Ausgabe 
8.10.1893 Erstes Blatt
 
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Der Mein Anzeiger erscheint täglich, «tt luinatjme dr» MontagS,

Die Gießener Slewtrteeiratfer »erden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal d «gelegt.

ErstesBlatt.

Sonntag den 8. October

1893

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger.

Vierteljähriger Zeonnementapret«, 2 Mark 20 Pfg. eM Brmgerlohn.

Durch die Post degog« 2 Mark 50 Pjg.

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Amtlichem Theil.

Bekanntmachung, betreffend die Herbstübungen der Großherzoglichen (25.) Division im Jahre 1893.

Nachstehend abgedrucktes Schreiben des CommandoS der 25. Division bringen wir zur öffentlichen Kenntniß.

Gießen, den 6. October 1893.

Grobherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

25. Division. Darmstadt, den 28. September 1893.

Auch in diesem Jahre und trotz der ungünstigen Ernte« Verhältnisse, haben die zu den Herbstübungen ausgerückten Truppen der Großherzoglichen Division allenthalben eine sehr hrrzliche und wohlthuende Ausnahme gefunden.

Etz gereicht mir zur besonderen Freude, dies zur Kennt- des Grobherzoglichen Staats-Ministeriums zu bringen und ar statte ich mir die ganz ergebenste Bitte anzuschlieben, unseren freundlichen Quartiergebern, wie der gesammten oberhessischen Bevölkerung den wärmsten Dank aller Angehörigen der Division in geeigneter Weise geneigtest bekannt geben zu wollen.

(gez.) von Bülow,

Generallieutenant und Divisions-Commandeur.

An

Tas Grohh. Staats-Ministerium

__________________________Hier. ________________________________

Gefunden. 1 Taschentuch, 1 Kragen, 1 Zwicker, 6 Regenschirme, 1 Hundehalsband, 1 Metermaß, 1 Maul- kerb, 1 Hacke und 1 Rosenkranz.

Gießen, den 7. October 1893.

Großherzogliche- Polizeiamt Gießen.

"Fresenius.

Deutsches Reich.

Berlin, 6. Oclober. Der Reichskanzler Graf Caprivi ' öLrb im neuestenCorrespondenzblatte deS Bundes der Land- vtrthe" in einem Artikel ganz besonders heftig angegriffen. Geradezu wird erklärt, Caprivi müsse von seinem Platze fort, | - bd er durch seine Handelsvertragspolitik die deutsche Land- |

wirthschaft ruinire. Ferner wird dem jetzigen Kanzler Be­günstigung der Bureaukratie vorgeworfen, er trage die Schuld daran, wenn daS poltttsche Ansehen Deutschlands im Aus­lande finke und wenn im Innern die Unzufriedenheit über dieverbohrte Wirthschastspolitik" der Regierung von Tag zu Tag erwachse. Offenbar wird Graf Caprivi angesichts dieser Stimmung in den landwirthschaftlichen Kreisen in der nächsten ReichStagSsession eine überaus schwierige Stellung gegenüber den Vertretern der Landwirthschast haben, beson­ders wenn eS bis dahin zum Abschluß des deutsch-russischen Handelsvertrages kommen sollte.

Zur Tabaksteuer schreibt dieCons. Corresp.": Ueber die Höhe der geplanten Tabaksteuer fehlt in der officiösen Mittheilung jegliche Angabe und schon dieser Um­stand erschwert die Stellungnahme zu dem neuen Projecte. Kann eS also auch aus diesem Grunde unsere Aufgabe nicht sein, über den Standpunkt der conservativen Partei in dieser Frage uns zu äußern, so wäre eine solche Aeußerung an sich überhaupt verfrüht. Einem Zweifel jedoch kann es nicht unterliegen, daß die conservative Partei den angekündigten Entwurf eingehend prüfen und weder in eine Schädigung der Producenten noch in eine unangemesiene Belastung der unbe­mittelten Consumeuten einwtlllgen wird.

Die Cavalieri ecommission wird dem Ver­nehmen nach unter dem Vorsitz des Generals der Cavallerie v. Krosigk in nächster Zeit zusammentreten, um über wichtige cavalleristische Fragen zu berathen. Bei diesen Berathungen steht obenan die Frage bezüglich des neuen Exerzier-Reglements für die Cavallerie, und es wird hierbei festgestellt werden, inwieweit der vor einigen Monaten ausgegebene Entwurf zu einem Exerzier-Reglement für die Cavallerie umzuändern sei. In dieser Hinsicht dürften nicht erhebliche Aenderungen vor­genommen werden. Darauf wird dann dem Kaiser Bericht erstattet werden. Außerdem wird sich aber noch die Commission u. A. mit der Frage zu beschäftigen haben, wie die Schwierig­keiten zu bewältigen seien, in welche Cavallerie - Divisionen, die in Feindesland mehrere Tagemärsche Vordringen, gerathen können. Diese ungemein wichtige Frage ist noch ungelöst, und in militärischen Kreisen ist man, nebenbei gesagt, vielfach der Ansicht, daß sogenannte raidß, nach amerikanischem Vor­bild in Feindesland unternommen, unter den heutigen Cultur- und ^Heeresverhältnissen unserer Nachbarstaaten in ihren Erfolgen deS Einsatzes, den mau iabci bringt, nicht Werth sind.

