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Dienstag en 7 Februar
1893
Lct Gieß"" ^Hieltet erlchrink täglich, mit Ausnahme dr- MontagS.
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Gießener Anzeiger
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Anrtlicher Theil.
Bekanntmachung.
Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, Laß die neu gewählten und bestätigten Grobherzoglichen Bei« -geordneten Jacob Keßler zu Annerod und Philipp Stroh zu Bersrod zu Stellvertretern der Standesbeamten ihrer Gemeinden ernannt und in dieser Eigenschaft in Pflicht genommen worden sind.
Gießen, den 3. Februar 1893.
Großherzogliches Amtsgericht.
Fresenius.
Deutsches Reich.
Berlin, 4. Februar. Es wird ein internationaler Congreß der revolutionären Socialisten und Anarchisten, von den unabhängigen Socialisten und communislischen Anarchisten als Concurrenz gegen den internationalen Socialisten- congreß vorbereitet. Die Anregung ging von Most aus. Das Organ der hiesigen Unabhängigen spricht sich für den Plan aus, ebenso Nieuwenhuis. Die Beschickung des Con- greffes durch französische, spanische und italienische Anarchisten wird erwartet.
Nietleben, 4. Februar. Vorgestern erfolgten 4, gestern 1 Erkrankung.
Mannheim, 4. Februar. In der Gegend von Lahr wurden gestern heftige Erdstöße wahrgenommen.
Mannheim, 4. Februar. Der Neckar überschwemmt abermals'Lie anliegenden Felder und Wiesen meterhoch.
Ausland.
Lemberg, 4. Februar. Die hiesigen Studenten beschlossen die Abhaltung einer nationalen Trauerfeier anläßlich der Säcularfeier der zweiten Thcilung Polens. Gegen 50 deshalb gewaltsam die Ruhe störende und gegen die Polizei sich auflehnende Studenten wurde die Untersuchung eingeleitet.
Belgrad, 4. Februar. Der Metropolit Michael hat die Erklärung abgegeben, er sei bisher weder officiell, noch aus privatem Wege über die Versöhnung des Exkönigs Milan mit seiner Gemahlin verständigt worden.
Brüssel, 4. Februar. Bei dem gestrigen Meeting zu Gunsten des Referendums wurden mehrere Geheimpolizisten erkannt, vor die Thür gesetzt und mißhandelt.
Lüttich, 4. Februar. Die Ueberschwemmungen der Maas nehmen große Dimensionen an. In Chenee sieht das Wasser bis dicht unter das Gewölbe der Brücke. Die Landschaft zwischen Anglaur und Tilff ist vollständig überschwemmt. In vielen Dörfern mußten die Einwohner in die oberen Stockwerke flüchten.
Paris, 4. Februar. Der „Moniteur diplomatique" behauptet, Kaiser Wilhelm und Bismarck würden sich bei der bevorstehenden Reise nach Wien aussöhnen.
Paris, 4. Februar. Es erhält sich das Gerücht, die Anklagecommission werde sämmtliche Anklagen gegen die in die Panamaaffaire verwickelten Personen einstellen, da das Gesetz nur Bestechungen, welche von Staatsbeamten begangen worden sind, vorsieht.
Paris, 4. Februar. Das bei der Kammer eingebrachte Amendement, wonach Abgeordnete, die 1885 und 1889 in die Kammer gewählt worden sind, bei den nächsten Wahlen nicht wieder wählbar fein sollen, wurde von der Commission einstimmig verworfen.
Devtscher Reichstag.
36. Sitzung. Samstag, 4. Februar 1898.
Die Socialisten- Debatte beim Etat des Reichsamts des Innern wird fortgesktzt.
