Ausgabe 
6.4.1893 Zweites Blatt
 
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Nr. 80 ZwetteK Blatt Donnerstag den 6. April

Der *Ufe«ct erschnnt täglich, Mtt Uu»nahme de» Montag».

Dir Gnßenrr Wa«1kie»bkttier lacrbm dem Anzeiger Wöchentlich drei»,! detgelegt.

Gießener Anzeiger

Kenerat-Mnzeiger.

Vierteljähriger >»owwrmfetsvtrU > 2 Mark 20 Psg. art# Bringerlohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pjg.

Rebaction, LxpcdtNO» und Druckerei: MwCJUatclM.

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Amts- und Anzeigeblntt für den Ureis Gietzen.

Hratisveitage: Gießener Aamitienölätter

Amtlichem Theil

Alle Annoncen-Vureaux de- In. und Au-lande- nehm« Anzeigen für dmGießener Anzeiger- entgegen.

Annahme ton Anzeigen zu der Nachmittag» für dm fnlgendm Lag erscheinmdm Nummer bi» vorm. 10 Uhr.

Gießen, den 30. März 1893.

Betr.: Die Anstellung der Kreisstraßenwarte.

DaS Großherzogliche Kreisamt Gießen

<m die «rotzh. Bürger meister eie« des Kreises.

Sie wollen, soweit aus Ihren Gemeindekassen Gehalte an Straßenwarte bezahlt werden, die Gemeindeeinnehmer veranlassen, sofort mit der Kreiskaffe abzmechnen, damit diese in den Besitz sämmtlicher Hauptquittungen gelangt.

Binnen 14 Tagen sehen wir Ihrem Bericht entgegen, daß diese Abrechnung stattgefunden hat.

v. Gagern.

der Grobherzogliche Kreisarzt zu Büdingen, ein Landwirth. schaftslehrer und ein Volksschullehrer Unterricht.

Es finden jährlich zwei Unterrichtscurse von je fünf Monaten statt, in welchen jede Schülerin für Unterricht und Logis 20 Mark bei dem Eintritt und für Kost und Ver­pflegung pro Tag 90 Pfennig in Monatsraten praenumerando zu entrichten hat. Außerdem sind noch etwaige Ausgaben für Arzt und Apotheke zu bestreiten.

Vom Tag des Eintritts an, also während des Cursus, dürfen die Mädchen ohne Erlaubniß oder Auftrag der Hausmutter außerhalb der Anstalt nicht verkehren und haben sie sich der eingeführten Hausordnung unweigerlich zu fügen. Insbesondere ist ihnen auch Ehrerbietung, Ge­horsam und Unterordung gegen das Aussichts- und Lehrer­personal, Freundlichkeit, Verträglichkeit und liebevoller Ver­kehr untereinander und endlich Treue, Fleiß und Sorgfalt bei den Arbeiten zur strengsten Pflicht gemacht.

An Sonn- und Feiertagen werden die Mädchen ver­anlaßt, den Gottesdienst ihrer Confession zu besuchen, wobei die Hausmutter bezw. die Assistentin die Begleitung über­nimmt. Morgens vor dem Frühstück, vor und nach dem Mittagessen und Abends vor dem Schlafengehen findet ge­meinsames Gebet statt.

Besuche von Eltern und Schwestern sind gestattet, solche anderer Personen nur unter Begleitung eines Mitglieds des Ortscomites^

In die Anstalt sind mitzubringen:

1 Bettdecke, 1 Unterbett, 1 Kiffen (Bettstelle und Mattatze werden gestellt), 1 doppelter Ueberzug, 1 weißer Bettüberwurf, 1 Waschbecken, 6 Hemden, 4 Handtücher, 2 Bettjacken, 1 Kleiderbürste, 1 Schuhbürste, 1 Trinkglas, 1 Zahnbürste, 1 Regenschirm, 1 Nähkissen, Zeug und Lem- wand zur Anfertigung von Kleidern, Hemden und Bett. Wäsche, Wolle und Garn zu Strümpfen und Socken rc. und 2 Vorhängschlößchen.

Am Schluffe des Cursus findet eine Ausstellung der gefertigten Arbeiten, die Uebergabe von Zeugnissen über Bettagen und Leistungen, sowie eine feierliche Entlassung der Schülerinnen statt, wozu deren Eltern und Angehörigen eingeladen werden.

Der II. Cursus pro 1893 wird Mittwoch, den 5. Juli l. I. eröffnet und Mittwoch den 6. December l. I. geschlossen werden.

Die Meldungen hierzu sind bei dem unterzeichneten Vor­sitzenden des landwirthschaftlichen Bezirkoereins Büdingen unter gleichzeittger Angabe des Vor- und Zunamens, des Tags, Monats und Jahrs der Geburt und des Wohnorts

Die landwirthschaftliche Haushaltungsschule zu Lindheim

Provinz Oberhessen.

