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Nr 205. Erstes Blatt. Freitag den 1. September
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Reichsschatzamte die Ausarbeitung einzelner Pläne, wie der
Tabakfabrikatsteuer, der Börsensteuer u. s. w. statt, welche Arbeiten den Berathungen der bundesstaatlichen Commisiare vermuthlich mit zur Unterlage dienen werden. Da der neue
Staatssekretär im Reichsschatzamt, Graf Posadowsky-Wehner, welcher am 1 September definitiv sein Amt übernimmt, in der letzten Woche täglich längere Conferenzen mit seinem Vor-
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Neueste llacbricbtctt.
Wolffs telegraphisches Corresponden,-Bureau.
Graudeuz, 30. August. Die Weichsel ist amtlich für choleraverseucht erklärt worden. Die Badeanstalten wurden geschlossen.
Coburg, 30. August. Gestern Abend 10 Uhr wurde bet Fackelbeleuchtung die Leiche des Herzogs Ernst aus der Moritzkirche in das herzogliche Mausoleum auf dem hiesigen Friedhof übergeführt, wo die Mitglieder der herzoglichen Familie anwesend waren. Nach einer Ansprache des Ober- Hofpredigers Kretschmar erfolgte die Beisetzung. — Der Großherzog von Baden reist heute Mittag ab.
Budapest, 30. August. Den ungarischen Kaiser- manövern werden die Militärattaches von Deutschland, Italien, Frankreich, Rußland, England, Spanien, Rumänien, Türkei, Schweden und Nordamerika beiwohnen.
Nancy. 30. August. Ein Trupp französischer Arbeiter zog heute früh 5 Uhr nach den Werkstätten in dem Hüttenwerk von Lang, um die dort beschäftigten italienischen A r b e i t e r z u v e r t r e i b e n. Die Italiener verließen darauf die Werkstätten. Eine Schaar von 40 Arbeitern nöthigte sodann 6 Italiener, welche in einem Hause im Centrum der Stadt arbeiteten, die Arbeit niederzulegen. Die französischen Arbeiter versammelten sich schließlich aus dem Stanislaus- Platze und schickten eine Deputation an den Maire, welche erklärte, die Arbeiter würden so lange striken, als auch nur ein italienischer Arbeiter in Nancy beschäftigt würde.
Naucy, 30. August. Die Arbeiter auf dem Stamslaus- Platz haben sich langsam zerstreut. 200 Maurer striken. Mehrere italienische Arbeiter verlassen die Stadt ohne Belästigung. Die französischen Arbeiter sind ruhig.
Nimes, 30. August. Das Zuchtpolizeigericht ver- u r t h e i l t e sechs anläßlich der Vorfälle in A i g u e s - M o r t e s verhaftete Individuen wegen Thätlichkeiten und Beleidigungen gegenüber den Gensdarmen zu sechs bis einem Monat Gefängniß.
Newyork, 30. August. Nach weiteren Meldungen richtete der Cyclon furchtbare Verheerungen an der Küste von Nord- und Süd-Carolina, Georgia und Florida an. Die Stadt Port Royal ist fast fortgeschwemmt und 100 Personen sind ertrunken. Charleston ist größtentheils zerstört- 6 Personen sind dort verunglückt und 12 Werften vernichtet. Auf den Inseln an der Küste von Karolina und in den dortigen Gewässern sind 500 Personen umgekommen.' Es wird befürchtet, daß die Kriegsschiffe „Kearsarge" und „Nantucket" gescheitert sind.
Deutscher Reich.
