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01/07/1893 Erstes Blatt
 
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Nr. 152 Erstes Blatt. Samstag den 1. Juli

1893

Der Gießener Anzeiger erscheint täglich, eit Au-nahmc des Montags.

Die Gießener A«Mitte«Vl»tter werden dem Anzeiger Wßchentlich dreimal hergelegt.

Gießener Anzeiger

Kenerat-Mnzeiger.

Vierteljähriger Avonnementspreisr 2 Mark 20 Pfg. mit Brinoerlohn.

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Redaction, Expedition und Druckerei:

Schulstraße Ar.7.

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Amts- und Anzeigeblatt für den Tlreis Gieren.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für den V ti ß t frt/T0«"fcrttttTff iMt Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehmen

folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Norm. 10 Uhr. | U 11 VlULltl. Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Amtlicher Theil.

Gießen, den 28. Juni 1893. Betreffend: Die Streu- und Futternoth.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

OM >U Grstzh. Bürgermeistereien des Äwiki.

Das Großh. Ministerium des Innern und der Justiz hat angeordnet, daß die Großh. Landwirthschafttzlehrer bei der gegenwärtig herrschenden Futter- und Streunoth den Landwirthen ihrer Bezirke mit Rath und That zur Seite gehen sollen, um denselben die zur Abhilfe der Roth geeignetsten Mittel zu zeigen. Die Landwirthschaftslehrer werden dem­gemäß in Kürze eine größere Zahl von Gemeinden besuchen, dort Vorträge halten und practische Unterweisungen vor- nehmen.

Indem wir bemerken, daß der nördliche Theil des Kreises durch die Lehrer der Landwirthschaftsschule zu Alsfeld, der südliche durch die Lehrer der Schule zu Friedberg besucht werden wird, beauftragen wir Sie, den Landwirthschafts- lehrern bei ihrem Erscheinen jede gewünschte Unterstützung ^zu Theil werden zu lasten und darauf hinzuwirken, daß die von denselben zu veranstaltenden Vorträge und practischen Unter­weisungen möglichst zahlreich besucht werden.

Kosten erwachsen den Gemeinden durch die Vorträge nicht, v. (Sagern.

Bekanntmachung,

betreffend Abänderung der Bestimmungen über die Verladung und Beförderung lebender Thiere auf Eisenbahnen.

Der Bundesrath hat in der Sitzung vom 17. v. Mts. beschlossen, daß für die zur Beförderung nach den Nordsee­häfen bestimmten Wiederkäuer und Schweine von der durch Beschluß vom 3. November 1887 verlangten Bescheinigung des Gesundheitszustandes der Thiere vor der Verladung ab­gesehen werde.

Gießen, den 28. Juni 1893.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Bekanntmachung.

Droschkenbesitzer Peter Wagner dahier hat die Er- laubniß erhalten, eine Droschke mit der Nr. 3 nach Maß­gabe des Droschkenreglements für die Provinzialhauptstadt Gießen vom 3. August 1878 in Betrieb zu setzen.

Gießen, den 28. Juni 1893.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

__________________Fresenius.__________________

Ausschreiben.

Wir bitten um Auskunft über den derzeitigen Aufent­haltsort des Ludwig Linker, Schuhmacher, 47 Jahre alt, von Lauterbach.

Gießen, den 26. Juni 1893.

Großh. Staatsanwaltschaft.

Schilling-Trygophorus.

Deutsches Reich.

Berlin, 29. Juni. Die Kaiserin und der Kron­prinz sind am Donnerstag von ihrem AnSfluge nach Kiel wieder im Neuen Palais bei Potsdam eingetroffen, lieber die Rückkehr auch des Kaisers aus Kiel ist indessen bis zur Stunde noch immer nichts Näheres bekannt- fest steht nur, daß der hohe Herr bis zum Tage der Reichstagseröffnung nach Berlin, resp. Potsdam zurückgekehrt sein wird.

Die ab gelaufene Woche bat mit den letzten Stichwahlen auch die Beendigung des gejammten Wahlfeldzuges gebracht und Sieger wie Besiegte ziehen nunmehr das Facit des heißen Stimmenkampfes. Indessen steht das Resultat der Wahlschlacht in seinen Einzelheiten noch nicht allenthalben fest, da noch immer Berichtigungen von schon gemeldeten einzelnen Wahlergebnissen einlaufen. Erft nach dem Zusammentritte der neuen Volksvertretung wird sich die Parteigruppirung in derselben genau ziffernmäßig übersehen lassen, bis dahin können die mitgetheilten Ziffern nur als vorläufige gelten. Unzweifelhaft kann aber schon auf Grund dieser vorläufigen Zusammensetzung des neu gewählten beut« fcben Parlaments erklärt werden, daß die Annahme der Militärvorlagegesicherterscheint, dies geben auch die Gegner der Heeresverstärkung zu. Nur wird sich die Be- rathung der Militärvorlage nicht so glatt und rasch abwickeln,

