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Nr. 37. Zweites Blatt. Sonnlag dm 12. Februar
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aber selbst diese finden in keiner Partei völlige Billigung. Dor Allem will sich die deutsche Linke unter Plener freie Hand wahren. —In Frankreich ist im Panama-Procefie das Verfahren gegen mehrere Politiker eingestellt worden. Infolgedessen hatte das Ministerium heftige Angriffe in der Kammer auszu- halten. Zwar erhielt daS Cabinet zuletzt ein Vertrauensvotum, aber in so verklauselirter Form, daß eS zurückzutreten gewillt sein soll, wenn ihm die Kammer bei der nächsten Gelegenheit nicht unbedingt ihr Vertrauen aussprechen wird.
— DerGetreidemarkt. Auf dem deutschen Getreide« markt hatte sich am Anfänge der beendigten Berichtswoche eine bessere Stimmung bemerklich gemacht- regere Kauflust bei ein wenig steigenden Preisen kam im Roggen«, wie im Weizengeschäft zur Geltung. Indessen ging der Markt wieder in eine schwächere Haltung zurück, da unter dem Einflüsse verschiedener ungünstiger Umstände die Kauflust wieder merklich nachließ. In Folge dessen erlitten Roggen wie Weizen Einbußen bis zu einer Mark, während es Hafer eher gelang, sich zu behaupten, doch war das Geschäft in diesem Artikel sehr still. Da es auch an Anregungen von den ausländischen Getreidemärkten fehlt, so dürfte die eingetretene flauere Tendenz im deutschen Getreidehandel vorerst wohl überwiegen. Preise an der Berliner Getreidebörse: Weizen von 145 bis 160 Mark pro 1000 Kilogramm, Roggen von 130 bis
Bebel sich zu der Aeußerung hatte hinreißen lassen, daß man Diejenigen, welche der Regierung des socialistischen Staates nicht Ordre parirten, einfach durch Vorenthaltung der Nahrung zum Gehorsam zwingen werde, fand eS Liebknecht gerathen, das Buch Bebels, „die Frau" indirect der Kritik preiszugeben und zu erklären, daß die socialisttsche Partei officielle Erläuterungen ihres Jdealstaates zu geben nicht in der Lage sei, da ja jeder Parteigenosse nach Belieben seine Vorstellungen von demselben gestalten könne. Die Betheiligung und das Interesse des Publikums au deu betreffenden Reichstagssitzungen war ein außerordentliches. Wie in den Tagen der großen Bismarcksreden standen Hunderte vor dem Reichstagsgebäude und warteten auf Einlaß. — Die Subcommis si on, welche von der Militärcommission abgezweigt worden war, um die wirklichen Mehrkosten der neuen Militärvorlage und die Finanzverhältnisse des Reiches, ganz abgesehen von dieser, ermitteln sollte, hat ihre Aufgabe vollendet. Es hat sich herausgestellt, daß die völlige Casernirung der Truppen mindestens 131 Millionen kosten werde. Abgesehen davon, belaufen sich die bereits vom Reichstag eingegangenen oder im neuen Etat 1893/94 ihm angesonnenen Verbindlichkeiten auf 155 Millionen Mark. Die Marineverwaltung verlangt ftir die nächsten Budgets im Ganzen 88 Millionen allein zu einmaligen Ausgaben. Auch schon ohne die neue Militär- Vorlage werden die dauernden Ausgaben im Militäretat 1894/95 um zehn Millionen, in den folgenden Jahren um 26 Millionen wachsen. Dabei ist zu berücksichtigen, daß diese Mehrausgaben durch die neuen drei Steuergesetze nicht gedeckt werden sollen und es auch nicht könnten. Neu zugegangen sind dem Bundesrath ein Reichsseuchenge setzentwu rf und eine Börsengesetznovelle. Der erstere enthält in sechs Abschnitten ausführliche Bestimmungen über die Anzeigepflicht, die Ermittelung der Krankheit, Schutzmaßregeln, Entschädigungen, allgemeine Vorschriften und Strafsätze im Falle des Auftretens einer Epidemie. — DaS neue Börsengesetz, welches auch den Beifall der Deutschfreisinnigen findet, ordnet an, daß der Verwahrer oder Pfandgläubtger von Werthpapieren nur dann das Recht hat, diese zu geschäftlichen Manipulationen in seinem Interesse zu benutzen, wenn er hierzu ausdrücklich und schriftlich ermächtigt ist.
