Nr. 213g Erstes Blatt. Sonntag den ll>. September
1893
Der
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Die Gießener
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3., Die Frage: „Welche Maßnahmen empfehlen sich, um der Wiederkehr eines Nothstandes, wie des diesjährigen, für die Folge nach Möglichkeit vorzubeugen", eingeleitet durch Herrn Landwirthschaftslehrer Leithiger-Alsfeld.
Laubach, am 31. August 1893.
Der Präsident
des landwirthschastlichen Vereins für die Provinz Oberhessen Friedrich Graf zu SolmS-Laubach.
Eine Wetterauer Landhochzeit
(Nachdruck verboten)
—
politische Wod^ttfd^atu
Gießen, den 9. September 1893.
In dieser Woche hat die zweite Steuerconferenz ihre Berathungen in Berlin begonnen, aber noch nicht zu Ende geführt. Es heißt sogar, daß der Abschuß sich noch weiter hinausziehen werde, weil man wider Erwarten auf gewisse Schwierigkeiten gestoßen sei. Die Aufgabe der Conferenz besteht bekanntlich darin, die in Frankfurt von den Finanzministern irt den Hauptzügen hergeftellten Reichs- steuerentwürse im Einzelnen auszuarbeiten. Die Ergebnisse dieser Berliner Berathungen werden zunächst den einzelnen Bundesregierungen zugehen, und erst wenn diese zu den aus- gearbeiteten Entwürfen Stellung genommen haben, werden die Vorlagen dem Bundesrath unterbreitet, aus dem sie dann an den Reichstag gelangen. Zunächst hat die Berathung der Weinsteuerfrage stattgefunden und an diese diejenige der Tabaksteuerfrage sich angeschlossen. Außerdem stehen namentlich die Inseraten- und Quittungssteuer aus der Tagesordnung, während in Bezug auf die Einbringung der Börsensteuer schon längst völliges Einvernehmen besteht. Neu hinzugekommen ist nach neuerlichen Zeitungs- Meldungen das schon einmal aufgeworfene und wieder fallen gelassene Project der Biersteuer. Es soll die Absicht bestehen, die bestehende Biersteuer in der Weise crtragsfähiger zu machen, daß man bei Brauereien bis zu 150 dl Production
Bekanntmachung.
Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die nach § 6 des Reichsgesetzes vom 21. Juni 1887 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden ermittelten Durchschnittsmarktpreise, einschließlich einer Aufschlags von Fünf vom Hundert, pro Monat August 1893 für den Lieferungsverband Gießen pro 100 kg betragen;
Hafer JL 19.30, Heu JL 14.20, Stroh 7.90.
Gießen, den 8. September 1893.
Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.
Ausfchutzfitzung des landwirthschastlichen Vereins für die Provinz Oberhessen.
Der auf Mittwoch den 27. September d. I. anberaumten Hauptversammlung soll um IO1/» Uhr eine Ausschußsitzung vorangehen, zu der ich die Mitglieder des Ausschuffes hierdurch ergebenst einlade.
Laubach, am 31. August 1893.
Der Präsident des landwirthschastlichen Vereins für die Provinz Oberheffen Friedrich Graf zu Solms-Laubach.
Blofelderin geheirathet hat und deren Anwesen übernimmt. Um V22 Uhr fand die standesamtliche und unmittelbar darnach die kirchliche Trauung statt. Die Braut trug ein schwarzes Seidenkleid, einen Kranz von Orangeblüthen mit einem zwei Meter langen Schleier; der Bräutigam war im schwarzen Anzug mit weißer Binde. Die Zahl der eingeladenen erwachsenen Hochzeitsgäste beträgt etwas über zweihundert, wozu noch 40 bis 50 Kinder zu rechnen sind. Verbacken wurden sechshundert Pfund Weizenmehl, aus welchem etwa dreihundert Kuchen, als Zimmt« und Gußkuchen, Zwetschen- und Apfelkuchen, Formenkuchen und Kringel her- gestellt worden sind. Abgesehen davon hat der Bräutigam in Bisses zwei Centner Weizenmehl verbacken und den Freunden und Verwandten in Bisses, Schwalheim, Echzell, Gettenau und a. O. Hochzeitskuchen zugesandt. Drei Tage (Montag) vor der Hochzeit begann eine tüchtige Köchin aus der Stadt, unterstützt durch entsprechendes Hülfspersonal, ihre Thätig- keit. Es wurde nur ein zwei Centner schweres Schwein und ein Rind geschlachtet, weil man die übrigen Fleisch-, Wurst- und Schinkenwaaren von den befreundeten Metzgern bezog, die buchstäblich einen Wagen voll dieser Dinge ins Haus lieferten. Das Mittagsmahl bestand in Fleischbrüh (Sago-) Suppe mit Rindfleisch, Schweinefleisch und Beilagen, Braten und Gemüse. Nach dem Effen pflegt ein von Musik angeführter Zug durch das Dorf stattzusinden. Der Umzug unterblieb, weil die Witterung etwas ungünstig wurde. Gegen 4 Uhr gab es Kaffee und Kuchen. Der braune Trank ward in einem großen kupfernen Kessel bereitet, mehrere große Blecheimer mit gemahlenem Kaffee stehen neben an. Ein Kuchenverschneider hat stundenlang vor und nach dem Kaffee zu thun, um die Berge von Kuchen zu zerlegen und aufzuschichten. Sobald die Gäste versorgt sind, beginnen vier Mädchen ihren Rundgang durch das Dorf- sie Nagen in der einen Hand auf Präsentirbrettern Hochzeitskuchen, auf welchem große Zuckerstücke liegen, in der anderen Hand Kaffeegeschirre und
Bekanntmachung.
