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Sonntag den 9. Juli
Erstes Blatt
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Amts- und Anzeigeblatt für den ALveis Gieren
chratisöeitage: Gießener Aamilienökätter.
Anrtlicher Theil
Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Der
Oießener Anzeiger erscheint täglich, atit Ausnahme deS Montags.
Die Gießener
Ifa«ikie«VlLlter «erden dem Anzeiger »gchentlich dreimal heigelegt.
nach dem langt, was ihm gerade am nächsten steht, und darauf los ißt, bis sein Hunger gestillt ist. Ganz anders der Feinschmecker! Er studirt vorher die Speisekarte, wählt vorsichtig aus, kostet mit Wonne das Ganze durch und hat einen vielfältigen Genuß davon. Betrachten wir nun, wie der „Reisekünstler" die vorhin genannte Reise in Angriff nehmen wird. Sofort ins Hochgebirge zu eilen, verschmäht er, auf der Fahrt dorthin macht er im Schwarzwald Halt. Dort besteigt er einen der hohen Gipfel, den Feldberg, den Belchen, die Abhänge von Höhenschwand bei St. Blasien oder wo es sonst sein mag. Ist das Wetter günstig, so erwartet ihn hier ein erhabener Vorgenuß. Fern am Horizont, wo das dämmerige Land erblaßt, liegt vor seinem staunenden Blick ein wunderbares Bild von silbernen Lichtlinien, weißstrahlenden Schneefeldern, bläulich in -die Höhe wachsenden Bergmaffen. Das Auge ahnt mehr als es sieht, ein köstlicher Vorgeschmack der zu besuchenden Wunderwelt des Hochgebirges erfüllt das Herz, der Eindruck ist fast ergreifender, sinnberückender, als der Anblick des Gebirges aus nächster Nähe. Näher gerückt, wuchtiger läßt er dann dasselbe Panorama noch einmal von den Kalkrücken des Jura auf sich einwirken, etwa vom Säliberg bei Otten oder dem vulkanischen Kegel des Hohentwiel oberhalb Constanz. Jetzt unterscheidet man schon deutlich die Voralpen von der Hauptkette, nimmt tausende entzückende Einzelheiten wahr, kann schon in allem die Gebirgspartien aufsuchen und in ihrer Gruppirung vergleichen, die man demnächst besuchen wird. Wie dem am Rheine nach Süden Reisenden der Schwarzwald und natürlich in ähnlicher Weise die Vogesen, so bietet dem Wanderer im Osten der Schwäbische und Fränkische Jura, der Bayer- und Böhmer-Wald ähnliche günstige Vorstationen zum Fernblick auf die Alpen. Und nun hinein ins eigentliche Gebirge! Eine kurze Bahnfahrt bringt uns in das Hügelland der Schweizer Hochebene, das unmittelbar dem Hauptgebirge vorgelagert ist. Wie wenige Fremde kennen diese Landschaften, und doch, wie , sehr lohnt sich in ihnen eine kurze Rast. Da umgiebt uns [ eine Fülle saftiger Wiesen und herrlicher Wälder, klarer, von
Das Gr. Steuer-Commiffariat Gießen
an die Großh. Bürgermeistereien des Bezirks.
Durch Verfügung Gr. Ministeriums der Finanzen Abth. für Steuerwesen vom 30. Juni l. I. zu N. I. M. St. 17038 ist der Gr. Steuer-Affessor Jäger, bis auf Weiteres, zur Aushilfeleistung bei Gr. Steuer-Commiffariat Gießen und eventuell zur Vertretung des Gr. Steuer-EommiffärS bestimmt worden.
Gießen, 8. Juli 1893.
Süffert.
Vierteljähriger ASonnementspreir r 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn.
Durch die Post bezöge» 2 Mark 50 Pfg.
Redaction, Expedition und Druckerei:
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Deutsches Reich.
