Ausgabe 
9.7.1893 Drittes Blatt
 
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Sonntag den 9. Juli

Nr. 159

Drittes Blatt.

1893

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger.

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Vierteljähriger Aßo«»emeat,»r«l» > 2 Mark 20 Psg. wnf Bringerlohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pj«.

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Gietzener Anretxer erscheint täglich, Ht Ausnahme deS Montags.

Anrts- und Anzeigeblutt füv den Uveir Gietzen.

Nr. 26 des Reich-Gesetzblatts, ausgegeben den 4. d. M., enthält:

(Nr. 2112.) Verordnung, betreffend das Verbot der

Ausfuhr von Streu- und Futtermitteln. Vom 4. Juli 1893.

Gießen, den 7. Juli 1893.

Großherzoglichcs Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

politische Wochenschau.

Gießen, 8. Juli 1893.

Neben der Militärvorlage har in den vergangenen Tagen vornehmlich der geplante deutsch-russische Handels­vertrag die öffentliche Aufmerksamkeit beschäftigt. Eine Zeitlang verlautete, daß Rußland seinen neuen Maximaltarif, der alle Zollsätze um 10 bis 30% erhöht, ohne weiteres auf die deutsche Einfuhr anzuwenden gedenke, worin Deutsch­land nicht seinen Meistbegünstigungstarif ohne irgendwelche Gegenleistung an der russischen Grenze einführen würde. Einige voreiligen Blätter entnahmen aus dieser falschen Nach­richt sogleich einen Grund, um die rücksichtslose Anwendung des deutschen Maximaltariss aus Maaren russischen Ursprunges, d. h. also den Eintritt in einen beide Theile schwer schädigenden Zollkrieg mit Rußland zu befürworten. Glücklicher Weise ist die Aussicht auf eine Verständigung mit der russischen Regierung noch keinesweges völlig verbaut. Wie die halb­amtlicheNorddeutsche Allgemeine Zeitung" mittheilt, sind die Verhandlungen durchaus nicht ais abgebrochen zu be­trachten. Im März dieses Jahres war, wie erinnerlich, an

>«»ahmr von Anzeigen zu der Nachmittag« für den fallenden Lag erscheinenden Nummer bi« Borm. 10 Uhr.

Gratisbeilage: Gießener Aamikienölätter.

Alle Annoncen-Bureaux de« In- und Au«lande« nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Amtlicher? Theil.

Bekanntmachung,

betr. Veranstaltung von Verloosungen innerhalb des Groß- herzogthums, hier Seitens des Ortsvorstands zu Hungen.

Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß nach Beschluß des Gemeinderaths zu Hungen die von Großh. Ministerium des Innern und der Justiz unterm 15. Juni l. I. Gießener Anzeiger Nr. 144 genehmigte Verloosung von Thieren und landwirthschaftlichen Geräthen, welche an­läßlich des PrämiirungSmarktes zu Hungen am 18. Sep­tember 1893 stattfinden sollte, wegen der Futternoth und überhaupt wegen der herrschenden Nothlage der Landwirth- schaft für dieses Jahr unterbleiben soll.

