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1893
Mittwoch den 1 März
Nr. 51 Zweites Blatt.
Amts- und Anzeigeblutt für den Areis Giefzen.
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die Gemeinden,
Vortrag des Herrn Gutsbesitzers Sch lenke über die Gülich'sche Kartoffelpflanzmethode, Geschäftliche Mittheilungen.
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— Das Ehrenzeichen für Mitglieder freiwilliger Feuerwehren wurde ertheilt: Durch Allerhöchste Ent' schließung Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs vom 18. Februar l.Js. dem Mitgliede der freiwilligen Feuerwehr zu Ober-Ingelheim Feuerwehrmann Philipp Schreiber.
— Ersatzwahl zur Ersten Kammer. Bei der am 20. Februar stattgehabten Ersatzwahl eines Abegordneten der adeligen Grundbesitzer des Großherzogthmns zur Ersten Kammer der Stände ist Herr Adolph von Harnier hier mit 12 von 22 abgegebenen Stimmen gewählt worden.
— Am 4. März wird in Darmstadt eine Versammlung des Vorstandes des Heff. Landeslehrervereins statlfinden, um über die Schritte zu einer generellen Erhöhung der Lehrer- gehalte des Großherzogthums Heffen zu berathen. Man erstrebt die derzeitigen schwankenden Gehaltsverhältnisse einheitlich zu regeln.
— Entscheidung Grotzh. Oberlandesgerichts. Ein gewiffer D. hatte sein Leben versichert. Ueber die Auszahlung der Versicherungssumme enthielt die Police folgende Bestimmung: „Das Capital wird gezahlt am 15. November 1916 an den genannten Herrn D. oder falls derselbe früher sterben sollte, nach seinem Tode an seine gesetzlichen Erben." D. starb im Jahre 1891, über seinen Nachlaß wurde der Concurs eröffnet. In dem vom Concursverwalter angestrengten Prozeß gegen die Erben des D. stand die Frage zur Entscheidung, ob die Versicherungssumme zur Concurs- mässe gehöre oder nicht. Das Oberlandesgericht entschied zu Gunsten der Concursmaffe aus folgenden Gründen, wobei feststand, daß zur Zeit des Vertragsabschlusses D. noch keine Nachkommenschaft, wohl aber zur Zeit seines Todes hatte: Wenn die hinterlassene Tochter des Versicherten die Versicherungssumme erwerben will, so kann sie solches nur als „gesetzliche Erben" ihres Vaters, welche dessen Persönlichkeit in vermögensrechtlicher Hinsicht fortsetzt; sie leitet demnach ihr Recht von ihrem Erblasser ab, in dessen Person der Anspruch auf die Versicherungssumme seinen Anfang genommen und welcher durch den Vertragsabschluß ein durch die Prämienzahlung bedingtes und betagtes Recht auf jene Summe erworben hatte. Die Tochter, deren Recht auf die Versicherungssumme erst mit dem Tode des Vaters beginnen konnte, kann dieses Recht nur durch Erwerb der Erbschaft, zu welcher die Versicherungssumme gehört, erlangen und । hiermit würde sie in alle damit verbundene Rechte und ' Pflichten eintreten; zu den letzteren gehört aber die Ver-
Mittwoch den 8. März l. I., Nachm. 2 Uhr, wird auf Lony's Bierkeller (Westanlage) zu Gießen eine Generalversammlung des landwirthschaftlichen Bezirksvereins Gießen abgehalten werden.
Alle Mitglieder des landwirthschaftlichen Bezirks- und Orts-Vereins, sowie alle Freunde der Landwirthschaft werden zu dieser Versammlung hierdurch freundlichst eingeladen.
Die Herren Bürgermeister werden ersucht, den in ihren Gemeinden wohnenden Mitgliedern des Vereins von dieser Einladung Kenntniß zu geben und auf möglichst zahlreichen Besuch der Versammlung hinzuwirken.
Tagesordnung:
Vortrag des Herrn Landes-Oeconomierath Müller zu Darmstadt über die Förderung der Rindviehzucht durch
Bekanntmachung, betreffend Landwirthschaftliche Versammlung.
