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Die Gießener W«Mikie»ß kälter »erden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal dnßelegt.
1893
Dienstag den 7. März
Erstes Blatt
Gießener Anzeiger
General-Wnzeiger.
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Durch die Poft bezöge» 2 Mark 50 Pfg.
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i chratisöeikage: Gießener Kamilienötätter. j
Amtlicher Theil.
Nr. 5 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 2. d. M., enthält:
(Nr. 2072.) Verordnung, betreffend Ausführungsbestimmungen zu der General »Acte der Brüffeler Antisclaverei» Conferenz. Vom 17. Februar 1893.
IE (Rr. 2073.) Bekanntmachung, betreffend Ergänzung der dem internationalen Uebereinkommen über den Eisenbahn- Frachtverkehr beigefügten Liste. Vom 28. Februar 1893.
Gießen, den 6. März 1893.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
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Deutsches Reich.
Berlin, 4. März. Die Militärcommission hat die Abstimmung über die vierten Bataillone aus den Antrag deS Grafen Ballestrem bis nach Schluß aller akademischen Erörterungen verschoben.
Dortmund, 4. März. Die Nationalliberalen stellen für die im hiesigen Wahlkreise durch die Wahlniederlegung des Abg. Möller erforderliche Neichstagswahl denselben wieder auf, während als Candldat der freisinnigen Partei Kaufmann Buschhaus-Hagen genannt ist.
Posen, 4. März. Die Warthe steigt ununterbrochen und hat bereits die tiefer gelegenen Straßen überschwemmt, so die Schifferstraße und die niedrig gelegenen Straßen der Wallischei. ES werden überall Laufbrücken errichtet.
Hamburg, 4. März. Die Choleracommisfion des Senats theilt mit: Durch bakteriologische Untersuchung wurde heute eine Erkrankung an Cholera nachgewiesen.
München, 4. März. Nach den „Neuesten Nachrichten" ist hier eine Kundgebung gegen das Reichsseuchengesetz und die hieraus erwachsenden Vexationen in Vorbereitung.
Ausland.
Brüssel, 4. März. Ein großes Feuer zerstörte ein Fouragemagazin in Molenbeck. Der Schaden beträgt 175 000 Francs. Einige Pferde sind verbrannt.
Paris, 4. März. Floquet erläßt eine Erklärung, worin er sein Verhalten gegenüber der Panamagesellschaft rechtfertigt. Die Erklärung stellt fest, daß das Eingreifen Floquets zu Gunsten von Herz im Juni 1888, lediglich die Verhinderung des Panamaskandals herbeigeführt hätte. Die Republik sei ihm Dank hiersür schuldig. Floquet richtete
gleichzeitig ein Schreiben an den Schwurgerichtspräsidenten, ihn ersuchend, der Verhandlung des Panamaprozesses beizuwohnen, um die gegen ihn gerichteten Beschuldigungen sofort zurückzuweisen.
Paris, 4. März. Mehrere Abendblätter melden die Demission Bourgeois', welche eine Ministerkrisis nach sich ziehen würde. Die Nachricht ist wenigstens verfrüht.
Petersburg, 4. März. Im Ministerium des Innern wird ein Gesetzentwurf ausgearbeitet, wonach den Juden, die in den Flecken und Städten eines 50 Werst breiten west, lichen Grenzgürtels wohnen, das Recht verliehen werden soll, dort weiter zu wohnen, während das jetzt giltige Gesetz den Juden verbietet, daselbst zu wohnen, falls sie nicht bereits am 27. October 1858 sich dort niedergelassen hätten. Der neue Gesetzentwurf soll in der nächsten ReichSrathssession verhandelt werden. Die Gouverneure sind angewiesen, die Ausweisung der Juden inzwischen zu sistiren. Die Vergünstigungen erstrecken sich auch auf schon verfügte und rechtskräftig gewordene Ausweisungen.
Norreste Nachrtchton»
Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.
