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Nr. 58
Donnerstag den 9. März 1893
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Deutsche» Reich.
Berlin, 7. März. Die Budget-Commission des Reichstages nahm die ihr überwiesene Novelle zum Reichspostdampfergesetz mit großer Mehrheit an. Zum Berichterstatter im Plenum wurde Abgeordneter Scipio (natl.) bestellt.
Ausland.
— In der Montagssitzung der franzöfifchen Deputirten- lammet kam der Gesetzentwurf, betreffend die Beleidigung von Souveränen und auswärtigen Gesandten, welcher seinen Ursprung bekanntlich dem Panamascandal verdankt , zur Berathung. Der Minister des Auswärtigen, Develle, trat in längerer Rede energisch für die Vorlage ein. Er betonte, daß die Vertreter der auswärtigen Mächte in Frankreich den weitgehendsten Schutz gegen Verleumdungen und Beleidigungen zu beanspruchen hätten. Der Minister wies auch auf die bedenklichen internationalen Folgen hin, welche sich aus der Langsamkeit des französischen Justizverfahrens ergeben könnten, und hob noch hervor, daß die Verantwortlichkeit der Regierung durch den Gesetzentwurf keineswegs eine Vermehrung erfahren würde. Nachdem hierauf der Radicale Milleraud gegen die Vorlage gesprochen, ergriff der Cabinetschef Ribot selbst das Wort, um Namens des Gesammtministeriums ebenfalls die Vorlage zu befürworten, wobei er der chauvinistischen französischen Presse gewissermaßen eine Vorlesung über internationale Anstandsregeln hielt. Ribot errang mit seinen Darlegungen lebhaften Beifall, trotzdem sprachen nachher die Abgeordneten Millevoye und Pelletan gegen die Vorlage, so daß der Ministerpräsident nunmehr sein schwerstes Geschütz durch Stellung der Vertrauensfrage auffuhr. Das schlug auch durch, denn mit 257 gegen | 188 Stimmen beschloß hierauf die Kammer, in die Berathung der einzelnen Artikel einzutreten, welche im weiteren Verlaufe der Sitzung die Annahme des ganzen Gesetzentwurfs ergab.
— Aus Ostafrika kommt die Kunde vom Ableben des Sultans Sahyid Ali ben Said von Zanzibar, welcher an der Wassersucht gestorben ist. Der verstorbene Sultan folgte seinem Bruder Sayyid Chalisa am 13. Februar 1890 auf dem Thron von Zanzibar nach, seine Regierung hat also wenig über drei Jahre gedauert, sie wurde zudem durch daS Eingreifen der Engländer zu einer bloßen Schattenherrschaft herabgedrückt. Der älteste Sohn des Sultans Sayyid Chalifa, Sayyid Chalid, wollte den Tod seines Onkels Sayyid Ali benutzen, um sich durch einen Handstreich zum Herrscher von Zanzibar aufzuschwingen. Die Engländer
landeten indessen rasch Marinetruppen, welche Sahyid Chalid gefangen in sein Palais abführten, worauf die Engländer Sayyd Hamed zum Sultan proclamirten.
Deutscher Reichstag.
60. Sitzung. Dienstag, 7. März 1893.
Aus der Tagesordnung: Marine-Etat.
Der Referent Abg. Fritzen theilt u. A. mit, daß der Siaats- secretär in der Commission die Einsührung der zweijährigen Dienstzeit in der Marine für unthunlich bezeichnet habe.
Abg. v. Henk (cons.) bedauert, daß der Marine seit einigen Jahren geringes Wohlwollen entgegengebracht werde. Man höre die Ansicht, daß die Flotte bei einem künftigen Kriege keinen entscheidenden Einfluß üben werde. Aber wir werden nicht aus so rasche Siege rechnen können wie 1870, und die feindliche Flotte werde deshalb mehr Spielraum haben. Man sage, wir sollten uns auf die Küsten- vertheidigung beschränken; aber selbst dazu bewillige man nicht die nöthigen Mittel. Unsere Flotte müsse auch in der Lage sein, Offensiv- Vorstöße zu machen und dazu bedürfe man neben den Bacillen des Meeres, den Torpedobooten, auch der Schlachtschiffe. Er bitte deshalb, rechtzeitig die Mittel für das, was Roth thue, zu bewilligen. Auch um Bewilligung der von der Commission gestrichenen Trockendocks bitte er. (Beifall rechts.)
