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1893

Dienstag den 5. December

Nr. 286 Erstes Blatt

2lintr- und Anzeigeblutt für den Ureis Gietzen.

Annahme von «njeigtn zu der Nachmitcag» für den felgtnfcm tag erscheinenden Nummer bi» vorm. 10 Uhr

Die eigener M«»lkte«»ktlter »erben dem Anzeiger »OchaUlich dreimal hai^legt.

Der

Ghchener Anz-tger «scheint täglich, Wtt lulnabmt de» Montag»

wurde der Handelsvertrag mit Spanien angenommen. 15 Stimmen waren dafür, dagegen stimmten 2 Centrums­

abgeordnete und 4 Conservarive.

Berlin, 2. December. Heute Nachmittag wurde die Nr. 49 desSocialist" polizeilich confiscirt wegen des ArtikelsErnste Zeiten", welche sich in heftiger Weise gegen die heutige Gesellschaft wendet und ihr die Schuld an den

wieder in Aussicht genommen.

Berlin, 2. December. Die Cholera-Ueberwachs- stationen, sowie die SanÜgtSwachen in Berlin, Stralau, Rathenow und Eberswalde wurden aufgehoben.

Berlin, 2. December. In der Reichstags Commission

BiertestLhriger JH#enetnent»K*| 2 Mark 90 Psg. *M Bringerlohn.

Durch die Post begpg* 2 Mark 60 VH-

Rrtatnon, Lrpedteta» und Druckern:

-chntßrntrNr.? - Femsprechn 51.

London, 2. December. Von hiesigen Anarchisten werden Flugschriften an die französische Armee vertheilt. Unter Anderem werden die Soldaten aufgefordert, ihre Offi­ziere zu erschießen.

Sofia, 2. December. Wie aus osfizieller Quelle ge­meldet wird, war der wegen deS geplanten Attentats auf den Fürsten Ferdinand von Bulgarien verhaftete Jvanow Lieutenant in der bulgarischen Armee, entfloh vor Jahresfrist aus der Garnison Ruftschuk nach -Ünterschlagung von 3000 Francs nach Rußland und unterhielt dort Be­ziehungen mit den Emigranten, welche ihn überredeten, nach Bulgarien zurückzukehren und womöglich den Prinzen Ferdinand und Stambulow zu tödten Jvanow kehrte imPctober unter falschem Namen zurück und setzte sich ins Einvernehmen mit seinem jüngeren, das Gymnasium in S>ofia besuchenden Bruder. Beide planten das Attentat während des Aufenthaltes des Hofes in Philippopel, fänden aber keine Gelegenheit zur Ausführung desselben. Als der Prinz am Freitag nach Sofia znrückkam, folgten ihm die Brüder Jvanow, der ältere der­selben wurde jedoch von einem anderen in demselben Zuge befindlichen Emigranten erkannt und einem GenSdarmen denuncirt.

Der Anarchismus.

Bereits die jüngsten Dynamitatrentate in Spanien und Frankreich mit ihrem grausigsten Verbrechen, der entsetzlichen Bombenexplosion im Teatro Sicco zu Barcelona, hatten die allgemeine Aufmerksamkeit erneut in zwingender Weise dem Anarchismus, dieser unheimlichsten Ausgeburt des modernen Berbrecherthum-, zugelenkt. Nunmehr ist dies abermals ge­schehen durch die von französischer Erde aus versuchten ver­brecherischen Unternehmungen gegen Kaiser Wilhelm und den Reichskanzler Grafen Caprivi- denn es kann kaum mehr einem Zweifel unterliegen, daß diese glücklicher Weise noch rechtzeitig vereitelten nichtswürdigen Bubenstücke ebenfalls auf das Conto des Anarchismus zu setzen find, obwohl man von ihren eigent- ltchen Urhebern noch keine bestimmte Spur aufgefunden hat.

Von Berlin auS wird es jetzt zwar aus leicht durch-

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um ein Volksmonument, sondern um ein Denkmal der Dynastie." Diese Nachricht ist falsch. Seine Majestät haben sich in solchem Sinne niemals geäußert.

