Ausgabe 
3.9.1893 Erstes Blatt
 
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Nr. 2V7. Erstes Blatt. Sonntag den 3, September IMS

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Siebener Anzeiger

Kenerak-Ht'nzeiger.

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Amts- und Anzeigeblatt ffir den Kreis Gieren.

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Hratisöeikage: chießener Kamikienötätter.

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Amtlicher Theil.

Gefunden: 1 gold. Armband, 1 gold. Brosche, 1 Hut« nabel, 2 Zwicker, 1 Notizbuch, 2 Taschentücher, 1 Strohhut, 1 Paar Kinderschuhe, 2 Wagenkapseln, 2 Wagenrungen, 1 Blech mit der Nr. 4, 1 Karte von Deutschland, 1 Schirm unb 1 Stück blaues Leinen.

Gießen, ben 2. September 1893. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

I. 93.: Roth.

Deutsches Reich.

Berlin, 31. August. Die Meldung, daß Kaiser Wilhelm in Coburg mit dem Fürsten Ferdinand von Bulgarien freundschaftlichst verkehrt habe, scheint sich gegenüber der anderweitigen Nachricht, wonach zwischen den beiden Monarchen keinerlei persönliche Berührung statlgefunden lbaben soll, doch zu bestätigen. Sollte sich diese Meldung von der behaupteten Unterredung deS Deutschen Kaisers mit Lem Bulgarenfürsten bestätigen, so würde man es mit einem iimmerhin bemerkenswerthen Vorgänge zu thun haben. Jeden« tzalls könnte durch denselben die noch immer schwierige und heikle internationale Stellung deS Fürsten Ferdinand nur eine Stärkung erfahren. Sehr auffällig bleibt es, daß bet t>er Trauerfeier in Coburg kein Vertreter des Czaren zu­gegen war, ein Mangel an Rücksicht, der sich kaum anders »als durch den nachhaltigen Haß des Czaren gegen den jetzigen Inhaber deS bulgarischen ThroneS erklären läßt.

Berlin, 31. August. Zum deutsch-russischenZoll« lkriege schreibt die ^Kreuz-Zeitung": Mit großer Genug- chuung haben auf dem sogen. Internationalen Getreide- und Saatenmarkt in Wien die. Jnteresienten des österreichisch- russischen Getreidehandels die Meldung vernommen, daß deutsche Getreidefirmen russisches Getreide nach Oesterreich- Ungarn beziehen und statt dessen österreichisch ungarisches Ge­treide nach Deutschland auSsühren wollen. Wir haben wieder­holt auf die Möglichkeit dieser Manipulation hingewiesen, während andere Blätter mit Hilfe von allerlei Berechnungen glauben machen wollten, daß derartige Geschäfte keinen Ge­

winn verheißen und daher nicht in Frage kommen könnten. Es handelt sich hier offenbar um eine Umgehung der deutschen Zollkriegsmaßnahmen. Rußland wird in die Lage versetzt, seine großen Getreidebestände, wenngleich um gedrückte Preise, abzustoßen; es kann mit Hilfe der ermäßigten Eisenbahntarife seine Ausfuhr Deutschland zum Trotz und zum Schaden be­haupten und blS zu einem gereiften Grade die üblen Folgen des Zollkrieges überwinden. Bei dem Character des inter­nationalen Getreidehandels ist überdies anzunehmen, daß man auch den Ursprungsnachweis zu umgehen versuchen und außer­dem nach Deutschland massenhaft Mehl als österreichisch- ungarisches Erzeugniß ausführen wird, welches in Oesterreich- Ungarn auS russischem Korn hergestellt worden ist. Wir lenken die Aufmerksamkeit der maßgebenden Kreise von Neuem aus diese Manipulationen, weil sie, wenn sie in der That durchgeführt werden sollten, geeignet sind, die Stellung Deutschlands im Zollkriege zu schwächen.

