1893
Mittwoch ben 2. August
Nr. 179
Virrttliähriger
Die Gießener
Kenerat-'Unzeiger
unb Anzeigeblatt für den Kreis <6i«szan.
Hratisöeitage: Hießener Jamilienökätter.
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Gießener Anzeiger ^scheint täglich, BÜ Ausnahme deS Montags.
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hatte, sah er den vor ihm Stehenden zweifelnd an und fragte: „Wie kommen Sie, lieber Mann, zu diesem Briefe, der schon
Berathung über die zukünftigen Grundsätze der Finanz- gebahrung im Reich und den Einzelstaaten zusammentretenden deutschen Finanzminister über die Einführung einer festen Schuldentilgungspflicht sich zu verständigen gedenken und daß beabsichtigt wird, eine Tilgungsquote von einem Procent in Aussicht zu nehmen; es würde das jährlich eine Summe von 20 Millionen erfordern.
— Die Meldungen, welche zu dem nunmehr entbrannten Zollkriege zwischen Deutschland und Rußland vorliegen, lassen erkennen, daß man auf beiden Seiten entschlossen ist, diesen wirthschaftlichen Kampf mit größter Ent« schlossenheit zu führen. Namentlich scheint man russischerseits gewillt zu sein, den Kampf mit „allen Chicanen" durchzufechten. So ist von der russischen Regierung beschlossen worden, die Sätze des Maximalzolltarifs gegenüber Deutschland durchgängig um fünfzig Procent zu erhöhen, überhaupt sollen dem Finanzminister Witte die weitgehendsten Vollmachten ertheilt worden sein, damit der Zollkrieg gegen Deutschland mit allem Nachdruck geführt werden kann. Natürlich entfällt da für Deutschland jeder Anlaß, noch irgendwelche Rücksichten auf den so ungemüthlich gewordenen Nachbar im Osten zu nehmen, und eine kräftige Handhabung der Daumenschrauben der «fünfzigprocentigen Zollerhöhungen vor Allem gegenüber dem russischen Getreide dürfte vielleicht schon bald die hiervon zu erhoffenden Wirkungen zeitigen.
— Die jüngste Reise des Fürsten Bismarck nach Bad Kissing en hat sich unstreitig zu einem neuen förmlichen Triumphzuge des Altreichskanzlers gestaltet. Allenthalben, wo auf der Reise einiger Aufenthalt war, wurden dem greisen Staatsmanne die begeistertsten Huldigungen dargebracht und auch in Kissingen selbst wurde ihm ein wahrhaft großartiger Empfang bereitet. In wiederholten rednerischen Kundgebungen hat Fürst Bismarck seiner tiefgefühlten freudigen Genugthuung über diese ihm dargebrachten Huldigungen Ausdruck verliehen.
Rostock, 31. Juli. Der frühere deutschfreisinnige Reichstagsabgeordnete Dr. Witte ist heute hier gestorben.
Nr. 28 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 27. d. M., enthält:
(Nr. 2117.) Gesetz, betreffend die Feststellung eines zweiten Nachtrags zum Reichshaushalts-Etat für das Etats- jahr 1893/94. Vom 23. Juli 1893.
(Nr. 2118.) Gesetz, betreffend die Aufnahme einer Anleihe für Zwecke der Verwaltung des Reichsheeres. Vom 23. Juli 1893.
(Nr. 2119.) Bekanntmachung, betreffend die Ausführ, ung des Gesetzes über die Prüfung der Läufe und Verschlüsse der Handfeuerwaffen vom 19. Mai 1891. Vom 23. Juli 1893.
Gießen, den 31. Juli 1893.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
I. V.: Dr. Melior.
Lrin^rtohn.
Durch die Post btjo|t» 2 Mark 50 Pf«.