Abg. Richter (srs.) hält den Mtlitärstaat augenblicklich für gefährlicher als den socialdemokrattschen ZukunflSstaat. Er verdenkt es den Socialdemokraten nicht, hier Rothstandsdebatte anzuregen, nachdem die Agrarier unausgesetzt über die landwirthschastliche Roth- lage geklagt haben. Die Regierung scheine die allgemeine wtrthschaft- liche Lage zu günstig aufzufassen; aber ein staatliches Eingreifen könne er nicht wünschen mit Rücksicht auf die daraus entstehenden Eonsequenzen. Die Beschwerde über die Entziehung der Pelze der Staatsbahnbeamten gehöre vor den preußischen Landtag. Er begreife nur nicht, weshalb die Etsenbahnverwaltung so lange mit einer Aufklärung gezögert habe. Die Verlängerung der Lohnzahlungsfristen, die Bebel zur Sprache gebracht, billige er nickt, denn sie führe zum Borgsystem. Die Krisis sei eine Folge namentlich ungünstiger Ernten. Die Ernten zu regeln habe der Staat kein Mittel. Ungünstige Ernten haben eine Beschränkung des Eonsums zur Folge. Aber die Schaustellungen der Arbeitslosen geben kein richtiges Bild der Lage. Die
Redner in diesen Versammlungen seien die socialdemokrattschen Eollegen des Reichstages, nicht die Rothletdenden. Einen großen Bestandtheil dieser Versammlungen bildeten die Maurer, die beim Frost nicht arbeiten könnten und die gerade aus diesem Grunde Lohnerhöhungen durchgesetzt hätten. Warum dirigtrten die Socialdemokraten ihre Leute nicht an Stellen, wo es Arbeit gebe! Im soctaldemokratischen Staate müßte zuerst die Freizügigkeit ausgehoben werden; der Zwang würde im socialdemokrattschen Staate viel schlimmer sein als im Militärstaat. Bebel leugnete die Harmonie der Interessen von Arbeitgebern und Arbeitern und meinte, wenn die ersteren die Arbeiter in kritischen Zeilen selbst mit Verlust beschäftigen, so geschehe das nur, weil sich der Unternehmer den Arbeiterstamm für bessere Zeiten sichern wolle. Nun, das sei gerade die Harmonie der Interessen. Die Frage, wie stch die Socialdemokraten ibren Zukunfsfiaat denken, sei vollständig berechtigt, denn wrr Alle sollen ja in den Zukunfsstaat hinein. In dem Maße, wie der Kern der socialdemokratischen Bestrebungen bekannt werde, falle die Menge von der Socialdemokratie ab; deshalb haben die socialdemokratischen Führer ein Interesse daran, diesen Kern ins Dunkel zu hüllen. Bebel habe auf die bestimmte Anfrage Bachems mit einer Wortklauberei über den Begriff Staat geantwortet. Die socialdemokrattsche Zukunftsorganisation beruhe auf dem Zwang, fei also staatlich. Bebel habe eingestanden, daß er sich vielfach gemausert habe. Dann sollte er aber nicht so stolze Worte gebrauchen, man wisse ja gar nicht, wohin er sich noch mausern werde. In religiösen Fragen sei nie so viel Glauben verlangt worden, wie von den Socialdrmokralen verlangt werde; sie verlangten, man solle stch auf ihre zukünftigen Mauferpiocesse verpflichten. Die „Zukunftsbilder", welche Bebel angegriffen habe, haben die weitesten Verbreitungen gesunden und dürften deshalb nicht so wirkungslos gewesen sein, wie Bebel annahm. Die Schrift könnte besser fein, aber die Methode sei richtig, indem die Schrift darthue, wie die socialdemokrattschen Bestrebungen mit der menschlichen Natur unvereinbar seien. In socialdemokrattschen Gegenschriften habe man über die Figur der armen Näherin, die sich eine Summe zu ihrer Aussteuer etsvart habe, gespottet; diese Figur sei gerade aus dem Leben gegriffen. Das Verwerfllche der socialdemokrattschenAgitation sei, daß sie dm Arbeitern, besonders den jungen, das Sparen zu verekeln suchtcn. Die planmäßige Production des socialdemokrattschen Zukunftsstaates habe eine planmäßige Konsumtion zur Folge. Im Zuchtbause bestehe die planmäßige Production und Eonsumtion; aber die Bürger des Zukunftsllaatcs würden es minder gut haben wie die Sträflinge im Zucktbause, denn letztere batten im Hintergründe die freie bürgerliche Gesellschaft. Wenn die soctaldemokiatische Organisation den Himmel auf Erden schaffen könnte, trete die Gefahr der Uebervölkerung heran. Im soctaldemokratischen Staate werde, wie Bebel in feinem Buche, „Die Frau" fage, jeder Neugeborene willkommen fein. (Zuruf Bebels: Sie haben ja keine Kinder!) So kleinliche persönliche Bemerkungen bei einer so ernsten Frage! Damit beweisen Sie Ihre ganze Verlegenheit. Bebel habe allerdings auf nordische Länder hingewiesen, wo es sich gut wohnm lasse, und auf die Wüste Sahara, die sich cultivireu lasse. Wenn die Scoialdemokraten in Verlegenheit seien, beriefen sie sich auf die Fortschritte der Technik; diese kämen aber doch der heutigen bürgerlichen Gesellschaft ebenso zu Gute und könne man t>enn leugnen, daß sich die L-bensverhältnisse aller Klassen erheblich gebessert haben seit der Zeit unserer Voreltern. Man solle nicht zu viel vom Staate erwarten, sondern bte eigne Kraft sich be- thätigen lassen. Was er der Socialdemokratie zum Vorwurf mache, sei, daß sie das freie Bürgelthum, das gegen alle reaettonären Bestrebungen geschlossen sein müsse, gespalten habe; daß es den Liberalismus schwächte, indem es ihn zum Kampf nach zwei Fronten drängte. (Beifall.)
