Ausgabe 
5.2.1893 Zweites Blatt
 
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Ur. 31 Zweite« Blatt

Sonntag den 5. Februar

1893

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Gießener Anzeiger

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Redaction, Expedttto» und Druckerei:

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Lterteljährifler >l6XHtm<Ht5|iretei 2 Mark 20 Pfg. mit Lringerlohn.

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OMItwet Anzeiger erscheint täglich, »it Ausnahme deS Montag».

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Annahme bob Anzeige» zu der Nachmittag» für bce salgenden leg erscheinenden Nummer bi» vor». 10 Ult.

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chratisbeikage: chießener Aamikienökätter.

Alle Lnnoacen-Bureaup de» In- und AuSlaade» nehm« Sazeigkn für den .Gießener Aazeiger" entgegen.

Amtlicher Theil.

Bekanntmachung,

betreffend Räudeverdacht bei der Schafherde zu Villingen.

Nachdem der bezüglich der Schafherde zu Villingen bestehende Näudeverdacht sich nicht bestätigt hat, haben wir die über diese Herde vorsorglich angeordneten Sperrmaßregeln wieder aufgehoben.

Gießen, den 3. Februar 1893.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

____ v. Gagern.

Bekanntmachung,

betreffend Schafräude zu Treis a. d. Lda.

Nachdem die zu Treis a. d. Lda. ausgebrochen gewesene Schafräude erloschen ist, haben wir die angeordneten Sperr' maßregeln wieder aufgehoben.

Gießen, den 3. Februar 1893.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

___________________v. Gagern.___________________

Bekanntmachung,

betreffend die Veranstaltung von Verloosungen innerhalb des Großherzogthums, hier Verloosung gelegentlich des Vieh- Marktes zu Lauterbach.

Der Stadtvorstand zu Lauterbach beabstchtigt, mit dem am 8. Juni l. I. daselbst stattstndenden Prämien- und Vieh- markte eine Verloosung von Vieh, sowie lsndwirthschaftlichen und HauSgeräthen abzuhalten. Das Gr. Ministerium des Innern und der Justiz hat die nachgesuchte Erlaubniß zur Veran­staltung dieser Verloosung unter der Bedingung ertheilt, daß nicht mehr als 8000 Loose zu 60 Pfg. das Stück auSgege- den werden dürfen und mindestens 65 % des Brutto-ErlöseS aus dem Verkauf der Loose zum Ankauf von Gewinngegen­ständen zu verwenden sind. Es ist zugleich der Vertrieb der Loose in der Provinz Oberheffen gestattet worden.

Gießen, den 3. Februar 1893.

Großherzogliches Kreisaml Gießen.

v. Gagern.

politische Wochenschau.

Gießen, 3. Februar 1893.

Die Verhandlungen deS Deutschen Reichstages in der verflossenen Woche förderten keinerlei Momente von irgendwie erheblicher Bedeutung zu Tage. Zuerst stand der Erat des