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Brodkorns bei der Vermahlung eintreten zu lassen, um zu einer ergiebigeren Ausnutzung des Nahrungsgehaltes des Korns zu gelangen. Es sind nunmehr Versuche mit diesem Verfahren angestellt, die zur Zeit allerdings noch nicht abgeschlossen sind. Erfüllen sich indeß die gehegten Erwartungen, so wird für die Folge eine nicht unwesentliche Ersparniß an Roggen bei der Brodverpflegung der Armee und damit auch eine verhältnißmäßige Einschränkung in der Benutzung ausländischen Getreides eintreten. Es sind ferner die Truppen- commandos verständigt worden, bei der Verpflegung der Pferde für Fouragebestandtheile der reglementsmäßigen Ration Ersatzmittel verwenden zu lassen. Da hierbei u. A. auch der verhältnißmäßig billige Mats in Betracht kommt, dessen Einführung hauptsächlich aus Amerika erfolgt, so wird auch durch diese Maßnahme dazu beigetragen werden, daß von der Benutzung russischen Getreides Umgang genommen werden kann. Auch die theilweise Verwendung von Weizen zur Brodverpflegung der Truppen war in Erwägung gekommen. Es ist jedoch von einer solchen Maßregel Abstand genommen worden, weil hierzu wegen der mäßigen Höhe, auf welcher sich die Roggenpreise halten, und mit Rücksicht auf den wahrscheinlich günstigen Ausfall der inländischen Getreideernte ausreichender Anlaß zur Zeit nicht gegeben erschien.
Berlin, 31. Juli. Der bevorstehende Besuch des Prinzen Heinrich von Preußen in Italien wird, wie der „Polit. Corresp." aus Rom geschrieben wird, in den politischen Kreisen der italienischen Hauptstadt mit großer Freude begrüßt. Man erblickt in diesem Besuch ebenso wie in dem bevorstehenden des Kronprinzen von Italien, Prinzen von Neapel, in Deutschland einen neuerlichen Beweis für die intimen Beziehungen zwischen den beiden Nationen. Der Prinz von Neapel wird in Begleitung zweier Offiziere aus seinem Militärcabinet in den ersten Tagen des Septembers die Reise nach Deutschland antreten, um den Manövern des deutschen Heeres beizuwohnen. Prinz Heinrich von Preußen wird den Manövern der italienischen Flotte an Bord des Kreuzers „Lepento" beiwohnen, auf welchem sich auch der Herzog von Genua, der Obercommandirende der ständigen italienischen EScadre, befinden wird. Wie in Hoskreisen verlautet, wird der Aufenthalt des Prinzen Heinrich in Italien
l ungefähr zehn Tage dauern und mit einem Besuche in Monza oder Turin abschließen. Cavaliere Volpe, der Marine-Attache der italienischen Botschaft, welcher dem Prinzen zur Verfügung gestellt worden ist, begibt sich nach Kiel.
— In einem längeren Artikel, der sich mit der pro* jectirten Reform des Reichsfinanzwesens besaßt, bestätigt die „Nordd. Allg. Ztg.", daß die demnächst zu einer
Ausland.
London, 31. Juli. Der längst drohende Riesen st rike der englischen Bergleute ist nunmehr zum AuSbruch gelangt. Zur Stunde dürfte sich die Gesammtzahl der feiernden Bergleute auf etwa 300000 belaufen, vermuthlich wird sie aber noch eine Erhöhung um 50000 erfahren, da auch die noch schwankenden Kohlenarbeiter in Süd-Wales und Durham sich dem Ausstande höchst wahrscheinlich anschließen werden. Es handelt sich bei dem jüngsten großen Strike der englischen
Alle Annoncen'vureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
lich zur Flasche griff und mit ihrer Hilfe seinen Gram zu vergessen suchte, ward unter seinen Vorgesetzten und Collegen kaum beachtet, weil Wagner darüber niemals den Dienst versäumte und überhaupt ein viel zu gefestigter Character war, als daß er im Laufe einiger Monate völlig allen Halt hätte verlieren und zum Trinker werden können. Ueberdies standen Frau und Tochter des Unglücklichen diesem treu zur Seite und mehr noch als die liebevollen Blicke und Worte dieser beiden hielt das Bewußtsein ihn aufrecht, daß diese wenigstens felsenfest an seine Unschuld glaubten und ihn nicht nur freisprachen „wegen mangelnder Beweise", sondern weil ihnen ein Versiegen der Elbe eher möglich schien, als eine unehrenhafte Handlung ihres Gatten und Vaters. Dennoch würde sich die Stütze, die Wagner an seinem Weibe und seiner Tochter fand, vermuthlich zuletzt als zu schwach erwiesen haben, hätte ihm nicht ein glücklicher Zufall endlich Befreiung von seiner Qual und Aufklärung über das räthselhafte Verschwinden jenes Geldbrieses gebracht.