Zanzibar, 5. März. Nach einer Reutermeldung vom 5. März ist der Sultan von Zanzibar heute gestorben. Der englische Consul proclamirte Hamid bin Twain zu Sultan. Es ist alles ruhig.
Depeschen des Bureau „Herold".
Berlin, 5. März. Es verlautet, Prinz Heinrich von Preußen besuche die Chicagoer Weltausstellung- die Korvette „Irene" bringe den Prinzeu nach Amerika.
Liegnih, 5. März. BiS jetzt bat der freisinnige Stadt- rath Jungfer 5000 Stimmen mehr als der antisemitische Candidat Hertwig.
München, 5. März. Oberbürgermeister Dr. v.Widen- mayer ist heute Nachmittag im Alter von 53 Jahren an einer Herzlähmung gestorben.
Lisiabon, 6. März. DerFinanzminister dcmentirt das Gerücht von der Fusion der inneren und äußeren Schuld P ortu gals.
Deutscher Reichstag.
58. Sitzung. Samstag, 4. März 1893.
Die Berathung des PostetatS wird fortgesetzt.
Abg. v. d. Sch ul en bürg (coni.) wünscht, die Telephon- Anstalten möchten vor den Telegraphen-Anstalten nicht zu sehr bevorzugt werden. Für die Postagenten möge etwas bester gesorgt werden. Er empfiehlt ferner eine anderweite Regelung der Gebühren
für den ZeitungSoertrteb; die Gebühren sollten nicht nach dem Zettungspreise bemessen werden, zumal gerade die Zeitungen am billigsten seien, die am meisten wühlten.
StaatSsecretär Dr. v. Stephan erwidert, er würde für Anzeigen über Jndiscretionen bezüglich privater Telephongefpräche dankbar sein. Eine Besserstellung der Postagenten fei ihm sympathisch, dieselbe würde aber erhebliche Mehrausgaben veranlassen. Eine Abänderung der Postzeitungsgebühr fei schwierig. Sie würde Verschiebungen im Preise der Zeitungen Hervorrufen, deren in Deutschland 7416 mit 729V2 Millionen Exemplaren jährlich erscheinen. Bei der Post dürfe es nur auf die Leistung, nicht auf die Tendenz ankommen. Lege man die Leistung zu Grunde, so komme die Abonne- mentsvermtttelung und die Beförderung der Exemplare in Frage. Zur Berathung einer Neuregelung der Gebühren auf dieser Grundlage werde im Frühjahr eine Conferenz mit bayrischen undwürttem» bergischen Delegtrten stattfinden. Sollte dieselbe zu einer Verständigung führen, so werde daraufhin eine Vorlage gemacht werden.
Abg. v. Keudell (Rp.) erwidert auf die gestrigen Ausführungen Wurms, daß jeder Beamte auf seine Beamten-Etgenschaft Rücksicht nehmen müsse. Das Vorgehen der Pofiverwaltung gegen den Post-Assistentenverein sei deshalb gerechtfertigt. Wollte jede Beamienklaffe so vorgehen, wie der Verein, so würde datz Ansehen des gesammten Beamtenstandes geschädigt. Auch über die Sammlung zu Gunsten der Hamburger Beamten sei der Verwaltung kein Vorwurf zu machen; die Beamten hätten in dem Bewußtsein gehandelt, ihr Scher stein zur Linderung einer Nothlage beitragen zu dürfen. Daß die Lage der Postbeamten nicht so schlecht sei, wie man sie darstelle, beweise der Zudrang zu den postalischen Stellen. Die Verdienste des StaatSsecretär« seien im Jnlande wie «m Auslande allgemein anerkannt; wir hätten alle Ursache, stolz auf ibn zu sein. (Beifall.)