Zwecks Ausführung tiner Canalifation wird der Seltersweg und zwar vom Kreuzplatz bis zum Teufelslustgärtchen in der Zeit von Montag den 11. d. M. Vormittags bis Dienstag den 12. d. M. Abends für den Fuhrwerksverkehr gesperrt.
Gießen, den 7. September 1893. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
I. P.: Roth.
künftig 6 Mk., bei solchen von 150—500 hl 7 Mk., bet einer Production von 500—15000 hl 8,25 Mk., und bei einer darüber noch hinausgehenden 8,50 Mk. pro hl erhebt. Die Stellung der parlamentarschen Parteien zu den neuen Steuerplänen ist noch nicht völlig geklärt, wie eS ja die Pläne selber noch nicht sind. Soviel steht schon jetzt fest, daß die freisinnige Volkspartei, die deutsche Volkspartei und die Sociälisten von den geplanten Steuern höchstens der Bvrsensteuer zustimmen werden. Eine ähnliche Stellung wird voraussichtlich das Centrum einnehmen. Die Conserva- tiven werden dagegen der Regierung sicherlich ihre Unterstützung in diesem Falle nicht versagen, während die Haltung der Nationalliberalen vorläufig sich noch der Beurteilung entzieht. Die Entscheidung wird wahrscheinlich, wie bet der Militärvorlage, bei den kleinen Gruppen: den Antisemiten, der freisinnigen Vereinigung und den Polen liegen. Die ersteren scheinen, wie aus einer Erklärung des Gießener Reichstagsabgeordneten Köhler hervorgeht, entschlossen, der Opposition gegen die Miquel'schen Pläne sich anzuschließen. Ganz unbekannt sind bis jetzt die Absichten der Polen. Dagegen scheint nach mehrfachen Verlautbarungen in den der freisinnigen Vereinigung nahestehenden Blättern diese schon jetzt entschloffen, der Regierung in der Tabakfrage gegen anderweitige Zugeständnisse entgegen zu kommen.
In Preußen kommt die Wahlbewegung immer mehr in Fluß. Wir haben unlängst an dieser Stelle auf die Möglichkeit eines Wahlcartelles zwischen Nationalliberalen und Freisinnigen in Preußen hingewiesen. Nach Aeußerungen der nationalliberalen „Nationalzeitung" scheint bei den Nationalliberalen keine Geneigtheit zu bestehen, ein für den ganzen Staat verbindliches Cartell mit irgend einer Partei abzuschließen. Vielmehr will man hier die Wahlbündntffe in den einzelnen Wahlkreisen je nach den verschiedenen Derhältniffen verschieden gestalten. Damu hat sich dann auch die Leitung der freisinnigen Volkspartei einverstanden erklärt.
In England ist die H om er ule-Bill, die das Unterhaus mit beträchtlicher Mehrheit angenommen hat, an daS Oberhaus gelangt. Da dieses eine überwiegend conservative Mehrheit besitzt, so ist nicht daran zu denken, daß die Bill angenommen wird. Gladstone will in diesem Falle das Unterhaus nicht sogleich auflösen, sondern erst einen zweiten Versuch im Oberhause machen.
In Belgien ist nun endlich die Wahlref 0 rm zu Stande gekommen. Damit ist ein allgemeines Wahlrecht hergestellt - die Gleichheit des Rechtes fehlt noch insofern, als reiche und gebildete Personen mehr als eine Summe (zwei, höchstens drei) abzugeben befugt sind.
bringen diese Gaben nicht blos den Verwandten, sondern auch den Armen und Kranken. Es ist ein schöner Zug des Oberheffen, daß er an seinen Freudentagen der Armen und Kranken nicht vergißt. Inzwischen haben sich am Hochzeitshause Dutzende von Kindern gesammelt, die alle mir Kuchen beschenkt werden. Es kann mit ziemlicher Sicherheit angenommen werden, daß kein Haus in Blofeld ist, welches nicht mit Hochzeitskuchen bedacht wurde.