Gießen, den 7. Juli 1893.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Rußland die Liste der deutschen Gegenforderungen für die Gewährung des Meistbegünstigungstarifes nach Petersburg abgegangen. Darauf erfolgte im April die russische Antwort, daß die russische Regierung auf einzelne deutsche Vorschläge überhaupt nicht eingehe und bei einer Reihe anderer, die von Deutschland gewünschten Zollherabsetzungen nicht in vollem Umfange zugestehen könne. Im Juni erwiderte auf diese Antwort die deutsche Geschäftsstelle, daß man deutscherseits unter diesen Umständen die Anerbietung Rußlands als unbe­friedigend betrachten müsse. Daraufhin schlug die russische Regierung vor, nunmehr in Berlin commissarisch die nöthigen Verhandlungen zu pflegen. In diesem Stadium befindet sich die Angelegenheit im Augenblick. Was die Militär- vorlage anbetrifft, so hat die neue Formulirung weder im Gesetzestext noch in der Begründung etwas Neues von irgend erheblicher Bedeutung gebracht. Die dauernden K o st e n sollen nicht 55 Millionen, sondern 54 900000 Mark be­tragen, die einmaligen Ausgaben würden sich zunächst auf 59 900000 Mark beziffern, von denen 48 Millionen sogleich aufgebracht werden müßten. Das Schicksal der Militär­vorlage gilt auch jetzt noch durchaus nicht als sicher Läßt man die drei kleinen Gruppen der Antisemiten, freisinnigen Vereinigung und Polen, die zur Militärvorlage keine klar erkennbare Stellung einnehmen, außer Betracht, so ergiebt sich schon jetzt eine Mehrheit gegen die Vorlage. Stimmt auch nur eine der genannten Gruppen gegen die Regierung, so ist der Antrag Huene zum zweiten Mal, nunmehr in der Gestalt der Regierungsvorlage, gefallen. Es wird also alles darauf ankommen, ob der Reichskanzler die schwankenden Elemente in den bezeichneten parlamentarischen Vereinigungen durch Zugeständnisse auf seine Seite zu ziehen versteht. Ein solches wäre in erster Linie die gesetzliche Fest - legung der zweijährigen Dienstzeit. Indessen ist wenig Hoffnung, daß diese erfolgt, da die Mitglieder der freisinnigen Vereinigung sich theilweise der Regierung schon so weit genähert haben sollen, daß sie sich damit begnügen würden, wenn die zweijährige Dienstzeit nur für die Dauer der geforderten erhöhten Friedensstärke eingeführt würde. In diesem Falle würde also die dreijährige Dienstzeit von selbst sogleich wieder aufleben, wenn ein Mal später die Regierung angesichts einer besonders friedlichen Weltlage, oder aus anderen Gründen mit einer geringeren Friedens­stärke auszukommen, unternähme. Vielleicht wird auch die vorläufige Erledigung der Deckungsfrage als Bedingung für die Annahme der Militärvorlage gefordert werden. Indessen ist, wie wir schon früher ausgeführt haben, nicht zu erwarten, daß dabei mehr als eine allge­meine und unverbindliche Resolution herauskommen wird.

Ueberdies haben alle bis jetzt gemachten populäreren Steuerprojecte den Fehler, daß ihre Durchführung nur einen Theil des erforderlichen Betrages einbringen würde. Die Wehrsteuer, an der man schon deßhalb Anstoß nimmt, weil sie geeignet ist, die allgemeine Wehrpflicht als eine in Geld abschätzbare Leistung erscheinen zn lassen und somit eine höhere Bedeutung zu entkleiden, würde kaum mehr als 12 Millionen eintragen. Die Erhöhung der Börsensteuer, die schon jetzt recht unergiebig ist, würde schwerlich auch nur die in Aussicht genommenen 9 Millionen abwerfen. Auch eine Champagnersteuer könnte nur zu verhältnißmäßig ge­ringen Einnahmen führen. Selbst wenn man annimmt, daß in Deutschland 10 Millionen Flaschen Champagner jährlich zum Verkauf gelangen, und eine Steuer von 50 Pfennigen für die Flasche in Anrechnung bringt, ergiebt sich erst eine Einnahme vvn 5 Millionen Mark, vorausgesetzt, daß die Preiserhöhung des Champagners nicht die mindeste Beschrän­kung des Champagnerconsums zur Folge hätte. Brächte man also auch gleichzeitig alle drei Steuerprojecte zur Einführung, so wären noch 20 bis 30 Millionen der jährlichen Mehr­ausgaben ungedeckt. Die anhaltende Futternoth hat zum Erlaß eines Ausfuhrverbotes für Futtermittel geführt. Die freisinnige und die süddeutsche Volkspartei haben außer­dem den Antrag eingebracht, die Zölle auf Futtermittel bis zum Mai 1894 aufzuheben, um es zu ermöglichen, daß Futterstoffe in größeren Mengen und zu billigeren Preisen aus dem Auslande nach Deutschland eingeführt werden können, solange namentlich die kleineren Landwirthe unter dem Mangel an Viehfutter zu leiden haben.

