Ausgabe 
1.3.1893 Zweites Blatt
 
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Pflichtung, die auf dem Nachlaß haftenden Schulden zu zahlen. Die ConcurSgläubiger erscheinen hiernach berechtigt, die Ver- ficherungssumme zu ihrer Befriedigung heranzuziehen. Wollte man auch zwei Verträge, einen zu Gunsten deS Dersicherungs- nehmerS und einen zu Gunsten der gesetzlichen Erben an­nehmen, so käme man zu keinem anderen Resultat. In Theorie und Praxis besteht zwar der Grundsatz, daß bei Versicherungen zu Gunsten eines bestimmten dritten dieser mir dem Tode des Versicherungsnehmers ein selbstständiges Recht auf die Versicherungssumme erwirbt- doch kann in obiger Vertragsbestimmung ein solcher Vertrag zu Gunsten eines dritten nicht gefunden werden, da zur Zeit deS Vertragsab­schlusses noch gar nicht zu erkennen war, wer bei dem Tode des Versicherungsnehmers als besten gesetzlicher Erbe erscheinen würde. Die Person des dritten war also unbestimmt, ein Vertrag zu Gunsten eines dritten daher nicht zustande ge­kommen.

Neue» Abrufen der Reisenden auf Bahnhöfen. Aus dem Bahnsteig deS Bahnhofes in Mülhausen wird in den nächsten Tagen eine Einrichtung inS Leben treten, die geeignet ist, nicht nur einen schwierigen Th eil des Bahnhofdienstes wesentlich zu erleichtern sondern auch dem reisenden Publikum eine Anleitung zur Auffindung und Be­nutzung eines bestimmten Zuges zu geben, die sicherer und zuverlässiger ist als das bis jetzt gebräuchliche Verfahren. ES handelt sich dabei um einen potentirten, von Ingenieur Strohdach in Basel erfundenen und von der Maschinenfabrik Stockheim in Mannheim erbauten Apparat. Derselbe besteht zunächst aus einem viereckigen mit dreieckiger Krönung und mehreren viereckigen Ausschnitten auf jeder Seite versehenen Kasten, der an stark in die Augen fallender Stelle ausgehängt wird. Im Innern enthält der Kasten eine gewisse Anzahl Scheiben und Tafeln, welche mit der Bezeichnung des dem­nächst abgehenden Zuges als Local-, Personen- oder Schnellzug u. s. w., sowie mit der Angabe der Fahrklassen, welche er führt, und mit dem Namen einer Hauptstation beschrieben sind. Durch ein höchst sinnreiches Kurbelwerk mit Drath- seil-Leitung können diese Scheiben und Tafeln von einem bestimmten Punkte in einem Bureau beliebig gestellt werden, wobei der den Apparat bedienende Beamte durch eine vor ihm befindliche verkleinerte Wiedergabe deS Schilderkaslens sofort selbst die Controlle über die richtige Stellung der Schilder erhält. Für die Wartesäle ist die nämliche Einrichtung geplant. Hier wird dieselbe noch mir einem electrischen Läutewerk versehen, so daß nicht bloS das Auge, sondern auch das Ohr aufmerksam gemacht wird. Alsdann erscheint ein Schild mit der Aufforderung:Einsteigen in den Zug nach . . ." Diese Einrichtung besorgt also das sogenannte Abrufen der Reisenden auf die denkbar und zuverlässigste Weise und dürste wohl berufen sein, den häufigen Beschwerden wegen ungenügenden oder gar nicht erfolgten Abrufens ein Ende zu machen.

Lauterbach, 24. Februar. Dem Großh. Bürgermeister Schneider in Heblos wurde mittelst Allerhöchster Ent­schließung vom 12. d. M. das Allgemeine Ehrenzeichen für langjährige treue Dienste verliehen.

* Lauterbach, 24. Februar. Nach dem soeben veröffent- lichten Ergebniß der Viehzählung vom 1. December v. I. sind im Kreise Lauterbach vorhanden: 22,359 Stück Rindvieh, 1562 Pferde, 12,324 Schafe, 11,257 Schweine, 2344 Ziegen, 980 Bienenstöcke.

VerMtschtcs.

Dornholzhausen, 25. Februar. Gestern wurde ein 17jährigcr junger Mensch, Namens Conrad Mick, in der Cleebach tobt ausgesunden. Vermuthlich liegt Selbstmord vor.

* Ein BarterzeugungSmittel hat in Köln wieder ein Mal seinenErfinder" vor die Schranken des Gerichts gebracht. Angeklagt war der Kaufmann Friedrich Wilhelm RotheS aus Rheinberg, welcher im Winter 1890 in Köln eine Parfümerie-Fabrik unter der Firma L. Borghese errichtete und als einzige SpezialitätProfessor Fragellis Bart- ErzeugungSmittel" vertrieb. In denFliegenden Blättern" erließ der unternehmungslustige Fabrikant zahlreiche Anzeigen, welche eine Menge des viel gepriesenen Mittels zur Folge hatten. Interessant war, wie dieK. D. Z." berichtet, die Erklärung, welche der Angeklagte darüber abgab, wie er zur Herstellung der Bart-Mixtur gekommen: Er kaufte nach seiner Angabe mehrere Fläschchen deS Bart-ErzeugungSmiltels von Professor Migargee, ließ diese Mixtur von einem Chemiker analysiren und machte sich alsdann nach dem ge­wonnenen Recept selbst anS Fabricircn- den Namen deS angeblichen ErfindersProfessor Fragelli" setzte er hinzu, um die Sache verlockender erscheinen zu lassen. In den Fliegenden Blättern" wurde dervolle, unbedingte Erfolg" deS BarterzeugungSmittelS schriftlich gewährleistet. Die große Flasche, deren Verkaufspreis 4,50 Mk. war, hatte einen HerstellungSwerth von 20 Pfg. Die Sachverständigen, Chemiker Dr. Kyll und Stadt-Phhsikus SauitätSrah Dr. Leuffeu bekundeten, daß eS überhaupt ein BarterzeugungSmittel gar nicht gebe. Die von dem Angeklagten hergestellte Mischung sei wirkungslos. Wie ausgedehnt der Vertrieb gewesen sein muß, geht daraus hervor, daß noch nach der Eröffnung der Voruntersuchung von auSwärtS über 600 Mk. in Briefmarken für Lieferung deS BarterzeugungSmittelS eingesandt wurden. DaS Gericht vcrurtheilte den Angeklagten zu 2000 Mark Geldstrafe.

Freiberg (Sachsen), 25. Februar. Das Schwurgericht verurtheilte den Fleischergesellen Gehlert anS Kolmnitz, welcher im October v. I. aus Habsucht seinen eigenen Vater erschossen hatte, zum Tode.

* Ulm a. d. Donau, 26. Februar. Heute Mittag wurde die 40jährige ProsessorStochter Fräulein Reuß aus einem Promenadenweg in unmittelbarer Nähe der Stadt ermordet und ihrer Uhr nebst Börse beraubt. An der Leiche zeigten sich Stiche in Hals und Brust.

* Paris, 26. Februar. Die Zweirad-Wettfahrt von 1000 Kilometer in der großen Maschinenhalle aus dem MarSfelde, welche die Radfahrer Terront und Corrs am Freitag Abend 10 Uhr begannen, wurde heute Nachmittag 4 Uhr beendigt. Terront siegte: Corrs blieb um 10 Kilometer zurück.

San Francisco, 24. Februar. Heute schoß ein 73jähriger Mann NamenS Ratcliffe, den bekannten Millionär Joh Mackay in den Rücken. Ratcliffe schoß sich sodann in die Brust. Der Zustand des Attentäters ist gefährlich. MackayS Wunde ist nicht tödtlich. Der Beweggrund zu dem Attentat ist unbekannt.

* Shdaey, 18. Februar. Auf entsetzliche Weise ist gestern Abend ein zehnjähriger Junge, JamcS Mason, unweit der Ortschaft Strathsord in Queensland umS Leben gekommen. Der Junge badete im Barron-Fluffe, als er plötzlich von einem auS dem Wasser emportauchenden Alligator angepackt und sozusagen im Handumdrehen zu Brei zermalmt wurde. WaS daS Gräßliche des ganzen Vor­gangs noch erhöht, ist der Umstand, daß beide Eltern des Opfers keine zehn Schritt weit entfernt ebenfalls ihr Bad nahmen, da das Wasser an der betreffenden Stelle ganz seicht ist. Mit einem Male hörte der Vater ein heftiges Schlagen und Plätschern und er konnte gerade noch sehen, wie das Ungethüm mit seinem Opfer verschwand. Außer sich vor Schmerz und Verzweiflung tauchte er ihm nach und war auch so glücklich, das eine Bein seines Kindes erfassen zu können, allein trotz seiner geradezu übermenschlichen An­strengungen vermochte er nicht, dasselbe zu befreien. Ein paar Chinesen, welche auf die Jammerrufe der unglücklichen Mutter herbeieilten, machten sich muthig an die Verfolgung der Bestie, dieselbe .war indessen nicht mehr zu entdecken, biS man ihrer endlich nach einer Weile mit einem Male wieder gewahr wurde, als sie, um Äthern zu holen, plötzlich aus dem Flusse austauchte. Mit Entsetzen mußten sich die Eltern aber auch sogleich davon überzeugen, daß im Rachen des Ungethüms noch daS eine Sein ihres Lieblings sichtbar wurde. In der nächsten Secunde tauchte der Alligator wieder in die Fluth und verschwand sammt den Ueberbleibseln seiner Beute.

* Gelungener Vergleich. Ein beim Landgericht München, dessen Räume in jeder Beziehung viel zu wünschen übrig lassen, als Zeuge vernommener Gensdarm beantwortete die Frage des Vorsitzenden, wie es im Stalle des Angeklagten ausgesehen, mit den Worten:So ungefähr wie darinnen", eine Antwort, die bei den Richtern und Auditorium große Heiterkeit erregte.

* Als der spätere Feldmarschall v. St. Commandeur deS X-Regirncnts war, hatte ein Major E. das erste Bataillon. Dieser, so erzählt man, war zwar ein sehr ge­lehrter, aber ein ängstlicher und schwacher Herr, so daß seine Hauptleute, besonders Hauptmann v. H., zuweilen ihre Possen mit ihm trieben. Aus der Kammer des Bataillons hatten sich nun Motten eingenistct, denen man bisher vergeblich beizukommen versucht hatte. Eines Tages auf der täglich um 11 Uhr stattfindenden Wachtparade trat Haupt­mann v. H., der Vorsitzender der BataillonS-Bekleidungs- Commission war, an den Major E. heran mit den Worten: Herr Oberstwachtmeister, wir werden nun wohl endlich der Motten Herr werden."I, wie geht denn das zu?" //Ja, sehen Sie, gestern Nachmittag ist es dem Bataillons- Capitändarm geglückt, den Mottenkönig zu sangen." Mottenkönig? Davon habe ich ja noch nie gehört!" Ja, das glaube ich wohl- der ist sehr vorsichtig und zeigt sich auch nur selten. Aber ebenso, wie die Bienen eine Königin haben, so haben die Motten einen König, und wenn man den fängt, so muß die ganze Brut aussterben." I, das ist ja sehr erfreulich- das will ich doch gleich dem Herrn Regiments-Commandeur melden." Und ehe noch v. H. es verhindern konnte, stürzt Major E. auf Jenen zu und erstattet ihm die Meldung. Wir haben daS eherne Gesicht des späteren Feldmarschalls nie eine Miene verziehen sehen, aber da kräuselten sich doch seine Lippen zu einem Lächeln unter dem schon damals schneeweisen Schnurrbart, als er Major E. fragte:Wer hat Ihnen denn das ge­meldet?" Darauf die Antwort:Hauptmann v. H." Wir hörten nun, denn Alles war mäuschenstill, den Oberst die Worte sprechen :Hauptmann v. H., wenn Sie sich noch einmal unterstehen, einen Mottenkönig zu fangen, dann werde ich Kriegsgericht über Sie abhalten lassen. Ich danke Ihnen." Darauf folgte eine längere Unterhaltung zwischen dem Alten" und dem Major E., die wohl mit die Veranlassung war, daß Letzterer, der schon Manches auf dem Kerbholz hatte, in nicht zu langer Zeit verschwand. Aber auch Haupt­mann v. H., sonst ein tüchtiger Compagniechef, scheiterte an der Majorsecke, allerdings vorwiegend deshalb, weil er in dem Pferde ein nicht zu zähmendes wildes Thier erblickte.