In Oesterreich - Ungarn ist daS neue Parteiprogramm neulich erschienen. Es stellt nur ganz allgemeine Forderungen,
Cocoles rrnd provinzielles.
Gießen, 11. Februar 1893.
— Kunstnotiz. Wir machen das geehrte Publikum auf einige sehenswerthe Kunstwerke der Oelmaleret unseres Landsmannes Ott o Fritz von der Karlsruher Schule aufmerksam, welche in der Ricker'schen Buchhandlung ausgestellt sind. Wie wir erfahren, hat genannter Herr die dortige Akademie unter zwei sehr berühmten Meistern Profeffor Karl Hoff und Claus 'Meyer absolvirt. Daß er mit großer Energie und reichen Gaben dem Ziele seiner Lehrer nachgestrebt und seine Kunst originell zu bemeistern versteht, sehen wir an diesen Arbeiten. Wünschen wir unserem jungen Künstler recht guten Erfolg in der Hoffnung, uns noch fernerhin mit der Ausstellung seiner Werke zu erfreuen.
politische Wochenschau.
Gieße», 11. Februar 1893.
Im Deutschen Reichstag ist es während der beiden letzten Wochen zu einer höchst tntereffanten und bedeutsamen Debatte über den socialdemokratischen Zukunftsstaat gekommen. Nachdem die Interpellation in Betreff des herrschenden Nothstandes erledigt worden war, hatten die Socialisten gelegentlich der Berathung des Etats des Inneren von Neuem heftige Vorstöße gegen die herrschende Gesellschaftsordnung gemacht. Hierdurch fühlte sich schließlich der Eentrumsabgeordnete Bachem veranlaßt, darauf hinzuweisen, daß die Socialisten sich ja selber über die Herbeiführung und Einrichtung einer neuen Gesellschaftsordnung völlig im Unklaren seien und sich niemals darüber aussprächen, wie denn im einzelnen die Verwandlung der Privatindustrie und deS Privatbesitzes in Staatsbetrieb und Staatseigenthum ermöglicht werden könne. Der socialistische Abgeordnete Bebel lehnte eine Auskunft über die Art, wie er sich die staatlich geregelte Consumtion und Production, in einem Lande vou 50 Millionen Einwohnern denke, mit dem Bemerken ab, daß es schon gehen werde, wenn man erst einmal soweit sei. Zugleich nannte er die bekannte Schrift Eugen Richters „Socialdemokratische Zukunftsbilder", welche die nothwendigen Folgen einer völligen Verstaatlichung von Production und Consumtion in anschaulicher Form und mit großer Schärfe darlegt, ein Pamphlet, das trotz seiner großen Verbreitung — die Schrift ist seit Herbst 1892 in Deutschland in 24 000 Exemplaren verbreitet und außerdem in sieben fremden Sprachen übersetzt worden — der Socialdemokratie keinen Abbruch gethan hat. Nunmehr sah sich Richter genöthigt, persönlich in die Debatte einzugreifen. In zwei großen Reden legte er mit zwingender Logik dar, wie der socialdemokratische Zukunftsstaat infolge der staatlichen Regelung der Production nothwendig auch zu einer obrigkeitlichen Regelung der Consumtion und damit der Bedürfniffe deS Einzelnen, ja des ganzen privaten Lebens gelangen und infolgedessen den Charakter einer Zwangsorganisation, ja eines Zuchthauses erhalten werde. Waren die Verfechter der wirthschaftlichen Freiheit schon an und für sich in einer günstigen Lage, so machte das rednerische Geschick Richters die Niederlage der Socialdemokratie vollkommen. Nachdem
Fe«illeton.
ttodjtnbr.itfc ans der Residenz.