Aus dem Reichstage. Der Senioren Convent trat heute wieder zusammen und machte sich über die Be­setzung der Commissionen nach dem Stärkeverhältniß der Fracrionen schlüssig. Es wurde beschloffen, die bisher ge­wählten Commissionen unberührt zu taffen und die neu auf- gestellte Berechnung für die fernerhin zu wählenden Com­missionen Eintreten zu lassen. Nach dieser Berechnung wird die Reformpartei zum ersten Male im Senioren Convent und den Commissionen je nach der Stärke der Commissionen ver­treten sein. Zum Vorsitzenden der Budgetcommission, die heute gewählt wird und in der auch die deutsche Reformpartei zum erftenmale vertreten sein soll, ist v. Kardorff (Reichsp.)

Gießener Anzeiger

Kenerat-Mnzeiger.

n äu dieser e nach bem wieder-

9954

Deutscher Reichstag.

11. Sitzung. Samstag den 3. December 1893.

Auf der Tagesordnung steht »unäcbst die erste Berathung deS Gesetzentwurfs detr. die Gewährung von Unterstützungen an Jnvattven aus den Kriegen vor 1870 und deren Hinterbliebenen Der Entwurf bezweckt Gleichstellung der Invaliden aus den Kriegen vor 1870 mit denen aus dem Kriege 1870/71. <

Abg. Krop ätsche! (cons.) begrüßt den En wurs, mit dem einer Anregung des Reichstags entsprochen wtrd^ mit Freuden. Eine commissarische Vorberalhung sei indeß nothig mit Rücksicht auf d v, welcher bestimmt, daß dem Königreich Bayern zur Bestreitung der gleichartigen Ausgaben alljährlich eine Summe überwiesen wird, welche sich nach der Höhe des thatsächlichen Aufwandes für Ang<> hörige des Reichsheeres und deren Hinterbliebenen, im VerhalMttz der Kopfstärke des bayerischen MUitärconttngentS zu jener der übrigen Thetle des Reichsheeres bemißt. Er bezweifle, daß d e Zahl der bayerischen Invaliden von vor 1870 ebenso groß ist, als z. B. die der sächsischen.

Bayr. Generalmajor v. H a a g erwidert, daß das vorgenommene Derhältniß dem thatsächlichen Bedarf entspreche.

Abg. Fritzen (Etr.) wünscht dringend, daß das Gesetz noch vor Weihnachten zu Stande gebracht werde; da es für Tausende von Familien eine große Wohlthat bedeute.

Abg. v. Schöning (cons.) behält sich einen erweiterten An- traß Abg. vr. Pieschel (nl.) wünscht, daß das Gesetz mit dem 1. April a.c. in Kraft gesetzt werde und weist auf verschiedene noch sonst bestehende Härten hin, so die, daß die VerstümmelunaS- zulagc niedriger sei als die Entschädigung für den Rtchtgenuß des Ctoilversorgungsschetns. m ai

Abg. Herbert (Soc.): Wir werden für daS Gesetz stimmen, weil es eine Ungerechtigkeit beseitigt und wir werden auf Beseitigung weiterer Ungerechtigkeiten hinwtrken. .

Abg. Dr. Böcke! (Reformp ): Am schlimmsten sind Diejenigen daran, die im Feldzuge nicht verwundet wurden, aber später infolge der Strapazen erkrankten und arbeitsunfähig wurden und die nun nicht den Nachweis führen können, daß ihr Leiden auf den Feldzug zurückzuführen ist. Jedem, der einen Krieg mitgemacht und der be­dürftig ist, gebührt ein Ehrensold aus dem Jnvalidenfonds. Nur wenn wir uns aus diesen Standpunkt stellen, erfüllen wir unsere patriotische Pflicht. . e

Generallieutenant v. Spitz: Die Militärverwaltung muß sich an das Gesetz halten und dieses schreibt den fraglichen Nachweis vor. Es wird mit möglichstem Wohlwollen geprüft.

Der Entwurf wird an die Budgeicommtfsion verwiesen.

Es folgt erste Berathung der kaiserlichen Verordnungen betr. die Erhebung eines 50procentigen Zollzuschlags für die aus Rußland bezw. aus Finnland kommenden Maaren.