Gießen, den 24. Februar 1893.
Der Director des landwirthschaftl. Bezirksvereins Gießen. Jost.
Gießener Anzeiger
Kenerat-Mnzeiger.
Deutscher Reichstag.
53. Sitzung. Montag, 27. Februar 1893.
Das Haus ehrt vor Eintritt in die Berathung das Andenken deS verstorbenen Abgeordneten Bödiker in der üblichen Weise.
Gegen den Abgeordneten Metzger (Soc.) soll wegen Beleidigung deS Hamburger Senats strasrechtlich vorgegangen werden. Das um die Ermächtigung dazu nachsuchende Schreiben geht an die Geschästs- ordnuvgS-Commission. , .
Der Bericht der ReichSschulden Commfffion wird debattelos erledigt und der Reichsschuldenoerwaltung Decharge ertheilt. Hieraus folgt die erste Lesung deS Gesetzentwurfs betreffend Abänderung der Maß- und Gewichtsordnung. Die Vorlage wird aus Antrag des Abgeordneten Brömel von der Tagesordnung abgesetzt.
Es folgt bie Prüfung der Wahl AhlwardtS. Die Commission beantragt, die Wahl für gültig zu erklären.
Abg. Knörcke (dfr.) wünscht, den Reichskanzler zu ersuchen, Untersuchung der bei der Wahl vorgekommenen Verstöße, anzuordnen.
Abg. Rickert (bfr.) empfiehlt ebenfalls Untersuchung der ge- rügten Vorfälle.
Die Wahl wird für gültig erklärt und der Antrag Knörcke nach Probe und Gegenprobe angenommen.
ES folgt die Berathung des SpecialetatS der Reichs- justizverwaltung. Das Reichsjustizamt erfordert an Be- foldungen 528 630 Mark.
Abg. Bar (bfr.) wünfcht von ben verbündeten Regierungen die Vorlegung eines Gesetzentwurfs, betreffend die Behandlung von Strafgefangenen, welche wegen nicht ehrenrühriger Strafihaten ver- urtheilt worden find. Redner beklagt, daß die Strafvollstreckung in den verschiedenen Einzelstaaten durchaus verschieden ist.
StaatSsecretär im Reichsjustizamt Hanauer verweist auf die großen Schwierigkeiten, welche fich der Regelung betreffs eines Sttaf- vollzuggesetzes entgegenstellen. .
Abg. Münch (Wild) hält den Erlaß eines vernünftigen Straf- Vollstreckungsgesetzes für dringend nothwendig und krrtisirt in fcharfer Weise die württembergische Rechtspflege.
Der württembergische Bevollmächtigte, Director Stieglitz protesttrt entschieden dagegen, daß die württembergische Justizpflege der Subjecttvttät und Parteilichkeit beschuldigt wird.
Rach einer persönlichen Bemerkung Bayers (Volksp.) empfiehlt Schrader (bfr.) betreffs der Regelung bes Sttasvollzugsgesetzes dem Bundesrathe etwas mehr Eifer an und bemerkt, die einzige Schwierigkeit sei der Kostenpunkt, welcher doch nicht ausschlaggebend sein könne. , t
Abg. Kunert (Soc) berührt die Jmmunitatsfrage der Abgeordneten, welche durch den Antrag Rintelen absolut nicht er- ebißtAbg. Kröber (Ctr.) wendet sich gegen die Ausführungen der Freiherrn Münch und Kuneris.
An der Debatte betheittgen sich Bar (bfr.), Freiherr Munch (roilb) unb Stadthagen (Soc.). Letzterer bespricht bieFällePeus, Schmibt, sowie Kunert unb hält bie Aemter des Staatssecretärs und der Vortragenden Räthe für überflüssig. Er wünscht die Beseitigung der Spitzel und beantragt, datz Gehalt des Staatssecretärs so lange zu verweigern, bis dieser erklärt, er habe Zeit, die angeregten Fragen 8U ^DaS*Gehalt des Staatssecretärs wird bewilligt, ebenso der Rest des Etats.
Dienstag: Etat des auswärtigen Amtes.
totales uttfc prot>itt5iclles,
Gießen, 28. Februar 1893.