Zur Anwesenheit des italienischen Kron­prinzen bei den deutschen Feldübungen wird der Voss. Ztg." auS Paris gemeldet: Der italienische Bot­schafter Reßmann trat gestern einen regelmäßigen Urlaub an, tote derGaulois" meint, weil er eS nicht ertragen könne, den Prinzen von Neapel in Metz zu wissen. Auch von anderen Blättern wird diese Abreise ausgebeutet und die Lage ReßmannS als schwierig dargestellt. Wie dasJournal" versichert, wäre auch die Rückkehr Billots in den Palazzo Farnese sehr zweifelhaft geworden. Im Uebrigen äußert sich ! die stark anwachsende Erregung über die Anwesenheit deS italienischen Thronfolgers in Metz vorerst noch in heftigen Erinnerungen an 1859. Zur Schmähung ist erst Charles Laurent geschritten, der in einem Leitartikel alle physiologischen Merkmale aufzählt, die das Haus Savoyen als untergehende, moralisch verkrüppelte Rasse kennzeichnen sollen.

Straßburg, 1. September. Der Bürgermeister macht bekannt, daß der Kaiser die Einladung der Stadt zu einem Ehrentrunk auf dem Rathhause unter Hinweis auf die Kürze der Zeit, die Folge der getroffenen Manöveranordnungen, huldvoll abgelehnt bat. Nunmehr wird die Begrüßung bei der Rückkehr vom Paradefelde durch den Bürgermeister und den Gemeinderath in feierlicher Weise auf dem Broglieplatze vor dem Rathhause stattfinden. Das vom Statthalter und

dem commanbirenben General angebotene Frühstück ist gleich­falls wegen Mangels an Zeit abgelehnt worben.

Neueste lladtricbtcit.

Wolffs telegraphisches Korrespondenz - Bureau.

Berlin, 1. September. DerReichsanzeiger" veröffent­licht eine Bekanntmachung über bie Kündigung bes zwi­schen Deutschland und Italien einerseits unb der Schweiz andrerseits am 25. Juli 1873 zur Ausführung des Auslieserungsvertrags zwischen dem Reich und Italien vom 31. October 1871 getroffenen Abkommens. Das Ab­kommen ist am 23. August außer Kraft getreten.

Berlin, 1. September. DerReichsanzeiger" veröffent­licht eine große Zahl Ordensverleihungen aus Anlaß der Anwesenheit des Kaisers in der Rheinprovinz.

Berlin, 1. September. DerPost" zufolge wirb ber Reichs kanzl er nach ben Kaisermanövern einen Tag nach Berlin kommen unb sich sodann zur Kur nach Karlsbad begeben.

Berlin, 1. September. DerReichsanzeiger" veröffent­licht eine Polizeiverordnung des Oberpräsidenten der Provinz West Preußen über Maßnahmen zur Verhütung der Ein­schleppung der Cholera durch den Flößereiverkehr auf der Weichsel.

Berlin, 1. September. Zur Cholera in Berlin ist heute zu melden, daß der Instrumentenmacher Baumgart aus der Hirtenstraße, der sich allem Anscheine nach durch Wasser- schlucken beim Baden in ber Spree bie Cholera geholt hat, im Krankenhause Moabit gestorben ist. Es ist bies ber vierte Tobesfall, ben die Cholera in diesem Jahre in Berlin ge­fordert hat.

Depeschen des BureauHerold".

Berlin, 1. September. Wie dieStaatsbürgerzeitung" von angeblich zuverlässiger Seite erfährt, wurde die Unter­suchung gegenBuschoff wieder ausgenommen. Zu näheren Ermittelungen wurde ein Crimlnalcommissar an den Thatort gesandt.

Berlin, 1. September. DerNordd. Allg. Ztg." zu­folge ist die von Premierlieutenant von Stetten gebildete, in daS Hinterland von Kamerun entsendete Expedition an

Feuilleton.

I m B u « r t i e r.

Ein Manöoecbild. Von Dr. Heskel.

(Nachdruck verboten.)