Abg. Molker (nl.): Hoffentlich ist es möglich, den Zollkrieg bald zu beenden, da derselbe auf beiden Seiten Wunden schlägt; es wäre thöricht, zu untersuchen, auf welcher Seite die Wunden schwerer sind. Der Zollzuschlag soll Rußland treffen, es sollen aber deutsche Kaufleute nicht geschädigt werden. Stach dieser Rtch- tüng hin wird hoffentlich die Regierung befriedigende Erklärungen, abgeben.

Abg. Rickert (srs. Vereinig.): Wir enthalten uns eines An­trags zu der Vorlage, da wir der Regierung die schwebendm Ver­handlungen nicht erschweren wollen. Dringend nöthig ist eine beschleunigte Entscheidung über die Anträge auf Zollnachlaß für bona fide nach Erlaß der Verordnung aus Rußland etngeführte Maaren.

Staatssecretär Graf Posadowsky: Es werde jeder Fall einzeln geprüft und wo bona fide gehandelt worden, eine wohlwollende Beschlußfassung erfolgen. _

Abg. Frhr. v. Heermann (Etr.) empfiehlt eine in Gemein­schaft mit Abg. Möller zur zweiten Berathung gestellte bezügliche Resolution. . t ,

Abg. Schönlank (Soc.): Wir sind Gegner der Schutzzölle und Zollkriege und stimmen daher gegen diese Zollordonanzen.

Abg. Graf Kanttz (cons.): Durch einen russischen Handels­vertrag würde die ostpreußische Lanbwirthschast ruinirt. Ein ost­preußischer Landwtrth habe ihm geschrieben: Diesen Herbst haben wir den Winterroggen bestellt, wenn der Vertrag kommt, tonnen wir Kanarienvögel mästen. (Heiterkeit.)

Abg. v. Sa lisch (cons.): Die russische Einfuhr schädige viel­fach den Heinen Mann; fie habe dm deutschen Flachsbau vernichtet

sichtigen Gründen unternommen, die Attentatsversuche gegen Kaiser und Kanzler als Dumme-Jungen-Streiche zu qualificiren und somit das geplante Doppelverbrechen als ziemlich harm­los hinzustellen. Dem gegenüber steht indessen fest, daß die Höllenmaschinen von Orleans allerdings eine entsetzliche Katastrophe hätten Hervorrufen können. Diese neueste Unthat der anarchistischen Berschwörerrotte steht demnach in ihrem gemeingefährlichen und nichtswürdigen Charakter den bisherigen anarchistischen Verbrechen durchaus nicht nach.

Unter diesen Umständen gewinnt die Frage nach dem Ursprung und der Entwickelung des Anarchismus aufs Neue an actuellem Interesse. Als der Vater des modernen Anarchismus I sozialistischen Verhältnissen beimißt, gilt der sianzösische Socialist Proudhon (gestorben 1865 zu Hannover, 2. December. Der Kaiser hielt bei der Passy bei Paris), der in feinen bizarren socialen Schriften gestrigen großen Parade eine eindringliche Ansprache an die namentlich daS System der sogen. Herrschaftslosigkeit aus- Reitschule commanbirten Offiziere, wobei auch die Vor- stellte und vertheidigte, nämlich einen Zustand der Dinge in » bei bcm Spielerpro- zur Sprache gekommen sind, der menschlichen Gesellschaft, in welchem Jeder ganz feinen I Springe, 2. December. Seine Majestät der Kaiser eigenen Neigungen folgen darf, in welchem es weder eine I ^gab sich nach der Ankunft an der Kaiserallee allein auf die Autorität von einzelnen Personen noch der Gesammtheit gibt. Pasche auf Damwild im Saupark. Später fand ein ein- Von einer nothwendigen Vernichtung des Staates als solcher fle^tcntcg Jagen auf Schwarzwild im Hallerbruch statt, an hatte aber Proudhon noch nicht gesprochen, diesen neuen toeld)em baS Gefolge Seiner Majestät, General Graf revolutionären Grundsatz führte erst der Russe Bakunin ein. Waldersee, der Landesdirector v. Hammerstein und der Bakunin behauptete, die völlige Frecheit des Individuums Kommandeur des Königs-Ulanen-Regiments Oberstlieutenant bedinge die vorherige Zertrümmerung einer jeden StaatSform, t Ps^el theilnahmen.