Der Titel Chef des Marine-Amts wird genehmigt.
Debaitelos werden die von der Commission beantragten Abstriche der Forderungen für eine neue Auditeur-Stelle und einen neuen Maschinen-Ober-Ingenieur genehmigt.
Bei den Matrosen-Artillerie-Abtheilungen beantragt die Commission die Streichung folgender Stellen: je ein Oberdeckoffizier, Deckoifizier, Feldwebel und Dice,Feldwebel, 6 Oder-Maate, 11 Maate, 28 Obermatrosen und 113 Gemeine.
Abg. Hahn u. Gen. beantragen Bewilligung.
StaatSsecretär Viceadmiral v. Hollmann befürwortet die Forderungen mit Rücksicht auf die Rothwendigkeit einer Verstärkung der Besetzungen unserer Küstenbefestigungen. Bei Streichung jener Forderungen werde geradezu ein Nothstand entstehen.
Abg. v. Henk (cons.) tritt gleichfalls für die Bewilligung ein.
Abg. Scipio (natl.) erklärt, seine Freunde bewilligten die Forderung im Interesse des Schutzes von Cuxhaven, welches als Ausgangspunkt des Nordostseecanals gesichert sein müsse.
Nachdem sich noch Abg. Lingens (Ctr.) für die Forderung erklärt, wird dieselbe bewilligt.
Beim „Betrieb der Flotte" hat die Commission zusammen 535000 Mark gestrichen. , ~
Der Referent theilt mit, daß bei dieser Gelegenheit die Frage der Kohlenbezüge aus dem Auslande in der Commission zur Sprache gekommen sei. Es sei zum Bezüge englischer Kohlen geschritten worden, weil es nicht gelang, die heimischen Zechen im regelmäßigen Verfahren zur Angabe angemessener Offerten zu bringen. Die Commission beantragt, in einer Resolution auszusprechen, daß die Marineverwaltung hierbei den gebotenen wirthschastlichen und finanziellen Rücksichten entsprechend gehandelt habe.
Abg. Dr. Hammacher (natl.) bestreitet, daß die westfälischen Zechen der Marineverwaltung übertriebene Preise abgeforbert haben. Bei der zweiten Submission seien überhaupt nur englische Händler zu Offerten aufgesordert worden. Der Unterschied zwischen der
englischen Gesammtforderung und der westfälischen betrage nur circa 5000 Mark. Aus die heimischm Zechen sollte umsomehr Rücksicht genommen werden, als von dem höheren Preise der westfälischen Kohle ein beträchtlicher Thetl auf die Transportkosten entfalle. Der westfälische Preis von 9 Mark, der der Marineverwaltung zuletzt gestellt wurde, sei geradezu ein Verlufipreis.
StaatSsecretär v. Hollmann bittet von Abstrichen bei diesem Capitel Abstand zu nehmen. In der Hauptsache handle es sich hier um Schutzwerke und vermehrte Indienststellung zu AuSbildungS- zwecken. Mit einem Artillerie-Schulschiff sei nicht mehr auSzukommm. Ferner bedürfe es einer dritten Torpedoboots-Division. Die Kohlenofferte der heimischen Zechen sei so außerordentlich hoch gewesen, daß von einer Aufforderung zu einer zweiten Submission nichts zu erwarten war. In derselben Zeit, in der der Marineverwaltung 12.50 Mark abgeforbert würben, hätten dieselben Zechen bie Kohle in Hamburg um 3 Mark billiger angeboten. Das machte insgesammt einen Preisunterschieb von 300000 Mark. In einer Zeit, in ber ber Marine ber Brobkorb so hoch gehängt werbe, bürfe bieselbe nicht unnütze Ausgaben machen- Wenn man bie „nationalen Bestrebungen" bahin verstehe, ber Marine bie Kohlen zu vertheuern, so lasse fich boch bie Marineverwaltung nicht als melfenbe Kuh betrachten.
Abg. Bebel (Soc.): Hanbelte es sich um eine geringe Differenz, so könne man wohl verlangen, baß bie Marineverwaltung bas Inland bevorzuge, aber im vorliegenden Falle hätten die westfälischen Zechen übertriebene Preise gefordert. Angesichts des Kohlensyndicats müßten bie Reichs- unb Staatsverwaltungen umsomehr barauf achten, baß bie Kohlenpreise nicht zu hoch getrieben werben, als bie Prioatinbustrie bem Synbicat viel weniger Wiberstanb leisten könne als bie Staatsverwaltung. Leiber gehe ber preußische Staat mit ber Bildung deS Kali-Ringes mit schlechtem Beispiel voran.
