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Nr. 59

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Die Gießener M«»tkte«ö ktlter Barben bem Anzeiger Wchchentlich dreimal beigelegt.

«rftes Blatt Freitag dm 10. März 1893

Gießener Anzeiger

Kenerak-Wnzeiger.

vierteljähriger AkannemeutspreiBl 2 Mar! 20 Pjg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezoß« 2 Mark 50 Pf,.

Äebaction, Expedit,« und Druckerei:

Kchnlstratz« Mr.R.

Fernsprech« 5L

TlnrtS- und Anzeigeblntt für den Ttveis Gieszen.

einem Male gleich 5 neue Schiffe gefordert werden müssen. Die Panzerfahrzeuge, deren 2 neue verlangt werden, hätten sich sehr be­währt. Sehr nothwendtg würden Kreuzer und Avisos gebraucht.

Reichskanzler Graf Caprivi bittet gleichfalls, wenigstens den Antrag Hahn anzunehmen. Er habe stets auf dem Standpunkte gestanden, daß die Marine im Interesse der Armee in engen Grenzen gehalten werde; aber auch die Marine müsse hinreichend für unsere Verthetdtgung organistrt werden. Die Flotte habe die heimlichen Gewässer zu schützen; aber wenn man mit Ersatz zu sparsam werde, werde sie diese Ausgabe nicht erfüllen können. Der Küstenschutz vom Lande aus werde nicht genügen, wir könnten auch der Armee nicht zu viel Truppen für diesen Zweck entziehen. Dazu komme, daß wir auch unfern Handel schützen und eine Blokade von uns abwehren müssen. Dazu brauche man Panzerschiffe, Torpedoboote und Kreuzer. Wir bedürften auch Zufuhr von Nahrungsmitteln. Wir könnten unter Umständen unsere Nahrung einschränken, Kartoffeln essen. Aber wenn gar sich der Krieg in unser Land spielte, würden unsere Aecker fremde Krieger nähren müssen. Um uns wahrend eines Krieges leistungsfähig zu erhalten, müsse unsere Küste blokade- frei sein.

Abg. Jebsen (natl.) betont die Nothwendigkett internationaler Vereinbarungen zum Schutz des Prtvatetgenthums zur See. Man solle ruhig abwarten, ob sich der Kreuzer J, der bis Ende dieses Jahres fertig werde, bewähre. Set das der Fall, so werde man später wettere Forderungen bewilligen können.

Der Antrag Hahn wird abgelehnt. Dafür stimmen Conser- vative, Retchspartei und einige Nationalliberale. Die von der Com­mission beantragten Abstriche werden allenthalben genehmigt.

Die Commission beantragt ferner l1/» Millionen als erste Baurate für zwei Trockendocks in Kiel zu stretchen.

Staatssecretär v. Hollmann: Die Docks seien zur Unter­haltung derschiffe unbedingt nothwendtg. Bts jetzt seien 12 Schiffe auf ein Dock angewiesen. Das genüge schon in Friedenszetten nicht, denn so lange ein havartrtes Schiff im Dock set, müsse das Docken anderer Schiffe unterbleiben. In Kriegszetten würde aber der Mangel an Docks noch viel empfindlicher fein. Ein schwimmendes Dock wäre weniger geeignet und ungleich themer. Ein Hinüberbrtngen haoarirter Panzer aus der Ostsee durch den Nordostseecanal wäre wegen des Tiefgangs der Panzer nicht möglich.

Die Forderung für die Docks wird dem Commtsfionsantrage entsprechend gestrichen.

Der Rest des Martneetats wird durchweg nach den Anträgen der Commission erledigt.

Die Geschäftsordnungscommission beantragt, den früheren Beschluß des Reichstags auf Einstellung eines Strafverfahrens gegen den Abg. Frhrn. v. Münch (wtlddem.) durch ein darauf ergangenes Schreiben des Reichskanzlers für erledigt zu erklären. Gegen v. Münch schwebt kein Strafverfahren, derselbe ist bereits verurtheilt.

Abg. Stadthagen (Soc.) will auch die Strafverbüßung eines Reichstagsabgeordneten von der Zustimmung des Reichstags abhängig gemacht wissen.