Die zu Lindheim von dem landwirthschaftlichen Verein für die Provinz Oberhessen und dem landwirthschaftlichen Bezirksverein Büdingen seit 4 Jahren gegründete Haus- Haltungsschule hat die Aufgabe, Mädchen im Alter von etwa 1620 Jahren die Gelegenheit zur Aneignung der­jenigen Kenntniffe und Fertigkeiten zu geben, welche zur Führung einer wohlgeordneten, einfachen bäuerlich-bürgerlichen Haushaltung erforderlich sind, sie au Reinlichkeit, Pünktlichkeit und Fleiß, Ordnung und Unterordnung, sowie an Sparsamkeit im Haushalt zu gewöhnen, und auch auf Geist und Gemüth bildend einzu­wirken.

In dieser Lehranstalt erhalten die Mädchen Unterricht und practische Anleitung im Kochen, indem die Unterweisung hierin abtheilungsweise an zwei Kochherden erfolgt und auf die Erlernung der Zubereitung einer schmackhaften und kräftigen s. g. Hausmannskost gerichtet ist, im Conserviren von Nahrungsmitteln, wie Einmachen von Gemüsen und Früchten, Einsalzen von Fleisch, Räuchern von Fleisch- und Wurstwaaren, im Backen, Waschen, in der Behandlung der Wäsche uud Kleidung, im Bügeln, Putzen, im Molkereiwesen, und zwar in der Behandlung der Milch und Bearbeitung von Butter und Käse in der der Anstalt zugehörigen, in dem Anstaltsgebäude eingerichteten Molkerei, in der Bestellung und Ausnutzung des Gemüsegartens, sowie Unterricht in der Zucht und Pflege des Schweines und des Geflügels. Es werden ferner die Mädchen in der Fertigung weiblicher Handarbeiten gründlich unterwiesen, und zwar im Stricken, Flicken, Stopfen und Weißnähen mit der Hand und der Maschine, und erhalten Anleitung zum Kleidermachen, wobei sie sich für den eignen Bedarf und für denjenigen ihrer Famttte bescyasltgen Dürfen. Auch rotrD tn den Fortbildungs­fächern, nämlich im Rechnen, in der Abfassung von Aufsätzen und Briefen und in der Buchführung Unterricht ertheilt, wie auch Unterweisung in den Anfangsgründen der Gesundheits­und Krankenpflege erfolgt. Es ist in der Anstalt für eine geist- und gemüthsbildende Leetüre gesorgt, und wird der Gesang gepflegt. Ein Klavier ist der unentgeltlichen Benutzung der Mädchen überlassen.

Die unmittelbare Leitung und Beaufsichtigung der Anstalt ist einer Vorsteherin (Hausmutter) und einer Assistentin (Jndustrielehrerin) übertragen, welche beide in dem Anstalts- ; gebäude wohnen. Außerdem ertheilen in der Anstalt noch

Bekanntmachung,

betreffend die Abhaltung öffentlicher Faselschauen.

Wir bringen zur öffentlichen Kenntniß, daß in Ver­bindung mit dem am 12. April l. I. zu Gießen statt- findenden Viehmarkt eine öffentliche Faselschau durch die Körcommission abgehalten werden soll. Bei der Schau, welche Bormittags IO Uhr beginnt und welche nur zum Zweck der Ankörung stattfindet, wird die Commission nur sprungfähige Bullen Vogelsberger und Berner, speciell Simmenthaler Rasse berücksichtigen. Den Besitzern guter Fasel können, soweit die Mittel reichen, Wegegelder, vor­behaltlich näherer Bestimmung, in Aussicht gestellt werden.

Gießen, den 24. März 1893.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

I. V.: Dr. Melior.__________

Gießen, den 30. März 1893.

Betr. Die Wahl der Schulvorstandsmitglieder.

Die

Grotzh. Kreis-Schulcommisfion Gießen

an die Großh. Bürgermeistereien des Kreises.

Die Dienstzeit der nach Art. 69 des Volksschulgesetzes vom 16. Juni 1874 mit Anfang des Jahres 1887 in ihr Amt eingewiesenen Schulvorstände, wie auch der an Stelle solcher später eingetretenen Mitglieder ist abgelaufen.

Sie wollen nach Art. 69 pos. 5 des Volksschulgesetzes baldigst eine Neuwahl derunständigen" Mitglieder durch den Gemeindevorstand vornehmen lassen und uns das Ergebniß der Wahl sofort anzeigen.

v. Gagern.

Feuilleton.

Zwri Königskindrr.

Romantische Erzählung von Carl Falkenberg.

(Schluß.)

Im Pachthofe aber entwickelte sich nun ein Leben, wie -nie vorher. Hamork ward Josianen Lehrer in allem, was die Sehenden schon als Kinder und durch die Gewohnheit lernen: er zeigte ihr die Blumen am Bache, die Früchte des Feldes; er ward ihr Lehrer in der Poesie und Kunst und die gegenseitige Liebe wuchs. Und abermals bewährte sich daS Wort:Sie werden Vater und Mutter verlassen und aneinander hängen!"

Heimlich suchte Hamork Josianen jetzt zur Flucht zu bereiten; sie machte aber Einwendungen.

Bedenke, Hamork, mein Herz, die Dankbarkeit, welche ich dem Manne schulde, den wir alle Herr nennen."