(Originalbericht für den „Gießener Anzeiger".)
Darmstadt, 10. Februar 1893.
DaS Ohly Denkmal. — Vom neuen Museumsplatz. — DaS neue Krankenhaus. — Allerlei.
Im großen Saale des alten Rathhauses am Marktplatz waren in der vergangenen Woche die eingegangenen Entwürfe zu dem von der Stadt zu errichtenden Albrecht Ohly-Denkmal ausgestellt. Die Residenz hat nicht vergessen, was sie ihrem verstorbenen Oberbürgermeister schuldet, ein dauerndes äußeres Zeichen ihrer Dankbarkeit soll der Nachwelt von den Verdiensten des zum Besten der Stadt unermüdlich thätig gewesenen ManneS Kunde geben. Ein Preisrichtercollegium ist schon vor mehreren Monaten zusammengetreten, um von den eingesandten Modellen das schönste und paffendste zu wählen. Seine Entscheidung liegt jetzt vor, Herr Bildhauer C. Haußmann in Frankfurt hat den ersten, Herr Karl Thümmler in Hannover hat den zweiten Preis erhalten. Die beiden Entwürfe der genannten Künstler sind von außerordentlicher Schönheit und haben auch im Publikum allgemeinen Beifall gefunden. Von allen anderen Movellen erregte das Werk eines jungen Landsmannes, des in unserer Sradt heimischen Bildhauers Herrn C. Habicht, ganz hervorragendes Interesse. Der Künstler hat eine große Porträtbüste des Oberbürgermeisters geliefert, die durch eine geradezu meisterhafte Ausführung und sprechende Aehnlichkeit hervorragt. Wie erzählt wird, soll der Odenwald-Club die Büste angekauft haben, um sie an irgend einem Punkte unseres herrlichen heimathlichen Gebirges ausstellen zu lassen. Albrecht Ohly war nämlich lange Zeit Vorsitzender des genannten Vereins und hat. als solcher eine außerordentlich erfolgreiche Thätigkeit entfaltet. Der Gedanke, ihm in einem Gebirgsorte selbst ein bleibendes Denkmal der Verehrung und Liebe zu errichten, hat denn auch in allen Kreisen großen Beifall gefunden und daß gerade die Büste des Herrn Habicht zur Aufstellung gewählt wurde, ist besonders erfreulich; so kommt das Werk eines Landsmannes zu würdiger Anerkennung. Von den sonst noch zur Concurrenz eingeschickten Entwürfen dürfte wohl keiner das
besondere Interesse Ihrer verehrten Leser erregen, sie seien also hiermit auch nur ganz kurz erwähnt.
Dem Lauf der Zeiten ist nunmehr auch ein altes, ehrwürdiges Stück Darmstädter Vergangenheit zum Opfer gefallen, der Abbruch des allbekannten sogenannten „Zeughauses" ist nun beinahe ganz beendet. Das alte Gebäude zählte zu den Sehenswürdigkeiten, oder besser gesagt zu den Merkwürdigkeiten der Residenz, denn von großer architectonischer Schönheit ist es eigentlich nicht gewesen. Ursprünglich war es zum Exercierhaus bestimmt, doch in den letzten Jahrzehnten diente es als Magazin für Kriegsgeräthe aller Art, ein kleines Armeemuseum, das der Oeffentlichkeit allerdings nicht zugänglich war, hatte darin Platz gefunden. Besonders interessant war die bauliche Construction des einfachen Gebäudes, das riesige Dach war nämlich nicht durch eine einzige Säule gestützt, sondern ruhte nur auf den eigentlichen vier Grundmauern. Die Architecten einer früheren Zeit haben damit ein interessantes Problem practisch gelöst.