Abg. Dr. Baumbach (dfr.) befürwortet Erhöhung der Gewichtsgrenze für einfache Briefe; wenigstens sollte das sog. Strafporto wegsallen. Kleinliche Maßregeln gegen den Postasfistentenverband seien unberechtigt, so lange der Verband aus gesetzlichem Boden stehe. Der Beamte dürfe seine staatsbürgerlichen Rechte ebenso üben wie jeder Andere, wenn er nur die Pflichten seines Amtes nicht verletze. Wenn behauptet werde, die Leute kämen im Verbände nur in einen beständigen Taumel von Genüssen, so hätten sich dieTheilnehmer an dem Eongreß des Bundes der Landwirthe auch nicht als Mäßigkeits- veretnler erwiesen. Die Zahl der Hilfsarbeiter müsse durch etats- mäßtge Anstellungen vermindert werden. Daneben seien dte Dienst- alterSzulagen anzuführen. Die Post-Unterbeamten sollen sich vielfach der Socialdemokratie zugewendet haben, waS kein Beweis für die Zufriedenheit der Beamten fei.
Director im Reichspostamt Fischer: Die Beamten müßten allerdings einer Beschränkung der staatsbürgerlichen Rechte unterliegen, so in Bezug auf die Freizügigkeit, die Preßfreiheit, die Ge- werbesrethett und zum Theil auch auf die Wahlfrethett. D6nc Verkürzung des letzteren Rechts müßte am Wahltage jeder Verkehr eingestellt werden. Eine gute Verwaltung könne sich nicht auf eine repressive Thätigkeit beschränken, sie müsse vorbeugen, damit sie möglichst wenig strafen müsse. In keiner anderen Verwaltung kämen die Leute so jung zu einem Gehalt wie bet der Post. Die etats- mäßtgen Stellen würden nach Maßgabe deS Bedürfnisses vermehrt. Durch die Einführung der Dienstalterszulagen wurde eine große Zahl von Unterbeamten schlechter gestellt werden. Die socialdemo- kratische Agitation werde von außen fin die Reihen der Postunterbeamten hinringetragen und sie finde Boden in der irrigen Annahme,
Fenilleton.
Requiescat.
Erzählung von G. von Berlepsch.
(1. Fortsetzung.)
ES ist ein eigenthümlich verlorenes Klingen, das sie im Sturme von sich geben. Die Leute sagen, es seien arme Seelen, die zur Nachtzeit an den Glockenseilen ziehen und um ein Vaterunser bitten. Aber die im Schloß kennen das brsser von so vielen Wetteruächten her, wo es da oben oft grausig zugeht mit Pfeifen, Aechzen und Poltern, von Gemäuer, das irgendwo herunterschlägt, von Schindeln, die wie Vögel in der Luft fliegen. Auch die Annerl kannte das und fürchtete sich nicht auf ihrem Wege. Gemsleicht springt sie bergan. Sie sieht den Lichtschein an den allen Mauern winken. Dort in der großen, rußgeschwärzten Küche mit den weiten Zwickelgewölben, dem offenen Feuerherd und dem Schragentisch in der Ecke, um den sich zur Effenszeit ein ganzes Völkchen dieses wildwachsenden Burggeschlechts schaart, erwartet sie die Mutter.
Nun ist sie oben und sagt, wo Hansl geblieben. Und darauf gehen sie schlafen, trotz des Gewitters.
* *
Am anderen Morgen ist der Himmel klar, nirgends ein Wölkchen. Die Ferner glänzen silbern- das Gebirge strahlt in scharfer, fast herber Reinheit. Doch wo die Schatten noch liegen, da blaut es geheimnißvoll, das ist noch wie träum» umsponnen- nur über einzelne Bergwaldconturen streift ein Sonnenhauch herab.
Mit Tagwerden ist der Bub heimgekommen- er hat die Gais richtig gefunden. Sein Gewand war naß durch und durch, es hatte ihn unterwegs erwischt. Deßwegen konnte er aber doch unter einem Felsen, bis es hell wurde, schlafen.
Jetzt nimmt er ein trocken Jöppel, verzehrt seine Suppe und treibt wie gestern und alle Tage die Ziegen aus.
