Nr 131 Erstes Blatt. Mittwoch dm 7. Juni 1883
Der
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Gießener Anzeiger
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Anrtlicher Therl.
Bekanntmachung,
betreffend Maul- und Klauenseuche zu Gonterskirchen und Ruppertsburg.
Die zu Gonterskirchen und Ruppertsburg, Kreis Schotten, ausgebrochen gewesene Maul- und Klauenseuche ist erloschen.
Gießen, den 5. Juni 1893.
Großherzogliches Kreisamt Gießen. ___________________v. Gagern.___________________
Gießen, 6. Juni 1893.
B etr.: Anschaffung und Unterhaltung des Faselviehs.
Da8 Grotzherzogliche Kreisamt Gießen
OU die »rstzh. Bürgermeister eie« deS «reifes.
Wir benachrichtigen Sie, daß auf der Zuchtstatton des Herrn Ernst Zimmer auf der Bingmühle bei Lauter fünf sprungfähige Vogelsberger Fasel zum Verkauf stehen und daß die Körcommission bei ihrer diesjährigen Rundreise einigen von Herrn Zimmer früher an Gemeinden verkauften Faseln die besten Zeugniffe ertheilen konnte.
v. Gagern.
Zur Wahlbewegung.
Wohl kaum noch hat es im Deutschen Reiche seit seiner Gründung eine Wahlbewegung gegeben, welche eine solche Verwirrung unter den Wählermaffen geschaffen hatte und die in ihrem Ausgange so ungewiß gewesen wäre, wie dies von der gegenwärtigen Wahlbewegung gesagt werden muß. Obwohl bereits die kommende Woche die vorläufige Entscheidung im Wahlkampfe bringen wird, so ist deren Ausfall doch nach wie vor im höchsten Grade unsicher, es erscheinen daher alle Voraussagungen über die Ergebnisse der Reichstagswahlen als müssig. Vielleicht nur daS Eine wird man mit Bestimmtheit prophezethen dürfen, daß sich ungewöhnlich zahlreiche Stichwahlen nöthig machen werden. Hierauf weist die außerordentlich große Zahl der für die 397 Reichstagsmandate vorhandenen Candidaturen entschieden hin. Allein die Social- demokratic hat 357 Candidaten aufgestellt, die freisinnige Volkspartei tritt mit rund 100 Candidaten auf, ebenso die antisemitische Partei, die Nationalliberalen präsentiren 117 Candidaten und mindestens ebenso groß dürfte die Zahl der vom Centrum, sowie von den Conservativen aufgestellten Bewerber um einen Reichstagssitz sein, wenngleich in dieser Beziehung noch nichts Definitives bekannt ist- die freisinnige Vereinigung hat etwa 45 Candidaten nominirt. Berücksichtigt man dann noch die elsaß-lothringischen Candidaten, die Candidaten der Freiconservativen, der süddeutschen Volkspartei, der Polen und der Welfen, ferner des „Bundes der Landwirthe", und bedenkt man endlich, daß es auch eine nicht geringe Anzahl von Bewerbern um ein Reichstagsmandat gibt, die sich überhaupt nicht zu einem bestimmten wirthschaftlichen oder politischen Programm bekennen, so gelangt man zu dem Schluß, daß mindestens vier- bis fünfmal soviel Candidaten vorhanden find, als es Reichstagsmandate gibt.
Diese Maffenhaftigkeit der Candidaturen wurzelt natürlich in der weitgreifenden Verwirrung und Zersplitterung unseres Parteiwesens, und letztere Erscheinung ist denn auch vielleicht der characteristischste Zug in der ganzen Wahlbewegung. Von irgendwelchen Wahlbündnissen zwischen einzelnen Parteien, wie solche früher wiederholt und zuletzt noch 1887 abgeschloffen worden sind, ist keine Rede- hier und da hat man woh! locale Abmachungen getroffen, aber im Großen und Ganzen operirr jede Partei auf eigene Faust.
