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1893
Er. 257 Erstes Blatt. Mittwoch den 1. November
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Gießener Anzeiger
General-Anzeiger.
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2lnrts- und Anzeigeblntt für bett Kteb (Siefeen.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den fslßenden Lag erscheinenden Nummer bi» Borm. 10 Ubr
Grattsbeikage: Gießener Aamikienölätter.
Alle Annoncen-Bureaux bei In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger- entgegen.
Amtlicher« Theil.
Bekanntmachung,
betreffend Maul- und Klauenseuche zu Langd.
Nachdem die in Langd ausgebrochene Maul- und Klauen« seuche erloschen ist, haben wir die Aushebung der Sperre verfügt; das Ausfuhren von Rindvieh, Schafen, Ziegen und Schweinen aus der genannten Gemarkung darf bis auf Weiteres nur auf Grund thierärztlicher Gesundheitsscheine stattfinden.
Gießen, den 30. October 1893.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
__________________v. Gagern.___________________
Gießen, den 27. October 1893.
Betr.: Die Ableistung des HuldigungS- und Verfaffungs- eides.
Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen an die Grosth. Bürgermeistereien der Amtsgerichtsbezirke Gießen, Lich, Butzbach, Hungen, Laubach und Nidda.
Die Ableistung des Huldigungs- und Verfaffungseides der neu aufgenommenen Ortsbürger, sowie derjenigen Großherzoglich Hessischen Unterthanen, welche sich, ohne Ortsbürger zu werden, verheirathet haben, soll, wie nachstehend angegeben, ftattfinden:
1. der Orts- und Staatsbürger aus den in dem Amts- gerichtsbezirk Gießen gelegenen Gemeinden Dienstag den 7. November d. I., Vormittags 11 Uhr, m dem Negierungsgebäude (auf dem Brand) zu Gießen;
2. der Orts- und Staatsbürger aus den in den Amtsgerichtsbezirken Lich und Butzbach gelegenen Gemeinden des Kreises Gießen Dounerstag den 9. November d. I., Nachmittags 2 Uhr in dem Rathhause zu Lich;
3. der Orts- und Staatsbürger aus den in den Amts- gerichtsbezirkcn Hungen, Laubach und Nidda gelegenen Gemeinden des Kreises Gießen Donnerstag den 16. November d. I., Nachmittags 2 Uhr in dem Nathhause zu Hungen.
Wir beauftragen Sie hierdurch, die betreffenden Personen zu den Terminen vorzuladen und, wie geschehen, unter Angabe der Namen der Vorgeladenen anzuzeigen oder zu berichten, daß Niemand vorzuladen war.
Halten sich derartige Personen auswärts auf, so wollen Sie deren Aufenthaltsort angeben.
v. Gagern.
Bekanntmachung,
betreffend das Gesuch des Norddeutschen Versicherungs Vereins in Rostock um Zulaffung zum Geschäftsbetrieb im Groß« herzogthum Heffen.
Großh. Ministerium des Innern und der Justiz hat dem Norddeutschen Versicherungs-Verein in Rostock die Zu- laffuug zum Geschäftsbetrieb im Großherzogthum unter den üblichen Bedingungen auf Widerruf ertheilt.
Der Verein ist eine auf Gegenseitigkeit gegründete Gesellschaft und beabsichtigt den Betrieb der Haftpflichtversicherung, der Unfallversicherung und einer Sterbekaffe.
Gießen, den 30. October 1893.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Deutsches Reich.
— Aus Wittlich bei Trier wird uns geschrieben, daß ‘ dortselbst am Sonntag Nachmittag eine von Pflanzern, Händlern und Fabrikanten der ganzen Umgebung sehr stark besuchte i Versammlung stattsand, um gegen die geplante Tabak« fabrikatstcuer Stellung zu nehmen. Als Referent i erschien Herr Inspektor Wolfhard aus Mannheim, der in \ äußerst geschickter und überzeugender Weise die Verderblich- ; keit der projectirten Tabakbesteuerung für unser ganzes Ec- werbs- und wirthschastliches Leben hervorzuheben verstand, j Die klaren, belehrenden Ausführungen des Redners sanden | großen Beifall und allseits lebhafte Zustimmung. E'ne in r dem Sinne abgefaßte Resolution wurde einstimmig und debattenlos angenommen. Von besonderer Wichtigkeit ist diese Versammlung deßhalb, weil der Reichstagsabgeordnete des Bezirks Wittlich-Berncastel, Herr Dieben, Vorstands« Mitglied des Centrums, derselben beiwohnte und erklärte, daß er mit den Ausführungen des Referenten in allen Theilen einverstanden sei und daß er in dem Sinne in der Fraction und im Reichstage gegen den Tabaksteuerentwurf wirken und stimmen werde.
Ausland.