Das war eine herrliche Biwack - Nacht! Statt deS chronischen Landregens, der uns treu durch das Manöver begleitet hatte, regnete es heute einmal Strippen, Bindfaden, Schiffstaue. Sämmtliche Trinkvorräthe des Marketenders waren erschöpft und so lagen wir denn äußerst mißgestimmt um daS Feuer herum; die Sohlen verbrannten fast und am Oberkörper fror man wie ein Betteljunge im Winter. Natür­lich durften wir die Mäntel erst anziehen, nachdem wir voll­ständig bis auf die Haut durchnäßt waren, was auch nicht gerade zur Verbesserung der Situation beitrug. Einige versuchten zu schlafen, Andere rauchten krampfhaft, wobei allerdings die meiste Zeit damit verbracht wurde, immer von Neuem die feuchten Cigarren und den naffen Tabak anzu- zünden. Da ertönte außerhalb des dünnen zum Schutze gegen den Wind errichteten Strohzaunes ein leiser Pfiff. Vergeb­lich versuchte ich die tiefe Finsterniß zu durchdringen, um den draußen Stehenden zu erkennen. Da klang leise das Signal: Langsam avanciren! Kurz entschlossen stand ich auf, um zu sehen, was denn eigentlich der sonderbare Nachtwandler wünschte.Was gibts?" fragte ich den schwarzen Schatten draußen.Ah, das ist prächtig, Sie sind's ja selbst!" ant­wortete der Schatten leise.Donnerwetter," fluchte ich,ich bin immer ich selbst! Was wollen Sie von mir?"Ruhig," mahnte die Stimme,ich bin es, Unteroffizier v. M., hier ist eine Flasche Rothwein als Dank für ben Cognac, ben Sie mir gestern abgelaffen haben. Aber schlagen Sie nach­her bie Flasche kürz unb klein, damit Niemand das Etikett erkennen kann- ich habe die Buddel nämlich nur soweg­gefunden" !" Damit entfernte er sich leise lachend. Da stand ich-denn mit einer guten Flasche Rothspohn in der Hand und dankte Gott und meinem alten Schulkameraden für die unerwartete Gabe. Daß ich ein so wichtiges Möbel wie den Korkzieher in der Tasche hatte, versteht sich von selbst, und so that ich denn einen langen, tiefen Zug, dann füllte ich meine Feldflasche mit dem edlen Naß unb vertheilte enblich den Rest unter die anderen Einjährigen. Erwärmt unb ge­

stärkt schlief ich ein. Am anberen Tage hatten wir eine furchtbare Schlacht zu bestehen. Zu Hunderten stürzten die Unserigen, indem sie durch bas Kartoffelkraut ober über Kohl- strünke stolperten. Natürlich hatten wir gesiegt. Wir hatten nur einen ganz kleinen Marsch von 28 Kilometer zu machen unb ba langten wir benn enblich hunbemübe unb pudelnaß in unseren Quartieren an. Einige tausend Male habe ich schon in ber Literatur bie Unterschrift von DantesInferno" citirt gefunben, nirgenbs aber paßte sie besser als hier.Chentrale, lascriate ogei speranza, auf deutsch:Ihr armen Soldaten, bie Ihr hier ins Quartier kommt, laßt bie Hoffnung auf gute Verpflegung, ein gutes Bett unb ähnliche Luxusartikel nur ruhig braußen!" Den Namen bieses Dorfes werde ich mein Leben lang nicht vergessen- aus Gründen aber, die dem Leser nachher klar werben bürsten, will ich ihn verschweigen. Die Quartierzettel waren vertheilt, wir suchten unb sanben bie Villa, welche uns einen unb einen halben Tag beherbergen sollte.Vierte Form ohne Zulagen",Dunkelarrest auf Latten, jeben britten Tag warmes Essen," bas waren bie Urtheile über unser neues Heim. Es war eine elende Lehm­bube, obenein noch in ber Mitte getheilt, denn mein Wirth war nur ein Halb-Kossäth. Wir lagenmit Menage", bas heißt, am Morgen hatten bie vorausgeeilten Fouriere bie entsprechenben Lebensrnittel, Reis, Fleisch, Brob u. s. w., an die einzelnen Quartiergeber vertheilt. Unsere Wirthin hatte alles, was sie empfangen hatte, in ben großen, über bem Feuer hängenden Kessel geworfen, hatte au6 ihrem Gärtchen ein Paar faustgroße Zwiebeln geholt, diese in die ganze Masse hineingeschnitten und hatte das Essen kochen kaffen, bis wir kamen. Nun muß ich gestehen, baß ich an einer eigentümlichen Idiosyncrasie leibe, nämlich, baß ber bloße Geruch von Zwiebeln auf mich wie ber Genuß eines kräf­tigen Brechmittels wirkt. Auch in diesem Falle spürte ich denn die ominösen Magenumdrehungen sehr bald unb rettete mich schleunigst ins Freie. Da saß ich nun unb kaute wüthenb an einem Stück trockenen KommisbrobeS herum, toäbrenb mein glücklicherer Putzer mit aller Seelenruhe bie hoppelte Portion auslöffelte. In bem elenben Dorfkruge, ben ber SolbatenwitzGasthof zum Garde-Stern" getauft hatte, gab es nichts als elenben Kartoffelschnaps in lang- halsigen Flaschen, keine Butter, fein Schmalz, kein Ei, kein Huhn, alles war von dem Alexander Regiment, welches

