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Nr. 153 Drittes Blatt. Sonntag den 3. Juli

1893

Der Akßttsr A«,elß«r «scheint täglich, «it Ausnahme deS Montags.

Die Gießener

»«den dem Anzeig« »-chentlich dreimal dechelegt.

Gießener Anzeiger

Generat-Itnzeiger.

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Aints- und Anzeigeblntt für den ILveis Gieren.

Gießen, den 30. Juni 1893.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Großh. Bürgermeistereien Hungen, Langd, Rodheim, Steinheim, Rabertshausen, Inheiden, Trais-Horloff, Utphe.

Unter Bezugnahme auf vorstehende Bekanntmachung beauftragen wir Sie, die für Ihre Gemeinden in Betracht kommende Bestellung in ortsüblicher Weise verkündigen zu lasten.

v. Gagern.

Bekanntmachung.

Georg Schneider, Gensdarm i. P., in Gießen ist als Mobiliartaxator heute von uns ernannt und verpflichtet worden, was hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht wird.

Gießen, den 28. Juni 1893.

Großherzogliches Amtsgericht. Fresenius.

Gesunden: 1 Regenschirm, 1 Zirkel, 2 Paar und 1 einzelner Handschuh, 2 Rechen, 1 Chaisenkapsel, 1 Ge­wichtsstein, 1 Thermometer, 1 goldener Manschettenknopf und 1 goldenes Kreuzchen.

Gießen, 1. Juli 1893.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen: Fresenius.

SÄiÄnMS wZ | Gratisbeilage: Gießener Aamikienökätter.

Alle Annoncen-Bureaux deS In« und LuSlandrS nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Amtliche» Theil.

Bekanntmachung.

Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die nach dem Milzbrandreglement den Thierärzten zu­gewiesenen, sowie die nach § 8 der Fleischbeschau-Ordnung dem beamteten Thierarzt zukommenden Befugniße für die Orte Hungen, Langd, Rodheim, Steinheim, Raberts­hausen, Inheiden, Trais-Horloff, Utphe, neben dem Grohh. Kreisveterinärarzt Schmidt in Nidda dem practischen Thierarzt Spring in Hungen übertragen worden sind.

Gießen, den 30. Juni 1893.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Wies eck, den 30. Juni 1893.

Betr.: Den Gang des Dekanatsboten.

Das Großh.evangelischeDecanat Gießen

an die evang. Psarrämter des Decanats.

Es wird Ihnen zur Kenntniß gebracht, daß besonderer Verhältniste halber der nächste Gang des Decanatsboten erst am 10. und 12. Juli stattftnden kann.

Wahl.

politifdye Wochenschau.

Gießen, 1. Juli 1893.

Die Ergebnisse der Reichstagswahlen stehen nunmehr fest Die Gewinne und Verluste der einzelnen Parteien an Retchstagssitzen ergeben sich aus folgender Zusammenstellung:

189093

Conservative .... 67

Freiconservative... 18

Nationalliberale ... 42

Antisemiten . . . K 5

Socialisten .... 36

Deutschhannoveraner . 4

Polen...... 16

Elsässer..... 10

Däne...... 1

Freisinnige Volkspartei |

Freisinnige Vereinigung |

Süddeutsche Volkspartei 10

Centrum.....111

1893 Gewinn bezw. Verlust

74

+

7

24

+

6

50

+

8

17

+

12

44

+

8

7

+

3

19

+

3

10

0 ,

1

0

24 | oo

14 r8

29

11

+

1

96

15

DieWilden" haben wir bei dieser Zusammenstellung außer Betracht gelassen. Sie ergiebt, daß (bei Einrechnung der Wilden nach Abzug der Doppelmandate) 189 unbedingte Gegner und 172 unbedingte Anhänger der Militärvor­lage gewählt sind. Die Entscheidung ruht demnach bei den 19 Polen,. 10 Böckel'schen Antisemiten und 4 Mitgliedern der freisinnigen Vereinigung, die ihre Stellung zur Militär­vorlage noch nicht hinreichend präzisirr haben. Zieht man die Gesammtstimmenzahl der einzelnen Parteien in Rech­nung, so ergiebt sich nach den Mittheilungen eines osficiösen Blattes, daß die Gegner der Vorlage ungefähr 200,000 Stimmen mehr erhalten haben als ihre Freunde. Im Ganzen haben von den mehr als 10,000,000 Wahlberechtigten