Auch das preußische Abgeordnetenhaus hat sich mit der gegenwärtig herrschenden Futternoth in den letzten Sitzungen befaßt. Der Minister verwies namentlich auf die Selbsthilfe und die Thätigkeit der Gemeinden. Weiterhin hat das Abgeordnetenhaus vor feinem Auseinandergehen über die Staffeltarife für Getreide und Getreidefabrikate, welche in Preußen seit dem 1. September 1891 eingeführt sind und sich gut bewährt haben, eingehend verhandelt. Am Mittwoch wurde der Landtag mit einer Thronrede g e - schlossen, welche die wichtigsten zu Stande gekommenen Gesetze aufzählt. Es sind die folgenden: Die Landgemeinde­ordnung, das Rentengülergefetz, mehrere kleine Volksschul­gesetze, namentlich in Betreff der Lehrergehälter, das Kleineisenbahngesetz und die vier Miquel'schen Steuer­gesetze.

Im Auslande haben besonders die Vorgänge in Paris die Augen der Welt auf sich gezogen. Weil Pariser Stu­dierenden höchst unsittliche Veranstaltungen polizeilich ver­boten worden waren, manifestierte man gegen die Polizei.

Feuilleton.

Dir Landpartie des VereinsGraue Salbe".

Aus einem Berliner Gerichtssaal geben dortige Blätter folgende heitere Verhandlung wieder: Der Zuhörerraum des Schöffengerichts ist bis auf den letzten Platz besetzt. Aus den Mienen und den leise getauschten Äußerungen des Publikums geht hervor, daß eineinteressante" Sache in Aussicht steht. Aus der Anklagebank befindet sich der 30jährige Instrumenten­macher Emil W .... Er wirft Blicke voll Wuth und Ver­achtung nach den aufgerufenen Zeugen und im Zuhörerraum befindlichen Personen. Die Anklage lautet auf groben Unfug und Körperverletzung. Vors.: Angeklagter, Sie haben hier ein langes Schriftstück eingereicht, worin Sie die Gründe anführen, die zu Ihrer Entschuldigung dienen sollen, Sie hatten sich dies sparen können, denn wir haben hier mündliche Verhandlung und verlesen darf nichts werden. Wir werden also wohl über uns ergehen lassen müssen, daß Sie uns die etwas komiscke Geschichte noch einmal vortragen. Die That selbst geben Sie ja zu. Sie haben in der Nacht zum 12. Mai den Barbier A. in der Zimmerstraße überfallen und ihn und die ihn begleitende Dame durch Schläge mit einem Regen­schirm gemißhandelt. Angekl.: Ick habe sie ja so einiger­maßen verplett, aber von wejenDame?" Det möchte for bet olle Asservat wohl feen paßlicher Titel sind. Vors.: Lassen Sie dergleichen unpassende Redensarten fort, sonst rede ich in einem anderen Tone mit Ihnen. Wenn es wahr ist, was Sie in dem Schriftstück erzählen, bann sind Sie aller­dings das Opfer eines nichtswürdigen Scherzes geworden und Sie konnten wohl gereizt sein. Darauf will ich Rücksicht nehmen, aber hier haben Sie sich aller unpassenden Redens­arten zu enthalten. Angekl.: Herr Jerichtshof^ Leib un Seele haben sie mir verjiftet, meine Braut haben sie mir abspenstig jemacht, drei Dage habe ick mir in Schmerzen je­

