Ausgabe 
2.7.1893 Zweites Blatt
 
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Nr. 153. Zweites Blatt. Sonntag den 2. Juli

1893

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Börse und Börsensteuer.

Wenn man in der Jetztzeit irgend eine Zeitung in die Hand nimmt, wird man unter tausend Fällrn neunhundert Mal daS WartBörsensteuer" lesen. Es wird dieselbe hier meist mit den altbekannten Vorgängen im deutschen Reichstage in Verbindung gebracht. Das Publikum bekommt nun daS Wort Börsensteuer in allen möglichen und unmöglichen Variationen vorgesührt, und wird diese Kost, wenn man sich dieses Ausdrucks bedienen darf, von dieser Partei schmackhaft, von jener zwar noch genießbar, von der dritten und mehr Parteien total ungenießbar vorgesetzt. DaS nennt manin Politik machen!" Wir sind weit entfernt, hier mit alsKoch" aufzutreten und wollen lediglich in das Wesen der Börse und der Börsensteuer, in die Entstehungsgeschichte rc. ein­dringen.

Wie sind die Börsen entstanden?

Unter Börse verstehen wir zunächst den Ort, an dem sich Kaufleute, Bankiers, Versicherungsunternehmer, Rheeder und Geschäststreibende oder deren Vertreter regelmäßig zu- sammenfinden, um miteinander direct oder durch Vermittelung von Maklern oder Commissionären Handelsgeschäfte in Maaren, Wechseln, Effecten rc. zu machen.

Im übertragenen Sinne wird dann auch die Gesammt- heit der diese Geschäfte abschließenden Personen als Börse bezeichnet, indem man dieselbe gewissermaßen personifizirt und von ihrer Haltung, Stimmung, Tendenz rc. spricht.

Die Nützlichkeit des persönlichen Zusammenkommens von Käufern und Verkäufern aller Art, die für den kleineren Verkehr die Märkte hervorrief, ist ohne Zweifel auch dem Großverkehr von jeher einleuchtend gewesen, und insofern reichen die ersten Anfänge der Börsen bis in das Alterthum hinauf. In der neueren Zeit aber wurde mehr und mehr aus den ursprünglich formlosen Zusammenkünften eine ge­regelte Institution, die theils durch directe staatliche Gesetz« gebung, theils durch Gewohnheitsrecht und Selbstverwaltung ihre festen Normen erhielt.

Was den Namen Börse betrifft, so finden wir denselben zuerst im 16. Jahrhundert vor,- er stammt aus Brügge und wurde, wie es heißt, von dem Wahrzeichen des Gebäudes, in

welchem die Versammlungen stattfanden, abgeleitet. In Frank­reich waren die ersten gesetzlich organisirten Börsen die von Lyon und Toulouse (1549), denen 1566 Rouen, 1724 Paris folgte. In London entwickelte sich die Börse durchaus spon­tan und frei von allen staatlichen Eingriffen. In Deutsch­land war Hamburg jchon seit dem 16. Jahrhundert als Börsenplatz bedeutend, während im Binnenlande die Börse erst im Laufe des 18. Jahrhunderts auf größeren Plätzen Frankfurt a. M., Leipzig, Berlin zu erheblicher Ent­wickelung gelangte.

Neben dem Waarengeschäst erlangte von Anfang an das Geschäft in Wechseln an der Börse eine hervorragende Be­deutung. Seit dem 17. Jahrhundert bildete sich an größeren Plätzen, wie London und Amsterdam, auch der Verkehr in zinsbringenden Werthpapieren besonders in Staats­schuldverschreibungen und Actien großer Handelscompagnien aus. Das betreffende Effectenmaterial aber stellte, ab­gesehen von der englischen Staatsschuld, durchweg einen be­scheidenen Bestand dar. Erst als sich das Actienwesen in großartiger Weise ausbildete und die außerordentlich gestiegene Creditbedürftigkeit der Staaten immer mehr Effecten auf den Markt brachte, sind alle anderen Zweige überholt worden. Selbstverständlich bleiben die natürlichen Vortheile des Börsen­verkehrs auch für alle übrigen Geschäftsgebiete bestehen, und in großen Städten finden wir daher selbstständig ausgebildete und von einander getrennte Börsen für die Haupthandels­zweige.