Aber man wird uns trennen. Deine Verwandten werden Dich verheirathen, vielleicht an einen ungeliebten Mann; ich hörte von dem Herzoge von Suessa!"

Nein, nein! Den Herzog heirathe ich nicht!" betheuerte Josiane.

So willigst Du ein?"

»Ich folge Dir bis an das Ende der Welt."

Heimlich ging hierauf Badur als Bote hin und her.

In der nächsten Nacht hielten vier bewaffnete Sarazenen mit einem für eine Dame gesattelten Pferde am Pachthofe. -Um Mitternacht verließ Josiane ihr Zimmer und folgte Badur und Hamork leisen Schrittes zum Hause hinaus.

Imperator Friedrich, Herrscher der Welt!" krächzte Aphra int Schlafe, dann schloß sich die Thür,- bald war der Trupp in der Dunkelheit verschwunden.

Am anderen Morgen suchten Creci und Giuglio Jo­

siane im ganzen Hause und Garten vergeblich; sie war verschwunden.

IV.

Rambo weilte noch am Hofe des Kaisers, als durch Giuglio die Kunde von Hamorks und Josianens Flucht einlief.

Der Kaiser war sehr erzürnt, beruhigte sich aber nach und nach und fing an zu begreifen, wie die Liebe in die beiden jungen Herzen einziehen mußte, als er von Hamork durch einen Boten ein Pergament erhielt:

Kaiserlicher Herr! Ihr gäbet mir Euer Ritterwort, mir jede Bitte zu erfüllen. Ich bitte nun um Josianens Besitz, nachdem sie seit gestern, mit mir durch Priester­hand vereint, mein Weib ist. Eurer Kaiserlichen Hoheit stets gehorsamer Diener Hamork."

Nach einer sehr langen geheimen Unterredung mit Rambo fertigte Friedrich den Boten mit einem langen Briefe ab, worin er eindringlich zu Hamork sprach, übrigens aber den Liebenden vergab- nie sollte Josiana doch erfahren, daß der Kaiser ihr Vater sei, eine Thatsache, die ihr bis jetzt auch verborgen geblieben.

Hamork zog nun aus der Verborgenheit, die sein junges Glück umschlossen, wieder in sein liebliches Thal zurück und übernahm die Patienten Rambos, die ihre beiden Aerzte längst vermißt. Von kriegerischen Gedanken und Unter­nehmungen, von der Nolle eines Empörers, Regenten und Khalifen wollte er jedoch nichts wissen, so oft ihm Rambo auch davon schrieb. Dieser weilte noch immer an Friedrichs Hofe in der Hoffnung, Hamorks und der Sarazenen Sache führen zu können. In Pietro delle Vigne hatte der Alte aber einen schrecklichen Feind und eines Tages fand man Rambo todt auf dem Bette, er hatte Gift bekommen.

So kam der Kaiser in den Besitz der Papiere des Alten und des Geheimniffes der Abkunft Hamorks. Er ließ Rambo

wie einen großen Mann beerdigen und ritt dann eines Tages in das stille Thal bei Palermo, um das Haus des jungen Arztes Hamork zu betreten, wo er voll Freude vom Haus­herrn und besonders von Josiane empfangen ward. Giuglio und Creci, welche ihre Pflegetochter nicht verlassen wollten, blieben als Diener bei ihr und selbst Aphra schnarrte dem Kaiser wieder seinImperator Friedrich, Herrscher der Welt," entgegen. Jetzt setzte er noch die Worte hinzu, die ihn Hamork gelehrt:Versöhnung, Versöhnung I"

Und der Kaiser war versöhnt. Reiche Hochzeitsgabeu brachte sein Gefolge mit, deren Empfang nur durch die Trauer­kunde von Rambos unerwartetem Tode getrübt ward. Hernach hatte Friedrich eine lange und geheime Unterredung mtt Hamork. Der Kaiser sagte ernst zu ihm:

Ich gab Dir eine Tochter, mein theurer Sohn - opfere Du mir dagegen einen Schatten, eine trügerische Hoffnung."

Nie würde ich gegen meinen kaiserlichen Herrn ge­kämpft haben," versicherte Hamork,ich schwöre es hiermit bei Allah!"

Da segnete der Kaiser das Paar und Josiane, die mit weiblichem Scharfblick alles errathen, stammelte, von dem Augenblick bewegt:

Vater, Vater!"

Theuere Tochter!" rief der Kaiser und umarmte sie herzlich.

Am anderen Tage nahm der Kaiser Abschied von dem jungen Paare, um nach dem Norden zu ziehen. Sie sahen ihn nicht wieder, denn schon ein Jahr darauf erlag Fried­rich II. zu Firenzuola bei Luceria, seiner Lieblingsstadt, dem Fieber. Vorher hatte er noch den Schmerz, Pietros Verrath und Selbftentleibung erleben zu müssen.

Josiane gebar Hamork keine Kinder. So starb still und im tiefsten Herzen vergraben mit dem letzten Khalifen von Sicilien auch zugleich das Geheimniß seiner Abkunft.