Eines Vormittags im Spätherbst erschien in den Geschäftsräumen der Firma Hermann Möller u Co. ein ehrsamer Tischlergeselle und verlangte den Chef des Hauses persönlich zu sprechen. Da sich der Mann durchaus nicht abweisen lassen wollte und immer wieder versicherte, die Sache sei von großer Wichtigkeit, so führte ihn endlich ein Commis in das Comptoir des Handelsherrn.
„Guten Tag," begann der Handwerker dort und verneigte sich höflich vor Herrn Möller- dann aber stellte er sich stumm an eine Wand und wartete, bis der Commis das Zimmer wieder verlassen hatte. Als solches geschehen war, begann er von Neuem: „Ich wollte Ihnen man diesen Brief abliefern, Herr Möller," und damit legte er einen von ungeübter Hand geöffneten und an die Firma des Angeredelen gerichteten Brief vor diesen hin. Nachdem der Kaufmann die Adresse geprüft und mit wachsendem Erstaunen ein Häufchen
Wegen mangelnder Beweise.
Don Georg Paysen Petersen.
(Schluß.)
Seine Vorgesetzten und seine Kameraden fanden leicht heraus, daß der gebeugte Mann sich in seiner Ehre gekränkt sühlte und daß die Freisprechung „wegen mangelnder Beweise" in seinen Augen nicht genügte, um als rechtschaffener Mann mit Seinesgleichen wieder unbefangen verkehren zu können. Wenn, wie solches zuweilen geschah, der Postsecretär Bauer, dem der alte Wagner von Herzen leid that und der niemals an seiner Unschuld gezweifelt hatte, dem Gebeugten auf die Achsel klopfte, dann glitt wohl vorübergehend ein trübes Lächeln über WagnerS Antlitz- aber nur allzu bald versank er wieder in seine frühere Theilnahmlosigkeit. Auch als der Herr Oberpostrath einmal einige freundliche Worte an Wagner richtete, schien diese Auszeichnung den Alten aufzurichten- aber cs schien nur so, denn schon am nächsten Tage war Wagner dem Trübsinn wieder verfallen- er empfand eben, daß es Mitleid fei, was seine Vorgesetzten und seine Collegen ihm entgegentrugen, und glaubte nicht daran, daß sie von seiner Schuldlosigkeit überzeugt seien- er wollte aber nicht das Mitleid der Herren, denn Mitleid kann man auch empfinden für den zum Tode verurtheilren Verbrecher.
So dachte der alte Wagner, und so lebte er monatelang dahin und seine Schwermuth wuchs in dem Maße, wie für ihn die Hoffnung sank, den Verbleib des verschwundenen Geldbriefes zu ermitteln. Wer mit dem alten Murrkopfe zu thun hatte, gewöhnte sich allmälig an seine Eigenart und ließ ihn gewähren. Vielleicht hätte eine Versetzung an einen anderen Ort, eine Verpflanzung in völlig neue Lebensverhält- niffe Wagner wieder aufzurichten vermocht- vielleicht! Indessen die Versetzung eines Beamten erfolgt bekanntlich nur
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Deutsches Reich.