So hat London außer der für englische Werthpapiere bestimmtenStock Exchange" eine Börse für fremde Fonds Foreign Stock Exchange ferner die königliche Börse Royal Exchange für den Maaren- und Wechselhandel im Allgemeinen, außerdem eine besondere Getreidebörse, eine Sreinkohlenbörse, eine Seeversicherungsbörse. Newyork hat eine Hauptbörse, Bergwerksbörse, Petroleumbörse, nationale Baumwollenbörse rc-, Berlin noch eine besondere Producten- börse und eine Hypolhekenbörse, Leipzig noch eine Buchhändler- und eine Garnbörse. Endlich möge roch der ziemlich ziellosen Versammlungen,Winkelbörsen" genannt, beiläufig gedacht sein. Gesetzliche Normen bestehen für dieselben nicht.

In aller Kürze nun noch einige Worte über daS Wesen der Börsensteuer.

Die Besteuerung der Verkehrsacte, insbesondere der Uebertragung von Vermögensstücken, ist schon seit längerer Zeit für die Finanzen der modernen Staaten eine wichtige Hilfsquelle geworden. Sie hielt jedoch nicht Schritt mit der Entwickelung der Verkehrsformen selbst, und so blieb nament­lich der Umsatz von börsengängigen Werthpapieren, die als Vermögensanlagen eine so hohe Bedeutung erlangt haben, vielfach günstiger gestellt als z. B. der Verkehr in Immobilien und Hypotheken.

Lange konnte indeß ein solches Nutzverhältniß der Be­lastung nicht anbauern, da es sowohl von den Vertretern deS staatlichen Finanzinterefses bald bemerkt wurde, als auch zu Beschwerden von Seiten der ungünstiger gestellten Steuer­zahler Anlaß gab. Allerdings kann man nun billigerweise nicht daran denken, von einem Börsengeschäft eine ähnliche, nach dem Werth bemeffene Abgabe zu verlangen, wie von dem Verkaufe eines Grundstücks. Immerhin hat aber wiederum die Besteuerung nicht Schritt gehalten mit der Ausdehnung des Börsengeschäfts und wird man unbedingt darauf kommen müssen, eine erhöhte Börsensteuer einzuführen

Daß hierbei auch mit Vorsicht vorzugehen ist, steht wohl außer Zweifel. Wie überall, ist hier ebenfalls ein Zuviel vom Hebel. Es würde eine über die Grenze hinauSgehende Be­steuerung überhaupt solche Geschäfte unmöglich machen, und wenn auch Manche in der Vernichtung der Börse einen Haupt- vortheil sehen mögen, so wird doch der practische VolkS- wirthschaftspolitiker anderer Ansicht über die Bedeutung eines vielseitigen, stets auch zur Uebernahme großer Operationen bereiten Effektenmarktes hegen.

Völlig berechtigt dagegen ist die Forderung, daß der Ver­kehr in Werthpapieren unter Berücksichtigung seiner besonderen Natur hinsichtlich der Besteuerung den übrigen, durch Stempel, Einregistrirung oder auf andere Art belasteten TranSactionen möglichst gleichgestellt werde. Am meisten empfiehlt es sich wohl, die Börse aus zwei Elementen zusammenzusetzen, d. i. einer einmaligen Abgabe bei der ersten Ausgabe von ZinS ckder Dividende versprechenden Börsenpapieren, die nach dem

Fe«illeton.

Wochendriesk aus drr Residenz.

(Originalbericht für denGießener Anzeiger".)

Darmstadt, 30. Juni 1893.

Bau der Hofbibliothek. Deukmalsfrage. Vereiusseste. Sommertheater.