Den Darmstädtern war der „alte Kasten" lieb und werth, wenn den ehrsamen Bürger sein Weg jetzt über den Paradeplatz führt, dann schreckt er beim Anblick der wenigen noch stehenden Mauerreste immer ganz unwillkürlich zusammen, es will ihm halt gar nicht recht in den Sinn, daß das alte liebe Zeughaus nun auch daran glauben muß. Der Vandalismus ist in diesem Falle ein wohl berechtigter. Das Ge- bäude hatte keine andere Existenzberechtigung als sein<historische Bedeutung, im Uebrigen nahm es nur den Platz weg, auf dem ein anderes, den Bedürfnissen der Neuzeit entsprechendes Gebäude hätte stehen können. Jetzt will man auf dem frei werdenden Raume ein neues Museum errichten, das gleichzeitig eine architektonische Zierde der Residenz werden soll. Daß die Museumsräume im alten Schlosse nicht ausreichen, ist längst bekannt. Vor Allem gilt es, endlich einmal für die naturwissenschaftlichen Sammlungen und für unsere herrliche, noch viel zu wenig gekannte Gemäldegallerie ein neues, zweckentsprechendes Heim zu schaffen, das soll jetzt geschehen. Die Baufrage selbst hat Anlaß zu mannichfaltigen Erörterungen, theilweise recht unerfreulicher Natur, gegeben, jetzt hat die Regierung die Sache selbst in die Hand genommen, es steht also zu erwarten, daß die ganze Angelegenheit zu allgemeiner Zufriedenheit erledigt werden wird. Vielleicht kommen wir in einem späteren Briefe aus diese Dinge noch
mals zurück, gegenwärtig muß man ruhig abwarten, was die fernere Entwickelung bringen wird, in her Residenz ist man darauf sehr gespannt und bei der Wichtigkeit der ganzen Angelegenheit für die Stadt ist das nur begreiflich.
Von einem anderen Neubau, der aber schon vollendet ist, möchte ich Ihren Lesern heute noch kurz berichten, nämlich von dem neuen städtischen Krankenhaus. Es handelt sich dabei eigentlich nicht um einen Neubau, sondern mehr um einen Umbau. Das alte „Hospital" ist nämlich einer umfassenden Umgestaltung unterzogen worden und ist in seiner jetzigen Gestalt und unter seinem neuen Titel fast nicht wiederzuerkennen. Pfründnerhaus und Pfandhaus, die früher in demselben Gebäude untergebracht waren, haben besondere Bauten erhalten, von denen wir vielleicht einmal gelegentlich berichten können, electrisches Licht und Centralheizung sind eingeführt worden und bei Einrichtung der einzelnen Krankensäle und Zimmer hat man ganz die bei den Gießener Kliniken getroffenen Vorkehrungen nachgeahmt. Ein wirkliches Musterinstitut ist so von der Stadt aus eigenen Mitteln geschaffen worden, dessen Bedeutung allgemeine Anerkennung verdient.
Doch zurück zum eigentlichen „Wochenbericht". Aus dem künstlerischen Leben verdient die Aufführung von Verdis „Requiem" durch den Musikverein am vergangenen Montag besondere Erwähnung. Das bedeutende, ganz eigenartige Werk wurde sehr gut aufgeführt und mit großem Beifall ausgenommen. Das Hoftheater brachte eine Reihe von schönen Vorstellungen, wie der „Tägliche Anzeiger" meldete, soll ja unser Schauspielpersonal demnächst im Gießener „Theaterverein" mit „Galeotto" gastiren, da werden Sie sich selbst ein Urtheil über unser treffliches Ensemble bilden können- die in den beiden größeren Rollen des Stückes beschäftigten Kräfte, Frl. Cramer und Herr Hacker sind dem Gießener Publikum ja schon wohlbekannt. Theodor Reichmann hat uns jetzt verlassen, doch soll der gefeierte Wagnersänger schon im März zu einem neuen Gastspiel zurückkehren, lieber die diesjährige Carnevalsposse, die zur Dilettantenaufführung bestimmte „Jwwersterzt Valowung", ein Werk eines bekannten Dialectdichters, werde ich Ihnen im nächsten Briefe getreulich Bericht erstatten, es soll dann alles noch auf den Carneval Bezügliche mitgetheilt werden. Z.