Jagdschloß Wolfsgarten, 30. Juli. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben die Nächte gut schlafend zugebracht und sind nahezu ausnahmslos schmerzfrei- auch die Schmerzhaftigkeit der Anschwellung bei Berührung hat sich vermindert. D. Ztg.
Berlin, 31. Juli. Von militärischer Seite hat man, wie die „Nordd. Allg. Ztg." mittheilt, bereits Maßregeln getroffen, um den Folgen vorzubeugen, welche etwa der Ausschluß des russischen Getreides hinsichtlich der Verpflegung der Armee haben könnte. Schon längere Zeit war beabsichtigt, eine möglichst gründliche Schälung des
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so viel Unheil angerichtet hat?"
„Jerr, Herr Möller," entgegnete der Tischler, „den Brief hat meine Frau gefunden, und wenn ich da man was von gewußt hätte, dann hätten Sie Ihr Geld all lang wiedergekriegt- aber sie hat mir das erst heute Nacht gesagt, als es mit ihr zu Ende ging."
„Aber das Geld gehört nicht mir, lieber Freund," erwiderte Herr Möller, „und Sie müssen sofort mit mir kommen, damit . . . ."
„Aufs Stadthaus," unterbrach ihn der Tischler ängstlich, „nee, Herr Möller, das können Sie nicht verlangen, meine Frau ist nun tobt und ich will da weiter keine Weitläufigkeiten van haben."
Der Kaufherr indessen wußte den sich Ereifernden durch das Versprechen zu beschwichtigen, daß ihm aus der Rückerstattung des Briefes keine Verdrießlichkeiten erwachsen sollten und daß es sich überhaupt nicht darum handle, aufs Stadthaus zu gehen, sondern aufs Postamt. Dorthin machten sich denn auch die beiden Männer sofort auf den Weg und in Gegenwart des Herrn Möller berichtete der wackere Handwerksmann dem Oberpoftrath, daß seine Frau im letzten Frühjahre allmorgentlich die Geschäftsräume eines Handelshauses zu reinigen gehabt habe- dort seien ihr gewöhnlich durch den Briefträger die Morgens eingelaufenen Briefschaften und Zeitungen übergeben worden, die sie dann auf das Pult der Prinzipalität zu legen pflegte. Eines Morgens fei aus einem der Zeitungsblätter ein Brief herausgefallen, aus dessen Aufschrift sie erkannte, daß er versehentlich in ihre Hände gelangt sei - sie habe anfänglich die Absicht gehabt, das Schreiben an die richtige Adresse, also an die Herren Hermann Möller u. Comp., zu befördern, aber durch den auf dem Briefe gemachten Vermerk: „Inhalt 300 Mark", sei sie in Versuchung geführt worden. Sie habe also den Brief unterschlagen und
Amtliche* Theil.
Bekanntmachung.
betreffenb bie Felbbereinigung in ber Gemarkung Steinbach.
Freitag den 4. August l. I., Nachmittags von 3—4 Uhr, sinbet bie Entgegennahme ber Wünsche bezüglich der Zutheilung ber neuen Grunbstücke vom III. Bereinigungs- felbe in bem Rathhaussaale zu Steinbach statt. Die Wünsche finb schriftlich einzureichen, müssen Flur unb Nummer ber zufammenzulegenben Grunbstücke enthalten unb vom eigen» thümer unterschrieben fein.
Ausbrücklich bemerkt wirb, baß nur Wünsche wegen Zu- fammenlegung ber Grunbstücke entgegen genommen werben.
Gießen, ben 31. Juli 1893.
Der VollzugS-Eommissär:
Dr. Wallau.
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aus dienstlichen Gründen, und solche lagen nicht vor. Daß I Fünfzig-Markscheine aus der unsauberen Hülle hervorgeholt der alte Briefträger, was ehedem nie geschehen war, schließ- 1 fnfi pr hpn hnr ibm Stehenden rweiselnd an und fraote:


