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Sonntag den 1. Oktober
Ar. 231
Erstes Blatt
Gießener Anzeiger
Kenerat-Anzeiger.
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2lmts« uitb Anzeig«l»latt für den "Kreis Giefzen.
Amtlicher Theil.
befunden: 1 Armband, 1 Portemonnaie mit Inhalt, 1 Mdbeutel mit Inhalt, 1 Messer, 1 Plüschkragen, 1 Paar Hrndschuhe, 1 Taschentuch, 1 Häkelzeug, 1 Bierfaß, 1 Hals» ölt.', 1 Pack Kordel und 1 Messingdeckelchen.
Zugelaufen: 2 junge Hahnen.
Gießen, den 30. September 1893.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.
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Deutsches Reich.
Berlin, 29. September. Kaiser Wilhelm hat noch Vahrend seiner Rückreise von Ungarn nach Berlin, resp. 6|Wam dem Kaiser Franz Joseph eine Depesche zugehen lassen. In derselben dankt der deutsche Monarch wärmstens für die ihm seilens seines erlauchten kaiserlichen Freundes 11b Verbündeten wiederum entgegengebrachte Güte und Licbeuswürdigkett. Zugleich verleiht Kaiser Wilhelm seiner Lnoanderung der Leistungen der österreichisch • ungarischen Armee unverhohlen Ausdruck- er schließt seine Kundgebung mit i»en herzlichsten Wünschen für den Kaiser Franz Joseph, Pir seine Familie, sowie für sein Land und seine Armee.
— Die Reichstags-Session wird dem Vernehmen lad) nicht vor dem letzten Drittel des November eröffnet »erben können, da die Feststellung des Reichshaushalts sich diesmal etwas weiter als sonst hinauszieht. Als frühester Sermin der Einberufung kann der 20. November etwa angesehen werden.
— Die BÜrsen-Enquete-Commission ist mit Itr Feststellung des Berichts über ihre Arbeiten beschäftigt, ter dem Reichskanzler überreicht werden soll. Aus diesem Aula'ß trat gestern eine Sub-Commission zusammen, die, wie dtrlautet, etwaige Aenderungen an dem vom Geheimen Ober- "Akgierungsrath Gamp uno dem Senatspräsidenten beim Kichsgericht, Or. Wiener, bereits ausgearbeiteten Berichte vornehmen soll. An der im Reichs-Justizamte abgehaltenen Sitzung nahmen u. A. Theil: der Vorsitzende Reichsbank' pisident Dr. Koch, der Geh. Ober-Regierungsrath Dr. Hoff- jiann vom Reichs - Justtzamt, die Referenten Geh. Ober- Aki;i<runflsrath Gamp, Senatspräsident Dr. Wiener, Freiherr
v. Huene, Dr. Jürgens, die Geh. Commerzienräthe Frentzel und Diffens.
— Bezüglich der Wein steuer frage sollen, wie die „Post" erfährt, Zweifel darüber bestehen, ob die Ergebniffe der steuertechnischen Verhandlungen sich gesetzgeberisch ver- werthen laffen werden. Die Schwierigkeiten, zu einem befriedigenden Resultate zu gelangen, sollen namentlich aus den finanziellen Sonderintereffen der Weinsteuer erhebenden Bundesstaaten entspringen. Bei den vorjährigen, ebenfalls durch die Frage der Deckungsmittel für die Heeresbedürfnisse veranlaßten Bestrebungen, eine einheitliche Bierbesteuerung für Rechnung des Reiches herbeizusühren, lag die Sache ähnlich, auch damals konnte ein Ausgleich der finanziellen Jnte- reffen einzelner Bundesstaaten mit denjenigen des Reiches nicht stattfinden.
Ausland.