Abg. Frohme (Soc.) bestreitet die Existenz einer Harmonie der Interessen zwischen Arbeitgebern und Arbeitern unter Berufung auf einen Ausspruch des Erzbischofs v. Ketteier. Die Socialdemokraten verhinderten Niemand am Sparen, aber sie erblickten darin kein wirthschaftliches Heilmittel. Auf die ruhige objective Darlegung der Entwickelungstheorie durch Bebel fei weder Dr. Bachem noch Richter eingegangen; sie wüßten wohl warum. Das Zentrum habe keine fache, den Socialdemokraten ihre republikanifche Gesinnung zum Vorwurf zu machen, nachdem der Papst die Republik Frankreich anerkannt habe. Eine utopistiscke Schilderung eines Zukunftsstaates habe Thomas von Aquino, die wifsenfchaftliche Autorität der katholischen Kirche, gegeben; derselbe habe auch eine Beschränkung der Kindererzeugung vorgesehen. Man mache sich ein phantastisches Bild von dem socialdemokrattschen Zukunftsstaat, um dasselbe zu verspotten, berühre aber damit das Wesen des Socialismus gar nickt. Alle die Verhältnisse, die Richter schilderte, um vor dem social- demokratischen Zukunftsstaate graulich zu macken, beständen heute. Was die Socialbemokcaten wollten, fei die organische Fortentwickelung. Mit der Debatte der letzten Tage hätten die bürgerlichen Parteien nur i're Unfähigkeit bekundet, ihre Zeit zu begreifen. (Beifall bet den Socialdemokraten.)
Abg. Stöcker (conf.): Richter könne sich nicht wundern, wenn auf den Schultern tus Freisinns die Socialdemokratie emporstetgt, nachdem er auch heute wieder abfällig über die Klagen der Land- wirthschait gesprochen. Pract'sche Vorschläge zur Begegnung der Arbeitslosigkeit seien conseroativerseiis im Abgeordnetenhause gemacht worden. In Zukunft werde in Zeiten der Krifen noch weit mehr geschehen müssen. Die Socialdemokraten thäten practisch gar nickts für die Arbeitslosen, sie hinderten nach Möglichkeit jede practisch; Hülfe. Richter dürfe sich darüber, den Kamps nach zwei Fronten führen zu müssen, nicht beklagen, denn er und seine Freunde hätten diesen Kamp» nach zwei Fronten selbst erst hervorgerufen. An der Socialdemokratie sei in diesen Tagen Gericht gehalten worden und die Leidenszeit für diese Partei werde kommen. Eine politische Partei müsse Ziele haben, solche habe die Socialdemokratie nicht mehr, nachdem sie auch den Zukunftsstaat preisgegeben. Aber'warum lasse Bebel nun sein Buch über die Frau noch weiter erscheinen? So habe die Socialdemokratie seit langen Jahren das eherne Lohngesetz als Lüge erkannt, und trotzdem habe sie diese Lüge aufrecht' erhalten. Das sei ein Verbrechen an der deutschen Arbeiterschaft. Die Socialdemokratie unterwühle alle edlen Eigenschaften der Menschen. Der große Erfolg dieser Debatte sei: daß die Socialdemokraten hier gefragt wurden, was sie als Heilmittel besäßen und daß sie keine Antwort zu geben vermochten. Die Aufstellu;g Dun Karl Marx,
daß sich die Weltgeschichte nur durch nationalöconomische Momente entwickele, sei falsch. Die moderne Entwickelung beruhe auf dem Ehristenthum; dasselbe habe socialpolitische Momente, aber diese bildeten doch nicht die Grundlage der Entwickelung. Ebenso beruhten Maxs Aufstellungen für die Zukunft auf falschen Voraussetzungen, die sich durch die Statistik widerlegten. Die Soctaldemokratie habe keine Ideale, keine Religion, kein Vaterland, die Sittlichkeit sei in den Winkel gestellt, der kategorische Imperativ existire für die Social- demokratie nicht. Seine Freunde würden nicht ruhen bis die falschen Lehren der Socialdemokratie ausgerottet sind. (Beifall rechts.)