er empfahl daher die vollständige Untergrabung der öffentlichen München, 2. December. Kammer derAbgeord- Ordnung, an deren Stelle eine alle Menschen gleich ver- I neten< Bei der heute begonnenen Specialberathung des bindende, friedliche Solidarität treten sollte. Bemerkenswerther Militäretats stimmten die Bauernbündler und Socialisten Weise wollten jedoch weder Proudhon noch Bakunin von der ba8 Gehalt des Kriegsministers wegen der Ansichten Verwirklichung ihrer utopistischen Ziele auf dem Wege rück- ^ff^en über das Duell. Der Kriegsminister v. Asch er-

sichtslofer, mit allen Mitteln betriebener Zerstörung des Be- Liberte auf die Ausführungen ber Abgeordneten v. Bollmar

stehenden etwas wissen, das Betreten einer solchen gemalt- unb b Stauffenberg, daß in den Jahren 1890 und 1891

famen Bahn wurde vielmehr von den nachfolgenden neueren t G^würfe einer Reichsmilitärstrafprozeßorbnung aus- Vertretern ber anarchistischen Lehren verfochten, unb in welcher gearbeitet worben feien, jedoch nicht die kaiserliche Sanction

sürchterlichen Art die Praktiker des Anarchismus auftreten, erJjaltcn hätten. Die bayerische Regierung halte an ihrer

dies haben ja eine Unzahl schändlicher Thaten feit etwa vorjährigen Erklärung über einen künftigen Reichsgesetzentwurf

anderthalb Decennien bis herab auf die jüngste Gegenwart obwohl nach seiner persönlichen Ansicht die Oeffentlichkeit gezeigt. des Verfahrens für die Armee kaum Vortheilhaft fein würde.

Längst ist darum schon an den Platz des rein theoretischen Fortsetzung der Spezialberathung wurde auf Montag Anarchismus, welcher sich darauf beschränkte, lediglich das vertagt.

Princip der allgemeinen Vernichtung und des Kampfes Aller Stuttgart, 2. December. Anläßlich der glücklichen Ab- gegen Alle zu predigen, der practische Anarchismus getreten, Sendung ber Attentatsversuche fanbte König Wilhelm an ben der durch Mord unb Gewaltthat jeder Art unb unter An- Deutschen Kaiser unb an ben Reichskanzler Grafen Caprivi Wendung der rücksichtslosesten Kampfmittel gegenüber Staat Glückwunschtelegramme.

unb Gesellschaft seine Endabsichten zu verwirklichen trachtet. __=_=__==__=_ Gebieterischer denn je erwächst darum ben Regierungen bie I .

Pflicht, endlich mit allen zu Gebote stehenden Mitteln das ZlUSUXIlO.

lassen, wenn alle Mächte gemeinsam gegen ben Anarchismus der neuerdings entstandenen Differenzen, daß die

vorgehen, derselbe stellt eine internationale Verschwörer- unb schaftlichen Beziehungen zwischen bem Vatican unb Oesterreich

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dem Publikum circuliren unb hofft man, baß baffelbc gute Deutsches Reich. Dienste leisten werde.

Berlin, 2. December. Offiziöses Dementi. Der London, 2. December. Heute wurde hierftlbst ein Reichsanzeiger" meldet im amtlichen Theile der heutigen Manifest französischer Soldaten veröffentlicht, in Nummer:Durch hiesige und auswärtige Blätter ist in welchem dieselben erklären, daß sie mit den Anarchisten gegen den letzten Tagen die Nachricht verbreitet worden, daß Seine die Bourgeois gehen würden, obschon die ietzteren auf ihren Majestät ber Kaiser und König anläßlich ber Entscheibung Schutz zählen. Das Manifest soll in englischer Sprache über Embleme, welche an bem Denkmal für Kaiser Wilhelm I. morgen bei bem Meeting in Trafalgar Square vertheilt -angebracht werben sollen, bemerkt haben, es handle sich nicht | werden.

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