Berlin, 29. August. Kaiser Wilhelm wird nächster Tage auf elsaß-lothringischem Boden eintreffen, um nebst den hierzu von ihm eingeladenen fürstlichen Gästen den großen Manövern des 16. (lothringischen) Armeecorps gegen das 8. (rheinländische) Armeecorps beizuwohnen. Die Verhält- niffe bringen eS mit sich, daß der oberste Kriegsherr während dieser Zeit vorwiegend in Metz residiren und daß er daher der Stadt Straßburg diesmal nur einen flüchtigen Besuch abstatten wird anläßlich der Parade über das 15. Armee- corpS. Wie nun die „Straßb. Post" erfahren haben wollte, hätte es der Kaiser gegenüber den Bitten des Statthalters Fiirften Hohenlohe entschieden abgelehnt, auch nur eine Nacht in Straßburg zu verweilen, in einer Stadt, die einen Socialdemokraten in den Reichstag geschickt habe. Diese angebliche Aeußerung des Monarchen wird indeffen in der Berliner „Post" mit dem Bemerken entschieden bestritten, daß der Aufenthalt des Kaisers in Straßburg lediglich deßhalb so kurz bemessen sei, weil die Manöverdispositionen seine Anwesenheit in Metz alsbald wieder erheischten.
— Das vielverbreitete Gerücht, welches wtffen wollte, daß Fürst Ferdinand von Bulgarien gelegentlich der Beisetzungsfeierlichketten in Coburg von Kaiser Wilhelm empfangen werden würde, hat sich nicht bestätigt. Es scheint zwischen beiden Fürstlichkeiten während ihrer gleichzeitigen Anwesenheit in Coburg nicht die mindeste persönliche Berührung stattgefunden zu haben, auch erschien ein Empfang des bulgarischen Herrschers seitens des deutschen Kaisers aus bekannten politischen Gründen von vornherein ausgeschloffen. Fürst Ferdinand selbst ist bei der gesammten Trauerfeier nicht als regierender Fürst, sondern lediglich als Mitglied des Hauses Coburg aufgetreten.
— Die Frankfurter Minister-Conferenz wird nunmehr die angekündigte Fortsetzung in der Reichshauptstadt finden. In der kommenden Woche werden in Berlin die Commissarien der einzelnen Bundesstaaten zusammentreten, um die von den Finanzministern in Frankfurt vereinbarten Steuerprojecte definitiv festzustellen. Inzwischen findet im
gänger, Herrn v. Maltzahn-Gültz, gepflogen haben soll, so I dürfte Graf Posadowsky über die Grundlagen der geplanten I Reichsfinanzreform wohl schon hinlänglich informirt sein.
— Aus Deutsch-Ostafrika kommt die Kunde von einem neuen, allerdings schwer genug errungenen Erfolge der deutschen Waffen. Die zur Züchtigung des unbotmäßigen Sultans Meli abgegangene Expedition, die unter dem persönlichen Oberbefehle des stellvertretenden kaiserlichen Gouverneurs Obersten v. Scheie steht, erstürmte am 12. August das stark befestigte Lager Melis am Kilimandjaro nach vierstündigem heftigem Kampfe. Deutscherseits wurden hierbei Lieutenant Ax und vier Askari getödtet, Feldwebel Mittelstaedt und 23 Askari verwundet, lieber die Verluste des Gegners fehlen die Angaben noch, wie überhaupt nähere Berichte über daS Gefecht noch abzuwarten sind- hoffentlich ist aber durch diesen Sieg die einigermaßen ins Wanken gekommene Autorität der Deutschen im Kilimandjaro - Gebiet wieder befestigt worden.
Würzburg, 29.August. Der Katholikentag beschäf- tigte sich in der zweiten geschlossenen Versammlung mit Anträgen. Angenommen wurde ein Antrag Lingens zu Gunsten der weltlichen Herrschaft des Papstes, ein Antrag auf Unterstützung der katholischen Lehrervereine und auf Verurtheilung der Simultanschulen. Großen Beifall fanden Anträge auf Gründung freier katholischer Universitäten in Fulda und Salzburg. Dasbach hielt eine lange Rede gegen die farblose Preffe, welche nur Versimpelung erzeuge. In der Generalversammlung des katholischen Volksvereins sprach Lieber gegen den Liberalismus, den Vater des Socialismus. Am Nachmittag sprach Rector Schiffers-Aachrn über die Palästinafahrt - Professor Straub - Aschaffenburg forderte die Con- fessionalität der Gymnasien und die Zwangsreligivsität der Schüler und Lehrer. Einen bedeutenden Vortrag hielt Bene- dictincrprofeffor Kuhn-Einsiedeln, der den Anschluß der christlichen Kunst an die Kunstströmung des 19. Jahrhunderts empfahl. Gröber, lebhaft empfangen, sprach über corporative Organisation der Berufsstände und lobte, daß der Clerus an der Spitze der socialen Bewegung marschire. Zuerst sei erforderlich die Organisation des Bauernbundes, zweitens die des Handwerkerstandes. Diese Doppelorganisation müffe schließlich von der Religion durchdrungen sein, dann werde der Liberalismus besiegt und der sociale Friede hergestellt werden.
