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Nr. 261 Drittes Blatt. Sonntag den 5 November
1893
Gießener Anzeiger
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Cocafcs und provinzielles.
•tefcen, 4. November 1893.
♦* Jon hessischen Behörden werden steckbrieflich verfolgt: Tvglöhn r Alexander Marimilian Bernhard von Schweinitz, zuletzt in Alzey, von der Staatsanwaltschaft in Mainz wegen Unterschlagung; Schreiner und Bildhauer Franz Kinz- berger von Fürfeld vom AmtSanwalt in Gießen wegen DiiebstahlS- Metzgergeselle August Scharf von Laubach vom dortigen Amtsgericht wegen Betrugs- der ungarische Drahtung Blechwaarenhändler Ignaz Schefoik, alias Johann N. chelei, oder Stephan Tujeck, zuletzt in Ohms, Kreis Als- felv, wohnhaft, vom Amtsgericht Alsfeld, wegen Diebstahls.
*♦ Bewilligte Altersrenten. Nach den im Retchsversiche« rungsamte ausgeführten Zusammenstellungen betrug am 1. Oclober 1893 die Zahl der seit dem Inkrafttreten des ZLvaliditätS' und A lte r s v er si ch e r un g s g e se tze s erhobenen Ansprüche auf Bewilligung von Altersrente bei den 31 Versicherungsanstalten und den 9 vorhandenen Staffen» eimrichtungen 253,700. Bon diesen wurden 200,532 Renten« m prüche anerkannt und 44,195 zurückgewiesen, 3607 blieben unerledigt, während die übrigen 5366 Anträge auf andere Weise ihre Erledigung gefunden haben. Bon den erhobenen Ävliprüchen entfallen auf Schlesien 29,376, Ostpreußen 23,012, Brandenburg 19,477, Rheinprovinz 16,682, Hannover 14,675, Lc chsen-Anhalt 14,537 , Posen 13,186, Schleswig-Holstein 9609, Westpreußen 9635, Westfalen 9617, Pommern 8546, Hrstsen-Nassau 5563 und Berlin 2836. Die Zahl der während desielben Zeitraumes erhobenen Ansprüche auf Be- rotHigunß von Invalidenrente betrug bei den 31 Versicherungsanstalten und den 9 Kasseneinrichtungen insgesammt 71,385. Von diesen wurden 44,642 Rentenansprüche an- trhinnt und 17,925 zurückgewiesen, 5378 blieben unerledigt, wclhrend die übrigen 3440 Anträge auf andere Weise ihre TrHedigung gefunden haben. Von den geltend gemachten Zrwalidenrentenansprüchen entfallen auf Schlesien 9950, Rhein« prnvinz 5723, Ostpreußen 5155, Brandenburg 3827, Han- noner 3716, Sachsen«Anhalt 3233, Westpreußen 2912, Li stfalen 2572, Posen 2553, Pommern 2524, Hessen-Nassau 1551, Schleswig-Holstein 1092 und Berlin 1042. Unter ben. Personen, die in den Genuß der Invalidenrente traten, btsunden sich 1220, welche bereits vorher eine Altersrente bezogen.
*♦ Nach Einführung der Bahnsteigsperre ist es vorgekommen, daß Reisende, welche wegen Verspätung keine Fahrkarte lösen konnten, von den Bahnsteigschaffnern nicht aus den Bahnsteig gelaffen wurden und deßhalb nicht mit dem zur Abfahrt bereitstehenden Zuge fahren konnten, sondern erst mit dem nächsten Zuge. Die Eisenbahndirectionen haben jetzt die Bahnfteigschaffner angewiesen, solche Reisende unbedingt auf den Bahnsteig zu lassen- die Reisenden müffen aber sofort dem Schaffner melden, daß sie wegen Verspätung keine Fahr- ! karte mehr haben lösen können. Der Schaffner meldet dann / den Fall dem Zugführer, welcher die Nachlösung der Fahr- ; karte und der Zusatzkarte auf der nächsten geeigneten Station veranlaßt.
vermischter.