— Aus Bern, 27. September, wird der „B. B.-Ztg." gemeldet: Nach dem Vertragsentwurf zwischen der Jura-Symplon-Bahn und dem Consortium für den Symplon- Durchstich verpflichtet sich letzteres, den Tunnel in 5l/2 Jahren zu vollenden gegen Vergütung von 7 Millionen Francs für Installationen, 47^2 Millionen für den ersten und 15 Mill, für den zweiten parallelen Tunnel. Das Consortium deponirt eine Caution von 5 Millionen Francs.
Paris, 28. September. Im heutigen Ministerrath unterzeichnete der Präsident Carnot die folgenden Ernennungen: General Boisdeffre mit der Leitung des Generalstabes beauftragt- General Gonfe zum Souschef des Generalstabes- die Generäle Voisin zum Commandeur des 14. Corps, Boussennrd zum Commandeur des 15. Corps, Despeuilles zum Commandeur des 13. Corps und Mercier zum Commandeur des 18. Corps.
— In Bezug auf den Besuch des rusfischeu Geschwaders iu Toulon bemerkt die „Now. SBr.z anknüpfend an einen Artlkel im „Figaro", in welchem der Befürchtung Raum gegeben worden, es könne der Besuch zu unliebsamen Zwischenfällen Anlaß geben, daß sich die Begrüßung der russischen Seeleute genau dem Empfange ber, französischen in Kronstadt anpassen müsse und fährt dann fort: „Diejenigen , welche die Vorbereitungen zum Empfange treffen, werden natürlich auch ohne die Belehrung von Seiten des
„Figaro" verstehen, daß der Stab unseres Geschwaders nur solche Ehrenbezeugungen entgegennehmen kann, in welchen nichts Herausforderndes weder in Bezug auf den Dreibund im Allgemeinen, noch in Bezug auf Deutschland im Besonderen liegt. Wenn es sich ereignen sollte, daß diese nothwendige Bedingung ein Hinderniß für einzelne vorbereitete Manifestationen sein sollte, so sind wir fest davon überzeugt, daß dieses absolut keinen abkühlenden Eindruck machen wird. Die Touloner und Pariser Feste werden, wie die Kronstadter, Peterhoser, Petersburger und Moskauer, ausschließlich Feste des Friedens fein."
Neueste Nachrichten.
Wolffs telegraphisches Correspondenz- Bureau.
Berlin, 29. September. Die Kaiserin ist heute Abend 10 Uhr von der Wildparkstation nach Trakehnen abgereist.
tzerrljuuga (Station an der Eisenbahn Gothenburg- Falköping), 29. September. Als Kaiser Wilhelm gestern Abend im Hafen von Gothenburg eingetroffen war, begab sich der Kronprinz von Schweden zur Begrüßung des Kaisers an Bord der „Hohenzollern". Um 10 Uhr fuhr der Kaiser mit dem Kronprinzen an Bord des Lootsendampsers nach Gothenburg, wo sie eine große Volksmenge sympathisch begrüßte. Um lOVi Uhr fuhr die Jagdgesellschaft hierher, wo sie um 128/< Uhr eintraf. Heute früh um 6 Uhr traf der König mit dem Prinzen Carl ein und um 6i/z Uhr fuhr die Jagdgesellschaft zur Jagd nach Hunneberg.
Paris, 29. September. Es herrscht völlige Ruhe in den Kohlenbecken der Departements Nord und Pas de Calais. Noch 42000 Arbeiter striken, die Bewegung ist jedoch im Abnehmen begriffen- zahlreiche Arbeiter melden sich täglich zur Wiederaufnahme der Arbeit.
Depeschen des Bureau „Herold".
Berlin, 29. September. Die Beratungen des Zoll- beiraths zu den deutsch-russischen Handelsvertrags' Verhandlungen sind vertraulich und für dieOeffentlichkeit nicht bestimmt- indessen hört die „Kreuzzeitung", daß die Vertreter der Industrie schärfstens, ohne jede Rücksicht auf die Landwirtschaft, ihre Interessen geltend machen.
Berlin, 29. September. Die „Nordd. Allgem. Ztg." erfährt gegenüber der Blättermeldung, wonach dte gesetzliche
Feuilleton.
