da lag Oginsky in seinem Blute, die Kugel hatte ihm gerade das Herz durchbohrt.

Im wahnsinnigen Schmerze warf sich Olga mit der