manden, Holz un Kiehn haben sie uf mir jehackt un da soll en Mensch nich die Constantenanz bei verlieren? Ick möchte Dorf.: Nun erzählen Sie doch Ihre Geschichte und lassen Sie die Vorrede bei Seite. Angekl.: Ick hatte schon den janzen Winter beim Restaurateur Lehmann verkehrt un war da mit bitte Barbiere und Heilgehilfen bekannt je- worden, die da alle Freitag zusammenkamen, indem sie da'n Verein jegründet hatten, den sieJraue Salbe" nannten. Vors.: Höchst geschmackvoller Name! Angekl.: Manch­mal hatte ick ooch meine Braut mit mich un uf die hatte besonders der Barbier A. een Ooge jeworfen. Ick lächelte aber blos darüber un war nich in jeringften eiserfleckig, indem daß ick dachte, ick könnte mir uf ihr verlassen. Am Freitag den 5. Mai war ick wieder da, aber alleene. Da kam der A. an meinen Disch ran un meente, sie hätten soeben in'n Vor­stand beschlossen, bet der Verein Jraue Salbe an den fol­genden Sonntag eene Kremserfahrt nach Schildhorn machen wollte, un ob er mir dazu inladen derfte. Det kostet blos en Paar Jroschen für die Wagen, bet andere bezahlte die Kasse un mein Verhältniß könnte ick mitnehmen. Sie thäten alle ihre Frauen un ihre Bräute mitnehrnen, blos er nich, denn er wäre een Weiberfeind. Ick lasse mir von den ollen Schaumschläger denn och breet schlagen un sage zu. Uf n Abend jehe ick mit meinen Nachbarn, den Barbier K., nach Hause.Weste wat," sagt er zu mir,Du dauerst mir und ick will Dir man verrathen, det die Andern ihren Feetz mit Dir breiten wollen. Der Barbier A. hat mit seine Kollejen um en Achtel jewettet, bet er Dir uf die Landpartie bebrunfen machen un Dir denn Deine Braut abwendig machen will, also nimm Dir in Acht!"Wat?" sage ick,so wat nimmt so'n armschlenkeriger Jammerlappen sich vor? Da hat er feen Jlück mit, da will ick ihm Siegel un Bries uf jeben. Nu fahre ick jerade mit!" Also den Sonntag-Vormittag sind wir alle ant Brandenburger Dhor, wo die Kremser hinbe- stellt waren. A. wußte bet wirflich so inzurichten, bet er uf

meine Braut ihre anbere Seite zu sitzen kam. Ick benfe, na, laß ihn: Spiegelberger, ick kenne Dir! Unnerwegs kriegt er benn richtig seine Bubbel raus, wo ne janze Compagnie bran jenug hat. Prost! meent er zu mir, brinft unb langt mir bie Bubbel hin. Nee, sage ick, nich in bie Lamäng, Schnaps brinte ick uf ne ßanbpartie nie nich unb hefte über­haupt jrunbsätzlich nich, wobei ick ihn nachbrücklich in seine falschen Oogen sehe. Er läßt aber nich nach un ick bleibe stanbhaft. Wie is et mit'n Töppchen Bier? meent er in Charlottenburg, als wir stille hielten. Ick sage: Bier un* ne Landpartie? Det wäre ja een Stück aus'n DollhauS, wat würden woll die Leite von uns denken? Un dabei sehe ick ihm wieder so nachdrücklich an un er muß et woll jemerft haben, bet mir eener von bie Wette wat jestochen hatte. Von jetzt ab ließ er mir janz zusrieben. In Schilbhorn hatten wir Kaffee jebrunken un benn in be Halbe jespielt, bis mir bet Nachmittags alle mübe waren. Einige hatten sich Hänge­matten mitjebracht, wo sie brin spazieren lagen, ick un meine Braut un die anderen Herren un Damen, wir legten uns alle so ins Iras, um en bisken auszuruhen. Nu kommt bet Schreckliche, wo sich bie janze menschliche Niederträchtigkeit drin spiegeln kann. Ick war richtig injeschlafen. Mit eenmat wache ick uf, weil ick so'n stechenden Schmerz unten an bet rechte Fußjelenk verspüre. Die Stiesel hatte ick mir ausje- zogen. Ick wecß noch so inn Halbschlummer nich, ob ick mir uffrichten soll ober nich, da wird mit eenmal en riesiger Lärm un Allcns springt neben mir uf un schreit:Eene Kreuz­otter! Eene Kreuzotter!" Un bie DaMen kreischen un nehmen ihre Röcke zusammen un lausen bavon, un brei ober vier Herren schlagen mit ihre Stöcke in t Iras unb rufen babei:Hier is sie! Nee hier! Haut zu!" Un nach ne Weile kommen sie zurück un sagen, bet sie bet Biest nich jekriegt hätten, sie wäre in en Loch jekrochen.Aber Mensch, wat ist Dir? Du siehst ja so blaß aus?" fragen sie mir. Ick hatte soeben meinen Strümp ausjezogen un zeige uf meinen