* Lehrerelend in Spanien. Der Alkalde von Novele benachrichtigte kürzlich von AmtSwegen den Gouverneur von Valencin, daß die Schulmeister seines Städtchens verschwunden seien. Die „Oecurencias" schreiben dazu: „Unsere Leser mögen ihre Entrüstung über diese pflichtvergessenen Lehrer zähmen, denn besagtes Städtchen ist schon längst dafür bekannt, daß es seine Beamten nicht bezahlt. Es schuldet, um nur einen Fall anzusühren, seinen Schullehrern die Kleinigkeit von 12,724 Pesades an rückständigem Gehalt. Wahrscheinlich sind die armen Volksbildner ausgerückt, um sich an die Mildherzigkeit des Publikums zu wenden.
* Der Spielsncht, welche besonders in Berlin herrscht, soll, wie in Polizeikreisen verlautet, Seitens der Sicherheitsorgane fortan eine erhöhte Aufmerksamkeit zugewandt werden und zwar wird die Einrichtung einer ständigen Section für die Bearbeitung dieses schwierigen Recherchendienstes nach dem Muster der bei der Pariser Polizeipräfectur seit Jahren functionirenden „Brigade de jeux" geplant. Wie weiter verlautet, sollen zur Durchführung einer einheitlichen Repressivaction demnächst auch im Ministerium des Innern criminalistische Beratungen erfolgen, ähnlich denjenigen, welche seiner Zeit durch den Prozeß Dickhof hervorgerufen wurden, und spricht man in militärischen Kreisen davon, daß dem Spielteufel im Offiziercorps durch Abgabe einer bezüglichen ehrenwortlichen Verpflichtung, nicht zu spielen, gesteuert werden soll.
Literatur und Aunst.
— vsfip Lchubin gehört zu den wenigen deutschen Schriftstellern, die sich erlauben dürfen, den Muth der Wahrheit zu haben, den künstlerischen Zielen nachzustreben, und dennoch auf einen auS- gebreitetcn Leserkreis rechnen können. Es ist deshalb bezeichnend, daß ihr neuer großer Roman „Gebrochene Flügel" nicht in einer der vtelverbreiteten Famtlienzeitschristen, wie „Gartenlaube" oder „lieber Land und Meer*, erscheint, sondern in der „Deutschen Romanbtbltoihek" (Stuttgart, Deutsche Verlags-Anstalt), die stets einer freieren Richtung gehuldigt Hal. Er beginnt auherordentltch wirkungsvoll mit den Erlebnissen einer jungen österreichischen Baron» sse, die sich in Paris zur Erzieherin ausbilden will, die allerdings pikant fenug sind und bald auch die Erwartung des Lesers aufs Höchste pannen. Da die Verfasserin selbst diesen Roman für ihren besten erklärt hat, darf man der Fonsetzung mit um so größerem Interesse entgegensehen. Neben diesem läuft in der genannten Zeitschrift ein zweiter Roman, „Asphodtl" von Wilhelm Jensen, der mit dem ganzen Stimmungszauber der besten Werke dieses Erzählers, der zugleich immer Dichter, und häufig mehr Dichter als Erzähler ist, beginnt. Auf dem Titel der „Deulschen Romanbibliothek" wird fortan der 'Zusatz „zu lieber Land und Meer" fehlen; sie scheint also eine selbständige Haltung anzustreben und dem Zuge der Zeit nach einer freien Entfaltung der künstlerischen Kräfte und Talente Rechnung tragen zu wollen. Preis und ErscheinungSweife bleiben dagegen unverändert: vierteljährlich (für 13 Wochen - Nummern) 2 Mark, daS vierzehntägige Heft 35 Pfennig.
— »Wiener Mode.* Das soeben erschienene 2. Heft des neuen (7.) Jahrganges dieser beliebten Zeitschrift reiht sich feinen Vorgängern würdig an, sowohl was die Eleganz der Zeichnungen betrifft, als auch in Bezug auf die Gediegenheit und Reichhaltigkeit des Inhaltes. Der Modetheil enthält Befchreibringen der neuesten Wiener und Pariser Toiletten, sowie sorgfältig ausgeführte i Abbildungen derfelben. Der belletristische Theil bringt ein Gedicht von Jensen, ferner Humoresken, die Fortsetzung des Groller'schen ; Romams, endlich Miscellen, Räthsel rc. Probehefte sind in allen Buchhandlungen zu haben.
— Moden-Zeitungen. — Gegenüber der heutigen Fluth von Modenblättern steht wohl manche Leserin rathlos vorder Frage: Welche Modenzeitung soll ich wählen d Die Antwort muß lauten: eine praclische und vernünftige! Practisch in Bezug auf die Auswahl der Toiletten; vernünftig — den Ausschreitungen der Mode nicht daS Wort redend. Wir wüßten kein Blatt, das diesen Anforderungen besser entspräche, als die in Berlin herausgegebene „Modeirwelt* (gegründet 1865), welche feit der neuerdings erfolgten Vermehrung ihres Inhalts in 14täglichm Nummern von je 12 Seiten erscheint, an Reichhaltigkeit von Toiletten und Handarbeiten alle ähnlichen Zeitschriften hinter sich lassend. Die monatlich beigegebenen Moden- Panoiamen mit jährlich gegen 100 Figuren bringen die neuesten Toiletten in farbiger Darstellung. In den neu eingeführten Rubriken: „Fürs Haus" und „Gärtneret" findet die Leserin eine Fülle von Belehrung und Anregung. Der Preis beträgt 1 Mk. 25 Pf. vierlel- jährlich bei allen Buchhandlungen und Postanstalten.
Feuilleton.
Wochenbriese aus der Residenz.
(Originalbericht für den „Gießener Anzeiger".)
Darmstadt, 3. November 1893.
flennen des fleiterverein«. — Ans dem Knnstleben. Vergnügungen.
Für die sportsfreundltchen Bewohner unserer Residenz gab» es am vergangenen Sonntag ein interessantes Schauspiel. Der „Hessische Reitervereln" hatte für diesen Tag ein großes Herbst-Wettrennen angesagt und wenn auch die Gunst te8 Himmels der Veranstaltung nicht gnädig gesinnt war, — ({ herrschte naßkaltes und trübes Wetter — so fand sich koch eine außerordentlich große Zuschauermenge auf dem Rennplätze bei Kranlchstetn ein. Im Wagen, hoch zu Roß mb per pedes pilgerten die Darmstädter nach dem beliebten iluSflugSorte hinaus. Auch die höchsten Herrschaften beehrten Im Reiterverein zu seinem Feste mit freundlichem Besuche. Seine Königliche Hoheit der Großherzog war mit Seiner fthen Frau Schwester, der Prinzessin Heinrich von Preußen, iinb mit Prinzessin Alix erschienen und die hohen Herrschaften ncsolgten den Verlauf der einzelnen Rennen mit großer Aus- inrksamkeit. Das Programm umfaßte ein leichtes Jagd- unnen für Chargenpferde und Park-Jagdrennen. Die glück- Ichrn Gewinner, Offiziere der hiesigen Regimenter, wurden furch hübsche Preise ausgezeichnet. Leider hat sich bei dem Sennen auch ein bedauerlicher Unfall ereignet, Prinz Solms- fichl stürzte — wie Ihren Lesern ja schon kurz gemeldet — bei dem zweiten Rennen und zog sich einen Beinbruch zu. Mcklicher sind ein paar kleinere Unfälle abgelaufen, die weiter kirne ernstere Folgen hatten.
Im Kunftleben der vergangenen Woche sind manche fimerkenswerthe Veranstaltungen zu verzeichnen. Am ver- gan:genen Samsrag hatte Herr Concertmetster Hohlfeld ein Gomcert veranstaltet, das einen ganz glänzenden Verlauf nahm. Obgleich an musikalischen Genüssen eben außerordentlich viel fibiotcn wird, hatte sich doch ein ungemein zahlreiches Pub
likum eingefunden, um dem überaus beliebten Künstler, der schon längere Zeit nicht mehr im Concertsaale erschienen war, die Beweise aufrichtiger Verehrung darzubringen. Herr Otto Hohlfeld wurde schon bei feinem Erscheinen stürmisch begrüßt und nach jeder Programmnummer für feine virtuosen Leistungen — er spielte Bravourstücke von Beethoven, Bach und Spohr — mit lautem Beifall belohnt. In die Ehren des Abends durfte sich mit ihm Herr Ed. Reuß, ein vortrefflicher Pianist aus Karlsruhe, und Fräulein Johanna Dietz aus Frankfurt a. M., die früher für kurze Zeit unserer Hofoper angehörte, theiien. Großer Erfolg ist denn auch dem Wohl- thätigkeits-Concert zum Besten der Barmherzigen Schwestern am vergangenen Montag beschieden gewesen. Im vorigen Briefe habe ich Ihnen schon über Programm und Mitwirkende einige kurze Angaben gemacht, für heute bleibt nur noch daS volle Gelingen des schönen Unternehmens zu conftatiren. Sehr reichhaltig war der Mittwoch mit künstlerischen Darbietungen bedacht. Im Hoftheater sollte anfangs der „Vogelhändler" gegeben werden, doch noch in letzter Stunde mußte eine Repertoireänderung üorgenemmen werden. An die Stelle der faden Operette trat Mozarts Meisterwerk „Figaros Hochzeit", eine Vorstellung, die auch jedenfalls den festlichen Character des Tages — es war der Geburtstag der Frau Großfürstin SergiuS, die bekanntlich mit ihrem hohen Gemahl gegenwärtig zu Besuch hier weilt — mehr entsprach, als das dürftige Opus des Componisten Zelle. Gleichzeitig eröffnete der Darmstädter „Richard Wagner-Verein" feinen Winterfeldzug mit einem glanzvollen Concert unter Mitwirkung von Herrn Fritz Plank, der Frau Reuß-Belse von Karlsruhe und des Herrn Kammervirtuosen Hugo Becker aus Frankfurt a. M. Endlich fand an dem nämlichen Abend auch ein großes Concert zum Besten unserer neuen Johanniskirche statt, dem außer anderen Künstlern Frau Matz-Langs- dorf, früher in Gießen, ihre bewährte Mitwirkung zugesagt hatte. Die Dame hat sich durch ihre Leistungen die Gunst der Hörer mit einem Schlage erworben. Ihre prachtvolle Altstimme und die feine Vortragskunft erregten die allgemeine Bewunderung des zahlreichen Publikums und man darf nach diesem großen Erfolge mit Recht auf das von Frau Matz-
Langsdorf geplante Soloconcert gespannt fein. Die Künstlerin will nämlich, wie neulich schon kurz gemeldet, am Mittwoch den 8. November unter Mitwirkung von Frau Lilli Wolfs- kehl, der Herren Richard Müller und Reitz einen Concertabend veranstalten, der ohne Zweifel mit großem Interesse von den musikliebenden Kreisen unserer Stadt begrüßt werden wird. Ich werde Ihren Lesern über den Verlauf im nächsten Briefe genau Bericht erstatten. Erwähnt fei schließlich, daß für nächsten Montag auch der Mozart-Verein sein großes Eröffnungsconcert angefagt hat, auch hierfür ist ein erlesenes Programm aufgestellt worden. Dann wäre im heutigen Wochenbericht noch eines sehr interessanten Vortrags der Frau Löper-Housselle zu gedenken, die am Dienstag in der Aliceschule über die „Erziehung deS weiblichen Geschlechts zur Selbstständigkeit" sprach. Nach dem Preßbericht wurden die Ausführungen der Dame sehr beifällig ausgenommen.
Eine große Wohlthätigkeits-Veranstaltung ist vom Alice-Frauenverein für nächsten Samstag geplant. In den Räumen des städtischen Saalbaues soll eine Abendunterhaltung arrangirt werden, die manche Ueberraschung bringen dürfte. Man plant die Abhaltung eines Jabr- markies mit Verkaufsständen, Sehenswürdigkeiten aller Art. Auch an künstlerischen Genüssen soll es nicht fehlen, bewährte Kräfte unserer Hofbühne haben ihre Unterstützung zugesagt. — Man sieht, es geht eben recht lebhaft und luftig in der Residenz zu, eine gesellige Veranstaltung folgt auf die andere, und es ist nur erfreulich, daß das Interesse des Publikums für alle diese Dinge noch in keiner Weise nachgelassen hat. Allerdings mit dem Nahen der Weihnachtszeit wird es in den Concertsälen auch wieder stiller werden, doch stehen für die Zeit nach Neujahr noch zahlreiche Gastspiele und Concerte berühmter Kunftgrößen in Aussicht.
Das Ho ft Heater brachte in dieser Woche nur ältere Stücke zur Aufführung- für künftigen Dienstag wird jedoch das poesievolle altindische Schauspiel „Vasantasena" in der Bearbeitung von Pohl vorbereitet. Z.