Eine außerordentlich interessante Mittheilung, die be­sonders die Einwohner der gelehrten Universitätsstadt Gießen interessiren dürfte, hat vor kurzer Zeit die Großh. Central­stelle für die Landesstatiftik veröffentlicht. Sie betrifft die Benutzung unserer Großh. Hofbiblwthek, die bekanntlich zu den größten und werthvollsten Büchersammlungen Deutschlands gehört, wir entnehmender genannten Veröffentlichung Folgendes : Im Jahre 1892 wurde der Lesesaal der Hofbibliothek im Ganzen von 7138 Personen besucht, die zusammen 48 593 Bände benutzten. Außerhalb der Bibliothek wurden 8839 Bände an 3648 Entleiher abgegeben. Die stärkste Benutzung fand in den Monaten März, October und November statt also während der Universitätsferien die schwächste im Juli. Die Summe der Benutzung an anderen Orten des Großherzogthums betrug an 78 Orten 763 Entleiher, 2475 Bände, diejenige an Orten außerhalb des Großherzog­thums im Deutschen Reiche: an 29 Orten 114 Entleiher, 447 Bände und außerhalb des Deutschen Reiches: an 5 Orten 5 Entleiher, 8 Bände. Die Gesammtsumme der Benutzung von der Hofbibliothek angehörigen Werken außerhalb der Bibliothek betrug demnach: an 113 Orten 4530 Entleiher, 11 769 Bände,- die Gefammtsumme der gleichen Benutzung innerhalb und außerhalb der Bibliothek: 11 668 Benutzer und Entleiher, 69 362 Bände. Die angeführten Zahlen beweisen, daß die Hofbibliothek recht fleißig benutzt wird, bekanntlich sichen ihre reichen Bücherschätze Jedermann zur Verfügung. Schön wäre es freilich, wenn wir auch einmal einen besonderen großen Bibliotheksbau erhielten, wie ja auch für das gleich­falls in den Räumen des alten Schlosses untergebrachte Museum jetzt ein eigener Neubau errichtet werden soll, lieber den jetzigen Stand dieser letzteren Frage kann ich Ihnen allerdings nichts Neues mittheilen, die öffentliche Discussion über die seiner Zeit vielbesprochene Angelegenheit ist nunmehr fast gänzlich verstummt. Bekanntlich läßt die Regierung gegenwärtig von einem kundigen Fachrnanne einen Entwurf

zu dem geplanten Neubau ausarbeiten, hoffentlich wird dieser rasch beendet und dann mit dem Bau selbst gleich begonnen, denn der kahle Bauplatz vor dem freundlichen Herrengarten macht einen keineswegs schönen Eindruck. Auch von der Platzwahl für das zu errichtende Landesdenkmal zum Ge- dächtniß unseres unvergeßlichen verstorbenen Großherzogs hört man jetzt wenig. Die Summe, die zur Errichtung des Monumentes gesammelt worden ist, hat eine ziemlich ansehn­liche Höhe erreicht und dürste im Laufe ter nächsten Zeit noch durch einen stattlichen Betrag vergrößert werden. Die Militärcapellen fämmtlicher hier garnifonirenben Regimenter, im Ganzen vier gutgeschulte und leistungsfähige Orchester, planen nämlich auch in diesem Jahre die Veranstaltung eines großen Massenconcertes im städtischen Saalbau. Der Ertrag soll diesmal, abweichend vom sonstigen Brauche, nicht dem Jnvalidendank", sondern dem Grundfonds für das Ludwigs- denkmal zu Gute kommen. In Anbetracht des Zweckes der geplanten Veranstaltung ist auf einen außerordentlich starken Besuch von Seiten der Bevölkerung mit Bestimmtheit zu rechnen, also auch auf einen stattlichen Reingewinn, denn der ist noch sehr nöthig, da die vorhandene Summe trotz ihrer Größe zur Bestreitung der Denkmalskosten doch noch nicht ausreicht.

