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7.5.1893 Zweites Blatt
 
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Ar 107. AwetteS Blatt. Sonntag oen 7. Mai

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»««ahme ton «nzeigen |u der Nachmitta-s für dm fetgeua« tag erscheinmden Nummer bis vorm. 10 Uhr.

politisch« Wochenschau.

Gießen, 6. Mai 1893.

Die Entscheidung in der Militärvorlage steht unmittelbar bevor und ist in dem Augenblick, in dem diese Zeilen zum Druck gelangen, vielleicht schon gefallen. Es hatte in den letzten Tagen den Anschein gewonnen, als ob allen Vor­aussagungen zuwider dennoch eine Vereinbarung zu Stande kommen würde, nachdem der Centrumsabgeordnete von Huene sich bereit erklärt hatte, auf die Vorschläge Caprivis einzu- gehen. Es ist ein Jrrthum, wenn vielfach in der Presse angenommen wird, daß in dem Compromißantrag v. Huenes eine Formel gefunden worden sei, an die man seither nirgends gedacht habe. Wer die Entwicklung der Verhältnisse mit aufmerksamem Auge verfolgt hat, der weiß, daß die Zuge­ständnisse, welche die Regierung zu machen beabsichtigt, fchon vor Wochen und Monaten genau bezeichnet worden sind. Da der sogenannte Compromißantrag Huenes in den folgenden Verhandlungen und eventuell im Wahlkampfe den Mittelpunkt 'abgeben wird, so werden es unsere Leser zu Dank wissen, wenn wir die Hauptzüge des Antrags kurz skizziren. Die Regierung verlangt bekanntlich eine Präsenzverstärkung um 83,894 Manu ; Herr v. Huene will eine solche um 70,00 Mann bewilligen. Das jährlich einzustellende Rekruten-Contingcnt sollte nach der Regierungsvorlage rund 60,000 Mann und würde nach Huenes Vorschlag 53,500 Köpfe Verstärkung erhalten. Die Kosten belaufen sich nach der Regierungs­vorlage auf jährlich 64 Millionen Mark, nach Huenes Auf­stellung aus 55 Millionen Mark. Dazu kommen sehr erheb­liche einmalige Aufwendungen. Die zweijährige Dienstzeit soll nur für die Zeit bis zum 31 März 1899 emgeführt werden und die entlassenen Mannschaften während des dritten Jahres gewissen Beschränkungen in Bezug auf die Aus­wanderungsfreiheit unterliegen. Für diese Vorschläge treten die Confervativen, die Freiconservativen, die Nationalliberalen und die Polen ein. Von den Centrumsabgeordneten sollen nur 810 geneigt sein, ihrem früheren Führer zu folgen. Bon den Freisinnigen werden nach zuverlässigen Nachrichten höchstens zwei dem Huene'schen Anträge zustimmen. Seither bestand in weiten Kreisen die Anschauung, daß ein größerer

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Wesentlichste für die Viehzucht zu leisten haben, so halte ich es auch für erwägenSwerth, was im Anschlusie daran noch Seitens der Gemeinden geschehen könnte. Ich erblicke aller­dings in der richtigen Faselhaltung Seitens der Gemeinden den Schwer- und Kernpunkt der Förderung der Viehzucht. ES ist nur zu wünschen, daß in allen Gemeinden ein richtiges Verständniß für die Bedeutung der Faselhaltung vorhanden wäre, daß insbesondere keine Opfer gescheut würden, um die Faselhaltung auf die erforderliche Höhe zu bringen. Insbe­sondere, daß immer mehr Gemeinden dazu übergingen, die Fasel aus eigene Kosten in eigenen Stallungen zu halten. Es liegt in der Natur der Sache, daß eS Faselhalter giebt, die ihre Aufgabe etwas leicht nehmen, namentlich dann, wenn die Faselhaltung an den Mtndestfordernden vergeben wird.

