Ausgabe 
11.6.1893 Erstes Blatt
 
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1893

Sonntag den

Erstes Blatt

Nr. 135

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Alle Annoncen-Burraux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Dorm. 10 Uhr.

Der Gießener Anzeiger erscheint täglich, eit Ausnahme deS Montags

Die Gießener Mnmtlien b lätter «erden dem Anzeiger wöchentlich dreimal Keigelegt.

Katz en st ein ckdn Gießen auf und empfahl die Wahl des socialdemokratischen Candidaten. Nachdem Herr Metz die Ausführungen seines Herrn Gegners widerlegt, brachte er ein Hoch auf das deutsche Vaterland aus. Hierauf wurde die Versammlung geschlossen.

Nidda, 8. Juni. In der hier neuerbauten Capelle wurde am letzten Samstag zum ersten Male seit nahezu vier Jahrhunderten ein katholischer Gottrsdienst durch Herrn Kaplan Thomas aus Offenbach abgehalten.

Friedberg, 7. Juni. Unter dem Vorsitz des Herrn Amtsrichters Landmann beschäftigte sich gestern und heute das hiesige Schöffengericht mit einem Viehbetrugs­prozeß, der seiner Zeit in seiner Entstehung und auch jetzt bei seiner Erledigung in der ganzen Wetterau berechtigtes Aufsehen erregt hatte. Angeklagt waren die Handelsleute

* Vom Laude, 9. Juni. Das in Nr. 129 ds. Bl. von Herrn Prof. Dr. Lehmann in der Sitzung desVer­eins für öffentliche Gesundheitspflege" abgegebene Gutachten über die Bereitung des Brodes hat auf dem Lande

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vierteljähriger A-,»ne«entsprelsr 2 Mark 20 Pfg. mit vriugerlodn.

Durch bie Poft bezöge» 2 Mark 50 Pfg.

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N' sowie Zu- ; Mehmbam i dauert jedoch

Minister und der ersten volkswirthschaftlichen Sachverständigen, nach einem Vergleich der Aufwendungen anderer Staaten seien die Kosten aus dem Antrag Huene nicht unerschwinglich. Nach dem Anträge Huene würden auch nicht alle Wehrsähige heran­gezogen, vielmehr würden schon 1894 nach Maßgabe des diesjährigen Musterungsgeschäftes etwa 90,000 taugliche Wehr­pflichtige nicht eingezogen, welche Zahl in Folge der Zunahme der Bevölkerung ständig wachsen müsse.

Bukarest, 9. Juni. AuS der Moldau wird andauernder Regen gemeldet, welcher Ueberschwemmvngen verursacht und die Ernte schädigt.

Depeschen des Bureau »Herold'.

Leipzig, 9. Juni. In dem Anarchistenproz lautete das Urtheil gegen Graffer auf ö1/« Jahre Zuchthaus und 10 Jahre Ehrverlust, gegen Schönberger 8x/2 Jahre Zuchthaus und 10 Jahre Ehrverlust, Lanius 1 Jahr Ge- fängniß, Michael Müller l'/z Jahr Gefängniß, Schürmann, Johann Müller und Goltz wurden freigesprochen.

Czernowitz, 9. Juni. Die Materialbahn von Bordujeni zum linken Suczawa-Ufer wurde mit über 20 Waggons spur­los weggeschwemmt. Ein großer Dampsbagger wurde von "den Fluthen umgestürzt und versank.

Newyork, 9. Juni. Das ehemalige Fordtheater ist ein- gestürzt. Es befanden sich verschiedene Regterungsbeamte in dem Gebäude, in welchem etwa 400 Personen arbeiteten. Mehr als 200 Menschen wurden verschüttet. Bis jetzt wurden 40 Leichen und 70 Verletzte unter den Trümmern hervor­gezogen. ____________,

Funfkirchen, 10. Juni. Die Bemühungen der Behörden, zwischen den Strikenden und der Bergwerksverwaltung einen Ausgleich herbeizusühren, sind e r g c b n i ß l o s. Es werden Ruhestörungen befürchtet.

Athen, 10. Juni. In Zante wurden neuerdings Erd­stöße verspürt.

Alexandria, 10. Juni. Reutermeldung. Der Khedive befahl, die YachtFayoum" Mitte Juli zur Reise nach Konstantinopel auszurüsten. Voraussichtlich begibt sich der Khedive darauf nach der Schweiz.___________________

Localer unfc provinzielles.