Berlin, 6. Juli. Die erste Sess ion des Reichstages wird vielleicht schon gegen den 15. Juli ihr Ende erreichen, wenn eben keine commissarische Vorberathung der Militärvorlage stattfindet. Die obwaltende, echt hochsommerliche Temperatur wird jedenfalls ein wesentlicher Grund für die neugewählten Reichsboten mit sein, die Debatten über die Heeresvorlage nach Kräften zu beschleunigen, und diese Absicht dürste sich um so eher erreichen lassen, als ja der Inhalt des umgearbeiteten Militärgesetzentwurfes in keiner Beziehung etwas besonders Neues enthält. Das sonstige Be- rathungsmaterial, welches bis jetzt dem Reichstage zugegangen ist, läßt sich bis zum 15. Juli ohne große Mühe aufarbeiten, es sind dies der mit der Militärvorlage zusammenhängende Nachtragsetat, sowie verschiedene Anträge von Interpellanten. Von letzteren Sachen sind zu nennen der wiedereingebrachte Antrag des Centrums auf Aufhebung des Jesuitengesetzes und eine Interpellation von nationalliberaler Seite, betreffend die thunlichste Beschränkung der Manöver in Gegenden, in denen Futternoth herrscht.
Die einzelnen Reichstagsfractionen beginnen der Militärvorlage gegenüber Stellung zu nehmen. Die freisinnige Vereinigung hat gutem Vernehmen nach beschlossen, dem im vorigen Reichstage gestellten Anträge des Abgeord- neten v. Bennigsen, demzufolge die zweijährige Dienstzeit so lange fortdauern soll, als die neue Friedenspräsenzstärke währt, zuzustimmen, womit sich also „die um Rickert" im Allgemeinen auf den Standpunkt der Nationalliberalen stellen. Weiter verlautet, die freisinnige Volkspartei und die süddeutsche Volkspartei hätten vereinbart, in der Militärfrage gemeinsam zu operiren, was natürlich besagen will, daß beide Parteien in der Ablehnung der Militärvorlage einig sind. Schon jetzt kann es indessen als gewiß gelten, daß hierbei nicht alle Mitglieder der „Fraction Richter" bei der Stange bleiben werden. So wird jetzt der Austritt des freisinnigen Volksparteilers Pachnicke aus dem Fractionsverbande gemeldet, offenbar will sich Herr Pachnicke die berühmte „freie Hand" gegenüber der Militärvorlage Vorbehalten. Die der Militärvorlage freundlich gesinnten Centrumsabgeordneten Prinz Arenberg und Dekan Lender sollen in der Centrums- fraction verbleiben dürfen. Von etlichen Anhängern der , Lieber'schen Richtung war der Vorschlag angeregt worden, beide Herren wegen ihrer Stellung in der Militärfrage aus der Fraction auszuschließen, klüglicher Weise hat man aber in den maßgebenden Centrumskreisen dieser Anregung nicht Folge gegeben.
Feuilleton.
Von der „Kunst' reisen.
Unter diesem Schlagworte bringt die „Kölnische Ztg." nachstehenden gut gemeinten und im Großen und Ganzen auch zutreffenden Wink: Wieder naht die Zeit, wo mit Beginn der großen Ferien aus dem Westen Deutschlands Tausende von Glücklichen hinauseilen und für einige Wochen im Genüsse einer schönen Natur den Staub des Erwerbs- und Berufslebens von sich abblasen lasten. Ein großer Strom dieser allgemeinen Reisefluth wendet sich der Alpenwelt mit ihren ewigen Naturwundern zu. Rundreisebillete, Sonderzüge und das verhältnißmäßig billige Leben in der Schweiz, in Oberbayern und Tyrol machen diesen Genuß heute ja auch bei bescheidenen Mitteln leicht. Da ist es denn um so mehr zu bedauern, wenn man wahrnimmt, wie nicht alle den Genuß auf ihrer Reise sich sichern, der thatsächlich zu erreichen wäre. Richtig zu reisen, ist eben eine „Kunst", und da das Lehrgeld hoch ist, das man zu zahlen hat, ehe man sie erlernt, so mag ein Wort hierüber vielleicht Nutzen stiften und Manchem die Aufstellung seines Reiseplanes erleichtern und ihm seinen Genuß vervielfältigen helfen. Greifen wir nur ein einziges Beispiel heraus, das sich auf andere Fälle leicht übertragen läßt. Jemand will die Alpen und Ober- Italien besuchen. Er setzt sich Abends in den Courierzug, saust die Nacht durch, macht in Basel früh Morgens Toilette, frühstückt, fährt weiter mit der Gotthardtbahn, speist Mittags in Göschenen, eilt durch den großen Tunnel, jagt durch das Tessinthal hinab und weilt am Nachmittag schon in der südlichen Landschaft des Lago Maggiore oder gar am Abend in der internationalen Galerie Vittorio Emanuele zu Mailand. Der Mann, der diese Reise macht, hat wohl viel Schönes unterwegs gesehen, und doch war seine Art, zu reisen, eine gewissermaßen rohe. Er gleicht, um einen trivialen Vergleich zu wählen, einem Menschen, der vor ein großartiges Mittagsmahl gesetzt wird und der nun ohne Wahl und Kennerkntffe
Bekanntmachung.