Reichsamtes des Innern auf der Tagesordnung, bei dessen Berathung nur Fragen von untergeordneter Wichtigkeit zur Sprache gelangten. Die darauf folgende Discussion über die conservativ-clericalen Anträge in Betreff der Abzahlungs- Leschäfte, der Wanderloger und des Hausirhandels vermochte noch weniger ihrem viel behandelten Gegenstände eine neue 1 Seite abzugewinnen. Um so interessanter gestalteten sich die Erörterungen der Budget- und Militärcommission. Die letztere beendigte am Samstag die Generaldicussion über die Miltärvorlage und trat sodann in eine Berathung ihrer finanziellen Grundlagen und Folgen ein. Nach lebhaften Debatten wurden schließlich zwei Anträge des Abgeordneten Eugen Richter angenommen, nach denen erstens eine Sub­commission die wirklichen Mehrkosten der neuen Militär Vorlage ermitteln und zweitens der Schatzsecretär eine genaue Ueber- sicht über diejenigen Ausgabesteigerungen vorlegen soll, welche ganz abgesehen von der Militärvorlage auf Grund bereits bestehender Gesetze oder Absichten bis zum Jahre 1900 sich ergeben werden und schätzungsweise einen Betrag von etwa 100 Millionen erreichen dürften. Was die Ansätze der­jenigen Mehrkosten anlangt, welche die neue Mllitärvorlage fordert, so glaubt Richter, daß die angesctzten Summen un- [ vollständig sind. Jnbesondere vermißte er jede Erhöhung der \ Kosten der Centralverwaltung für das Justizwesen, die Geist- j lichkeit, das Kassenwesen, die Intendantur, die Trainver- | waltung, das Gesängnißwesen und die bauliche Unterhaltung, j Auch die Vermehrung der Unteroffiziersprämien und das > Anwachsen der Ausgaben für die Untelstätzung der Familien } des Beurlaubtenstandes sind nicht berücksichtigt. Im Ganzen, : glaubt Richter, werden die wirklichen dauernden Mehrkosten nicht 64 Millionen, sondern etwa 80 Millionen jährlich be­tragen. Dazu kommen dann noch sehr erhebliche einmalige Ausgaben für die Kasernirung der neuen Truppenverstärkung, I deren Aufstellung in dem Regierungsentwurf fehlt. Nach Richters vorläufiger Schätzung belaufen sich diese Auf­wendungen auf rund 150 Millionen Mark, während der Regierungsvertreter Major Wachs 117 Millionen für aus­reichend erachtet. In der Budgetcommission sind ; an dem Etat der Marineoerwaltung ganz bedeutende Abstriche j mit großer Mehrheit vorgenommen worden. Gefordert waren > unter Anderem ein großes Panzerschiff zu 18 Millionen Mark, ' zwei Panzerfahrzeuge zu je 6t/2 Millionen, eine Kreuzer- ! korvette zu 5*/2 Millionen, zwei Kreuzer und zwei Aviso zn ' je 2 800 000, ein Torpedodivisionsboot für 900 000 und schließlich acht Torpedoboote zu je 470 000 Mark. Von der Commission wurde nur ein ganz geringer Bruchtheil der i Forderungen, nämlich ein Kreuzer, ein Aviso, ein Torpedo- ! divisionsboot und acht Torpedoboote, al^o nur der fünfte

Theil der im Ganzen geforderten 52 Millionen Mark be« willigt. Entscheidend für die Mehrheit war die Erwägung, daß ganz umfassende Neubauten von Schiffen bereits kürzlich beendet oder in Angriff genommen sind und also ein augen­blickliches Bedülfniß nicht vorliegt, außerdem aber bei gleich­zeitiger Vornahme des Neubaues mehrerer Kriegsschiffe die Möglichkeit schwindet, die rapiden Fortschritte der Schiffsbau- technik zu verwerthen. Schon jetzt kommt es fort und fort vor, daß sich bereits während des Baues von Kriegsschiffen herausstellt, daß ihre Conftruction in dem einen ober anderen Punkt veraltet ist und im besten Falle, d. h. wenn eine Abänderung überhaupt nach möglich ist, eine unvorhergesehene Ausgabenerhöhung nicht umgangen werden kann. Auch die Erklärung des Admirals Holl mann, daß die Marine­verwaltung im Einverständniß mit dem Bundesrathe die Erbauung von fünf neuen Panzerschiffen zu fordern be­absichtige, bestimmte die Commissionsmitglieder, den Forde­rungen des vorgelegten Etats mit großer Entschiedenheit entgegenzutreten. Denn wenn die neuen Flottengründungs­pläne Fleisch und Blut gewinnen, so entsteht in dem nächsten Jahre eine neue Steigerung des Ausgabeetats der Marine um rund 100 Millionen Mark. Aus anderen Gründen wurde die wiederholte Forderung von 17 Millionen Mark für den Bau zweier Trockendocks in Kiel zurückgewiesen. Es sind nämlich schon jetzt in Kiel und Wilhelmshaven solche in ge­nügender Anzahl vorhanden, zu denen demnächst zwei weitere in Cuxhaven und Bremerhaven kommen werden.

