1893
Donnerstag den 7. September
Nr. 210
Amts- und Anzeigeblatt für -en «reis Giefzen
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Der OUt«»" Anzeiger erfdjfint täglich, grü Nu-nahme de« Montag«
Die Vietzener M«mtrie»v ltlter Bcrbm dem Anzeiger Wöchentlich dreimal d «gelegt.
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stand. Der lange Premierlieutenant v. Borgenstein dagegen, der sich durch große Gemüthsruhe auszeichnete, zwirbelte mit den feinen weißen Fingern den langen blonden Schnurrbart und meinte gemächlich, den Delinquenten mit dem Monocle
Was, Du Millionenhund, Du willst mir wohl Comödte Vorspielen? Noch niemals habe ich in meiner Compagnie einen schußscheuen Mann gehabt -— ich glaube gar, Du willst jetzt diese Mode einsühren — na, Kerl, gnade Dir Gott,
abgegeben, als Höppner das abgeseuerte Gewehr fallen ließ, während er selbst seiner ganzen Länge nach zu Boden sturzre. Verwundert blickte Kulicke seinen Liebling an, doch schon hatte sich derselbe, sein Gewehr ergreifend, wieder von der
umfällt!"
Der Befehl des Hauptmanns wurde pünktlich ausgefuhrt und fünfzehnmal erscholl der Klang von Höppners Gewehr, ebenso oft aber stürzte der feuernde Schütze zu Boden, um sich dann jedesmal wieder zu erheben.
Unteroffizier Kulicke war sprachlos vor Entsetzen, da ihm von seinem vielgerühmten Höppner jetzt eine so fürchterliche Blamage bereitet wurde, der hinzugekommene „Spieß rang verzweifelnd die Hände, während Hauptmann Rudhardt kirsch- roth vor Wuth wurde und vergeblich nach Luft schnappte, um seiner Entrüstung über einen so unerhörten Vorgang den gebührenden Ausdruck zu verleihen. Die Compagnieoffiziere näherten sich mittlerweile der von Kulicke, Höppner, dem Hauptmann und dem Feldwebel gebildeten Gruppe und auch die gesammten Mannschaften drangen unwillkürlich heran, war es 'doch ein ganz außerordentlicher Vorgang, der sich soeben abspielte.
Endlich hatte der Compagniechef die Sprache wieder- gefunden und mit wuthkreischender Stimme schnaubte er nun den unglückseligen Höppner an:
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Birrtkljähngcr A5on«rmeatspr«t», 2 Mark 20 Pfg. mit Bringrrlohn. Durch dir Post bczoH« 2 Mark 50 Pf».
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Fernsprecher 51.
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herurngetragen haben !"
Der Hauptmann gestikulirte in größter Erregung mit seinen dicken Händen vor dem Gesichte deS Missethäters hin Boden. ! und her, indeß die hochrothe Gesichtsfarbe des Offiziers schon
Diesmal hatte der Herr Compagniechef, Hauptmann , Stich ins Bläuliche erhielt und die Zornadern an seinen Rudhardt, welcher bei diesem erstmaligen Feuerexerziren der f(ttooacn bo| jede Secunde ihr Platzen zu befürchten
jungen Mannschaften seiner Compagnie mit anwefeno war, n k <«««» sRrpmi<,rrif>ntf»nnnt v. Roraensiein dagegen,
den Vorgang bemerkt. Rasch kam er auf den Zug Kulickes zu und fragte, auf Höppner deutend, ob dem Manne etwas zugestoßen sei, währenddesien sich der Rekrut aber schon wieder aufraffte. Kulicke rapportirte den Sachverhalt und Hauptmann Rudhardt stellte sich nun breit vor unseren jungen Freund hin, ihn mit den Worten andonnernd:
„Was, Du Urian, Du scheinst wohl das Schießen nicht vertragen zu können? Na warte, mein Goldsohn, diese Abneigung werde ich Dir gleich austreiben! Unteroffizier Kulicke," fuhr der Gestrenge fort, sich an den Angeredeten wendend, „laffen Sie den Mann aus dem Gliede treten und ihn so lange sein Gewehr abfeuern, bis er nicht mehr
deutschen Theile des Reiches gewiß nicht schöner ausgefallen wäre. Wenn man erwägt, daß gerade in der lothrtn^schen Hauptstadt die Protestbewegung gegen die Zugehörigkeit Elsaß- Lothringens zum neuen Deutschen Reiche ursprünglich den festesten Rückhalt besaß und wenn man weiter den Umstand in Betracht zieht, daß die französisch sprechenden Bewohner dieses westlichsten Gebietes der Reichslande gegenüber ihren deutschen Landsleuten noch immer die Mehrheit bilden, so kann die dem Schirmherrn des Reiches in Metz und Umgebung gewordene freudige Ausnahme in Altdeutschland nur um so größere Genugthuung Hervorrufen. Offenbar bekundet die festliche und enthusiastische Begrüßung, die dem Kaiser jetzt in den ehemaligen Domänen des elsaß-lothringischen Protestler- tbumes zu Theil geworden ist, einen fortschreitenden Aufschwung des deutschen Gedankens auch in diesen Bezirken der Reichslande, auch hier lebt man sich also immer mehr in die neuen Verhältniffe hinein. - Eine bemerkenswerthe Kundgebung des Kaisers hat bereits der erste Tag des Aufenthalts des Monarchen in den Mauern von Metz gezeitigt. In seiner Erwiderung auf die Ansprache des Bürgermeisters Halm bezeichnete der Kaiser Metz als einen Eckpfeiler der militärischen Macht Deutschlands, der zugleich den Frieden Deutschlands, ja Europas stützen sollte, auch versehlte der hohe Herr nicht, zu betonen, wie sehr die Sicherung des Friedens ihm am Herzen liege.
— Am Dienstag haben im Reichsschatzamte zu Berlin die Conferenzen der Commissare der Bundesstaaten zur Feststellung der Steuervorlagen, welche in ihren Grundlagen auf der Frankfurter Finanzministerconferenz ver- einbart worden sind, begonnen. Zunächst werden die Borschläge über die Tabak- und die Weinsteuer Gegenstand der Berathungen bilden. Ueber die Ergebnisse derselben wird man hoffentlich bald Näheres erfahren.
— Der neugewählte bayerische Landtag ist aus den 28. September einberufen worden. Da in der neuen Abgeordnetenkammer die Centrumspartei nicht mehr die absolute Mehrheit besitzt, so dürften sich bald merkwürdige parlamentarische Constellationen ergeben.
— Ueber das Befinden des Fürsten Bismarck waren letzter Tage in Berlin recht ungünstige Gerüchte ver-
Erde aufgerafft und war an s......... . « -
Neuem erscholl jetzt das Commando des Unteroffiziers, wieder krachten die Gewehre und abermals lag Rekrut. Höppner am
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breitet. Denselben wird indessen durch private Berichte auS Kissingen widersprochen- denselben zufolge befindet sich der Altreichskanzler wieder auf dem Wege der Erholung von seinem jüngsten JschiaSansalle. Wenn die Besserung anhalt, soll noch in der laufenden Woche die Abreise deS Fürsten nach Varzin erfolgen.