Wochenbriefe ans der Residenz.
(Ortginalbericht für ben „Gießener Anzeiger".)
Darmstadt, 29. September 1893.
Has neue Museum. — Die Darmstädter Messe. — Allerlei.
Von der viel besprochenen Museumsfrage läßt sich -nach langer Frist wieder einmal etwas Neues berichten, das 4)bren Lesern nicht uninteressant fein wird. Die seinerzeit iltranftaltetc Preisconcurrenz hat bekanntlich zu keinem Resultate H'ührt, da sämmtliche eingesandte Entwürfe den vorgeschrie- itnen Kostenanschlag weit überschritten und daher — so sehr MN dies auch im Interesse unserer Stadt, die an großen Monumentalbauten gerade nicht reich ist, bedauern mag — inausführbar waren. Wie auch an dieser Stelle schon früher xmeldet, hat nun Herr Regierungsbaumeister Alfred Messel Av Auftrage der Regierung die Ausarbeitung eines Bau« Firnes übernommen und über sein Project wurde vor Kurzem ■in dem „Centralblatt der Bauverwaltung" berichtet. Danach zalt eS vor Allem, ein Bauwerk zu schaffen, daS eine nicht Mglich wissenschaftliche, sondern eine auch für den weniger gebildeten übersichtliche, das Verständniß fördernde Aufstellung Itt Kunstsammlungen ermöglichte. ES war dies, wie Herr Messel in seinem Aufsätze bemerkt, der eigenste Wunsch unseres jnigen kunstsinnigen Großherzogs. Im architectonischen Ausbau fiten ein Anlehnen an die Formen des dem für den Neubau bestimmten Platze gegenüberliegenden Residenzschlosses geraten. Ter zunächst nur probeweise auSgearbeitete Entwurf hat nun beit Beifall des Großherzogs in so hohem Grade gefunden, laß er vielleicht schon in der nächsten Session dem hessischen Landtage als definitive Vorlage überwiesen werden wird. Die in dem Museum aufzustellenden Sammlungen zerfallen in zwei Hauptgruppen, die Kunst- und Alterthumssammlungen inb die naturgeschichtlichen Sammlungen, die natürlich auch baulich von einander vollständig getrennt werden müssen. Äußer den Räumen zur Aufstellung dieser Sammlungen sind bann noch mehrere Arbeits- und Verwaltungszimmer, endlich - was wir besonders freudig begrüßen — mehrere Lehr- tlume, ein großer Vortragsfaal usw. vorgesehen. Das Bau- project stellt sich nun folgendermaßen dar. Das Museum ist
in einen niedrigen Vorder- und einen höheren Hinterflügel gegliedert. Auf der dem Hoftheater gegenüberliegenden Seite wird ein Thurm angebracht. Die vorderen Räume dienen zur Aufnahme der Kunst- und Alterthumssammlungen, sie sind eingeschossig und werden durch Oberlicht erhellt. Der Nordflügel hat dagegen vier Geschosse, in seinem unteren Thetle sollen die naturwissenschaftlichen Sammlungen untergebracht werden, in den oberen Räumen die Gemäldegallerie. Der Haupteingang in das Museum führt durch die Vorderfront, er führt unmittelbar in einen architectonisch besonders auszuschmückenden Borraum, von dem aus man in die verschiedenen Abtheilungen der Kunst- und Alterthumssammlungen gelangen kann. Natürlich ist zwischen den beiden Haupt- flügeln eine unmittelbare Verbindung vorgesehen. Ganz besonders ist auf eine möglichst günstige und zweckdienliche Ausgestaltung der zur Ausnahme der Gemäldegallerie bestimmten Säle Bedacht genommen. Im Aufbau ist der mit Renaissanceformen gemischte Barockstil des Großh. Residenzschlosses beibehalten, dadurch wird auch die einfach-vornehme Wirkung be5 Hoftheatergebäudes nicht beeinträchtigt werden. Auf alle Einzelheiten des bis ins kleinste Detail vorzüglich gelungenen Entwurfs kann natürlich in unserem kurzen Auszug aus den Darlegungen des citirten Fachblattes nicht eingegangen werden. Endlich sei aber noch erwähnt, daß die sehr zu berücksichtigende Finanzfrage in dem Bauplane auf das Beste erledigt ist. Nach dem Voranschlag wird der ganze Bau auf rund 1420000 Mark zu stehen kommen, die früheren Pro- jecte gingen weit über diese Summe hinaus. Im Interesse unserer Stadt ist jetzt nur dringend zu wünschen, daß nach definitiver Annahme des Bauplanes möglichst bald an die Ausführung geschritten werden möge, der jetzige Zustand ist ein unhaltbarer und Jeder, der die vielen, wenig gewürdigten Kunstschätze unseres Museums kennt, wird sich mit uns freuen, daß denselben endlich ein schönes Heim geschaffen werden soll.