Es sind zwar schon von manchen Gemeinden für die Be­schaffung von gutem Faselvieh erhebliche Opfer gebracht wor­den. In manchen anderen Gemeinden bleibt dagegen noch viel zu wünschen übrig. Aber auch die guten Fasel können aus mancherlei Gründen denjenigen Einfluß auf Hebung der Landesviehzucht nicht ausüben, welchen sie bei rationellerem Verfahren ausüben könnten. Die Qualität der Fasel wird vielfach nicht genügend auSgenützt.

Denn es ist klar, daß ein guter Fasel dann am voll­kommensten die Eigenschaften auf seine Nachkommen übertragen wird, wenn die Eigenschaften des Mutterthieres nicht gar zu. wesentlich von denjenigen des VaterthiereS abweichen. ES sollten daher auch die weiblichen Thiere angekört und diefe nur guten Faseln zugesührt werden.

Allein damit ist einem weiteren Uebelstande noch nicht abgeholsen. Wenn wir auf die eben beschriebene Weise auch voraussichtlich eine gute Nachzucht gewinnen, so geht diese doch öfters wieder für die Zucht verloren, weil ihr Zucht- werth beim Wechsel des Besitzers nicht bekannt und beachtet wird. Es müßten also nicht nur die besten männlichen und weiblichen Zuchtthiere, sondern auch ihre Nachkommen dauernd gekennzeichnet und ihre Abstammung und Leistungsfähigkeit müßte unzweifelhaft nachgewiesen werden, wenn es in der Viehzucht mit sicheren Schritten voran gehen soll.

In einigen LandeStheilen sind zu diesem Zwecke Zucht-

Theil der 67 Abgeordnete starken Partei mit v. Huene Zusammengehen würde. Diese irrige Vorstellung ist dadurch hervorgerufen worden, daß einige freisinnige Abgeordnete den Antrag Richter nicht unterschrieben hatten, welcher die Inne­haltung der gegenwärtigen Präsenz fordert, und man daraus schließen zu müssen glaubte, daß die Betreffenden nunmehr für die Huene'schen Anträge trotz ihrer weitgehenden Forder- ungen stimmen würden.

In Preußen hat das Abgeordnetenhaus die S t e u e r- g e setze nunmehr in zweiter Lesung erledigt. Das Herrem haus, dem sie sodann zugegangen sind, wird sich erst nach der zweiten Abstimmung über das Wahlgesetz mit denselben befassen, ^at Gladstone, welcher früher bekanntlich

sehr entschieden für die Räumung Egyptens eingetreten ist, auf eine Interpellation in Betteff des Verhaltens der eng­lischen Regierung in der egyptischen Frage die Antwort gegeben, daß die englische Regierung allerdings dte Zurück­ziehung der englischen Truppen aus Egypten beabsichttge, aber den geeigneten Termin noch nicht für gekommen erachte.

In Schweden ist im Gegensätze zu der Volksvertretung ein confervatives Ministerium unter Stang gebildet worden.

Sitzung des landwirthschaftlichen Bezirks­vereins Gießen

vom 8. März 18 9 3.

Nach Eröffnung der Sitzung erhielt Herr Oeconomierath Müller aus Darmstadt das Wort zu seinen Ausführungen über das Thema:

Was können die Gemeinden zur Förderung der Rind­viehzucht thun?"

Redner führte im Wesentlichen Folgendes aus:

Daß die Gemeinden bei uns in Heffen bei dem vor­wiegenden Kleingrundbesitze eine wichtige Rolle bei der Durch­führung verschiedener laudwirthschastlicher Maßregeln, insbe­sondere bei der Viehzucht, zu spielen haben, ist bekannt- es ist dies auch anerkannt dadurch, daß die Haltung des Fasel- Viehs für die Gemeinden zur gesetzlichen Pflicht gemacht wor­den ist. Da nun anerkannt ist, daß die Gemeinden das

M Gießener Anzeiger

2" Kenerak-Unzeiger.

Feuilleton.

Sin lOOiährigts Jubiläum.

