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7.5.1893 Erstes Blatt
 
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Gießener Anzeiger

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Hratisöeikage: chießener AamikienSkätter.

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Amtliche»» Theil.

Gefunden: 2 Portemonnaies ohne Inhalt, 1 Beil, 1 Axt, 2 Hundehalsbänder und 1 Stück von einer Kette.

Gießen, 6. Mai 1893.

Großherzogliches Amtsgericht.

Fresenius.

Deutscher Reich.

Darmstadt, 5. Mai. Seine Königliche Hoheit der Groß« Herzog werden Montag den 8. d. M., Vormittags, zu den gewohnten Stunden im Neuen Palais Audienzen ertheilen, sowie Meldungen und Vorträge entgegennehmen.

Die Erste Kammer der Stände wird Dienstag, den 9. tz. M., Nachmittags 3 Uhr, behuss Erledigung der ihr noch vorliegenden Gegenstände zu einer Sitzung zusammen- treten.

Berlin, 5. Mai. Die politische Situation ist andauernd im höchsten Grade kritisch, jede Stunde kann aus der Reichshauptstadt die Kunde von der Ablehnung der Mili­tärvorlage und des Huene'schen Comprowißvorschlages und im Anschlüsse hieran von der Auflösung des Reichstages bringen. .Wie bestimmt verlaittet, hat der Kaiser den ihm am Donnerstag Vormittag gehaltenen längeren Vortrag des Reichskanzlers über den Stand der Militärfrage, welcher in dem Rathe gipfelte, zur Auflösung des Reichstages zu schreiten, mit Wohlgefallen ausgenommen. Zwar heißt es, der Monarch habe Bedenken gegen eine so folgenschwere Maßregel geltend gemacht, aber schließlich hätten die Gründe des Reichskanzlers den Sieg davongetragen, so daß der Kaiser seine Genehmig­ung zur eventuellen Auflösung ertheilte. Der Bundesrath soll in einer außerordentlichen Sitzung den betreffenden An­trag Preußens erhalten und ihn angenommen haben.

Am Schluffe der Donnerstagsitzung waren noch sieb­zehn Redner zur Militärvorlage angemeldet, so daß es zu den entscheidenden Abstimmungen möglicherweise erst am Montag kommt. Als charakteristisch ist die Thatsache her- vorzuheben, daß die zu keiner Fraction gehörenden elsaß- lothringischen Reichstagsabgeordneten, die im Reichstage bis­lang meist durch ihre Abwesenheit glänzten, plötzlich in Berlin wieder erschienen sind, eigens, um gegen die Militärvorlage zu stimmen.

Die am Mittwoch im^ R ei chsta gsw ahlkr eise Dortmund stattgefundene Ersatzwahl hat folgendes Re­

sultat ergeben: Toelcke (socialdem.) 15374, Möller (nat.-lib.), der bisherige Vertreter, 14714, Lensing (Centr.) 12030, Eickhoff (freis.) 1796, Kohn (Demokrat) 204 und König (Anti­semit) 133 Stimmen. Vergleicht man diese Ziffern mit der Dcrtmunder Wahl vom 20. Februar 1890, so ergiebt sich, daß die Nationalliberalen 2900 Stimmen und die Social­demokraten sogar beinahe 5000 Stimmen gewonnen haben, auch das Centrum kann einen Zuwachs von etwa 1840 Stimmen verzeichnen. Dagegen verloren die Antisemiten 959, die Demokraten 1000 und die Freisinnigen selbst 2361 Stimmen. Will man diese jüngste Dortmunder Wahl als vorbildlich für etwaige allgemeine Wahlen zum Reichstage betrachten, so müßten von denselben gar manche Ueberraschungen zu erwarten sein. Im Uebrigen hat wiederum Stichwahl zwischen dem nationalliberalen und socialdemokratischen Candidaten stattzu­finden, die aber natürlich überflüssig werden würde, sollte in­zwischen die Auflösung des Reichstags erfolgen.

Deutscher Reichstag.

90. Sitzung. Freitag, 5. Mai 1893.

Die zweite Berathung der Militär vor läge wird fortgesetzt.