I Morgen spricht Lieber über die Pflichten des katholischen Mannes in der Gegenwart, Sylva Tarouca über die sociale Bewegung in Oesterreich.
Httiilleton.
Die Landgrafen von Hessen als Reichsvögte vvn Wetzlar.
(Schluß.)
Die Reichsstadt Wetzlar ist durch allerhand Unordnung dermaßen in Abgang und Unvermögen gekommen, daß sie, die früher durch die Reichsmatrikel höher angeschlagen war, als Friedberg und Gelnhausen, immer mehr heruntergesetzt wurde. Der Landgraf hat aber auf der Stadt 14,000 fl. rhein. und 4000 Pfund Heller Gelds stehn und es wird also Niemand S. F. Gnaden verdenken, daß er seine Pfandschaft wahrnehme, zumal bei dem wachsenden Abnehmen der Stadt durch sothane unbillige und unordentliche Händel.
Doch ist nicht nöthig, der sehr breiten und ausführlichen Deduktion des landgräflichen Advocaten in allen seinen weiteren Entwickelungen zu folgen. Er pocht auf des Landgrafen Rechte als Erbvogt und Pfandherr zu Wetzlar, der sowohl den Rath als die Bürgerschaft sammt und sonders bei ihren kaiserlichen nnd königlichen Privilegien, Freiheiten und Rechten, Statuten und Gewohnheiten geschützt hat und diese treulich Handzuhaben befliffen war und jeden, der darüber beschwert wurde, im Namen Ihrer Kais. Maj. getreulich schützen will. Darüber hat ja auch S. F. G. einen schriftlichen Schein und einen fürstlichen Schutzbrief der Stadt Wetzlar und' allen ihren Bewohnern zum Besten ausgestellt, der auch vom Rath mit Dank angenommen wurde. Was noch an Mißverständnissen zwischen S. F. G. und dem Rath übrig sein mögen, da will sich S. F. Gn. der kaiserlichen Kommission willig gehorsam accomodieren.
Der Antrag der Wetzlarer Bürgerschaft, auf dem zunächst abzuhaltenden Reichstag in Regensburg durch eine kaiserliche Kommission die Streitfrage zu ordnen, war vom Reichskammergericht in Speyer angenommen und die Kommission dem Landgrafen selbst übertragen, worden.
Diese kaiserliche Specialcommission bestimmte wieder Subdelegirte, die auch sofort mit der Untersuchung begannen. Wieder kamen der große Ausschuß und viele andere Bürger auf dem Rathhaus in Wetzlar in der großen Nebenstube zusammen und proteftirten vor dem Notar Joh. Fried er ici von Grünberg und den beiden insonderheit dazu erbetenen Zeugen, den ehrenhaften und achtbaren Gg. Frdr. Hagen, Bürger zu Gießen und Peter Möller von Großenbuseck gegen die im Strafmandat ihnen vorgeworfenen Vergehen- sie sind dadurch vom Rath höchlich beleidigt worden. Da sie aber keine Zeit und Gelegenheit haben, dieser Sache in eigener Person abzuwarten, so bevollmächtigen sie nochmals den Dr. jur. und kaiserlichen Kammergerichtsadvocaten Joh. Phil. Harter in Speyer in ihrer Angelegenheit thätig zu sein.