Das in Nr. 152 des Blattes erlassene Ausschreiben gegen Linker, Ludwig, Schuhmacher aus Lauterbach, ist erledigt.
Gießen, den 6. Juli 1893.
Großh. Staatsanwaltschaft.
Schill ing-TrygophoruS.
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger.
— Das Centrum hat im Reichstag den Antrag auf Aufhebung des Jesuitengesetzes wieder eingebracht. — Die süddeutsche und die freisinnnige Volkspartei stellten einen schleunigen Antrag auf zeitweise Aushebung der Futterzölle.
— Der Militärvorlage ist noch eme allgemeine Uebersicht der Etatsvermehrungen (Preußen, Sachsen, Württemberg, Bayern getrennt in Gegenüberstellung zur bisherigen Friedenspräsenzstärke) beigegeben. Danach würden in Preußen erforderlich sein 1446 Offiziere, 180 Militärärzte, 162 Zahlmeister, 161 Büchsenmacher und Waffenmeister, 17 Roßärzte, 8554 Unteroffiziere, 46,247 Gemeine und 2590 Dienstpferde- in Sachsen 116 Offiziere, 14 Militärärzte, 13 Zahlmeister, 870 Unteroffiziere, 5468 Gemeine, 132 Dienstpferde- in Württemberg 50 Offiziere, 8 Militärärzte, 8 Zahlmeister, 8 Büchsenmacher und Waffenmeister, 880 Unteroffiziere, 5468 Gemeine, 132 Dienstpferde- in Bayern 181 Offiziere, 26 Militärärzte, 24 Zahlme'ster, 2 Roßärzte, 1168 Unteroffiziere, 5535 Gemeine, 240Diens- pferde- zusammen 1793 Offiziere, 269 Militärärzte, 207 Zahlmeister, 206 Büchsenmacher und Waffenmeister, 20 Roßärzte.. 10,912 Unteroffiziere, 59,198 Gemeine, 3W4 Dienstpferde- Die bisherige Friedenspräsenzstärke beträgt 66,952 Unteroffiziere, 420,031 Gemeine, zusammen 486,983 Mann, dazu kommen obige Gemeine mit 59,189, ergiebr die künftige Friedenspräsenzstärke, in welcher die Unteroffiziere nicht em- begriffen sind, mit 479,229. An Unteroffizieren treten hinzu 10,912, mithin künftig 77,864 Unteroffiziere, 557,093 Mann.
Ventfcher Reichstag.
3. Sitzung. Freitag den 7. Juli 1893.
Nach der Erledigung verschiedene!: schleuniger^AntrS^ wegen
Reichskanzler^Graf^o. Caprivi: Es sei nicht möglick. Neuetz über die Vorlage zu sagen, nachdem 9 Monate darüber verhandelt worden sei. Was die neue Vorlage anbetrtfft so hältm die verbündeten 3teflterun0en ben Antrag £>uene ac«P ro”ltt 9C
es in Anbetracht dec allgemeinen Lage für richtig befunden hatten. Die Mtlttäcverwaltuog habe, wo sie irgendwie ttekonnt kürzungen voraenommen und so sei etwa ein Sechstel an Mitteln und Mannschaften gestrichen worden. Deshalb sei es salsch geweün, wenn: man der Regierung Unnachgtebtgkett vorgeworfen habe. Die!Legierung sei so weit als irgend möglich entgegengekommen, natürlich ohne den organistrten Bau der Vorlage zu erschüttern. Es iei "8thtg, dieses zu bewilligen, damit Deutschland weiter wie b sher sttn gewtch igeS Wort zur Aufrechterhaltung des Friedens in die Wagschaale werfen könne/ Die Verhältnisse seien für uns letzt ungünstiger als früher.