(Nachdruck verboten.)

k. Am 6. und 7. Mai begeht dasnordische Venedig", neben Lübeck die einstigeKönigin der Ostsee", die alte Hansa-, Handels-und Seestadt Danzig, unter allerlei Fest­lichkeiten das Gedächtniß der hundertjährigen Ver­einigung mit Preußen. Was den Gedenktag aber auch für jeden uichtpreußischen Deutschen bedeutungsvoll macht, ist die Thatsache, daß in diesem Falle die Einverleibung in Preußen gleichbedeutend war mit der Wiedergewinnung einer alten deutschen Hansa- und Ordensstadt aus dem Banne jahrhundertlanger Fremdherrschaft, hier der polnischen. Aller­dings war dieselbe eine ziemlich, zuletzt sogar sehr milde ge­wesen. Die Danziger hatten es, gefördert durch ihre außer­ordentlich günstige Lage an und bei der Weichselmündung, verstanden, sich bei Zeiten den Verfall des Polenreiches nutz­bar zu machen, harten Privilegien aller Art erworben und schließlich eine Art selbstständiger Städterepublik unter pol­nischer Oberhoheit gebildet, ja, unter dieser nominellen Herr­schaft sich, wie man zu sagen pflegt, pudelwohl gefühlt, weil fte thun und lassen konnten, was in ihrem Vortheil als Handels­stadt lag, welcher das weite Polenreich alsHinterland" biente. So kam es, daß Danzig als polnischeHandels­republik" goldene Tage erlebte, sein Deutschthum halb oder dreiviertel vergaß und seine Patrizier nur Eins kannten: gute Geschäfle machen und den Thorschlüffel des Weichsel­gebietes für den eigenen Säckel zu handhaben. Durch dieses idyllische Dasein machte die erste Theilung Polens 1772 den ersten bösen Querstrich. DaS ganze heutige Westpreußen wurde damals vom alten Fritz verschluckt, mit Ausnahme der beidenStadtrepubliken" Danzig und Thorn, welche ihren Privilegien", vor Allem ihrerSchwerverdaulichkeit" es zu danken hatten, Haß sie als blosmittelbares" polnisches Ge­biet verschont blieben. Auch ein wenig ihrem hartnäckigen Sträuben. Aber der große König und sein Nachfolger ver­standen es, ihre Leute mürbe zu machen. Man umgab die beiden widerhaarigen Städte mit einer dichten Zollmauer, welche Handel und Wandel lähmte und insbesondere für die Seestadt Danzig verhangnißvoll wurde. Rings um das

Stadtgebiet zogen sich die Zollschranken und sonstige Verkehrs- sperren- selbst der Verkehr mit dem Hafen wurde mit allerlei Abgabe -Vkxaüonen und Scherereien bedacht, so daß die Danziger Kaufleute oft ingrimmig die Faust in der Tasche machten. Endlich war die Frucht fallreif. Der zweiten Theilung Polens fielen auch Thorn und Danzig zum Opfer. Das erstere, schon mehr einStadttepublikchen", mußte schon im Januar 1793 den preußischen Truppen die Thore öffnen, allerdings nicht freiwillig. Der Widerspruch hatte sich zwar nicht zu offenem Widerstand ermannt, aber doch passiv die Stadtthore geschloffen gehalten, so daß die Preußen, als sie das Warten verdroß, sie theils mit Beilen einhieben, theils durch List sich den unblutigen Eingang erzwangen. Es coursirte davon später das Wortspiel, daß die Thorner, ihrem Namen entsprechend, theils als Thoren, theils als Thor- wächter gehandelt hätten. Vielleicht wars ihnen auch zu kalt zum Dreinschlagen, so daß man sich mit einemfrostigen" Empfang der ungebetenen Gäste begnügte. Mit Danztg, dem stolzen Handelsemporium der Ostsee, zog sich die Sache länger hin'- der Todeskampf seinerSelbstständigkeit" verlängerte sich bis zum Frühjahre. Vom 8. März ab standen die preußischen Truppen im Vororte Schidlitz umsonst vor den Thoren und verlangten die Uebergabe von Stadt und Festung Danzig. Am 11. März zeigte eine Abordnung der Stadt Väter dem gestrengen General nothgedrungen diefreiwillige Unterwerfung" an, dieFreiwilligkeit" damit begründend,daß Danzig von'aller Hilfe verlaffen sei und den Zeilpmständen nachgebe". Schwebte doch die Stadtrepublik seit 1772 gleich­sam in der Luft, von den Fängen des preußischen Aars all seits umkrallt, von Polen, das sich selbst nicht Helsen konnte, verlassen. Und doch berührte der längst erwartete Schluß­act einer Scheinexistenz schmerzlich genug. Man wehrte sich, zwar nicht thatsächlich, desto mehr mit Protesten hinter den festen Mauern. Vom 19. bis 26. März schleppten sich die Unterhandlungen hin, und es fehlte durchaus nicht an Hitz­köpfen in der Stadt, welche trotz der bedächtigen Rathsherren nichts von einer Unterwerfung wissen wollten. Machte dock neben der Besorgniß, den Handel theilweise einzubüßen, die Furcht vor dempreußischen Korporalstock" sich in der ver­wöhnten Frei stad t an der Ostsee damals ebenso fühlbar, wie 73 Jahre später in der Freistadt am Main. Beide sahen erst später ein, daß sie besser dabei gefahren, und daß unter