Die Schilderung dieses Bauplanes hat soviel Raum beansprucht, daß wir unseren Bericht über die Ereignisse dieser Woche kurz fassen müssen. Zunächst sei Ihren Lesern mit- getheilt, daß wir gegenwärtig wieder mit dem lauten Trubel der Herbstmesse geplagt sind. Eine bunte Budenstadt dehnt sich seit Beginn der Woche auf dem Ernft-Ludwigsplatz,
dem Ludwigs- und Marktplatz. Unzählige Drehorgeln bereiten uns von Morgens bis Abends die zweifelhaftesten Kunstgenüsse. Nun der Lärm und Trubel geht ja bald vorüber, die Residenzbewohner machen gute Miene zum bösen Spiel und betrachten die Veranstaltung der Messe als alte und daher berechtigte Tradition, vielleicht ist aber doch die Zeit nicht mehr fern, wo man ihren Schauplatz aus dem Bereich der inneren Stadt verbannt.
Dem Berichte im letzten Briefe über das Project einer electrisch en Straßenbahn kann ich heute hinzufügen, daß der Grundbesitzerverein des nordöstlichen StadttheilS bereits begonnen hat, für das Unternehmen eifrig Propaganda zu machen - in einer großen öffentlichen Versammlung wurde die ganze Angelegenheit am vergangenen Samstag lebhaft discutirt.
Im Kunstleben der letzten Woche wäre nur die Opernvorstellung von Gounods „Faust" im Hoftheater zu erwähnen, da sich in derselben ein neues Mitglied unserer Bühne, Frl. Longin, dem Publikum in der Rolle der „Margarethe" vorstellte und ziemlichen Beifall fand. Dann brachte der Dienstag die erste Aufführung von FuldaS Märchenspiel „Der Talisman", das hier Dank einer ganz vortrefflichen Wiedergabe einen außerordentlichen Erfolg errang. Das Programm für die großen Hofmusikconcerte ist nunmehr auch veröffentlicht worden. Von größeren Orchesterwerken sollen wir zu hören bekommen: Symphonien Beethoven D-ckur, Mozart G-moll, Haydn Ea-dur, Schumann B-dur, Brahms E-moll, Saint-Saens A-moll. Als Solisten sind durchweg Kräfte allerersten Ranges engagtrt.
Endlich wäre noch der glücklichen Rückkehr unserer gelammten Garnison aus den Manövem zu gedenken, die zu Ende der vorigen und Anfangs dieser Woche erfolgte. Das Darmstädter Straßenleben bietet dadurch wieder das gewohnte Bild. Uebrigens hatte ich verschiedentlich Gelegenheit, von Offizieren und Mannschaften, die den Manövem in Oberhessen beigewohnt, zu hören, daß die wackeren Wetterauer Alles aufgeboten hätten, um den Soldaten den Aufenthalt im Quartier möglichst angenehm zu machen, die Truppen seien mit der Verpflegung und Behandlung durchweg außerordentlich zufrieden gewesen. Z.