Abg. Dr. Hitze (Str.) bestreitet, daß Erzbifchof v. Ketteler eine Harmonie der Jnteresfen zwischen Arbeitgeber und Arbeiter geleugnet habe. Wenn der Papst die Republik Frankreich anerkannt habe, so fei diese ja auch unsererseits anerkannt. Die Monarchie sei eben nicht die einzige Staatsform. In Preußen fei die Monarchie anerkannt Frohme habe den Thomas von Aquino unrichtig etttrt; die dem heiligen Thomas in den Mund gelegten Worte seien von Aristoteles. Wenn die Socialdemokraten dlos die organische Entwickelung wollten, so brauchten sie keine Partei zu bilden; wozu eine Kampfpartei, wenn Alles von selbst komme.
Abg. Le u sch n er - Eisleben (Rp.) begnügt sich bei der vorgeschrittenen Zeit damit, zu conftathen, daß die Socialdemokratie eine schwere und verdiente Niederlage erlitten hat. (Beifall.)
Weiterberathung Montag 1 Uhr. Außerdem Antrag Singer auf Einstellung des gegen Abg. o. Münch schwebenden Strafverfahrens.
Neueste Nachrichten»
Depeschen deS Bureau „Herold".
Essen, 5. Februar. Eine heute stattgehabte, von 190 Bergarbeitern besuchte Versammlung schloß sich den am 2. Februar in Bochum gefaßten Beschlüffen an. Es macht sich eine starke Agitation für den deutschen Bergarbeiterverband bemerkbar.
Paris, 6. Februar. Der „Temps" berichtet, der Herzog von Orleans werde angesichts der augenblicklichen complicirten Lage Frankreichs von seiner Weltreise in nächster Zeit nach Italien zurückkehren.
Locales und provinzielles.
Gießen, 6. Februar 1893.
— Im Kaufmännischen Verein hielt am vorigen Samstag Herr Dr. Seitz einen Vortrag über: Japan und seine Culturbestrebu ng en. Der Vortragende, der vor zwei Monaten in einem „akademischen" Vortrag über die äußere Beschaffenheit der Japaner, ihre körperlichen Eigen- tdümlichkeiten und ihre Sitten gesprochen hat, verbreitete sich heute über die Geschichte des japanischen Volkes und ihren Natlonalckaracter. Von den Chinesen sind sie nicht nur ihrer Abstammung nach grundverschieden, sondern es besteht auch ein üefgewurzelter Rassenhaß zwischen beiden Völkern. Schon früh fühlten sich die Japaner zum Europäer hingezogen und es bestanden schon vor Jahrhunderten freundliche Beziehungen zwischen Japan und den westeuropäischen Staaten Portugal, Holland und England. Aber die Europäer waren uneinig und durch ihre gegenseitigen Hetzereien und ihr unaufhörliches Jntriguiren führten sie selbst ihre Vertreibung herbei, die von einer wüthenden Chnstenverfolgung begleitet war. Um sich bei der Regierung einzuschmeicheln , le steten die Holländer bei der Ausrottung der Christen Hilfe und beschossen mit Kanonen die letzte Festung, in welche sich die Christen gerettet hatten. Dafür erhielten sie die Erlaubniß, sich auf einem öden Felsen anzusiedeln und Handel zu treiben, waren aber der schmachvollsten Behandlung und den entehrendsten Kränkungen ausgesetzt. Die europäischen Nationen waren im japanischen Volke tief verachtet und hatten jeden Einfluß verloren. Da erschien vor 40 Jahren der Amerikaner Perry mit einem Briefe des Präsidenten der Vereinigten Staaten und brachte Japan durch ein äußerst geschickt geleitetes Unternehmen zum Ausgeben seiner Abschließungspolitik und zu einem Handelsverträge. Durch dieses Ereigniß wurde das Volk aus seiner Jahrhunderte dauernden Erstarrung geweckt- es trat ein ungeheurer Umschwung ein; die Herrschaft der mächtig gewordenen Vasallen wurde gestürzt, die Macht des zum Schattenfürsten herabgesunkenen Mikado wieder hergestellt. Die kleinen Souveräne, deren es eine Unzahl in Japan gab, traten großemhetls freiwillig zurück und leben seitdem als hohe Beamte und reiche Privatleute im Volke; der Adel gab gegen eine Entschädigung seine Vorrechte preis und das Volk trat in einen regen Verkehr mit dem Auslande und bethei- ligte sich am Welthandel. Die Krisis war eine überaus einschneidende, wie sie kein Volk der Erde jemals durchgemacht; aber das japanische Volk überstand sie in Folge seiner Intelligenz und Aceomodationsfähigkeit ohne schwerere Nachtheile. Der Vortragende spricht zum Schluß die Hoffnung aus, daß das von der Natur so reich gesegnete Land auch für tue Zukunft von schlimmen Folgen dieses großen Schrilles verschont bleiben werde. — Die zahlreich Erschienenen folgten dem