— Die Zahl der Cholerakranken in Berlin hat sich leider seit Samstag vermehrt — sie betrug heute Mittag acht und zwar befinden sich darunter drei männliche und fünf weibliche Personen. Der alte Bestand deS städtischen Krankenhauses in Moabit, der sich am SamStag auf nur zwei Personen bezifferte, ist durch die Einlieferung von drei Kindern, eines Knabens und zweier Mädchen, auf fünf erhöht worden. Die Kinder gehören der Buchbinderfamilie Schuster aus der Andreasstraße an, aus welcher bekanntlich drei an asiaiilcher Cholera erkrankte Mitglieder — di- Frau und zwei hinter — in daS städtische Krankenhaus am Friedrichshain eingeliefert worden sind, wo sie sich noch in Behandlung befinden. Die beiden älteren Fälle aus dem Moabiter Krankenhause betreffen den Knaben Martens, der bekanntlich in den Nordhafen gefallen ist und sich dort inficirt hat, sowie die eine der Stieftöchter des SchiffSelgenthümers Pinnow. Die constatirte Zunahme an Cholerafällen bietet insofern, Nichts Beunruhigendes, als die neuen Fälle lediglich die Familie Schuster betreffen und vorauszusehen waren. Neue beunruhigende Krankheitserscheinungen sind nicht aufgetreten. Das Moabiter Krankenhaus hat allerdings einen Zuwachs von zehn neuen Beobachtungsfällen zu verzeichnen, indeß sind auch wieder aus dem alten Bestände drei Personen als unverdächtig ent- laffen worden.
— Ueber den Stand der Cholera innerhalb Deutschlands meldet der „Reichsanzeiger": In der Zeit vom 1. bis einschließlich 4. September sind dem Kaiserlichen Gesundheitsamt sieben neue Cholerafälle gemeldet worden, welche sich Vertheilen wie folgt: Weichselgebiet: 0. Berlin: 5 Erkrankungen (3 weitere Kinder und eine Schlasstellen- mietherin, die bereits früher erkrankte Frau Schuster, ferner ein Knabe, welcher in den Nordhafen gefallen war). Rhein- gebiet: 2 Todesfälle in Meiderich (Ruhrorter Hafen), — beide Fälle von einem aus Rotterdam kommenden Schiffe
in Augenschein nehmend:
„Hm, merkwürdige Spezies das, mir wirklich auch noch nicht vorgekommen, höchst merkwürdig!"
Der „Spieß" seinerseits begnügte sich damit, dem schutzscheuen Manne vernichtende Blicke zuzusenden, Kulicke aber schüttelte fortwährend den Kopf, er konnte es noch immer nicht faffen, daß sein geliebter Höppner mit einem Male aus der militärischen Art geschlagen sein sollte. Mittlerweile war beim Hauptmann der höchste Aerger etwas verpufft, ja, eS überkam ihn plötzlich ein gewisses Mitleid mit einem solchen Jämmerling, der so schrecklich nervös war. Indessen, curirt mußte der Mann um jeden Preis von seiner Nervosität werden und zwar ohne Zögern, daS stand bei dem Haupt- mann fest. Er warf einen Blick auf das Exerzierterrain,.daS im Westen von einem kleinen, aber ziemlich tiefen Flüßchen begrenzt wurde, über welches vom Exerzierfelde aus ein schmaler geländerloser Steg nach dem jenseitigen Ufer führte- schnell hatte der Hauptmann seinen Entschluß gefaßt.
„Musketier Höppner," befahl er, sich wieder zu Kulicke wendend, „hat sofort nach jenem Steg zu rnarschiren, sich aus denselben zu stellen und sein Gewehr dann abzufeuern. Sie bleiben dicht hinter ihm, Unteroffizier Kulicke, Sie paffen auf, daß sich der MuSjeh richtig mitten auf den Steg hinstellt. Ich denke, wenn der Drückeberger dann sieht, wie verdächtig tief das Wasser dort ist, da wird er es schon unterlaffen, noch einmal seinen sträflichen Purzelbaum zu schlagen. Vorwärts marsch^!"
(Schluß folgt.)
Hichener Anzeiger
Kenerat-Unzeiger.
Feuilleton.
Wie rnier das Schießen nicht vertragen konnte.
Humoreske von Benno Neuendorf.
(Nachdruck verboten.)