Heuefte Nachrichten»

Wolffs telegraphische- Correspondenz-Bureau.

Berlin, 6. October. Dem Vernehmen nach reist der Kaiser Sonntag Abend von Rominten ab und trifft Mon­tag Vormittag in Eberswalde zu kurzem Jagdaufenthalt in HubertuSstock ein.

Hamburg, 6. October. DerHamb. Corresp." meldet aus zuverlässiger Quelle, BiSmarck treffe mit Extrazug morgen Abend 11 Uhr in FriedrtchSruh ein.

Bern, 6. October. Die Direction der Jura-Simplon- bahn wird mit Rücksicht auf die außerordentlich reiche Wein­ernte ermächtigt, ausnahmsweise während des Monats Ocrober an den Stationen der Weinbau-Districte auch an Sonntag- Vormittagen Sendungen mit neuem Wein in Fässern anzunehmen und zu verladen.

Charleroi, 6. October. Infolge der lebhaften Agitation ist die Zahl der strikenden Bergleute auf 17,000 ge­stiegen. Die Ausständigen rotten sich zusammen, durchziehen die Orte in der Nähe der Kohlengruben und bedrohen die weiterarbeitenden Bergleute. Die Directoren der Bergwerke ersuchten den Kriegsminister um sofortige Entsendung von Truppen. Abends wurden zwei Schwadronen Cavallerie nach Chatelineau abgeschickt.

Rewyork, 6. October. DemHerald" zufolge dauerte das Bombardment Rio de Janeiros den ganzen gestrigen Tag an. Die Stadt wurde mit Granaten beworfen und die Landbatterien erwiderten das Feuer. In der Stadt herrschte große Bestürzung, die Geschäfte stockten völlig und die Börse war verlassen. Die Soldaten des Viceprästdenten Peixoto begehen Mord und Raub, Züge von Soldaten ver­schiedener Waffengattungen durchstretsen die Stadt und werben Rekruten für die Armee Peixotos an, während andere Ab- theilungen angesehene Personen, welche Anhänger des Admi­rals de Mello find, ergreifen. Der englische Gesandte for- bette die englischen Staatsbürger auf, Rio zu verlassen, weil die Flotte angezeigt habe, daß fie das Bombardement fort­setzen werde. Die ankommenden und abgehenden Postsachen werden von Peixoto durchsucht. Entscheidende Gefechte werden in den Städten Rio Grande und Porto Alegre (In Rio Grande do Sul) erwartet. ,

Depeschen des BureauHerold".

Berlin, 6. October. Der Kaiser hat aus dem Dis­positionsfonds dem Verein für Berliner Arbeitercolonien 5600 Mk. zur Tilgung einer Schuld an der Berliner OrtS- *. krankenkasse überweisen lassen.

Humoristisches.

Eine Telephonftörnng.

(AuS dem Leben eines Rechtsanwalts.)

Dr. Peter: Ahhhh! Endlich Ruhe! Die Eon­serenzen sind erledigt- nun aber heißt's fleißig sein! Schnell an den Schreibtisch und jetzt um Gotteswillen keine Unter­brechung mehr?

(DaS Telephon läutet.)

Dr. Peter: Hier Peter wer dort?

Eine Stimme: Adam bist Du's?

Dr. Peter: Nein, Sie sind mit Rechtsanwalt Peter itrbunben.

(Es knattert: brrrrrr ks ks ks drr drr drr)

Zweite Stimme: Bist Du da?

Dr. P e t e r: Ja, wer spricht?

Zweite Stimme: Also gelt, Klärchen, entschuldige, baß ich heute zum Quatre mains nicht kommen kann, aber ich habe so heftige . . . (eS knattert, brrr, ks ks . . .).

Dr. Peter (sehr höflich): Bitte, Sie sprechen nicht ntt Klärchen, sondern mit Dr. Peter.

Erste Stimme: Aber Adam, so rede doch etwas

lauter!

Telephonbeamter: Sprechen Sie noch?

Dr. Peter: Bitte, ich bin falsch verbunden.

Telephonbeamter: Werde Sie sogleich verbinden (e8 läutet wieder).

Dr. Peter (recht ruhig): Hier Dr. Peter, wer dort?

toei Stimmen zugleich:

!Zum Donnerwetter, warum unter­brechen Sie uns denn immer? Der Frack macht hinten Falten!

Telephonbeamter: Sprechen Sie noch?