Der Bauer dagegen ist noch nicht da. Die Magd fragt den Buben- der kann weiter keine Auskunft geben, als über die Richtung, wohin der Christel-Martin gegangen sei.
„Wird doch kein Unglück g'schehn sein," sagte sie.
„I weiß nit," ist die gleichmüthige Antwort. Er stößt in sein Horn und zieht weiter.
Nach der Frühmesse, wie noch immer kein Martin da ist, entschließt sich die LoiSl nun doch, dessen Bruderssohn die Sache zu sagen. Der ist Dorfkrämer und der nächste Anverwandte des Bauern, der es immer recht wohl mit ihm hat können und in besonderen Gelegenheiten stets klüglich zu rathen weiß, — ein Mann, dem es unser Herrgott im Wachen und im Schlafen gegeben: in seiner guten Krämerei, einem wohlhabenden Weibe und mehreren fetten Erbschaften, die ihm nacheinander nur so in die Tasche gefloffen sind. Er denkt gleich ans Letzte, als die Magd vor ihm steht und ungewisse Worte redet. Wie der Martin aufs Zusammenhalten aus ist, kannte er, wie es ihm keine Ruhe gelassen haben wird wegen der Gais und er in die Nacht hinein ist, weiter und weiter.
Er kraut im Bart und meinte bedächtig: „Da müssen wir ihn schon suchen gehen." — Sein Weib kommt aufhorchend herbei. Sie stemmt den Arm auf die breite Hüfte und schaut ihn an. „Nimm den Ule mit," räth sie.
„Maria und Joseph! Glaubts, er ist abikugelt?" ruft Loisl.
Der Krämer ließ seine Arbeit stehen. Er holt den Knecht und nimmt für jeden Fall Seile mit.
Nun geht es abermals an ein Suchen an den Burgsteinwänden. Der Helle Tag macht es diesen da leichter, als dem Martin gestern. Sie rufen auch nicht, wie er, sie suchen nur mit den Augen auf- und abwärts, nach allen Seilen, im schweigenden BorwärtSgehen.
Der Steinschlager unten im Bruch, an dem sie vorbeigingen, weiß, wen sie suchen und verfolgt sie, so lange er fann. — „Der eine ist um die Gais hinauf," denkt er, „und der dort — wer weiß, um eine neue Erbschaft!" z
Hierzuland ist mans gewohnt, daß Gott der Herr hie und da einen auf diese Art kurz vom Wege abruft. Wenn sie einmal einen suchen gehen, ists schon halb geschehen und für die „sonderbar" frommen Leute nur die Sorge, daß er ohne die „Sacramente" hat fahren müssen."
Die zwei wenden sich gegen die Muren im Weißbach, thal und entschwinden den Blicken des Steinschlagers. Der nimmt seinen Hammer wieder. Die überhängende Felswand wirft jedes Geräusch verstärkt zurück- es klingt, als hantirten ihrer mehrere da in den Steinen statt des einsamen Männchens. Außer seinem Klopfen ist es fast märchenhaft füll in dem glitzernden Sonnenschein ringsum.
Aber nicht lange, so thut es einen Pfiff aus der Höhe, einen schneidend Hellen, und danach noch einige. DaS Stein- mänuchen wirft den Hammer weg und geht dem Pfiff nach. Auf halbem Wege kommt ihm der stämmige Knecht entgegen.
„Den GenSdarm mußt holen und den Doctor — mir haben ihn schon g'funden."
„Wo?"
„Unterm Schwarzloch."
„Lebiger?"
„Na."
„Und 's Vieh frißt derweil schon wieder."
„Laus zu! Ich muß wieder z'rück."
In einer halben Stunde bringen sie ihn herunter bis ein Stück oberhalb dem Pfarrwirth. Dort wird er in Tücher gehüllt — er ist schreckbar zerschlagen — und aus ein Wägelchen gelegt. Der Krämer selber leitet die Kuh, die das kleine Gefährt zieht- hinterdrein geht der Gensdarm nebst etlichen Leuten. (Fortsetzung folgt.)