etwa 7,400,000 ihr Wahlrecht ausgeübt. Davon haben die Conservativen, Mittelparteien, freisinnige Vereinigung, katho­lischen Candidaten für den Antrag Huene, Polen, Antisemiten und Wilde zusammen 3,600,000 Stimmen erhalten. Der Opposition sind also rund 3,800,000 Stimmen zugefallen. Verloren haben, soviel bis jetzt feststeht, die Nationalliberalen 210,000 und die Freiconservativen 100,000 Stimmen, ge­wonnen dagegen die Antisemiten 240,000, die Conservativen 90,000 und die Socialisten 290,000 Stimmen. Die Ge- sammtzahl der freisinnigen Stimmen scheint demnach nicht er­heblich hinter der 1890 erzielten zurückgeblieben zu sein. Die Gewinne der Socialisten sind nicht so bedeutend, wie man vor den Wahlen auf ihrer Seite durchweg gehofft und auf der Gegenseite vielfach befürchtet hatte. Die Erreichung der zweiten Million hatte man allseitig ins Auge gefaßt. Es ist indessen schon jetzt sicher, daß die erlangte Stimmen­zahl um 2300,000 Stimmen hinter dem erstrebten Ziele zurückbleibt. Noch überraschender ist der geringe Gewinn von Reichstagsmandaten, den die Socialisten zu verzeichnen haben. Bei den Stichwahlen hat sich eben die ost gemachte Erfahrung von Neuem bestätigt, daß die Socialisten in der Regel nur im ersten Wahlgange Erfolge erzielen, weil sie beim zweiten so ziemlich von allen nichtsocialistischen Parteien als das größere Nebel" angesehen werden. Unter diesen Umständen sind die Vorstöße der Socialisten gegen die freisinnige Volkspartei nicht der Opposition, sondern der Regierung zu Gute gekommen. In 7 Wahl­kreisen hat die Socialdemokratie die freisinnige Volkspartei aus der Stichwahl verdrängt und sich selber in dieser nicht zu behaupten vermocht, während der Candidat der frei­sinnigen Volkspartei, ein Mal in die Stichwahl gelangt, mit Hilfe der Socialisten wahrscheinlich gesiegt hätte. In anderen (etwa 9) Wahlkreisen hat das Anwachsen der Socialisten auf Kosten der Freisinnigen es überhaupt verhindert, daß irgend ein Gegner der Militärvorlage auch nur in die Stichwahl gelangt ist. Von den Siegen der Socialisten sind nicht weniger als 9 gegen die Volkspartei errungen worden. Aller­dings hat die Socialdemokratie den Freunden der Militär­vorlage 6 Sitze abgenommen, dafür aber auch wieder 6 Sitze an diese verloren. Kurz das Vordringen der Socialisten hat nicht eine Stärkung, sondern eine Schwächung der Gegner der Mtlitärvorlage bewirkt.

In Preußen hat der Landtag kürzlich seine Sitzungen wieder ausgenommen. Das Abgeordnetenhaus hat das Wahlgesetz in dritter Lesung angenommen und über die

FeuiHeton.

Briefe aus Chicago.

(Von unserem Correspondenten.)

(Nachdruck verboten.)

Ich bin ein Mensch, deßhalb ist mir nichts Menschliches fremd.

I.

E. Wer je das Glück -gehabt, nach längerer Seefahrt in mondheller Frühlingsnacht im Hafen von Newyork ein­zufahren, wird den Zauber einer solchen Stunde nie ver­gessen ! Da liegt Amerika vor dem geblendeten Auge wie ein Feenland, zu dem der Weg durch Sturm und Sonnen­schein über das ewige Meer gleitet, da winken tausend und abertausend Lichter vom Ufer herüber und die Statue der Freiheit grüßt mit ihrem fernhin sichtbaren blauen Lichtglanz das unhörbar dahingleitende Schiff. Im Osten dehnt sich das herrliche unendliche Meer, aus dem die Sonne all­morgendlich jung und neu emporsteigt, im Westen aber liegt, zuerst blos als schwarzer Streifen erkennbar, die gewaltigste Stadt der Neuen Welt, ein staunenswerthes Kunstwerk mensch­lichen Fleißes: Newyork! Wenn dann der Tag zu grauen beginnt, die Farben am Ufer sichtbar werden und die Stadt langsam näher und näher kommt, wenn zwischen hellgrünem Laub die ersten Häuser hervorblicken und sich eine reizende Landschaft dem Auge erschließt, dann begreift man wohl, daß dieser Hafen mit Recht der schönste der neuen Welt genannt werden konnte. Es ist das wundervolle Portal, durch welches man in die gewaltigen Staaten Nord-Amerikas eintritt.

Als Nikolaus Lenau von seiner Amerikareise müde und enttäuscht es sind genau fünfzig Jahre in diesem Monat wieder in Bremen eintraf, nannte er die Neue Welt, in die er ein Jahr zuvor mit so viel Hoffnung und Erwartung ausgezogen,ein Land voll träumerischen Trugs". Er würde nicht dasselbe sagen, wenn er heute dieses Land Wiedersehen könnte. Das Träumerische ist nicht mehr zu finden, der Trug aber ist geblieben.