Abg. Frhr. v. Manteuffel (cons.) hält es nicht für angezetgt, im jetzigen Stadium die Lebensdauer des Reichstags durch lange Reden zu verlängern. Richter hat mit seiner Rede seiner Partei im Lande das Concept für ihre Wahlaufrufe geliefert. Richter sagte, die Conseroativm wollten dem Volke nur neue Lasten auferlegen; er hat dann wieder das alte Recht des 40 Millionen - Geschenks an die Brenner vorgeführt. Die Behauptung eines solchen Geschenks ist schon so häufig und gründlich widerlegt worden, daß man sich das jetzt sparen kann. Beseitigt man die den Brennern gewährte Erleichterung, dann ruinirt man die Landwtrthschast und macht den armen Boden im Osten werlhlos. Richter gab als sein Programm an: keine neuen Steuern, keine neuen Soldaten, keine neuen Gesetze. Mit dem letzteren Punkte meint er offenbar das Wuchergesetz. (Sehr Aut!) Neue Gesetze sind nöthig, wenn alte Gesetze nicht mehr auf die Verhältnisse passen. Ein ganz besonderes Relief giebt der Sache das Factum, daß die Gegner der Vorlage Zuzug durch die Elsaß- Lothringer bekommen haben. Das Gesetz will gerade Elsaß-Loth- ringen schützen, nun kommen die Elsaß-Lothringer, die wahrlich selten genug erscheinen, um gegen das Gesetz zu stimmen. Viele der Gegner der Vorlage sehen die Auflösung nicht, sie stimmen aber doch leichten Herzens gegen die Vorlage. Ich fürchte, der Katzen­jammer wird folgen. Wir fürchten die Neuwahlen nicht, stimmen aber dennoch für den Antrag Huene, um die Vorlage womöglich zu Stande zu bringen. Wir hallen principiell unseren früheren Stand­punkt ausrecht, müssen aber sagen, daß die vorgeschlagene Verstärkung unter Aufrechterhaltung der dreijährigen Dienstzeit nicht durchführbar ist. Der Antrag Huene bringt eine Verfchlechterung der Regierungs- oorlage. Wenn wir heute für den Antrag Huene stimmen, fo halten wir uns im Falle des Ntchizustandekommens des Gesetzes nicht für gebunden an die Ziffern desselben. Keinem von uns, das hat nun

auch der Reichskanzler eikannt, stehen andere Interessen höher als die der Ehre und Sicherheit des Vaterlandes. (Beifall rechts.) Richter nannte den Bund der Landwirthe einen Bund der Brod- vertheuerer, nein, nur die schwere Noth der Landwirlhschaft hat die Landwirthe in diesem Bunde zusammengefühlt. Es genügt nicht, daß wir einig vor dem Feinde sind, sondern wir müssen rechtzeitig Maßnahmen treffen, um den Sieg an unsere Fahnen zu fesseln. (Beifall rechts.)

Abg. Dr. Lieber (6tr.) bestreitet, daß er ynb seine Freunde leichten Herzens die Vorlage ablehnten, und begründet dann den Antrag seiner Freunde, den Antrag Graf Preystng u. Gen. Dieser Antrag trage den Namen des Grafen Preystng an der Spitze, weil Graf Preystng in der betr. Sitzung deS Eenlrums den Vorsitz führte. Der Reichskanzler habe unter Bezugnahme auf eine Neußer ung, die er (Redner) in Aschaffenburg grthan habe, an seinem Patriotismus gezweifelt. An der Bekundung seiner aufrichtigen Vaterlandsliebe habe er es in der Commission nicht fehlen laffen. Seine Aeußerung In Aschaffenburg sei, wenn er sich recht erinnere, dahin gegangen: selbst wenn die Vorlage besser und voller begründet wäre, als sie e3 ist, so würde doch der Bestand der Centtumspartei für das Deutsche Reich wichtiger fein, als das Zustandekommen dieser Vorlage. (Be­wegung.) Und diesen Standpunkt Halle er noch heute aufrecht. Eine Partei, die, wie das Centrum, große Jdealtnteressen verfolgt, sei für das Reich ein Lebensinteresse. Wer nicht diese Meinung theile, solle aus dem Reichstage ausscheiden. Die Jdealinteressm des Reiches stünden höher als die materiellen. Das Centrum verbiete den Fö­deralismus und widerstrebe allen unionistischen und cäsaristischen Bestrebungen und Holle fest am posittvm Chrtstenthum und der darauf errichteten Ordnung. Der Reichskanzler habe gemeint, die Aschaffenburger Aeußerung ins Deutsche übersetzt zu haben; et habe sie thatsächlich in das schlechteste Btsmarckische überiragen. Wenn man anfange, sich den Patriotismus abzusprcchen, bann möge man doch wieder ganze Parteien als Reichsfeinde bezeichnen; bann könne ja der Tanz wieder losgehen, der mit dem Amtsantritt des Grasen Caprivi berndet schien. Die Vorlage sei nicht mit zwingenden Mo­menten begründet worden. Es habe keine Gewährschaft dafür über­nommen werden können, daß mit der Vorlage das angestrebte Ziel erreicht werde; es habe Niemand die Garantie dafür übernehmen können, daß nach Annahme der Vorlage die Russen niemals nach Berlin kommen werden. Der Reichskanzler habe den Antrag Huene als Wahlparole ausgegeben, den Antrag eines Parteimannes, der sich mit demselben in Widerspruch zu feiner Partei gesetzt habe. Das erleichtere die Wahlbewegung. Ein solche Vorlage wie diese sei unpolitisch und unerträglich für die Bevölkerung. (Zustimmung links.) Indem der Reichskanzler die Uebertretbung gebrauchte, eS handele sich hier um Ehre, Dasein und Zukunft des Deutschen Reick es, hohe it nur die Gegner in Versuchung führm wollen. Für die Deckung der Kosten hätte vor Einbringung der Vorlage aeforgt werden müssen. Das Centrum halte an dem Antrag Windthorst fest. Seine Freunde hielten es für unmöglich, daß von Verfassungs­bruch in diesem Hause die Rede sein könne. Wer Recht habe in diesem Streite, möge das deutsche Volk, möge Gott entscheiden. (Beifall im Centrunn)