Daß hierdurch geschaffene Chaos im Wahltreiben wird noch durch die Zersetzung innerhalb der bisherigen Parteiverbände vermehrt, welche Erscheinung sich namentlich im Zerfall der freisinnigen Partei und weiter durch die von den Herren v. Huene und v. Schorlemer-Alft geleitete Secession im Centrum bemerklich gemacht hat. Nicht wenig zur Verwirrung und Zersplitterung der Wählermassen tragen auch die neuaufgetauchten wirthschaftlichen Jntereffengruppen bei, wie es der „Bund der Landwirthe", die Handwerkerparter und wohl noch andere Vereinigungen sind, für deren zersetzenden Einfluß auf das Parteitteiben sich manche sehr drastische Beispiele ansühren ließen.
Vielleicht oder sogar wahrscheinlich würden diese zerfahrenen Verhältnisse weniger hervortreten, wenn Seitens der Reichsregierung in bestimmter Weise in die Wahlbewegung gleich von Anfang an eingegriffen worden wäre. Aber regierungsseitig hat man sich im Allgemeinen mit der Erklärung begnügt, daß für die verbündeten Regierungen der Antrag Huene die
Wahlparole bilde, und dann, abgesehen von osficiösen Preßartikeln zu Gunsten der Militärvorlage, die weitere Entwickelung des Wahltreibens mit merkwürdiger Kaltblütigkeit abgewartet. Selbstverständlich wären Versuche zur unstatthaften Beeinflussung der Wähler, etwa durch die Beamten, nicht zu rechtfertigen gewesen, aber man hätte doch wohl erwarten dürfen, daß die Regierung mit den zu einer Ver- tändigung über die Militärfrage gern bereiten politischen Führern und sonstigen hervorragenden Parteipersönlichkeiten in Verbindung treten und gewisse Normen für die Wahl vereinbaren würde. Indessen nichts dergleichen ist geschehen und daher kommt es nicht zum wenigsten, daß unter den- enigen Elementen der Wählerschaft, wo unverkennbar Stimmung ür die geplante Heeresverstärkung vorhanden ist, trotz der Gemeinsamkeit des Zieles weitreichender Mangel an Einvernehmen und dementsprechend Verwirrung über Verwirrung herrscht.
Als einen erfreulichen Zug in der Wahlbewegung kann man dagegen die Thatsache bezeichnen, daß sie bis jetzt einen überraschend ruhigen Verlauf genommen hat, abgesehen von localen Vorgängen. Die Leidenschaftlichkeit früherer Wahl- ! ämpfe macht sich diesmal nur hier und da geltend, im Großen und Ganzen vollzieht sich aber die Wahlbewegung bislang in ziemlich ruhigen Geleisen - ob dies auch bis zum Tage der Entscheidung so bleiben wird, ist allerdings noch fraglich, jedenfalls könnte man dies nur aufrichtig wünschen.
Deutsche- Reich.