als man bislang vielfach annahm. Denn tote neuere Berliner Meldungen besagen, ist beabsichtigt, die Heeresvorlage im Hinblick auf die vielen neuen Mitglieder des Reichstages noch­mals in einer Commission vorberathen zu lassen, so daß sich eine Sessionsdauer von drei bis vier Wochen ergeben würde. In diesem Falle müßte natürlich das Plenum während der Verhandlungen der Militärcommission anderweitig beschäftigt werden, an Berathungsmaterial gäbe es da so Manches. Bereits sind denn auch verschiedene Anträge angekündigt, welche sich auf die gegenwärtige Nothlage der Landwirthschaft beziehen und auf Linderung dieses Nothstandes zielen. Die abermalige Wahl Herrn v. Levetzows, der schon durch mehrere Legislaturperioden hindurch Präsident des Reichstages gewesen ist, für diesen Posten auch im neuen Reichstage gilt als zweifellos. Herr v. Levetzow ist von seinem alten Wahlkreise Königsberg in der Neumark auch in den gegenwärtigen Reichstag entsendet worden. Ebenso steht nicht zu bezweifeln, daß auf den ersten Vicepräsidentenposten abermals ein Centrumsmitglied berufen werden wird, während zum zweiten Vicepräsidenten ein Nationalliberaler gewählt würde. Die Zahl derjenigen Reichstagsabgeordneten, welche doppelt gewählt wurden, vermehrt sich noch immer. Nach den neuesten Erhebungen sind deren sechs, die Herren Bebel (Soc.) in den Wahlkreisen Hamburg I und Straß­burg i. E., Träger (sreis. Volkspartei) in Bingen-Alzey und Varel, Zimmermann (Antis.) in Dresden-A. und Lauterbach, Ahlwardt (Ant'.s.) in Neustettin und Arnswalde, Werner (Antis.) in Rinteln und Hersfeld, sowie der Pole v. Wolszlegier in Allenstein und Könitz.

Die Stärke der einzelnen Fractionen

im neuen Reichstage ist, vorbehaltlich einzelner kleiner Aenderungen in dcr Parteizugehörigkeit einiger sog. Wilden, nach demWölfischen Bureau" folgende:

Conservative 75 (vor der Wahl 69)

Reichspartei 24 ( 18)

Nationalliberale 53 ( 44)

Freis. Vereinigung 14 ()

Freis. Volkspartei 24 ( 68)

Südd. Volkspartei 11 ( 11)

Centrum 96 ( 104)

Socialdemokraten 44 ( 36)

Polen 19 ( 16)

Elsässer 10 ( 10)

Antisemiten 17 ( 6)

Welfen 7 ( 10)

Bayr. Bauernbund 3 ()

Däne 1 ( ,, 1)

Unbestimmt 2

Erledigt 3

397

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Somit bilden die beiden conservativen Fractionen zusammen die stärkste Partei des Reichstags. Sie gewannen zusammen 11 Sitze. Die größte Zunahme zeigen die Antisemiten (11 Sitze 288 pCt.), die Nationalliberalen gewannen 10 Sitze (23 pCt.), die Socialdemokraten 8 Sitze (22 pCt.), die Polen 3 Sitze (19 pCt.). Verloren haben das Centrum 8, die Welfen 3 Sitze. Der Verlust der Freisinnigen beträgt, wenn man beide neuen Parteien der einen alten gegenüber stellt, noch immer 30 Sitze (44 pCt.).

Die deutsch-russischen Handelsvertrags­unterhandlungen sind infolge des plötzlichen Hervor­tretens der russischen Regierung mit einem Maximaltarif, der allgemein als eine gegen Deutschland gerichtete Drohung gilt, in ein äußerst kritisches Stadium getreten. Wenn die Russen nicht noch in letzter Stunde ein Einsehen bekommen und wieder mildere Saiten aufziehen, so erscheint ein Scheitern dieser Verhandlungen allerdings kaum mehr vermeidbar und nachher wäre ein deutsch-russischer Zollkrieg unvermeidlich. Derselbe würde die deutsche Ausfuhr nach Rußland gewiß empfindlich treffen, aber er würde zweifellos auch die russische Ausfuhr nach Deutschland speciell die Getreideausfuhr, mindestens ebenso schwer schädigen. Jedenfalls würde Deutschland einen Zollkrieg mit Rußland eher aushalten, als sich dies von dem anderen Theile behaupten ließe.

Der Oberamtmann Ring, der bei der Stichwahl unterlegene conservative Reichstagscandidat im Teltower Wahl­kreise, ist, wie im Abgeordnetenhause verlautete, heute früh im Walde erschossen aufgefunden worden.

DieFreisinnige Zeitung" bringt die Einladung zu einem Parteitage der freisinnigen Volkspartei für den 15. und 16. Juli nach Berlin. Auf der Tages­ordnung stehen: Parteibezeichnung, Programm, Organi­sationsstatut und sonstige Organisationsfragen der Partei.

Nerieste Nachrichten.

Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.