Reichskanzler Graf Caprivi: Dr. Lieber ist weder die katho­lische Bevölkerung, noch auch das Centrum, lediglich mit ihm habe ich mich auseinander zu setzen. Dr. Lieber hat heute in seiner ' "Aschaffenburger Rede das Adjectiv durch den Comperatio ersetzt,

Feuilleton.

Wochendriksr sus der Residenz.

(Originalbericht für denGießener Anzeiger".)

Darmstadt, 5. Mai 1893.

Die Darmstädter Meffe. Die Residenz im Frühling. Eine Wagnerwoche. Verschiedenes.

Wir haben mit dieser Woche eine alljährlich regelmäßig zweimal wiederkehrende lärmende Veranstaltung hinter uns, die sog. Frühjahrsmesse. Am Sonntag vor acht Tagen hat sie begonnen und am Dienstag dieser Woche hat sie geschloffen. Ein lautes, buntbewegtes Treiben entwickelt sich um die Meß­zeit hn Centrum der Stadt, ja, die um den Hauptjuxplatz herumwohnenden ehrsamen Bürger behaupten sogar, es ginge ein bischen gar zu toll her und es wäre überhaupt an der Zeit, dasmittelalterliche" Institut der Messe ganz zu beseitigen, oder ihm wenigstens einen Platz außerhalb der Stadt anzu- wetsen, damit das fortwährende Gejohle und Gedudel, die herzzerreißenden Klänge der großen Drehorgeln und berüchtigten Elitecapellen" vor den Schaubuden ihren wahren Hexensabbath von musikalischenGenüssen" wenigstens fern von den beleidigten Ohren der Bewohner der Stadt zum besten geben könnten. Je nun, ganz unrecht haben die guten Leute nicht, es ist wahrlich kein Vergnügen, den ganzen lieben langen Tag über Die kleine Fischerin" oder dieHolzauction" schrecklichen Angedenkens sich vorleiern laffen zu müssen, wer das einmal acht Tage lang mitgemacht hat, und Ihr Berichterstatter gehört zu diesen bejammernswerthen Candidaten, der weiß ein Lied davon zu singen. Freilich bekommen auch die in den äußeren Stadttheilen wohnenden Musikfreunde und -Feinde ihr Theil ab, zur Meffezeit pflegt nämlich ein ganzes Heer von musikalischen Wandervögeln sich einzustellen, die dann auch die entlegensten Gäßchen und Höfe mit ihrerKunst" beglücken. Nun es sind am Ende doch arme Teufel und man giebt ihnen schließlich auch gern einen kleinen Tribut, sei es auch nur, um sie so rasch wie möglich wieder los zu werden. Von den Sehens­