Darmstadt, 5. Juni. Seine Königliche Hoheit der Großherzog begaben sich gestern Nachmittag 2 Uhr 14 Mm. nach Heppenheim a. d. B. zu der 20jährigen Stiftungsfeier des Kriegervereins Heppenheim, verbunden mit einer Delegirtensitzung des Kriegerverbandes Hassia. Am Stationsgebäude in Heppenheim wurden Seine Königliche Hoheit von den Civilbehörden und dem Präsidium der Hassia empfangen. Nachdem Allerhöchstderselbe die Front der unter dem Commando des Schriftführers Wolff combinirten Ehrencompagnie abgeschritten, deren Vorbeimarsch abgenommen und sich die erschienenen Herren hatte vorstellen lassen, fand an der am Eingänge der Stadt seitens derselben errichteten Ehrenpsorte durch den Bürgermeister Höhn und die Stadtverordneten feierlicher Empfang statt, bei welcher Gelegenheit Seiner Königlichen Hoheit durch eine der Ehrenjungfrauen ein Bouquet überreicht wurde. Demnächst wurde nach einer am Postgebäude errichteten Tribüne gefahren, wo die Krieger- vereine vor Seiner Königlichen Hoheit vorbeimarschirten. Während sich die Kriegervereine demnächst auf dem Festplatze versammelten, nahmen Seine Königliche Hoheit den Thee beim Großherzoglichen KreiSrath Freiherrn v. SenarclenS-Grancy und begaben sich von hier aus nach dem Festplatze, um die Fronten der hier in Parade stehenden Kriegervereine abzuschreiten. Der Präsident der Hassia, Oberst Gerlach, brachte hierbei ein Hoch auf Seine Königliche Hoheit den Großherzog, und der Bezirksoffizier, Major Freiherr v. Röder- Diersburg, ein Hoch aus Seine Majestät den Kaiser aus. Zum Schluß überreichte der Präsident des Kriegervereins Heppenheim, Hettel, Seiner Königlichen Hoheit eine Festschrift. Die Stadt war allenthalben festlich geschmückt, der Empfang seitens der Bewohner, der Kriegervereine und der zahlreich versammelten Bewohner der Umgegend ein überaus herzlicher. Mit dem um 4 Uhr 5 Min. abgehenden Zuge kehrten Seine Königliche Hoheit der Großherzog nach Kranichstein zurück.
Berlin, 5. Juni. Die Wahlvorbereitungen sind nun wohl allerwärts in ihr letztes Stadium eingetreten, da es nur noch eine Woche bis zu dem bedeutungsvollen Tage hin ist, an welchem die deutschen Wähler an die Urnen berufen werden. Bis jetzt hat sich die Wahlarbeit meist innerhalb der einzelnen Parteien abgespielt, denn sie galt überwiegend der Auswahl und Aufstellung der Candidaten, ferner der strafferen Organisation der Partei-Anhänger in speciellem Hinblick auf den. Wahltag, den Besprechungen der leitenden Vorstände der einzelnen Parteien mit den Vertrauensmännern und localen Führern derselben, und was dergleichen innere Wahlvorbereitungen noch mehr sind. Nunmehr handelt es sich aber darum, daß jede Partei von ihrer dergestalt befestigten Stellung aus Vorstöße gegen die anderen Parteien unternimmt, daß sie Alles daran setzt, für ihre Candidaten gegenüber denjenigen anderer Parteien Stimmung bei den breiten Wählermaffen zu machen. Hiermit beginnt aber der eigentliche Wahlkampf, und so verhältnißmäßig ruhig sich die Wahlbewegung bislang im Allgemeinen abgespielt hat, um so lebhafter dürfte sie sich in ihrer nun angebrochenen letzten Woche gestalten.
— lieber die Art und Weise, in welcher die Deckung
der Kosten der auf Grund des Antrages Huene umzuarbeitenden Militärvorlage zu geschehen .hätte, herrscht noch immer einiges Dunkel. Allerdings kann man es wohl als feststehend betrachten, daß die verbündeten Regierungen auch dem neuen Reichstage die Erhöhung der Börsensteuer zur Deckung der Kosten der Heercsreform wieder Vorschlägen werden. Aber die erhöhte Börsensteuer könnte doch immer nur den kleineren Theil der jährlichen militärischen Mehrkosten decken, und da die erhöhte Brau- und Branntweinsteuer im ommenden Reichstage ebensowenig auf eine Mehrheit zu rechnen haben dürfte, wie dies schon von dem aufgelösten Parlament gelten konnte, so heißt es nach anderen Auswegen n der Deckungsfrage suchen. Offenbar hat man indessen in den Kreisen der verbündeten Regierungen noch keinen be- ilmmten Plan gefaßt, wenn auch Gerüchte über LuxuSfteuern und andere neue Steuerprojecte umgehen. Erwähnung verdient jedoch, daß nach Versicherungen von „unterrichteter Seite" der in letzter Zeit mehrfach gemachte Vorschlag der Einführung einer Reichseinkommensteuer weder bei einer oder der anderen der verbündeten Regierungen, noch auch beim Reichskanzler auf Entgegenkommen stoßen soll. Sicher ist aber jedenfalls das Eine, daß die parlamentarischen Aussichten der Militärvorlage entschieden gewinnen würden, wenn die verbündeten Regierungen baldigst mit einem wirklich populären DeckungS- prograrnrn hervortreten würden, dies erhellt genugsam schon aus den Erklärungen zahlreicher Reichstagscandidaten über ihre Stellung in der Militärfrage.