Oder doch! Auch das Träumerische hat hier noch eine Heimstätte! Wer seine Schritte abseits von den großen Völkerstraßen lenkt, wer die duftigen Prärien, die schatten- dunkelen Wälder aufsucht, wer in todtenstiller Nacht über die tiefen stillen Ströme oder die großen Seen hinfährt und dem geheimnißvollen Rauschen der Wasser lauscht, der wird auch hier jenen Frieden fühlen,, der die Natur in ihren ruhigen Stunden immer umgiebt, und er wird die Stille zweifach fühlen, wenn er sich der riesenhaften amerikanischen Städte und ihres betäubenden Lärms erinnert.

Was wir in Deutschland von Nord-Amerika wisten, ist eine unklare Vorstellung von großen Städten mit thurmhohen Häusern, wo die Menschen dem Dollar nachjagen, wo Mord, Raub und Todtschlag eine ebenso alltägliche Sache sind, wie Eisenbahnunglücke, Häusereinstürze oder große Brände. Die Amerikaner, die immer blind für ihr Land sind, finden alles großartig, was in geringster Beziehung zu Amerika steht, und es ist die Schuld ihrer etwas ungebildeten Großsprecherei, wenn der stillerdenkende Deutsche bei seiner ersten Bekannt­schaft mit den Vereinigten Staaten mit einem starken Gefühl von Enttäuschung findet, daß hier auch nur mit Wasser ge­kocht wird. Allerdings redet der Amerikaner nur von seinen mächtigen Städten, seinem grenzenlosen Handel und Verkehr, fast nie aber spricht er von der Schönheit der Natur in seinem Lande, nie erzählt er vom Schmutze seiner Straßen, von der Unsicherheit seiner Eisenbahnen, Schiffe und Hotels, oder den vielen unfertigen Dingen, welche Amerika in er­schreckender Menge aufzuweisen hat und die nur durch seine Jugend einigermaßen zu entschuldigen sind.

Der Fremde, welcher die Vereinigten Staaten zum ersten Male betritt, muß sich bald daran gewöhnen, mit großen Ver­hältnissen zu rechnen, fünfmal so viel Schmutz und Staub zu finden, als in Mitteleuropa, und bald von unausstehlicher Langeweile, bald von gewaltigen, hinreißenden Scenen um­geben zu sein. Er muß sich auch daran gewöhnen, hundert­mal täglich rücksichtslos behandelt und zweihundertmal aus­gelacht zu werden, denn das Land, in welchem er sich befindet, ist in erster Linie das Land der Parvenüs. Kein Staat

der Erde hat ein so großes, alles durchdringendes Parvenu- thum aufzuweisen, wie die mächtigen Städte Nord-Amerikas, und daraus erklärt sich vieles. Der Parvenü, da er eben in so großer Anzahl auftritt, kann sich hier weniger verleugnen als anderswo: die schamlojeste Reclame, die Verachtung alles besten, was sich über das Niveau der Durchschnittsvernunft erhebt, die Vorliebe für Colossales und äußerlichen Prunk, auf der anderen Seite großes Unverständniß für Wissenschaft und Kunst, für Forderungen allgemeiner Menschlichkeit, für die gewaltigen Errungenschaften untergegangener Zeiten, alles das sind Zeichen des herrschenden Parvenuthums. Daß Nord-Amerika ein so junges Land ist, kann hier wenigstens nicht als Entschuldigung gelten: der staunenerregende Fort­schritt, den es in den letzten Jahren gemacht, wäre kein so einseitiger, hätten nicht gerade die Emporkömmlinge den größten Antheil daran.

Was aber Amerika von Europa unterscheidet und was mir am besten an ihm gefällt: es hat eine Zukunft! Eine große Zukunft sogar! Seine Zustände sind nicht morsch und faul, wie so vieles in Europa, seine Verhältnisse nicht so eng und kleinlich. Zudem ist es ein reiches, gesundes Land, das jede Arbeit bezahlen kann und Platz hat für noch viele Tausende von arbeitsfrohen Menschen. Auch erzieht es den Menschen zur Selbstständigkeit und zum Selbstvertrauen. Man spürt hier nichts von der Bevormundung, die in Europa die freie Bewegung jedes Einzelnen hemmt oder unmöglich macht. Dafür ist eben jeder auf sich selbst angewiesen,everybody look out for himaelfl ist die erste Forderung für einen Aufenthalt in Amerika. Die Warnungstafeln, die in Deutsch­land jeden Bahnübergang, jedes Waldgeheg, jede Brücke zieren, sind hier eine unbekannte Sache: man muß eben Augen und Ohren immer offen halten, das ist das Wichtigste, im Ueb- Tigen kann man thun und machen, was einem beliebt, kein Mensch fragt danach. Insofern ist Nord-Amerika das Land der Freiheit, und der Amerikaner ist bekanntlich auf seine Freiheit nicht wenig stolz.

Ob aber diese Freiheit wirklich die Freiheit ist? ES ist nun leider einmal wahr: jedes Volk braucht einen Götzen,