Paris, 29. October. Carnot telegraphirte dem Czaren seinen Dank für die Depesche des letzteren und sprach seine
lebhafte Genugthuung darüber aus, daß er durch den Besuch der schönen Escadre die russische Flagge in französischen Gewässern habe grüßen können. „Die herzliche und spontane Aufnahme, die Ihre braven Seeleute in Frankreich gefunden haben, bekräftigt abermals in eclatanter Weise die aufrichtigen Sympathien, die beide Länder vereinen- sie zeigt zugleich den tiefen Glauben und den wohlthätigen Einfluß, den zwei der Sache deö Friedens ergebene Nationen gemeinsam ausüben können." — Herr von Giers telegraphirte an Baron Mohrenheim, im Namen des Kaisers allen RegierungS« Organen, sowie den Vertretern aller Gesellschaftsklaffen, die an der glänzenden und herzlichen Aufnahme der Flotte be- theiligt gewesen sind, seinen Dank abzustatten. Der Kaiser sei sehr gerührt von den in bewunderungswürdiger Welse bezeugten Freundschafts- und Sympathiegesühlen.
Paris, 29. October. Nachdem Avellan in Toulon Abschiedsbesuche gemacht hatte, gab er um 2 Uhr das Zeichen zur Abfahrt. Auf allen französischen Schiffen waren die Matrosen ins Takelwerk gestiegen und riesen Hurrah. Die Russen, gleichfalls im Takelwerk, antworteten durch HurrahS und Mützenschwenken. Das russische Admiralsschiff grüßte das Land mit dreizehn Kanonenschüssen, welche daS sranzösische Kriegsschiff „Formidable" erwiderte. Die sranzösische Escadre, in zwei Linien fahrend, escortirte das russische Admiralsschiff, welches von einem Schwarm Privatboote umgeben war. Die übrigen Schiffe der russischen Flotte, welche alle mit hurrah- rufenden Matrosen bedeckt waren, folgten. Avellan blieb, so lange das Land sichtbar war, auf der Commandobrücke des Admiralschiffes, seine Mütze schwenkend. Die französischen und russischen Schiffe fuhren eine Stunde lang zusammen, dann wendeten die Franzosen, mit einer letzten Salve grüßend. Während der Abfahrt waren alle Hafenquais von großen Menschenmengen gefüllt. Da die russische Flotte sich in den Häfen aller Mittelmeermächte vorstellen wird, dürfte sie auch^ nach Neapel kommen. Zunächst fährt sie nach den hherischen Inseln und von dort nach Ajaccio, wo sie weitere OrdreS erwartet. — Die französische active Escadre dampft nach dem Golf von Juan ab, die leichte Escadre begleitet die russische Flotte bis zu den Hherischen Inseln.
Spezia, 29. October. Gestern gab der britische Consul ein Frühstück, an welchem der Herzog von Genua, Admiral Seymour und die englischen und italienischen Offiziere theil- nahmen. Später veranstaltete Admiral Seymour an Bord des „Sans Pareil" ein Diner, welchem der Herzog von Genua und Admiral Labrano beiwohnten. Abends sand in dem Politeama-Theater eine Festvorstellung statt. Die Stadt
Feuilleton.
Clavigo.
Der Theater-Verein, deffen Wirken Gießen nunmehr seit drei Jahren es zu verdanken hat, daß seinem theaterliebenden Publikum die besten Schöpfungen vaterländischer Geistes- Heroen durch vorzügliche Darsteller vorgeführt werden, eröffnet morgen Donnerstag in Steins Saalbau die auf sechs Abende angelegte Spielsaison. Zur Aufführung gelangen zwei Bühnen- werke unseres großen vaterländischen Dichters Goethe: das sünfactige Trauerspiel „Clavigo" und das einactige Schauspiel „Die Geschwister". Goethes Werke haben besonders in Karl Goedekc den Beurtheiler gefunden, dessen „Einleitungen" auch den BUHuenwerken als beachtenswerthe Geleits« bliefe Verständniß und freudige Aufnahme in den Kreisen des theaterliebenden Publikums sichern werden. Goedekc schreibt über „Clavigo":
In Dichtung und Wahrheit erzählt Goethe, daß nach einem geselligen Scherze den jungen Männern die jungen Mädchen der Gesellschaft durch das Loos als Frauen zugewiesen seien und daß er seiner, ihm auf diese Art zu Theil gewordenen Frau (Anna Sibylla Münch) in keckem Muth das Versprechen gegeben und gehalten habe, binnen acht Tagen and dem soeben vorgelesenen (vierten) Memoire, das Beaumarchais in Folge seiner Verurteilung veröffentlicht hatte, ein Drama zu schaffen. Leider unterliegt die anmuthige Erzählung den stärksten Zweifeln an ihrer Richtigkeit, da jenes gesellige Spiel, in dem um die Mädchen gewürfelt wurde, den Briefen an Kestner zufolge, in den Januar 1773 fällt und Beaumarchais erst am 16. Februar 1774 verurtheilt wurde. - Seine Mernotres erschienen bald darauf und verbreiteten sich mit größter Schnelle durch Europa. Am 1- Juni 1774 war das Trauerspiel fertig, da Goethe an j btitfem Tage darüber an Schönborn nach Algier schrieb, es i st i eine moderne Anekdote, dramatisirt, mit möglichster 1 Gimplicität und Herzenswahrheit- der Held ein unbestimmter, !