Abg. Ackermann (cons.): Der Antrag auf Einstellung des Untersucdungsvelfahrens gegen v. Münch sei gegenstandslos, weil ein solches Verfahren nicht schwebe; bet dieser Sachlage könne der frühere Beschluß nur für erledigt erklärt werden

Abg. Bebel (Soc.): Set der Wortlaut des Art. 31 der Ver­fassung ntcbt ganz klar, io müsse er zu Gunsten des Reichstags aus­gelegt weiden. Der Reichstag müsse es in der Hand haben, seine Mitglieder davor zu schützen, daß ste durch eine Strafhaft der Aus­übung ihres Mandats entzogen werden. Er selbst set s. Z. von den

sächsischen Behörden während der Dauer seines Mandats nicht zur Abbüßung seiner Strafe herangezogen worden.

Der Antrag der Commifsion wird gegm die Stimmen der Socialdemokraten angenommen.

Ein Antrag auf Einstellung des Strafverfahrens gegen dm Abg. Metzger (Soc.) wird gleichfalls angenommen. KS DM

Schließlich werden noch die Etats deS Rechnungshöfe«, des allgemeinen Penstonsfonds und des ReichS-JnvaltdenfondS genehmigt, lieber Petitionen betreffend Gewährung einer Ehrmzulage an die Inhaber des eisernm KreuzeS von 1870/71 wird zur Tagesordnung übergegangm.

Morgen: Mtlitäretat.

Ucucfk Nachrichten.

Wolff« telegraphische« Correspondmz-Bureau.

Berlin, 8. März. Unter dem Vorsitze deS Minister­präsidenten Gras Eulenburg sand heute im Herrenhause eine Versammlung deS Gesammtvorstandes der deutschen Ver­pflegungsstationen statt- vertreten waren durch Dele- girte 18 Verbandsvereine und 668 Verpflegungsstationen. Graf Eulenburg eröffnete die Verhandlungen mit einer kurzen Ansprache, in der er darauf hinwies, daß die Unter­haltung der Stationen sich immer schwieriger gestalte. Sämmtliche Berichte der Delegirten lauteten pessimistisch.

Liegnih, 8. März. Amtlich. Reichstags-Ersatz­wahl. Abgegebene Stimmen 21,489- davon erhielt Jungfer 12,936, Hertwig 8553.

Depeschen de« BureauHerold".

Berlin, 8. März. Die Militär-Commission be­riech heute die Organisationsfragen der Artillerie und Ca- vallerie. Abg. Hinze frug an, was die Regierung für noth- wendig und was sie für nicht unbedingt nothwendig halte. Reichskanzler v. Caprivi erklärt, die Militärverwaltung betrachte die Militärvorlage als untrennbares Ganze und könne Erklärungen über die Einzelheiten der Vorlage nicht abgeben. Abg. Payer (Volksp.) betonte, die Regierung könne doch über das negative Resultat der Commission nicht zweifelhaft fein. Abg, Richter erklärte, die Freisinnigen würden bis aus eine verschwindende Ausnahme keine Er­höhung der Präsenzstärke bewilligen. Dasselbe versichert Abg. Dr. Lieber für daS Centrum.

Paris, 8. März. Brisson legte infolge einer chirurgi­schen Operation, welcher er sich unterziehen muß, das Prä­sidium der Untersuchungs-Commission in der Panama-Ange­legenheit nieder. Der erste Appellhof verwarf daS Gesuch Eiffels und Cottus um provisorische Freilassung. Der Senat zog in feiner gestrigen Sitzung den Vorschlag

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag« für btn solgenbm Tag erscheinenben Nummer bi« Borm. 10 Uhr.

Hratisbeikage: chießener Aamilienblälter

Amtlicher Theil.

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Alle Annoncen-Bureaux be« In» und Au«lanbe« nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Bekanntmachung.

Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß das Erlengäßchen während der Dauer der Abbruchsarbeiten am Weidig'schen Haus in der Sonnenstraße gesperrt bleibt.

Gießen, den 9. März 1893.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Fresenius.

Deutscher Leichrtag.

61. Sitzung. Mittwoch, 8. März 1893.

Die Berathung des Martneetats wird bei den einmaligen Ausgaben fortgesetzt.

Die Commission (Ref. Abg. Fritzen) beantragt folgende erste Raten zu streichen : 500 000 Mk. zum Bau des PanzerfchiffesErsatz Preußen", 1 000 000 Mk. für ein Panzerfahrzeug W., 500 000 Mk. für cm Panzerfahrzeug H., 2 000000 Mk. für Panzercoroette K., 750 000 Mk. für einen KreuzerErsatz Möoe" und 1 200 000 Mk. für einen AvisoErsatz Falk , ebenso die für die Ausrüstung und Armtrung dieser Schiffe erforderlichen Summen.