Gießen, 10. Juni 1893.

* Gestern Nachmittag 4 Uhr wurde durch Stürmen vom Stadtrhurme Feuer gemeldet. Es brannte das Lagerhaus der Firma Ed. Silbereisen. Dank dem raschen und rührigen Eingreifen der Berufs- wie Pflicktfeuerwehr wurde man nach kurzer Zeil Herr des heftigen Feuers. Auch war es ein glücklicher Umstand für die Bekämpfung deS Feuers, daß genügend Wasser vorhanden war, denn nickt nur die Wasserleitung gab reichlichen Zufluß, sondern auch die Wieseck, nachdem letztere gestaut worden war. Es kann hier wiederholt anerkannt werden, daß unser Löschwcsen durch das Institut der Pflichtfeuerwehr eine vortreffliche Vervollkommnung erfahren har. Der durch den Brand angerichtete Schaden ist ziemlich bedeutend.

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♦♦ Die Leipziger Concert- und Coupletsänger werden im Cafe Leib" heute Samstag, Sonntag und Montag humoristische Soireen veranstalten. Die Leistungen der Gesellschaft, welche zuletzt in Darmstadt gastirte, erfreuten sich dort, wie allerwärts, lebhaften Beifalls und stets zahl­reichen Besuchs. Wer einige vergnügte Stunden verleben will, dem sei der Besuch dieser Soireen bestens empfohlen.

♦♦ Zur Regelung der Penfionsverhältniffe der Volksschul- lehrer läßt jetzt das Großh. Ministerium, Abtheilung für Schulangelegenheiten, eine Statistik aufnehmen. So wird u. A. die Frage gestellt, wie zahlreich die Familie des Be­treffenden ist und ob er noch einen Nebenerwerb hat.

** Wie in den vorderen Jahren, beabsichtigt die Groß- herzogliche Centralstelle für die Gewerbe auch in diesem Sommer, etwa in den großen Ferien der Volksschule, Unter richtscurse zur Ausbildung von Lehrern der Handwerkerschulen abhalten zu kaffen, zu welchen an die Theilnehmer Unter­stützungen nach Maßgabe der hierfür verfügbaren Mittel gewährt werden können. Der Unterricht soll in Freihand­zeichnen, darstellender Geometrie und Fachzeichnen in der Art und Weise, wie solches an den Handwerkerschulen gelehrt wird, geführt werden. Die Auswahl unter den einlaufenden Anmeldungen bleibt Großh. Centralstelle für die Gewerbe Vorbehalten. Bei d/n nächstjährigen Cursen sollen etwa Zurück­gestellte dann das Vorzugsrecht erhalten.

Deutsches Reich.

Darmstadt, 9. Juni. Von der Mittheilung desBerl. I Tagebl." über die angeblich bevorstehende Verlobung des I Großfürst en-Thronfolgers von Rußland mit der I Prinzessin Alix von Hessen ist in hiesigen bestinformirten I Kreisen nicht das Geringste bekannt.

Berlin, 8. Juni. Die Wahlbewegung zieht ihre letzten und weitesten Kreise, alle Parteien mustern nochmals die Reihen ihrer Anhänger für die dicht bevorstehende Wahl­schlacht. lieber deren Ausfall in diesem Augenblicke noch Muthmaßungen anstellen zu wollen, wäre höchst unnütz, schon deßhalb, weil eben die Entscheidung unmittelbar herangenaht ist. Außerdem sind aber die Grundlagen, auf denen man Berechnungen über die Ergebniffe der Reichstagswahlen vom 15. Juni anstellen könnte, so schwankende und ungewisse, daß diesmal jede Voraussage über den Characler der Wahlen ein bloßes Rathen wäre. Sind erst einmal die Hauptwahlen vollzogen, dann läßt sich über den muthmaßlichen Ausfall der Stichwahlen schon eher mit einer gewissen Sicherheit urtheilen.