— Der Bundesrath hat am Freitag seineThätigkeit wieder ausgenommen. Er berieth an diesem Tage die Vorlage, bett, die auf der internationalen Sanitätsconferenz zu Dresden am 15. April d. I. unterzeichnete Uebereinkunft- die Vorlage wurde schließlich dem Ausschüsse für Handel und Verkehr überwiesen.
— Der Oberbürgermeister Dr. Baumbach von Danzig macht in seiner bekannten Affaire erneut von sich reden. Er hat jetzt die an ihn gerichtete Aufforderung der „neuen Fraction" des Herrenhauses, aus letzterer auszuscheiden, in einem Schreiben beantwortet, in welchem er sich die an ihm geübte Kritik der „neuen Fraction" anläßlich seines Zwischenfalles mit dem Botschafter Herbette deutlich genug verbittet. In dem Briefe kommt Herr Dr. Baumbach auch aus seine so berühmt gewordene Unterredung mit dem Botschafter zurück und gibt Dr. Baumbach zu, daß ihm hierbei vielleicht ein Mißverständniß passirt sein könne. Im Uebrigen erhellt aus dem Schreiben nicht hinlänglich, ob sich Herr Dr. Baumbach nun noch al- Mitglied der genannten Herrenhaussraction betrachtet wissen möchte oder nicht. Jedenfalls hat ihm aber der Zwischenfall mit Herrn Herbette bei der freisinnigen Wählerschaft des fünften Berliner Reichstagswahlkreifes, wo Dr. Baumbach bekanntlich wiederum candidirt, nichts weiter geschadet, wie der für ihn günstige Verlauf einer am Donnerstag Abend abgehaltenen großen freisinnigen Wählerversammlung des erwähnten Wahlkreises beweist.
Berlin, 3. Juni. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht die auf der internationalen Sanitätsconferenz zu Dresden abgeschlossene Convention, deren Hauptbestimmungen be reit« bekannt sind. Der angeschlossenen Denkschrift ist zu entnehmen, daß, als sich die Reichsregierung schon entschlossen hatte, die Einberufung einer internationalen Sanitätsconferenz anzubahnen, die österreichisch-ungarische Monarchie an sie mit derselben Frage herantrat. Die Reichsregierung erklärte sich daraufhin, nachdem sie die llebereinftimmung der Auffassungen sestgestellt hatte, gern bereit, Oesterreich-Ungarn die Initiative zu überlassen.
Berlin, 3. Juni. Wie die „Nordd. Allgem. Zeitung" meldet, ist für den neugeschaffenen Botschafterposten in Washington der bisherige Gesandte in Stuttgart, v.Saurma- I eit sch, ernannt, und der bisherige Gesandte in Washington, v. Wolle den, für Stuttgart designirt worden.
Berlin, 3. Juni. Die Centrumspartei in Berlin erläßt einen Wahlaufruf an die Katholiken Berlins, indem dieselben zur Betheiligung an der Wahl durch Abgabe ihrer Stimmen für den in allen sechs Wahlkreisen ausgestellten Legationsrath Kehler aufgefordert werden.
Kisfingen, 3. Juni. Fürst Bismarck trifft Mitte Juli zur Kur hier ein.
Nürnberg, 3. Juni. Die Königliche Bank hat für die Heßlein'schen Wechsel volle Deckung, die hiesige Vereinsbank, deren Pfandbries-Verkaufstelle die Firma Heßlein war, erleidet ebenfalls keinen Verlust.
Ari-land.
Pari», 3. Juni. Trotz der gegenteiligen Gerüchte kehrt der französische Gesandte in Berlin, Herbette, mit Jnstruc-