Abgg. Hahn und Gen. beantragen Bewilligung der Forderung für das PanzerschiffErsatz Preußen".

Abg. Scipio (nl.) hofft, daß das Reich bei der großen ameri­kanischen Flottenreoue nicht wieder blos durch ein Schiff vertreten sein werde, wie s. Z. in Genua.

Staatssecretär v. Hollmann erwidert, daß auf Befehl des Kaisers außer derKaiserin Augusta" der KreuzerSeeadler" ver­treten sein solle. DerSeeadler" werde von Amerika auf die ost- afrikanische Station gehen. DieKaiserin Augusta" set besonders für diesen Zweck provisorisch ausgerüstet.

Abg. Hahn (cons.) begründet seinen Antrag. Wa« die Re­gierung fordere, halte sich an sich in mäßigen Grenzen, doch fordere die Finanzlage Abstriche. Seine Freunde beschränkten sich deshalb daraus, die Bewilligung des PanzerschiffesErsatz Preußen" zu be­antragen. ES handle sich hierbei nicht um eine Vermehrung der Flotte, sondern um einen nothwendigen Ersatz.

Staatssecretär v. Hollmann: Die Bauthatigkett für die Marine werde im Sommer nächsten Jahres abgeschlossen, wenn die geforderten neuen Schiffe nicht bewilligt werden. Selbst wenn im nächsten Jahre die Bewilligung erfolgen sollte, so würden doch die Wersten nur wenig zu thun haben, da die Ausarbeitung der Pläne noch Zeit erfordere. Es würden 1867, 1894/95 sogar 3825, d. i. ein Drittel der Gefammtzahl der Arbeiter, entlassen werden müssen. Das SchiffPreußen" werde, wenn das Ersatzschtff heute bewilligt werde, zur ßeit der Fertigstellung des letzteren, also nach 5 Jahren, 25 Jahre alt sein. Ein so altes Schiff komme für Schlachtzwecke nicht mehr in Betracht. Ueberhaupt leide schon ein Theil unserer Flotte an Altersschwäche. Von einem neuen Flottengründungsplan sei keine Rede. Schon 1873 sei der Reichstag darüber einig gewesen, daß wir 14 vollwerthtge Schiffe haben müßten; jetzt haben wir deren nur 10, erst mit den 4 neugeforderten werden es wieder 14. Er bitte wenigstens den Antrag Hahn anzunehmen, sonst würden 1897 mit

Feuilleton.

Der Fcuerwehrmsnu.

Eine Coulissengeschichte.

Anton Schreglhofer war ein Feuerwehrmann und all­abendlich in dem **Theater-Dienst, wo man eine große Aus- stattungs Comödie gab. Er hatte nichts zu thun, als in der Coulisse zu stehen und Acht zu geben, daß die Decorationen nicht Feuer fingen. Er war ein stiller, schüchterner, junger Mann von starkem Körperbau und mit einem hübschen, fast noch knabenhaften Gesichte. Fräulein Agnes Lambrecht war die dritte in der ersten Reihe der Amazonen und sehr schön. Von Rechtswegen hätte sie am Flügel stehen sollen, aber sie war so stolz und zurückhaltend, daß sie nur selten lächelte und niemals mit den Habitues in den ersten Parquetreihen foEettirte. Der Director sagte, daß ein Mädchen am Flügel ein vergnügtes Gesicht machen und hie und da einen freund­lichen Blick über die Rampe ins Parquet werfen müsse. Fräulein Lambrecht war diesbezüglich mit ihm nicht einer Meinung und man degradirle sie deßhalb auf den dritten Platz, und ein anderes Mädchen, welches sich mehr für das Publikum und weniger für das Stück intereffirte, kam an ihre Stelle. Wenn Fräulein Lambrecht auf der Bühne nichts zu thun hatte, pflegte sie hinter den Couliffen auf den Stufen eines Thrones zu sitzen, der nach der ersten Scene nicht mehr benützt wurde, und Romane zu lesen ober Strümpfe zu stricken, die sie während ihrer Thätigkeit auf der Bühne der Garderobenfrau zur Aufbewahrung gab. Eines Abends mußte sie schneller als sonst auf die Bühne, da das Walzer­lied der Diva nicht zur Wiederholung verlangt worden war und der Regisseur sie drängte. Die Garderobenfrau war nicht in Sicht und so reichte Agnes denn ihren Roman und die Strümpfe dem Feuerwehrmann und sagte: »Wollen Sie mir dies halten, bis ich eS abhole?" Als sie ihm die Dinge