Berlin, 29. Juni. DerReichs-Anzeiger" stellt das Gesammtresultat derReichstagswahlen folgender­maßen fest: Gewählt: 74 Conservative, 24 Reichspartei, 50 Nationalliberale, 12 Freisinnige Vereinigung, 24 Frei­sinnige Volkspartei, 11 Süddeutsche Volkspartei, 96 Centrum, 7 Welfen, 44 Socialdemokraten, 19 Polen, 16 Antisemiten, 9 Wilde, 1 Däne, 7 Elsässische Protestler, 3 Elsässer für die Militärvorlage. Gewonnen haben Conservative 6, Reichs­partei 6, Nationalliberale 8, Süddeutsche Volkspartei 1, Socialdemokraten 8, Polen 2, Antisemiten 10, Wilde 3. Verloren haben: Freisinnige Vereinigung und Freisinnige Volkspartei zusammen 32, Centrum 9, Welfen 3.

Berlin, 20. Juni. Gegenüber der Blättermeldung, daß die Mehrheit der am 15. Juni gegen die Militär­vorlage abgegebenen Stimmen weit mehr als 200000 be­trage und daß das Reichsamt des Innern absichtlich mit einer Veröffentlichung der statistischen Zusammenstellung zögere, hebt dieNorddeutsche Allgemeine Zeitung" hervor, daß eine Statistik, die auf Genauigkeit Anspruch erheben wolle, bisher noch nicht vorliegen könne. Die im Reichsamt des Innern angefertigte Wahlstatistik sei den besten Quellen zufolge durchaus noch nicht abgeschlossen. Sobald dies geschehen sei, werde das betr. Aktenstück dem Reichstage zugehen. Die angeblich aus zuverlässiger Quelle geschöpfte Blättermeldung bezwecke offenbar nur, Stimmung gegen die Militärvorlage zu machen. Den verbündeten Regierungen könne dies einiger­maßen gleichgültig fein.

Berlin, 29. Juni. In einer Versammlung von Ab­geordneten und practischen Landwirthen, welche heute im Herrenhause ftaitfanb, bezeichnete der Minister v. Heyden das Ausfuhrverbot auf Heu und Kleie als erforderlich. Der Minister führte sodann die Maßregeln der Forstverwaltung an, welche zur Beseitigung des Streu- Mangels getroffen sind. Bezüglich der Abhülfe des Futter­mangels sei eine Staatsunterstützung besser als Darlehen. Eventuell würden auch außeretasmäßige Mittel bereitgestellt werden. Der Nvthstand solle erst bei dringender Lage officiell pro- clamirt werden. Wo die Calamität groß sei, könnten Frachtermäßigungen gewährt werden. An die Darlegung von Seiten des Ministers schloß sich eine lebhafte Debatte, an welcher der Vorsitzende des Bundes der Landwirthe v. Ploetz, sowie Frhr. v. Schorlemer sich betheilgten. Eine Abstimmung erfolgte nicht.

Depeschen de» BureauHerold".

Berlin, 29. Juni. DerBörsenzeitung" zufolge geht mit der Militärvorlage dem Reichstage zugleich der Nach­tragsetat zu. Als positiv wird dem Blatte gemeldet, während der gegenwärtigen kurzen Tagung würden Steuer- vorlagen irgend welcher Art dem Reichstage nicht zugehen.

Berlin, 29. Juni. In Regierungskreisen gibt man sich um so mehr der Erwartung hin, daß die Ergebnisse der Börsenenquete dazu führen, die an den Börsen bestehende Ordnung in mancher Hinsicht einer gründlichen anderweitigen Gestaltung zu unterwerfen, als sich bei den Vernehmungen von Sachverständigen herausgestellt hat, daß auch die Ver­treter der großen Finanz mit manchen Vorgängen an der Börse nicht einverstanden sind und im Interesse des legitimen Geschäftes es für nöthig erachten, eine Herabminderung der Mißstände zu erzielen.

Berlin, 30. Juni. Der Landtag wird voraussichtlich in feierlicher Form mit einer Thronrede geschloffen, hierfür spricht nicht allein die Erwägung, daß es die letzte ordent­liche Session in der Legislaturperiode ist, sondern auch daß in derselben ein gesetzgeberisches Werk von Bedeutung, die Steuerreform, durchgeführt worden ist.

Dresden, 29. Juni. Der hier und in Alsfeld gewählte Antisemit Zimmermann nimmt das Mandat in Alsfeld an, statt seiner wird in Dresden wahrscheinlich der frühere Reichstagsabgeordnete Baumeister Hartwig aufgestellt.

Freiberg i. S., 29. Juni. Wegen socialistischer Agitation wurden vier Bergakademiker von den Vorlesungen ausgeschlossen. Heute beginnt infolge dessen wieder der all­gemeine Collegienbesuch.

Newyork, 30. Juni. Bei dem Sturme, welcher den Staat Kansas heimsuchte, kamen viele Personen um.

Sitzung der Stadtverordneten

am 29. Juni 1893.

Anwesend: Herr Oberbürgermeister Gnauth, von Seiten der Stadtverordneten die Herren Adami, Brück, Emmelius, Faber, Flett, Grünewald, Habenicht, Helfrich, Heyligenstaedt,