DieNordd. Allg. Ztg." kommt in einer Polemik I gegen die der Militärvorlage feindlichen Blätter auf die bekannte Aeußerung des jetzigen Reichskanzlers über die Zahlenwuth" zurück. Das offiziöse Organ erinnert daran, daß der Kanzler, unmittelbar bevor er von der Zahlenwuth sprach, ausdrücklich aus die Tendenz zimmer mehr Alters­klaffen wehrpflichtig zu machen und die Soll-Ziffern der Armee durchGroßväter" zu erhöhen, Bezug genommen habe. Dieser Tendenz trete aber gerade die Militärvorlage mit ihrem Bestreben, durch die Verstärkung zu verjüngen und Werthe, aber nicht Zahlen zu schaffen, entgegen. Als der Kanzler am 27. November 1891 die betreffende Reichstags­rede gehalten habe, da habe er noch nicht wissen können, ob und unter welchen Modalitäten bie verbündeten Regierungen in der Lage sein würden, auf die zweijährige Dienstzeit der Fußtrnppen einzugehen. Ohne dieselbe aber eine bedeutende Heeresverstärkung vom Reichstage zu verlangen, sei aussichts­los erschienen. Weiter erinnert dieN. A. Zig." daran, daß Graf Caprivi indeß schon damals geäußert habe, er halte es für nicht unwahrscheinlich, daß mit dem Militärgesetz von 1890 die Ausbildung und der Ausbau unserer Militär- Organisation noch nicht beendet sein werde und es daher nicht ausgeschlossen sein werde, daß die verbündeten Regierungen wegen einer weiteren Steigerung unserer Wehrkraft Schritte unternehmen würden.

Die Stichwahlen zum Reichstage sollen dies­mal, entgegen der seitherigen Gepflogenheit, an ein und demselben Tage vorgenommen werden. Diese Neuerung dürste sich wohl auch für die Zukunft empfehlen.

Berlin, 9. Juni. Die Socialdemokraten rechnen zuversichtlich auf einen Zuwachs von vierzehn Mandaten (bisher hatten sie 36) im kommenden Reichstag, welche sie dem Centrum und den Freisinnigen zu entreißen hoffen.

Will

sprechen,

Reinert werden z

Nerreste Nachrichteir»

Wolffs tclegrephischeS Correspondenr-Bureau.

Berlin, 9. Juni. DerReichsanzetger" sucht die Be­hauptung , der Antrag Huene widerspreche den Wi ndt h orst'schen Resolutionen, weil durch Annahme des Antrages die zweijährige Dienstzeit nicht gesetzlich ein­geführt, dagegen die allgemeine Wehrpflicht durchgeführt werde, als falsch nachzuweisen. Der Antrag Huene lege die zwei­jährige Dienstzeit für die Fußtruppen gesetzlich so lange fest, als die Compensation dafür ebenso gewährleistet wird. Die Resolutionen Windthorst forderten nur die Regierung auf, die Einführung der zweijährigen Dienstzeit in Erwckgung zu nehmen. Dieser Erwägung werde durch den Antrag Huene praktische Folge gegeben. Die Resolutionen Windthorfts sprachen ferner die Erwartung aus, daß von Plänen Abstand genommen würde, wodurch alle wehrfähigen Mannschaften zum activen Dienst herangezogen würden, indem dadurch dem Reiche unerschwingliche Kosten erwachsen würden. DerReichs­anzeiger" hebt hervor, nach dem Urtheil der deutschen Finanz-

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19. 3«" 1898'

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Gichmer Anzeiger

Kenerat-Mnzeiger.