DaS In der Kreisstadt C. garnisonirende Infanterie- Regiment hatte sein jährliches Rekrutencontingent erhalten und Tag für Tag ging es nun auf dem geräumigen Kasernenhose an das Drillen der neugebackenen Vaterlandsvertheidiger. Natürlich behauptete jeder der Herren Exerziermeister, daß gerade ihm die nichtsnutzigste Schwefelbande und „die dümmsten Kerle" von jungen Mannschaften zugefallen seien, in welchen Behauptungen namentlich der Unterosfizier Kulicke von der achten Compagnie „groß" war. Wenn man diesem würdigen Manne hätte glauben wollen, so wäre es leichter gewesen, einem Orang-Utang einen strammen Parademarsch einzuüben, als den seiner Sorgfalt anvertrauten Rekruten die Bedeutung von „halbrechts" und „halblinks" beizubringen, und nach feinen Versicherungen würde einPapua-Neger den Mechanismus eines Gewehres weit eher begreifen, als die meisten der ihm zugetheilten angehenden Vaterlandsvertheidiger. Nur von einem der Rekruten, deren Ausbildung dem Unteroffizier Kulicke oblag, sprach letzterer mit einem gewissen Stolze und einem unverkennbaren väterlichen Wohlwollen, es war dies der Rekrut Höppner, ein hübscher, kräftiger Bursche mit einem auffallend intelligenten Gesichtsausdruck. In der That ver- diente Höppner das Lob, welches ihm sein Jnstructeur vor versammeltem Kriegsvolke regelmäßig zu spenden pflegte, auch vollkommen, denn mit bewundernswerther Präcision vollzog Höppner die commandirten Griffe, Schwenkungen u. s. w. und die einzelnen Bestandtheile eines königlichen Dienstgewehres konnte er gleich nach der ersten JnstructionSstunde wie am Schnürchen aufzählen - auch in seinem ganzen sonstigen Verhalten gab Höppner nicht zur geringsten Klage Ber- anlaffung.
Schließlich waren die neu eingestellten Mannschaften der achien Compagnie in ihren Uebungen aber doch so weit gekommen, daß mit dem Exerziren im Feuer begonnen werden konnte. Noch einmal wurden die schon hundertmal gegebenen Anweisungen den Leuten vorgekaut, worauf dann die verschiedenen Zugführer das Commando „Feuer!" ertönen ließen. Kaum hatte Unteroffizier Kulicke dieses Commando
Amtliche* Theil.
Gießen, den 5. September 1893. Betr.: Die Ausführung der allgemeinen Bauordnung. DaS Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Grosth. Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises.
Nach 101 Absatz 4 der Ausführungsverordnung vom 1. Februar 1882 ist uns durch Sie von der erfolgten Rauhbaurevision genehmigungspflichtiger Bauten und der Feuer - vngsanlagen Anzeige zu erstatten und dabei zu bemerken, ob die Ausführung vorschriftsmäßig erfolgt ist, oder ob und welche Anstände sich bei der Revision ergeben haben und binnen welcher Frist der Bauherr diese Anstände beseitigen will.
Da bezüglich einer großen Anzahl von Bauwesen, deren Revision nach Mitteilung der Bezirks - Bauaufseher bereits erfolgt ist, Ihre nach Vorstehendem zu erstattenden Berichte noch nicht eingelaufen sind, erinnern wir Sie an alsbaldige Vorlage derselben.
v. G a'g e r n.
Bekanntmachung,
betreffend den Viehmarkt zu Hungen am 18. September 1893
Wegen Bestehens der Maul- und Klauenseuche in Hungen und Langd muß die Abhaltung des auf den 18. September d. Js. anberaumten Hungener Viehmarktes einstwellen untersagt werden.
Gießen, den 5. September 1893.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.___________________
Deutsche- Reich.
Berlin, 5. September. Kaiser Wilhelm hat bei seinem Erscheinen auf lothringischem Boden sowohl Seitens der Metzer Einwohnerschaft als auch bei der ländlichen Bevölkerung des Metzer Kreises einen so herzlichen und begeisterten Empfang gefunden, wie er auch in einem alt-
. Kübel.
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