Dr. Peter (sich beherrschend, deutlich und langsam): Bitte, können Sie mir sagen, wer vorhin, am Anfang, mit

mir sprechen wollte?

Telephonbeamter (murmelt etwas Unverständliches). Eine hohe Damen stimme (Telephonneuling, schreit

furchtbar): Das ist aber reizend, daß wir jetzt von Stutt­gart bis München zusammen plaudern können. Du bist gewiß recht überrascht! Also wie gehtö denn bei Euch?

Dr. Peter (mit Galgenhumor): O danke, ganz gut bin nur etwas heiser!

Damen stimme: Wie?

Dr. Peter: Etwas heiser bin ich, aber--(eS

knattert, brrr, ks, kS).

Damen stimme: Das ist gescheit, wie?

Dr. Peter: Wie?

Damen stimme: Also geht es bei Euch allen gut? Dr. Peter: O ja, und bei Euch? All rigth ?

Damen stimme: Wie ?

Dr. Peter: Der Wind ist nur fatal, denn Damen stimme: Was?

Dr. Peter: Der Wind ist lästig!!

Telephonbeamter: Sprechen Sie noch? (ES knattert: brrrr, ks, kS, kS, es zischt und knaxt.)

Viele Stimmen zugleich und durcheinander: 5procentige, so? ... . Disconto 1861/« Credit ganz flau . . . ach was, ein andermal! . . . diese dummen Ein­ladungen . . . werde ich Sie gerichtlich belangen ... zu gütig, bitte, bitte . . . kann sie es denn selbst nähren ? ... aber nur mit Zwetschencompott . . . Klärchen, seit einer halben Stunde stehe ich jetzt da . . . Esel! . . . wen meinen Sie damit. . . hier Stuttgart!! . . . morgen Abend 8 Uhr? mit dem größten Vergnügen! . . . WaS fällt Inen denn ein? . . . Herzlichen Dank ... ich verbitte mir alle wettere Be­lästigungen . . . Thurmelin, aber tüchttg! . . . also Hip, Hip, Hurrah! . . . Zwölf Waggons mit Schweinen (Es knattert, zischt und knallt.)

Telephonbeamter: Sprechen Sie noch?

Dr. Peter: Hol Euch alle der Teufel Schluß!!

* Der treue Nero. Der folgende Fall, der sich vor Kurzem in Berlin ereignet hat und bereits zwei Rechts- anwälte beschäftigt, dürfte demnächst auch das Gericht in An­spruch nehmen. Der Held der Geschichte ist ein schwarzer

Pudel,Nero", der durchTreue am unrechten Platze" eine für die Betheiligten verwickelte Sachlage geschaffen hat. Sein Herr, ein junger Fabrikant L., hatte sich zu Beginn dieses Jahres mit der noch jugendlichen Privatlehrerin Fräulein G. verlobt und seitdem seine Abende in der Wohnung der mit ihrer betagten Mutter zusammen lebenden Braut zugebracht, mit ihm Nero, der Pudel, ein durch besondere Klugheit und Intelligenz sich auszeichnender Hund, der die Gefühle seine- Herrn für das hübsche Mädchen in der Tiefe seiner Hunde- seele mitzuempfinden schien, wozu die gute Behandlung, die ihm und Herrn L. allabendlich zu Theil wurde, daS ihrige beitrug. Liebe und feinbelegte Butterbrode thaten daS Heb» rige, um daS freundliche Verhältniß zu einem immer innigeren zu gestalten bis eS Herrn L. gefiel, die zarten Bande jählings zu zerreißen, das Verhältniß rückgängig zu machen und sich, wie man sagt, anderweittg deSlieben" Mammons wegen zu verpflichten. Fräulein G. erwartete nicht, daß der Ungetreue reuig zu ihr zurückkehren werde, um so mehr war sie erstaunt, als sich zwei Tage später zu gewohnter Zeit Nero einstellte und so that, als sei nichts Böses vor­gefallen. Es war eine rührende Scene, als die verlaffene Braut weinend den sie freudig umspringenden Hund, der sich treuer erwies als sein Herr, liebkoste und wie sonst be- wirthete. Seit dieser Stunde hat Herr L. den Verlust seines Pudels zu beklagen. Er ist nicht mehr zurückgekehrt zu ihm. Herr L., der seinen Verlust an den Anschlagsäulen bekannt machte, hat unterdeß erfahren, wo derUngetreue" sich aufhalte und Boten über Boten zu seiner ehemaligen Braut geschickt, die nur eine Antwort hatte:Hole ihn Dir selbst!" Herr L. mag Gründe haben, dies nicht zu thun, denn er hat es vorgezogen, Fräulein G. zur Herausgabe des Hundes auf dem Klagewege zu veranlaffen. Ob ihm dies gelingt, ist fraglich, da Fräulein G. geltend macht, daß sie Nero als Compensation für die Auslagen betrachte, welche fie zwecks Bewirthung ihres Bräutigams gemacht.