Seen geläuterter, blaugrüner Gewässer. Da begegnet uns eine Menge wohlhäbiger Dörfer und allenthalben bieten sich bezaubernde Ausblicke auf das Hochgebirge, das nun bis auf einige Stunden nahe gerückt ist. An den nahen Seen, deren geheimnißvolle Becken schon zum Theil ins Innere der hehren Bergwelt hineingreifen, besonders an den Gestaden des unvergleichlichen Vierwaldstätter Sees öffnet sich dem Auge deS sorgsam bis hierhin vorgedrungenen Wanderers nun die ganze Wunderwelt des eigentlichen Hochgebirges. Vom wohlangebauten Thalboden mit reichen menschlichen Besiedelungen steigt er jetzt in einigen Stunden empor zu den Schrecknissen und Geheimnissen der Schnee- und Gletscherwelt, zu den un-- endlichen Einöden der oberen Regionen, die von dem Dröhnen der Lawinen, von dem Brausen der Gießbäche widerhallen. Hier erhebt sich der Geist in bewunderndem Entzücken, der Höhepunkt des Genuffes ist erreicht. Aber nach tagelangen, stets gleich fesselnden Streifzügen in diesen Gebieten bleibt noch eine wundervolle Ueberraschung Vorbehalten- der Abstieg aus der nordischen Gebirgswelt in die entzückende Naturpracht des nahen Südens. Dies kann ein rüstiger Fußgänger auf allen von Norden nach Süden über die Alpen führenden Pässen bequem in einem einzigen Tage machen. Und gleich einem Fluge durch die verschiedenen Zonen der Erde kann er im Hochsommer am Morgen am Rande der Gletscher und Firnfelder hochnordische Frühlingsblüthen pflücken, am Vormittag schattige Laubwälder durchwandern, am Mittag schon frisch gepflückte reife Trauben kosten und am Nachmittag im Schatten von Feigen- und Lorbeerbäumen von der Anstrengung des Marsches ausruhen und seine Aufmerksamkeit dem fremden Treiben südländischen Volkslebens widmen. Wer in solcher Weise reist, der hat in der That erst den vollen Genuß, dem vereint sich Erholung und Erkenntniß, und die aufgewandten Reisekosten sind ihm ein werthvolles geistiges Capital, das noch nach Jahren reichlich Zinsen tragt.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Norm. 10 Uhr.
Steckbrief.
Gegen den unten beschriebenen Klöß, Heinrich IX von Langd, geb. am 17. August 1861 zu Rabertshausen, oerheirathet, evangelisch, Schafhändler, welcher flüchtig ist, ist die Untersuchungshaft wegen Betrugs verhängt..
Es wird um Fahndung, Verhaftung und Nachricht vor Zuführung ersucht.
Gießen, den 1. Juli 1893.
Großh. Staatsanwaltschaft. Schilling.Trygophorus.
Beschreibung. Alter: 31 Jahre. Statur: gesetzt. Größe: 7 Fuß. Haare: blond. Stirn: hoch. Augenbrauen: schwarz. Nase: spitz. Gesicht: oval. Augen: grau. Mund: gewöhnlich. Kinn: oval. Gesichtsfarbe: frisch. Besondere Kennzeichen: Keine. _____________________________________
Gefunden : 1 Paar und 3 einzelne Handschuhe, 1 weiße Metzgerschürze, 1 Stück Band, 1 Peitsche, 1 Zugstiefel, 1 Gartenstuhl, 1 Scheere, 1 Henkelkorb, 2 Badehauben, 1 Taschenmesser, 1 gold. Ring und 1 gold. Damenuhr.
Zugelaufen: 1 junger, gelber Hund.
Gießen, 8. Juli 1893.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.