halb groß, halb kleiner Mensch, der Pendant zum Weislingen im Götz, vielmehr Weislingen selbst in der ganzen Rundheit einer Hauptfigur. Im August war das Trauerspiel schon in Aller Händen. In Weimar vergoß man sanfte ober strom- weise Thränen dabei, wenigstens der Capellmeister Wolff und Sigmund v. Seckendorf. In Göttingen bemerkte Voß am 15. August, es sei wohl nöthig gewesen, daß Goethe sich vor dem Stücke genannt habe, da man den Verfasser des Götz ganz verkenne. Auch Jung-Stilling erkannte Goethe in der Arbeit nicht wieder. Wieland hielt es (14. August) nicht für schwer, an dem Clavigo zu beweisen, daß Goethe bei Weitem noch nicht der Wundermann sei, für den man ihn halte. Selbst der eben gewonnene Freund F. H. Jacobi scheint nicht sehr erbaut gewesen zu sein. Goethe schreibt ihm am 21. August, „daß mich die Msmoires des Beaumarchais freuten, romantische Jugendkraft in mir weckten, sich sein Character, seine Thaten mit Characteren und Thaten in mir amalgamirtcn, und so mein Clavigo ward- das ist Glück - denn ich habe Freude gehabt darüber, und was mehr ist, ich fordere das kritische Messer auf, die bloß übersetzten Stellen abzutrennen vom Ganzen, ohne es zu zerfleischen, ohne tödt- liche Wunde, nicht zu sagen der Historie, sondern der Structur, Lebensorganisation des Stückes zu versetzen! — Also — Was red ich über meine Kinder, wenn sie leben, so werden sie fortkrabeln unter diesem weiten Himmel." — Die hier der Kritik zugemuthete Ausscheidung des bloß Uebersetzten ohne Zerstörung des Ganzen würde allerdings unmöglich sein, da die ganze Unterredung, die Beaumarchais im zweiten Acte mit Clavigo hat, Wort für Wort, mit Einschluß der Anweisungen für das Spiel Clavigos, aus dem Mömoire des Beaumarchais ausgenommen und nur der kurze Monolog Clavigos von Goethes Erfindung ist. Aber schon in der Einschiebung dieser wenigen Worte, in denen Clavigo tief innerlich erschlossen wird, zeigt sich, wie weit die Kunst des Dramatikers Goethe über der Kunst des Romanschreibers Beaumarchais steht. Denn Beaumarchais' Memoire ist nichts anders als ein auf Verherrlichung des eigenen Selbst be-
I rechnetet: Roman über sein Auftreten in Madrid, der deßhalb | widrig wirkt, weil der Held desselben, Beaumarchais, selbst erzählt, wie unerschrocken und edel er, und wie schwächlich und niedrig der Gegner sich darin benehme. Goethe führt den Franzosen, wie den Spanier vor die Augen des Zuschauers, und was in dem Bericht jenes die Unerschrockenb-ik zur Renommisterei und die Feigheit zur bequemen Fiction macht, tritt bei dem Dramatiker in Wahrheit so auf, wie es nach Beaumarchais' Absicht wirken sollte. Die übrigen Acte verdanken dem französischen Memoire kaum irgend etwas. Beaumarchais berichtet, Clavigo habe sich mit Marie feierlich verlobt, dann fein Versprechen wieder gebrochen, worauf er mit der Erklärung, die er Clavigo abgedrungen, dessen Ab« setzung erwirkt habe. Clavigo, welcher der Beaumarchais'schen Darstellung durchaus nicht glich, war später wieder im Dienst des Königs und starb erst 1806; seine Schwester verheirathete sich in Paris. Goethe konnte für ein ernsthaftes Stück einen solchen Ausgang nicht gebrauchen- er legte das seine ganz auf eine Tragödie an und gab Clavigo den Tod, während er den Tod der Marie durch ihre schwindsüchtige Constitution rnotivirte, ein Umstand, den Clavigo selbst nicht, um so entschiedener fein Freund und Treiber Carlos betont. Wer als Vorbild zu dieser Gestalt, wenigstens den wesentlichen Zügen nach, gesessen hat, ist nicht schwer zu errathen, wenn man sich Goethes engen Verkehr mit Merck in jenen Jahren vergegenwärtigt. Das Stück fällt in die Seit, als Goethe selbst in enge Verhältnisse mehr und mehr eingesponnen werden sollte, während seine Ideale mehr und mehr wuchsen. Das vorwärts und aufwärts drängende Streben feiner für das Enge und Kleine nicht geschaffenen Existenz verkörperte er in dem rächenden Freunde, der in Wahrheit gut räch, wenn er von der Verbindung mit einem schwindsüchtigen, mit einem Handlungsgeschäft beladenen Mädchen abmahnt und die Züge von unentschiedener Halbheit, die Goethe damals noch in sich zu tilgen bemüht war, mit etwas rauher Hand auszulöschen strebt.