den Fittigen des schwarzen Adlers das Gemeinwesen erst recht aufblühte. Aber damals machte ein großer Theil der Ein- wohnerschaft ein bitterböses Gesicht und ballte die Fäuste, ein anderer suchte sich sogar mit der Faust zu wehren, so gut es ging, und es kam bis zum 4. April, dem Tage des end- lichen Einzuges der preußischen Regimenter, zu blutigen Scharmützeln vor den Wällen mit aussässigen, allerdings wegen ihres Soldes zunächst interesllrten Stadtsoldaten und den aufgereizten zahlreichen Matrosen, vom lieben Mob, der überall, wo's zu raufen gibt, dabei sein muß, kräftig unterstützt. Es fetzte eine Anzahl Todter und viele Verwundungen Nur mit Mühe wurde von verständigen Bürgern verhindert, daß die Geschütze von den Wällen eingriffen. Nachdem sodann in wenigen Wochen die preußische Herrschaft innerhalb der Stadtmauern eingerichtet worden, erfolgte am 7. Mai die offizielle Huldigung Danzigs vor dem Hohenzollernhause und der Krone Preußens. Wie ein Märchen aus alten Chroniken muthet uns die Kunde derDanziger Märztage" an, daS trotzige Aufwallen des Volksgefühls war gleichsam ein Rest des Stolzes auf eine jahrhundertlange ruhmvolle Geschichte. Das Selbstbewußtsein, sich nicht wie eine Hammelheerde be- und verhandeln lassen zu wollen, ehrte Danzig und erwarb ihm in Berlin mehr Achtung, als eine demüthige Unter­werfung unter das Schicksal es vermocht hätte. Wie so oft in Geschichte und Privatleben, die zuerst sich feindselig gegen- überstanden, weil sie sich nicht verstanden, wurden später, nachdem sie sich kennen und achten gelernt, die besten Freunde und treuesten Anhänger. So sehen wir kaum 14 Jahre nachher, im Unglücksjahre 1806/7 Danzig neben Kolberg die Fahne Preußens hochhalten und die Waffenehre, die durch die feige Capitulation so vieler festen Plätze geschändet war, durch tapfere Verteidigung unter Mithilfe der Bürgerschaft retten. Der Franke hatte durch den heldenmüthigen Wider­stand, der erst durch die Einnahme von Weichselmünde und das Abfangen der Provlantschiffe, resp. Absperren von der See, gebrochen wurde, Respect bekommen und wenn er nach­her sieben lange Jahre hindurch bis zum letzten Augenblicke zäh Danzig zu behaupten strebte, so wußte er, warum: er hatte, wie den Bernsteinschmuck, auch Danzigs Werth schätzen gelernt. Allerdings kam dieseHochschätzung" der gebrand- schatzten Stadt theuer zu stehen, und noch heute besitzt sie unliebsame Andenken daran. Aber dieser Reinigungsprozeß