erst wenige Minuten vor unserem Einrücken ausgerückt war, total audfouragirt worden. So fanden wir denn die warmen Nester, aber leer. Abgespannt und hungrig fragte ich nach unserer Schlafstelle. Auch das noch! Schlechtes beschmutztes Stroh lag zerstreut auf dem Bodenraum, dessen Seitenwände auf allen Ecken und Enden handbrette, armlange Spalten zeigten, durch welche der Wind ein- und auspfiff- das schad­hafte Dach schützte nicht einmal überall vor Regen, und so mußten wir zweimal in ber Nacht das Lager verändern, unf nicht vollständig durchnäßt zu werden. Aber auch dieses Jammertage gingen vorüber unb wir hatten die Genugthuung, an dem Dorfoberhaupt, bem Schulzen, gerächt zu werden. In bem Schornsteine dieses Biedermannes hatte einfindiger" Grenadier zwei prachtvolle geräucherte Speckseiten entdeckt. Sofort bestürmten alle den Bauern, ihnen doch etwas Speck zu verkaufen, umsonst. Der hartnäckige, böswillige Schulze ließ sich nicht bewegen- die Offiziere, der Hauptmann baten ihn, er blieb bei seinemNein". Am frühen Morgen, als wir auSrückten, erhielt Jeder von unbekannter Hand heimlich ein ganz gehöriges Stück gut durchwachsenen Speck. Lustig marschirten wir weiter, sangen muntere Lieder und waren guter Dinge. Es gab einen kleinen Aufenthalt, und als eS weiterging, kam Lieutenant v. Schl, zu mir und sagte:so­eben hat der Major befohlen, daß wir in einer Stunde daS große Rendezvous machen. Dabei werden die Tornister unb Feldkeffel revibirt, ob Jemanb Speck bei sich hlt. Der Dorf­schulze hat gemelbet, baß ihm zwei ganze Speckseiten gestohlen sinb. Aber sagen Sie ben Leuten nichts davon!" Damit ging er. Nun, ich Habe den Befehl wahrscheinlich richtig ver­standen, denn eine Viertelstunde daraus kaute die ganze Com­pagnie wie auf Commando, und als wirklich beim Rendezvous ber geprellte Bauer erschien unb bas Gepäck revibirt wurde, fand sich natürlich kein Krümchen Speck vor. Der schäbige Kerl bekam vielmehr vom Major noch einige Grobheiten wegen Verleumdung anständiger Soldaten zu hören. Sehen Sie mal, Herr Major, wie schön die Gewehrkolbtn bei meiner Compagnie glänzen," sagte eine Stunde später unserAlter" auf dem Marsche zu bem Bataillons Corn- manbeur.Wie mit Speck abgerieben," antwortete dieser, und schmunzelnd ritten sie weiter.