Wie viele Processe beim Reichskammergericht sowohl aus der Speyerer, wie aus der späteren Wetzlarer Zeit, so ging auch dieser aus, ober richtiger, nicht aus. Vier Mitglieder des Raths wurden von ihrem Amte suspendiert und blieben offenbar noch in Untersuchung. Ihre Angelegenheit sollte einer unparteiischen Juristenfakultät zur Urtheilsprechung überwiesen werden und was diese erkennt, soll ohne fernere Apellation ober Ausflucht' vollstreckt werben. Es scheint nicht, baß jemals bieses Urtheil einer Juristenfakultät erbracht würbe.
Was aber bie Klagen ber Bürgerschaft gegen den Rath uub umgekehrt anlangt, so sollen biese als gegenseitig aufgehoben betrachtet werben unb kassirt unb abgethan sein. Keiner soll an seinen hergebrachten Ehren ober seinem Stanb verletzt sein unb alle Processe, bie daraus entstanden, als erloschen betrachtet werden.
Auch in anderen Fällen bürgerlicher Streitigkeiten suchte der schwächere Theil Hülfe bei dem fürstlichen Reichsvogt ober unmittelbar bei besten Untervogt, boch würbe nicht immer bie Absicht erreicht.
1749 hatte bie Metzgerzunft bie Absicht, auf Fastnacht einen Umzug durch die Stadt mit einem bändergeschmückten Kalb zu halten, wie dies von altersher üblich war- da aber
gewöhnlich dabei großer Unfug vorkam, so gab der Rath nicht die Erlaubniß dazu. Statt nun diese Maßregel mit Respekt anzuerkennen und eingedenk ihres ausgeschworenen Bürgereides derselben Folge zu leisten und den Umzug zu unterlassen, erkühnte sich die Metzgerzunft dem Verbot zu trotzen, den Gehorsam aufzusagen und als ob ihrem ruchlosen Unternehmen Niemand wehren könne, den tollkühnen Umzug nichtsdestoweniger eigenmächtig zu unternehmen. Darauf wurden einige Soldaten geschickt, um dem Unwesen Einhalt zu thun, doch widersetzten sich die Metzger den Soldaten und diese mußten zurückgezogen werden, wenn nicht ein Blutbad auf offener Straße angerichtet werden sollte.
Im darauf folgenden Jahre 1750 kam zwar nicht die Metzgerzunft als solche um bie Erlaubniß für ben Umzug ein, wohl aber bie Metzgerföhne unb Knechte. Sie baten, ben Umzug „vor ihre bas ganze Jahr durch habenden grausamen Strapazen zu einer Recreation zu erlauben, gestalten sie hiermit angeloben wollen, daß nicht ber geringste Unfug vorgehn sollte, sonbern eine gute Conduite zeigen wollten, seien auch allenfalls crbötig, ein Dukat in bas Hospital zu gebend Offenbar nahmen sie an, bie Ereignisse vom vorigen Jnhre seien schon vergeffen. Doch würbe auch ihnen „aus bebent* lichen Ursachen" unb ihres tumultarischen, unchristlichen unb heib- nischen Unwesens wegen bie Erlaubniß abgeschlagen. Trotzbem würben alle Vorbereitungen getroffen, ben Umzug boch auszuführen, aber bie Gegenmaßregeln waren biesmal besser getroffen, als im Jahre vorher.
Die Metzger sammelten sich in bem Hause bes Bürgeroffiziers Göth, auf bem Eisenmarkt, boch war bieses von einiger Mannschaft von Bürgern unb Stabtsolbaten berart besetzt, baß zwar einzelne Metzger ein- unb ausgehen konnten, aber ber Umzug war verhinbert. Verschiebene Male würbe ein Metzgerbursch hinüber zu bem Herrn Hofrath Dr. Meckel, bem lanbgräflichen Untervogt geschickt, offenbar mit ber Bitte, sie bei ihrem geplanten Umzug mit heffen-barmstäbtischen Solbaten zu fecunbieren. Meckel ließ sich wirklich verleiten, ben Notar Fuchs auf bas Rathhaus mit ber Bitte zu