insofern Beachtung gefunden, als Prof. Lehmann sich ge­rade über das sog. Bauernbrod ungünstig äußert. Er hat darin nicht so ganz unrecht. Mit der fortschreitenden Technik auf dem Gebiete des Mühlenwesens haben unsere Landmühlen nicht Schritt zu halten vermocht und so kommt es nach wie vor, daß manches mit in das Brod gemahlen und gebacken wird, was eigentlich nicht hinein gehört. Die Brodfrucht wird zum größen Theil viel zu wenig vom Unkrautsamen gereinigt. Aber die Müller trifft nicht allein die Schuld- daS Publikum ruft nach billigem Brot, der Bäcker muß billiger Mehl zu erlangen suchen. Mehle, die einen großen Procentsatz Unkraut, Raden, Feldwicken, Mutterkorn, Futtergerste, Ackerbohnen, Futtererbsen u. s. w. enthalten, werden verarbeitet und so ein Brod bereitet, welches schädlich ist. Der Nimbus, der daS sog.Bauernbrod" im Allgemeinen in der Stadt umschwebt, ist ein unverdienter. Der Städter ißt das Bauernbrod, weil es ihm gegenüber dem in der Stadt bereiteten eine Ab­wechselung gewährt, der Bauer dagegen ißt zur Abwechselung gern ein Stück Stadtbrod, eben weil es einmal etwas anderes ist. In der Thal ist denn auch der Absatz Don Stadtbrod in den Dörfern ein nicht geringer, rote umgekehrt auch viel Brod vom Lande nach der Stadt gebracht wird, hauptsächlich deshalb, weil es billiger ist. So viel steht indeß fest, daß nach dem Unheil des Prof. Dr. Lehmann,in den Städten ein viel besseres Brod gebacken wird, als auf dem Lande, dafür spricht schon der Umjtani), daß die Stadtbäcker ihr Mehl aus Großmühlen beziehen, die aus verschiedenen Gründen nur bessere Getreidesorten verarbeiten und Einrichtungen be­sitzen, mit denen das Getreide einer gründlichen Reinigung unterworfen werden wird. Die auf dem Lande vielfach ver­breitete Ansicht, daß die Stadter alles essen, was ihnen zum Verkauf angeboten wird, herrscht auch hinsichtlich dcS Brodes. Auf dem Lande wohnende Kleinbauern und Arbeiter beziehen ihr Brod mit Vorliebe aus der Stadt, trotzdem eS theurer ist. Es soll damit nun nicht gesagt sein, daß alles Brod, was die Landbäcker liefern, schlecht sei, cs giebt rühm­liche Ausnahmen, aber im allgemeinen wird ter Werth des LandbrodeS überschätzt. EL ist Thatsache, daß z. B. ein Land­bäcker, der sonst viel Brod in die Städte liefert, für seinen Hausbedarf eine besondere Sorte bäckt. Gerade weil das Brod eines der reichlichsten Nahrungsmittel ist, sollte man weniger auf dessen Billigkeit, sondern in erster Linie auf dessen Be­schaffenheit sehen. Magenbeschwerdeu und sonstige Unpäßlich- käten, die zu Krankheiten ausarten können, Haden in vielen Fällen ihren Grund in dem Genuß schlecht zubereiteten und mit schlechtem Mehl hergestellten Brodes- deßhalb gilt auch hier der Satz, daß das billigste noch lange nicht das beste ist.

§ Aus dem Wahlkreis Gießen, 9. Juni. Wie in Oueck- born, so wurde auch in Grünberg eine von socialdemokratischer Seite einberufene Wählerversammlung abgehalten. In beiden Versammlungen referirte Herr I. Krämer aus Müncken. Die Militärvorlage, dasMilitärsystem", die heutige Staatsordnung wurden vom Redner verurtheilend kritisirt, verschiedene Mißstände des öffentlichen und staatlichen Lebens beleuchtet und die Stellung der socialdemokratischen Partei zu diesen Fragen geschildet. Nachrühmen muß man den Ausführungen des Redners, daß sie klüglich in Anbetracht der erschienenen Zuhörer maßvoll gehalten waren. Die Versammlungen wurden geschlossen, ohne daß Gegenredner austraten. Nächsten Sonntag finden in Ruppertenrod social- demokratische und antisemische Wählerversammlungen statt.

h. Reiskirchen, 9. Juni. Auf den gestrigen Abend hatte das freisinnige Wahlcomitve eine Wählerversammlung einberufen. Dieselbe war gut besucht. Herr Landtagsabge- ordneter Metz von Gießen sprach über die einzelnen Punkte des freisinnigen Programms und erwähnte auch die Gegen­parteien. Seine mit Beifall aufgenommenen Ausführungen endigte er mit der Bitte, Herrn Landrichter Dove zu Frankfurt a. M. zu wählen, da dieser für den hiesigen Wahlkreis der passendste Vertreter des freisinnigen Programms wie der Volksrechte sei. Als Gegenredner trat Herr

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Amtlicher Theil.

Gefunden: 1 Brille mit Futteral, 1 Notizbuch, 2 Paar Handschuhe, 1 Regenschirm, 1 Portemonnaie, 1 Maßstab, 2 Spazierstöcke, 1 Taschenmesser, 2 Hundehalsbänder, 1 Lese­buch, 1 Coupon und 1 Brause von einer Gießkanne.

Zugelaufen: 1 Hund.

Gießen, den 10. Juni 1893.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.

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