— Ernennung. Der Director der Realschule zu Michelstadt vr. Friedrich Quentel! wurde zum Director des Schullehrer-Seminars zu Friedberg mit Wirkung vom 1. April d. I. an ernannt.
— Auszeichnung. Dem Director des Schullehrer-Seminars in Friedberg Johannes Michael Schäfer wurde nach der auf fein Nachsuchen erfolgten Ruhestandsversetzung die Shone zum Ritterkreuz 1. Klaffe des Verdienstordens Philipps des Großmüthigen verliehen.
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Gratisbeilage: Gießener Aamikienökätter
Feuilleton.
Felix.
Aus dem Leben eines Knaben von Zoö v. Reuß.
(2. Fortsetzung.)
Hildegard sann nach. Der „Familiengarten" draußen vor dem Nikolaithor war nicht nach ihrem Geschmack. Der Großvater der verstorbenen Frau Stalling hatte ihn einst für seine junge Frau anlegen lassen, da das Reisen noch nicht Mode war. Zwischen den steifgeschnittenen Buchenhecken, den Obstplantagen und Gemüsebeeten hatten die achtungs- werthen, aber hausbackenen Damen des Handelshauses sämmt lich einen Theil ihres Lebens verbracht. Nur Hildegard empfand Scheu vor der spießbürgerlichen Einsamkeit, dazu war das Haus unzulänglich. Aber der Ernst und die verhaltene Wehmuth des Gatten klopften an ihr Herz. Sie ahnte, daß es ihm Freude machen werde, sie nebst Felix dort zu wissen.
„Da Du es wünschest, ist es abgemacht," sagte sie fügsam. „Ja, Du hast recht, vielleicht ist eS besser, daß ich dort wohne," setzte sie, von einem plötzlichen Gedanken bewegt, lebhafter hinzu.
Herr Stalling küßte sie mit überschwänglichem Danke und meinte tröstend: „Zu irgend einer Sorge ist keine Veranlassung, ich gehe nur auf Rath des alten Mendel, um die alten Verbindungen zu lösen und neue, bessere, anzuknüpfen. Genieße Du einstweilen den Rest des Sommers."
Dann, in-den folgenden Tagen, traf er seine Vorbereitungen für die Uebersiedelung feiner Familie in das Gartenhaus mit demselben Eifer rote seine Reifevorbereitungen.
Am Tage vor feiner Abreise, nachdem er alle Geschäfte geordnet, betrat er Felix' Schlafzimmer. Der Knabe lag schon im Bette, saß aber aufrecht, den Vater mit heißester Sehnsucht erwartend.
„Du gehst und — Mama bleibt hier!" sagte er in leidenschaftlichem Schmerz.
„Weine nicht," sprach Herr Stalling sehr ernst.
„Weinen? Nein! Nur Mädchen meinen," sagte Felix thränenschluckend.
„Wenn ich wiederkomme, wird Dich Mama sehr lieb haben, hoffe ich," fuhr Herr Stalling fort. „Sorge hübsch für sie. Du bist bald zehn Jahre alt und man kann sich auf Dich verlassen."
Felix' Augen strahlten ob des Lobes, aber der Auftrag selbst schien ihm nicht zu passen. Er schwieg trotzig.
„Ich habe den alten Ulrich beauftragt, Euer Wächter im Familiengarten zu werden. Boncoeur geht auch mit, um das Haus zu bewachen. Du aber sollst Mama beschützen im Hause und beim Spazierengehen," fuhr der Vater fort. Er wollte dem Knaben eine Aufgabe zutheilen, die ihn beschäftigte und sein Ehrgefühl stärkte. Unwillkürlich mußte er dabei aber auch an den Regimentsadjutanten denken. Am liebsten hätte er Hildegard in seiner gegenwärtigen Stimmung mit hundert Wächtern umgeben. „Nun lebe wohl, Felix!"
Trotz aller festen Vorsätze brach der Knabe jetzt in ein kurzes, convulsivisches Schluchzen aus, dazwischen stampften die Füße das Fußende des Bettes und ballten sich die halb ausgewachsenen Eisenfäuste. Als der Wuthanfall vorüber, war der Vater verschwunden.