einhändigte, sah sie ihn zum ersten Male an und er fühlte, was er schon unterschiedliche Male zuvor gefühlt hatte, daß ihre Schönheit Jedermann berücken mußte. Er hielt die baumwollenen Strümpfe, noch warm von ihrer Hand, ohne sich zu rühren, in derselben Stellung, die er eingenommen, als Agnes ihm dieselben übergeben hatte. Nach ihrem Ab­treten von der Bühne gab er sie ihr zurück und salutirte, als sie ihm dankte. Eine der anderen reizenden Amazonen lachte und zischelte:Agnes geht zur Feuerwehr!", während sich Schreglhofer erröthend zurückzog. Am nächsten Abend faßte er sich Muth und bot ihr einen freundlichen Gruß- sie dankte ihm kaum merklich. Er beobachtete sie fortan auf­merksam und glaubte, daß es nicht bemerkt werden würde- allein die Colleginnen Fräulein Lambrechts machten sich lustig darüber- manche empfand überdies Mitleid mit dem armen Burschen.

Podansky, der alte Podansky, der feit zwanzig Jahren Chorist in den verschiedensten Operetten - Theatern gewesen und durch seinen Beruf naturgemäß etwas pessimistisch ge­worden war, erzählte dem Feuerwehrmann, mit dem er oft zu verkehren Gelegenheit hatte, gesprächsweise wahre Schauder« geschichten aus der chronique scandaleuse der Couliffen- welt, in Folge dessen Schreglhofer nachgerade zur lieber« zeugung gelangte, daß die Bühne ein reiner Sündenpfuhl sei. Dies stimmte ihn stets traurig und er vermochte es nicht zu fassen, wie Fräulein Agnes, von deren untadelhaftem Character er im Grunde seiner Seele überzeugt war, ein solches Metier hatte ergreifen können.

Oft nahm er sich vor, den alten PodanSky darüber zu befragen, schreckte aber immer wieder zurück, weil er unan­genehme Eröffnungen befürchtete. Eines Abends, als er mit dem Alten nach Hause ging, konnte er nicht mehr an sich halten und klopfte vorsichtig auf den Busch.

£), das ist ein Mädel," fiel ihm Podansky ins Wort, die paßt nicht zu dem Geschäft, die ist viel zu gut dazu,

und wird es deßhalb auch niemals zu was bringen. Nicht, daß es ihr an Begabung fehlte, aber sie hat kein Herz zu der Sache, mit einem Wort, sie ist nicht ganz dabei. Ein bissel Stimme hat sie wohl, aber mit dem Tanzen hapertS."

Ja, aber warum bleibt sie dann beim Theater?" fragte Anton gespannt.

Wenn ich mich recht erinnere, so hat sie einen Bruder, den sie unterstützen muß. Ich weiß nit mehr, ich glaub, es is ein Krüppel oder so was. Anfangs hat sie Singunterricht ertheilt, aber damit is 's nicht gegangen, sie hat keine Schülerinnen bekommen können. Ich bitt' Sie, bei der Concurrenz',!"

Anton athmete auf, als ob ihm ein Stein vom Herzen gefallen wäre. Er hatte sich also doch nicht in Agnes ge­täuscht. Er sann darüber nach, wie er sie am geschicktesten ansprechen und wie er ihr wohl am deutlichsten zeigen könnte, welche aufrichtige Verehrung er für sie hege. Wenn es unauffällig ging, näherte er sich ihr zaghaft und richtete an sie anscheinend ganz gleichgiltige Fragen, auf die sie alle­mal recht freundlich antwortete, ohne ihn jedoch irgendwie zu ermuthigen oder auch nur ein wärmeres Interesse für ihn an den Tag zu legen. So blieb es einige Zeit. Manch­mal glaubte Schreglhofer, Agnes würde für ihn niemals mehr fühlen, als an jenem Tage, da sie zum ersten Male mit ihm gesprochen. Dann schien es ihm jedoch, als ob sie sich gewaltsam zurückhielte und daß die Reserve, welche sie sich ihm gegenüber auferlege, nur eine Folge ihrer stolzen und verschloffenen Natur sei. Sollte sie dennoch ... Er ging mit sich zu Rathe und machte einen Überschlag, ob er mit dem, was er zurückgelegt hatte und was er an monat­lichem Einkommen besaß, sein Auslangen finden würde. O ja, bei einiger Sparsamkeit würde es schon genügen.

(Schluß folgt.)