Von zwei sehr gelungenen Vereinsfesten aus der ver­gangenen Woche kann ich Ihren Lesern auch diesmal berichten. Der rührige GesangvereinHumanitas" hat seinen Mitgliedern und Freunden am letzten Samstag, dem Johannistage, wieder ein eigenartiges und schön verlaufenes Fest bescheert. Der Bedeutung des Tages entsprechend war die Veranstaltung Johannisfest" benannt worden. Der Saalbaugarten war mit Lampions u. s. w. festlich geschmückt und bot dem Besucher ein recht freundliches Bild. Das Concertprogramm war sehr reichhaltig und voll Abwechselung. Es bestand aus Vortrag mehrerer Chorgesänge, die Herr Musikdirector Steifer wieder ganz vorzüglich einstudirt hatte und aus instrumentalen Darbietungen der trefflichen Capelle Hilge, hier gefiel namentlich die von dem Capellmeister, Herrn Musidirector Hilge selbst übernommene Solonummer für Piston. Dem Concerte folgte ein schönes Brillantfeuerwerk, hübsch zujammengestellt und in allen Theilen wohlgelungen. Zum Schlüsse folgte bann natürlich noch eine anmitte Tanzunterhauung, bie erst am Hellen Morgen endete. Der junge Verein weiß feine geselligen Vergnügungen ganz prächtig zu infeeniren unb hat sich baburch schon viele neue Freunbe erworben. Ebenso

gelungen war bann ben Preßberichtcn zufolge auch ber große gemeinschaftliche Ausflug, ben am letzten Sonntag ber Ge- fammtüerein bcs Obenwaldclubs unternahm. Als Ziel war Heppenheim an ber freunblichen Bergstraße ausersehen, bort fanben sich zahlreiche Milglieber ber Sectionen Darmstabt, Mannheim unb Heidelberg zusammen, um ein paar frolje Stunden zu verleben. Ein großes Verdienst hatte sich die Section Heppenheim um den Verlauf der kleinen festlichen Veranstaltung erworben, die zur bunten Ausschmückung deS Städtchens angeregt hatte und deren Mitglieder in liebens­würdiger Weise die Honneurs machten. Nach einem Ausflug zur Starkenburg und ins Kirschhäuser-Thol gings über bie Erbacher Höhe zum Festort zurück, bort wurde um 3 Uhr im altberühmtenHalben Mond" das Festmahl begonnen. Besonders freudig begrüßt wurde die Anwesenheit des Vor­sitzenden des befreundeten Schwarzwaldvereins, Herrn Geh. Hosrath Behaghel, der eigens von Heidelberg herübergekommen war, um an der kleinen Feier theilzunehmen. Launige Trink­sprüche würzten das Mahl, bann begann auch hier ein kleines Tanzvergnügen zur Freube ber tanzlustigen Jugenb.

Im Sommertheater gaftirt gegenwärtig Frl. Theffa Klinkhammer mit schönem Erfolg, ihr gewandtes unb liebens­würdiges Spiel, das freilich dem von Frau Kläger, dem früheren Mitgliede unserer Hofbühne nicht in jeder Beziehung gleichkommt, hat ihr die Gunst des Publikums rasch gewonnen. Wir werden durch die Direction des Sommertheaters übrigen- mit einer ganzen Anzahl hier noch unbekannter, weil nicht hostheaterfähiger" Stücke bekannt gemacht, die recht viel Interesse erregen. Freilich ist darunter auch manches recht werthlose, das auf den Titel Kunstwerk nicht sowohl Anspruch machen darf, als auf den einesSensationsstückes",- gerade in letzterer Zett wurde über das Repertoire des Sommer­theaters auch öfters recht lebhaft discutirt. Jedenfalls bietet Herr Reiners alles auf, um den Wünschen des Publikums gerecht zu werden und bis jetzt ist ihm das auch ganz gut gelungen, namentlich da die Leistungen seines Ensembles nach dem Urtheile der Tagesblätter immer als ganz annehmbar bezeichnet werden können. Uebrigens wird, wie verlautet, im Spätsommer noch ein zweites Ensemble hier gaftiren, eine Operettentruppe, bie uns gleichfalls einige hier noch unbekannte Novitäten bringen soll. An theatralischer Unter­haltung ist in der Residenz also nunmehr auch im Sommer kein Mangel. Z.