Im preußischen Abgeorduetenhause hat die Berathung des Etats ihren Fortgang genommen. In einer interessanten Debatte gab Abgeordneter Graf von Limburg-Stirum die Veranlassung, indem er dem Minister darüber Vorwürfe machte, daß er das Eintreten des Friedeberger Landrathes für Ahlwardt öffentlich gerügt habe. Darauf erklärte der Minister, daß dies nicht allein nicht gehörig war für einen an der Spitze des Kreises stehenden Mann, für die Wahl eines solchen Candidaten einzutrcten, sondern daß sogar die Regierung die Pflicht hatte, dem entgegenzutreten. Man solle sich nur ein Mal vergegenwärtigen,was von diesem Manne gegen die Staatsregierung, gegen die Armee, gegen die gejammte Staatsverwaltung an Pamphleten veröffent­licht war."

In Italien hat das Ministerium Giolitti, welches wegen der zu Tage gekommenen Unregelmäßigkeiten an der banca Romona namentlich von Colajanni lebhaft angegriffen worden war, seine Stellung wiederum befestigt und durch die Ver­tagung der Berathung des Vortrags auf Einsetzung einer parlamentarischen Commission zur Untersuchung der Bank- verhältnisse Zeit gewonnen, diese Untersuchung selbst durch-

Leriilleton.

Buridans Esel.

Humoreske von Jul. Bruck.

(Nachdruck verboten.)

Herr Heinrich Schubert, der Adlerwirth, stand unter Den jungen Männern eines im sächsischen Erzgebirge belegenen Städtchens obenan. Er lebte in dürftigen Verhältnissen, war aber eine so stattliche Erscheinung, daß man ihn allgemein den schönen Schubert nannte. Dies geschah nicht nur, um ihn gebührend auszuzeichnen, sondern auch, um seinem ebenso eitlen wie häßlichen Onkel, dem Apotheker Hermann Schubert, der keinem Menschen etwas Gutes gönnte, eine empfindliche Kränkung zuzufügen.

Den Mangel an GlückSgütern hätte der junge Adler- wirth vielleicht verschmerzen können, obwohl er ihn sehr be­klagte- aber ihm fehlte auch das Allernothwendigste: eine zur tüchtigen Hausfrau erzogene Lebensgefährtin. Schon seit Jahren ging er auf Freiersfüßen, doch die Qual der Wahl wollte kein Ende nehmen, denn unablässig umschwärmten ihn die heirathslustigen Damen. Liebenswürdig waren sie alle, und stets gab es wenigstens zwei, für deren eine er sich ent­scheiden zu müssen glaubte. Dann aber war er rath- und that- los, und sehrzutreffend verglich ihn sein Onkel mit Buridans E el, der zwischen den beiden gleich begehrenswerthen Heu­bündeln verhungerte.

Erst das dritte Stiftungsfest des von ihm gegründeten KegelclubsGut Holz" schien seiner Unentschlossenheit den Garaus machen zu wollen. Da huldigte er einer hübschen Blondine und nur ihr allein, obschon ihn wieder eine so be­trächtliche Schaar anmuthiger Mädchen umringte, daß der Preiskegler, Stadtpoet und Zuckerbäcker Matschte, ohne lieber; treibung sagen durfte:Na, da Ham mer ja die Acht um Den König!"

Das sollte ein Witz sein, war aber ein Stoßseufzer der Eifersucht, denn Herr Fridolin Matschte, der trotz seiner sünfundvierzig Jahre noch immer in den Reihen der Jung­gesellen parabirte, wollte sich endlich auch betreiben und hatte es just auf die vom Adlerwirth bevorzugte Schöne abgesehen.

Alles an ihr entzückte ihn, sogar ihr Name, denn sie hikß Laura, und dachte er auch zu gering von sich, um mit Petrarca und Schiller concurriren zu wollen, so durste er doch als der einzige Dichter inmitten einer Bevölkerung von zweitausend prosaischen Seelen eine Laura, die seine Laura war, nicht unbesungen lassen.

Früh verwaist, stand sie nunmehr unter der Obhut einer in Chemnitz wohnenden Tante, mit der sie bjr vierzehn Tagen ins Städtchen gekommen war, um ihrer hier verheirateten Schwester einen längeren Besuch abzustatten. Eine Rivalin der ortsansässigen Ehecandibatinnen zu werden, beabsichtigte sie nicht, da sie schon daheim einem etwas windschiefen, aber höchst respectablen Bankbuchhalter so halb und halb das Ja­wort gegeben hatte. Geradezu widerwärtig waren ihr daher die auf verrenkten Versfüßen anrücfenben Complimenle des lyrischen Zuckerbäckers, der selbst in seinen nächtlichen Träumen nur ihrer gedachte. Dann wähnte er ihr holdes, im Kusse sich ihm zuneigendes Antlitz und den von ihren weichen Patsch­händchen ihm dargereichten Lorbeerkranz zu schauen. Doch das waren Phantasiegebilde. In der Wirklichkeit sah die Sache ganz anders aus. Da spottete Laura feiner Herzens- noth, und je hitziger er mit selbstfabrizirten Reimen, Bonbons und Cremetörtchen auf sie einstürmte, desto kühler wandte sie ihm den Rücken zu.

Auch die Liebesschwüre des Adlerwirths hörte sie anfäng­lich nur ungern. Doch bald stellte sie Vergleiche zwischen ihm und ihrem Chemnitzer Verehrer an, betrachtete ihn mit sorg­lich prüfendem Blicke und sah, daß er schön war. Er aber wurde jetzt ruhiger, begann zu calculiren und im Hand­

umdrehen kam Buridans Esel wieder zum Vorschein. Die arme Laura erhielt nämlich keine Mitgift und hatte vor dem Tode ihrer Tante auch keine Erbschaft zu erwarten. Dieser Gedanke quälte den schönen Schubert, denn seine Angebetete war eines jener zarten, ätherischen Wesen, deren Aufenthalt im irdischen Ja-rmerthal von kurzer Dauer zu fein pflegt, während Tante Linchen sich einer kraftstrotzenden Gesundheit erfreute und mit ihren siebenunddreißig Jahren noch immer im Frühsommer eines offenbar ungewöhnlich zähen Lebens stand. Dabei war sie eine kinderlose und unternehmungs­lustige Wittwc, die nicht verblühen wollte, ohne einen zweiten Gatten mit ihren tausend Tugenden und Reizen beglückt zu haben.

Der Adlerwirth, den sie mit Liebesblicken dombardirte, gerieth in Verlegenheit. Zwar mißfiel ihm ihre Corpulenz, da er allen Ernstes der Meinung war, daß man sich auf der Wanderung durchs Leben ebenso wenig wie auf allen anderen Reisen mit Uebergewicht beschleppen dürfe, doch die hübschen, zugkräftigen Goldfüchslein hatten es ihm nun einmal an- gethan. Tantchens zahlungsfähige Moral und Lauras un­bemittelte Schönheit waren jetzt die beiden Heubündel, die fein abermaliges Hin- und Herschwanken verschuldeten.

Wäre fein Onkel, der einem Vierteldutzend erwachsener Töchter eine annehmbare Stiefmama zuzuführen wünschte, der reichen Wittwe 'ferngeblieben, so hätte er vielleicht ohne Säumen die arme Laura gewählt. Aber einem so hämischen, nichtsnutzigen Menschen mußte er doch einen Strich durch die Rechnung machen. Er attachirte sich also mit stetig zu­nehmender Innigkeit an Tante Linchen. Das sahen alle; auch Laura bemerkte es, sie aber dachte sich dabei nichts Schlimmes,- wähnte sie doch, daß es nur ihr zu Liebe ge­schehe und nichts anderes als ein eifriges Werben -um den pflegemütterlichen Segen sei.

Sie freute sich daher auch nicht, als ihre Nebenbuhlerin, deren mit der Führung des Haushalts betrautes Dienst«