Zwei Tage später war man im Familiengarten eingerichtet. Leider besaß Felix' Freund, der alte Hausmann, schlechte Laune, da es ihm zwischen seinen Kisten und Fässern im Speicher besser gefiel.
Hilda saß mit ihrem Buche ober einer spinnewebnen Handarbeit tagelang auf der glasüberdachten Veranda und blickte über die Tannenhecke hinweg nach der Fahrstraße hinüber, wo es ziemlich lebendig war, wenigstens zu bestimmten Tageszeiten. Aber die Einsamkeit fing bald an, sie zu bedrücken. Als sie kurz entschlossen eingewilligt hatte, für die Abwesenheit des Gatten das alte Familiengrundstück zu beziehen, war es in unklarer, aber stark empfundener Furcht vor dem eigenen Herzen geschehen. Lieutenant Laportes Liebe war die Sonne ihrer Mädchenjahre gewesen, „nein, für sie gab es kein anderes Liebesglück!" Hildegards zärtliches Herz hatte beim Anträge des Kaufherrn Stalling lange wie ein Rohr im Winde geschwankt — endlich gab sie nach unb begrub ihren Liebestraum, ben nach bem Tode bes Vaters hartbebrängten Ihrigen zu Liebe. Auch konnte sie nicht umhin, den Gatten aufrichttg zu schätzen, ebenso war sie mit dem
allerbesten Willen Felix Stiefmutter geworben. Aber Laportes Bilb begleitete sie in bie Ehe. . . Daneben gab sie sich aber rechtschaffene Mühe, Felix' Liebe zu gewinnen, um ben zurück- kehrenben Gatten zu erfreuen. Auch schien ihr bie länbliche Einsamkeit zu einem Nähertreten geeignet. Da sie indessen in ihrem gegenwärtigen zerrissenen Seelenzustande von Launen unb Stimmungen beherrscht war unb ihr überbics ber Jn- stinct der Mutterliebe fehlte, blieben ihre Bemühungen erfolg- los. Felix' spröde Kraft wollte verstanden und geliebt, aber nicht verhätschelt sein. Verletzt gab sie die Mühe bald wieder auf. Auch zogen sie die früheren gesellschaftlichen Zerstreuungen schnell wieder in ihren Kreis — mit anderen Gästen sand sich auch der Regimentsabjutant halb wieder ein. Und trotzdem er das erstemal nicht angenommen worden war, kam er nach einiger Zeit fast täglich, ganz wie er einst in Hildegards Elternhaus gekommen war.
Die Blumen auf ben buxbaumumsäumten Rabattenbeeten des Familiengartens wurden immer dunkler, feuriger, duftloser, auch die Buchenhecken schimmerten bereits im ersten Bronceton. Der Mai des Herbstes, ber September, war herbeigekommen.
Der alte Ulrich half bem Gärtner bie Aepfel von ben Bäumen nehmen unb bie feinschaligen aromatischen Grasen- fteiner für ben um bie Weihnachtszeit zurückerwarteten Hausherrn zurücklegen. Felix ließ baneben von einer aufgetragenen Anhöhe aus seinen Drachen in bie Luft steigen. Aber bas Ungelhüm schien unlustig unb versagte ben Dienst.
„Der Schwanz ist zu kurz, Musjechen!" ries Ulrich vom Baume herab, inbem er, rittlings auf einem Aste sitzenb, mit Behaglichkeit eine Prise nahm, „er trägt nicht. Wart, ich werbe Deinem Beest einen orbentUdien Schwanz machen!"
„Ja, ja, Hausmann!" stimmte Felix zu, „ich will auch gleich eine längere Strippe holen."
„Unb auch Papier!"
Felix rannte nach ber Veranba, wo er Mama schreibenb gesehen hatte. Für seine vielfachen Wünsche wußte er sie mit kirchlicher Begehrlichkeit immer zu finben. Auch schrieb sie jebensalls an Papa unb konnte bann gleich über ben Drachen berichten. (Fortsetzung folgt.)