Abg. Dr. Hammacher (natl.): Daß die Marine im Mai v. I. die hohen Offerten abgelehnt habe, billige er, nicht aber, daß bie Marine im September bei geringen Preisbifferenzen bas Ausland bevorzugt habe. _ ,,
Abg. Graf Kanitz (cons ) erklärt ein Urtheil über das Kohlen- syndicat noch für verfrüht; hoffentlich werde es sich vor Mißbräuchen hüten.
Abg. Dr. Brömel (bfr.) legt mehr Gewicht auf die beantragte Resolution, als auf die frommen Wünsche des Vorredners.
Das Capitel wird mit den von ber Commission beantragten Abstrichen bewilligt unb bie Resolution nahezu einstimmig angenommen.
Bei bem Capitel „Jnstanbhaltung ber Flotte unb ber Werftanlagen" spricht Abg. Dr. Hirsch (bfr.) seine Genugthuung über ben Fortfall ber Bestimmung aus, baß Arbeiter über 40 Jahre bei ben Werften nicht mehr angenommen werden sollen und hofft, daß die anberen Reichs- unb Staatsverwaltungen biefem Beispiele folgen. Er bittet um Berücksichtigung ber Petition eines Werstarbeiter», bem eine ihm aus ber Werft-Unterstützungskasse gewährte Unterstützung von monatlich 23 Mark, auf bie ihm vermöge feiner Beiträge ein Anspruch zustehe, nach Empfang von 16 Mark Altersrente um biefen letzteren Betrag gekürzt worben. L o o
Staatssecretär v. Hollmann sagt Untersuchung bes Falles unb event. Berücksichtigung zu. Die Leistungsfähigkeit bet anzu- nehmenben Arbeiter zu beurthellen, müsse man ben betreftenben Be- hörben überlassen.
DaS Capitel wirb bewilligt.
Die Weiterberathung wirb vertagt.
Abg. Graf Ballestrem (Ctr.) beantragt, morgen Anträge aus
Feuilleton.
Reqniescat.
Erzählung von G. von Berlepsch.
(Schluß.)
Das Moidl ist hier wohlbekannt, aber schon lang nimmer dagewesen, — mein Gott, wie lang! Bei ihr ist es mit allem schon „eine Ewigkeit" her, wenn sie sich aus etwas besinnt oder von etwas spricht. Sie ist eben alt und steht jetzt aus ihren Stock gebückt da, wo sie in jungen Jahren um drei Kreuzer Taglohn als Näherin geseffen und den Martin, der damals noch jung war, gern gesehen und gern gehabt hat — aber ohne Hoffnung und ohne Glück, weil sie immer ein blutarmes Hascherl gewesen.
Zwei helle, muntere Aeuglein blicken unter dem schwarzen Filzhut hervor aus einem Runzelgesicht, so fein, daß man sich wohl denken kann, wie es vor fünfzig Jahren ausgesehen haben mag; bte Feinheit hat der Moidl nichts genützt, in jener Liebe nichts und sonst nichts; sie ist ihr Lebtag eine arme Näherin blieben. Aber der Martin ist auch ledig blieben — wenn auch nicht ihretwegen — und das hat sie gefreut. Jetzt ist es längst vorbei mit solchen Gedanken; wie sie aber hörte, daß er so jäh gestorben sei, da machte sie sich auf, um ihm noch ein „B'hüt Gott4 zu geben.
Sie sprengt Weihwasser auf den Sarg und betet für die arme Seele. So gut hätte er es haben können auf der Welt, und muß vor lauter Eifer, daß ihm von seinem Reich- thum nichts auskommt, zu Grunde gehen! Und sie in ihrer Armuth und Gebrechlichkeit steht noch ba’!
Zu Mittag wirb bas „Schiebum" für den Martin geläutet, eine ganze Stunde lang. Die Stube füllt sich roieber bis über bie Thür hinaus mit Betenben. Die alte Moibl ist aber nicht mehr habet; sie hat unterdessen ihren beschwerlichen Heimweg zvriickgelegt.