würdigkeiten der diesjährigen Frühjahrsmesse nenne ich Ihnen nur ein großes Varistötheater und eine Taucher- und Schwimmergesellschaft, auch sonst gabs aber noch mancherlei des Wunderbaren zu sehen, fragen Sie nur einmal bei unserer Schuljugend an, zu deren Ergötzen ja die Meffe in erster Linie bestimmt ist. Nun, die lärmende Zeit ist nun wieder, dem Himmel sei Dank, für längere Zeit vorbei, im September wird sie neu erstehen. Von ganz eigenartigem Reize ist gegenwärtig ein Spaziergang durch unsere öffentlichen Gärten. Wir besitzen deren so viele und so prächtige, wie kaum eine der bevölkertsten Großstädte. In diesen parkähnlichen Anlagen pflegt sich zumal im Frühling der Residenzler gern von des Tages Last und Mühen zu erholen, umLuft zu schnappen". In der That sieht es eben dort, Dank der mustergiltigen gärtnerischen Verwaltung, ganz prächtig aus. Die warme vielleicht allzuwarme Frühlingssonne hat ein wundervolles Pflanzenleben hervorgelockt und der Naturfreund kann daran nur seine wirklich herzliche Freude haben. Dieverschiedenen Herrengärten," dieMathildenhöhe", und wie diese Anlagen alle heißen, sind denn auch stets außerordentlich zahlreich be­sucht, und mit großem Danke verdient die weitgehende Liberalität anerkannt zu werden, mit der unser Fürstenhaus den Aufent­halt darin allen Bewohnern gestattet. So bietet die Residenz im Frühling in Wahrheit ein überaus anziehendes und lieb­liches Bild.

Für unsere Wagnerianer, deren es bekanntlich in Darm­stadt nicht wenige giebt, boten die vergangenen Tage einige Festabende im besten Sinne des Wortes. Frau Ende Andrießen, die gefeierte Wagnersängerin, die früher in Köln weilte und jetzt für die Frankfurter Oper gewonnen worden ist, um der­selben wieder einmal eine wirkliche Gesangsgröße zu sichern, sang dieIsolde" inTristan und Isolde" und dieBrun- Hilde" in derGötterdämmerung". Beide Vorstellungen fanden ein enthusiasmirtes Publikum, das die wirklich grandiosen Leistungen des geschätzten Gastes mit jubelndem Beifall lvhnte. Schade war es nur, daß unser einheimischer Heldentenor, Kammersänger Bär, durch Rankheit am Auftreten verhindert war- der zum Ersatz für ihn herbeigezogene Gast leistete zwar

durchweg Tüchtiges, ohne jedoch die Leistungen des rühmlichst bekannten Mitgliedes unserer Bühne zu erreichen. Endlich kann ich Ihnen auch noch von einem glanzvollen Vereinsabend des Richard-Wagner-Vereins berichten, der am vergangenen Montag stattgefunden hat. Auch hierbei durfte sich das Publikum an der seltenen Kunst der Frau Ende-Andrießen erfreuen, außerdem wirkte der Kölner Heldentenor, Herr B. Heydrich, ein berühmter Wagnersänger, mit und endlich die Herren Professor H. von Zeyl vom Würzburger königl. Conservatorium und eine einheimische Kraft, Herr Wiedemann, der erste Harfenist unserer Hoscapelle. An musikalischen Ge­nüssen war also in der letzten Woche gewiß kein Mangel und zu guterletzt darf ich als getreulicher Berichterstatter auch das große Festconcert, das der hiesigeInstrumental- Verein" zur Feier seines zehnjährigen Bestehens am letzten Samstag abgehalten hat, nicht vergessen. Auch dabei gabs viel des Schönen zu hören, auch der Freude des TanzeS wurde nach Schluß des Concerts gehuldigt.

Meinem letzten Bericht über die Verhältnisse am Poly­technikum habe ich heute noch hinzuzufügen, daß wir in diesem Sommersemester die größte Besucherzahl seit dem Bestehen der Hochschule aufzuweisen haben, im Ganzen sind über 600 Studirende immatriculirt. Dann hat uns diese Woche noch mancherlei Vorträge in verschiedenen gemeinnützigen Ver­einen gebracht. Am künftigen Samstag will der Gabels­berger Stenographenverein, der sich hier einer großen Mit- gltederzahl erfreut, sein 32 jähriges Stiftungsfest begehen, das dürch Concert, Theater und Ball gefeiert werden soll. Es ist sogar die Aufführung einesstenographischen" Lust­spiels,Hinterm Vorhang" heißt der Titel, projectirt, was darunter zu verstehen ist, wird der Festabend wohl zeigen. Im Uebrigen stehen wieder die Verhandlungen über das große Mittelrheinische Turnfest im Juli im Vordergründe des Interesses- sobald es hiervon etwas von allgemeiner Wichtigkeit zu melden giebt, werde ich nicht verfehlen, Ihren Lesern Bericht zu erstatten. Z.