Nach dem Kaffee beginnt der Tanz in dem benachbarten Wirthshause „Zum grünen Wald", wo ein neuer, geräumiger Saal alle Gäste bequem fassen kann. Der junge Ehemann muß nach und nach mit allen Frauen und Jungfrauen tanzen. Inzwischen wird die Riesenarbeit fortgesetzt, das Abendessen für die Hunderte von Festgästen vorzubereiten. Ein gewandter Metzger tranchin die Rinds-und Schweinebraten- Waschkölbe voll Bratwürste stehen umher. Häupter-, Gurken- und Kar- toffelsaläter mit Riesenvorräthen von (Sompot und Beilagen thürmen sich auf. Die Tische stehen den ganzen Tag und die Nacht mit Wein und Kuchen beladen. Alles ist vonreff- lich zubereitet und mundet ausgezeichnet. Nach dem Abendessen werden die Geschenke dargebracht. Dann wird wieder getanzt bis Mitternacht. Um diese Zeit wird wieder Kaffee und Kuchen gespeist. Bei manchen Hochzeiten wirb, der ,/Jungfernkranz" aufgeführt, nämlich: Tänzer und Tänzerinnen bilden für sich einen Kreis, in welchen der Bräutigam resp. die Braut mit verbundenen Augen eingeführt werden. Das Lied: „Wir winden Dir den Jungfernkranz", wird von den Personen, welche den Kreis schließen und sich bewegen, gelungen. Bräutigam und Braut bestimmen eine Person unter den Tanzenden- den Bestimmten werden die Augen ebenfalls verbunden, sie werden sich gegenübergestellt und müssen sich einen Kuß geben, dann werden die Binden abgenommen. Sehr oft wird aus diesen ein Paar.
Gegen Morgen, etwa um drei oder vier Uhr, gibt es wieder einen kräftigen Imbiß aus allen möglichen Fleisch-,
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für den folgmben Tag erscheinenden Nummer bi» Bonn. 10 Uhr.
N. Aus der Wetterau, 8. September 1893.
Man liest hier und da in den Blättern, daß in entfernteren Gegenden, speciell auf dem Lande, Hochzeiten abgehalten werden, die sich durch die Anzahl der eingeladenen Gäste, durch die Fülle der bargebotenen Speisen und Ge- tränke, sowie durch die Sitten und Gebräuche, welche bet den Hochzeitsfesten beobachtet werden, auszeichnen. Wir brauchen gar nicht so weit zu gehen, um derartige interessante Familienfeste kennen zu lernen, wir dürfen uns üur in der Wetterau, oder besser in der Provinz Oberheffen, umsehen und werden alljährlich solchen Hochzeitsfestlichkeiten begegnen können, die sich überall sehen lassen dürfen, denn wir haben Gottlob! immer noch — und trotz schwieriger Zeitläuften — einen Bauernstand, der etwas leisten kann.
Eine solch stattliche Hochzeit findet seit gestern (Donnerstag den 7. ds.) in Blofeld statt- sie dauert heute noch fort und wird wohl morgen (Samstag), möglicherweise auch erst Sonntag, je nachdem die Borräthe ausdauern, ihr Ende erreichen. Das Dötflein Blofeld liegt gar lieblich auf dem Höhenzuge, der das Nidda- und Horloffthal scheidet. Die Häuser ziehen sich an der Berglehne hinauf, aber nicht ganz bis auf den Gebirgskamm. Dieser ist mit schönem Laubwald bestanden, der das Dörfchen gegen rauhe Nord- und Ostwinde schützt. Daher kommt es, daß Blofeld Jaft immer Obsterträge hat; dieses Jahr beugen sich die Baume unter dem gewaltigen Segen und eine Fallobstmasse liegt unter vielen Bäumen, wie sie an anderen Orten als Jahreserträge erwünscht wären. Ihre Zeitung brachte neulich eine kurze Notiz darüber.
Wir kommen zu den Festlichkeiten zurück und bemerken, daß der Bräutigam von Bisses (bei Echzell) stammt, eine.
Gefunden: l Armband, 1 Spazierstock, 1 Regen- fchirm, 1 Sonnenschirm, 1 Contobuch, 1 Taschentuch, 1 Paar Handschuhe und 1 Stück Stoss.
Zugelaufen: 1 Pinfchcrhund und 1 Hahn.
Gießen, den 9. September 1893.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
___________________I. V.: Roth. _______________
Hauptversammlung deS landwirthschastlichen Vereins für die Provinz Oberheffen.
Zur diesjährigen ordentlichen Hauptversammlung beehre ich mich, die Vereinsmitglieder, sowie alle Freunde der Land- wirthschaft auf
Mittwoch den 27. September d. I. Vormittags ll1/2 Uhr in das Gasthaus zum „Prinzen Karl" in Gießen hiermit ergebenst einzuladen. .
Gegenstände der Verhandlungen werden fern:
1, Die Bekämpfung der Kartoffelkrankheit, eingeleitet durch Herrn Landwirthschaftslehrer Andrae zu Büdingen;
2., Die Errichtung von Landwirthfchaftskammern, eingeleitet durch Herrn Landwirthschaftslehrer Dr. von Peter in Fried- berg und