Doch am anderen Morgen zum Begrübniß ist sie wiederum da. Sie geht am Schluß des langen Zuges, ber sich burchs Dorf, zwischen ben braunen Hütten unb Häusern ber Kirche zu bewegt. Voraus, je mit einem schwarzen Fähnlein, bie Schulknaben unb Mäbchen; bahinter bie vier ehrzüchtigen Jünglinge, welche ben Sarg trugen, frei auf ber Schulter, mit gekreuzten Armen. Es sinb auch bereits zu Jahren gekommene Männer mit ernsten Gesichtern, in eigentümlicher Tracht, feuerrotem Wamms, Kniehosen Jammt breitem Lebergürtel; auf bem Kopse einen mächtigen moosgrünen Hut mit flatternbem Banb, genau noch wie zu Anbreas Hofers Zeit. Laut betenb folgen bie Ceibtragenbcn dem Geistlichen. Ein Getrappel unb Stimmengewirr unb über allem bie langgezogenen Rufe ber Vorbeter: „Herr, gib ihm bie ewige Ruh!"
Das ganze Dorf geleitet den Christel-Martin zu Grabe, wegen ihm ist heute noch einmal Feiertag. Sechs Messen werben hintereinanber gelesen unb hernach giebt's Mahl beim Pfarrwirth, bas auch sechsmal mehr kostet als eine Gais. Von bem weiß er aber nichts mehr, sonst möchte es ihn wohl bitter ankommen, auf feine lebenslange Sparsamkeit, in der er sich und anderen nichts vergönnt hat.
Da sie ihn hinabsenken in die Erde, wirft ihm die Sonne noch einen Strahl nach, wie aus Erbarmen, daß feine Thräne in seine Grube fällt. Keinem von allen, die ihn hergeleiteten, thut bas Herz weh bei bem Wort: „Herr, gieb ihm bie ewige Ruh!"
Der Krämer unb sein stattliches Weib machen ernsthafte Gesichter, boch ihre Gebanken sinb schon anberswo. Unb bie meisten freuen sich auf ben Schmauß beim Pfarrwirth. Vielerlei giebts unb Wein genug. Den Buben hüpft schon ber Magen; bie können es kaum erwarten.
Die letzte Messe ist gelesen. Hapfenweis geht es jetzt ins Wirthshaus, wo alle Stuben offen sinb, auf jedem Gang noch ein Tisch mit Zinngeschirr und Gläsern. Unb in der Küche ein Brodeln und Braten wie bei der Kirchweih. So
für ein Hundertundvterzig, hatte der Krämer gemeint, müsse mans richten; eS sind aber Hundertdreiundfünfzig.
Ohne viel zu reden sitzen sie da, Männer und Weiber für sich, auch so die Schuljugend. Sie essen, als wären sie im Taglohn. Es macht heiß, so eng beieinander, besonders ben Weibern in ihren schwarzwollenen Röcken unb Hüten; aber das stört sie nicht. Bebächtig unb grünblich wirb zugelangt. Nur die Buben sangen beizeiten an, Unfug zu treiben mit bem Wein, bis ber Wirth einmal fest ba- zwtschenfährt.
Unb ber Christel-Martin, der hat, von den Menschen auS, jetzt die ewige Ruh. Die Schollen decken ihn und alle Ehre und Schuldigkeit ist ihm widerfahren.
So fein still ists auf dem Gottesacker. Das Gold an ben Kreuzen blinkt in der Sonne. Manche Namen glänzen, als erzählten sie von ewiger Freude. Und so ein lindes Sommerlüftchen weht über Blumen unb Graß unb bie Berge blauen herein, wie Friedenswächter gegen die Unrast der Welt. Ja, da ist gut ausruhen!
Die alte Moidl denkt sich daS oft, wenn sie auf dem Gottesacker ist. Alle, die zu ihr gehörten, sind längst schon vorausgegangen; sie mit ihren Gebrechen ist allein noch üb- rig unb möchte boch so gern eingehen in die himmlische Heimath, von der sie fich die schönsten Vorstellungen macht. Der Martin hätte es eher noch eine Zeit machen können, als sie. Aber weil es schon so ist und er ohne Beicht hat gehen müssen, so will sie brav beten für ihn. Während allen sechs Messen war sie in der Kirche. Nun schlurft sie an ihrem Stock allein draußen zwischen den Gräbern, dieweil es beim Pfarrwirth ans Schmausen geht.
Sie ist die Erste, die zu dem frischen Grabe kommt und ihm einen Weihbrunn giebt. Jetzt in der Ewigkeit, denkt sie, kann der Martin, dem sein Reichthum nimmer gehört, die Gutthat der armen Moidl wohl brauchen.