* Folgender Streich wurde, wahrscheinlich von Studenten, vor einiger Zeit in Jena auSgesührt: Bei einem Gerichts­vollzieher wurde das Porzellanschild mit Namen abgeschraubt und an die Thür des CollegiengebäudeS genagelt mit der Aufschrift:Seiner werthen Kundschaft bringt nachträglich die herzlichsten Glückwünsche znm Neuen Jahr N. N., Ge­richtsvollzieher."

Abgebliht! Der Prinz von Jo inville, der viel in Patriotismus und namentlich in Feindschaft gegen die Engländer machte, äußerte einmal zu einem britischen See­offizier:Mein sehnlichster Wunsch wäre, in einem Kriege mit meiner Fregatte zwanzig Minuten längs eines englischen Kriegsschiffes von gleicher Stärke zu liegen." Der Engländer antwortete höflich:O bitte, Königl. Hoheit, zehn Minuten würden vollständig genügen."

GeiichtSsaal Zoologie. Laut einer Notiz desThier- freund" fand jüngst in Wien eine Gerichtsverhand­lung statt, welche weniger durch die Strafsache selbst, als durch eine merkwürdige Namen - Collection die allgemeine Heiterkeit erregte. Der Pferdeknecht Mathias Dolf aus

HundSheim war nämlich angeklagt, weil er den Wachmann- Bär, der ihn in der SechSschimmelgaffe wegen Thier­quälerei beanstandete/ einen Esel genannt hatte.

Ländliches CtUtnrbild. Sepp (zum Dorsschneider): Du, in mei WerktagShos'n brauchst koa Meffertafch'n neiz machen graaft werd nur an de Sonntag!"

Spulpüm -er vereiuigku frankfurter Ltadttheatn

CpernDan*.

Mittwoch den 1. Mär,: Eoncert unter Leitung bei Herrn Cap llmeifter Rumpel. Tonner-kag den 2. März: Die weiße Dame. Coppelia, 1. und 2. Act. Freitag den 3. Mär,: Die Meistersinger. <5am6tagben 4 März: Der schwarze Domino. Wiener Walzer. Sonntag den 5. März. Nachmittags 3*/t Uhr: Sneewittchen. Abendi 7 Uhr: Martha.

Schanfptel-anA.

Mittwoch den 1. Mär,: Götz oon Ber lichingen. Donnerstag den 2. März geschloffen. Freitag ben 3. Mär, Die Neuver­mählten. Der zünbende Funke. In Civil. Samstag ben 4. Mär»: Don Carlos. Sonntag den 5. März: Odette. Montag den 6. März: Registrator auf Reisen.

2>erfcbr, £anO» ttnö Dolfsroirtbfcbaft,

Gestade rg, 25 Februar. Fruchtpreise. ®eiien X 164X), Äorn X 14 20, Gerste X 14.20, Hafer X 14.00, Erbsen X 164X), Linsen X 00.00, Wicken X 00., Lein XKartoffeln^* Samen X..

Citeratur und Win ft.

Königsberg, die alte preußische KönigSstadt, hat In Ernst Wichert einen Historiographen gesunden, der im Verein mit dem Maler Fritz Geyrke eine in Wort und Bild gleich iciklnbe Dar­stellung in dem neuesten Heft von ,g«r Guten Ztunb«' (Vertin W. 57, Deutsch«- Verlagshaus Bong 8c Co ) gibt. Wichert tat lange Jahre in Königsberg gelebt, ehe er nach Lertin übersiedelte, unb ferne genaue Kennlniß ber socialen Verhältnisse, sowie ber bau­lichen Entwickelung spricht auS jeder Zeile des Aufsatzes. Tie GtatiSbeioabe vonZur Guten Stunde-, dieJllustrirle Klassiker- Bibliothek" bringt in ihrem dieSjährigm Bande den ersten Thell der Gedichte und Dramen Ludwig UhlandS. Der Preis eines Vierzehn tagShefteS beträgt nur 40 Pfg.

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