Ausgabe 
1.3.1893 Erstes Blatt
 
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Mittwoch den 1. März

fit. 51 Erstes Blatt

Amts- und Anzeigeblntt für den Ureis Gießern

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ZeitungenParis" undRadikal" große Summen gezahlt, ebenso habe Herz mehrere Millionen erhalten, weil dieser im Jahre 1888 die Liste der bestochenen Parlamentarier zu ver­öffentlichen drohte.

Rom, 28. Februar. Eine Depesche aus Zanzibar meldet, der Sultan sei ernstlich erkrankt. Ernste Un­ruhen werden in dem Falle seines Todes befürchtet.

vierlrltähriger jLle*wmr«b»rd»i 2 Mark 20 Pfg. mit vringerloha.

Durch die Post bqog* 2 Mark 50 «K.

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Montag».

Gießener Anzeiger

Keneral-Wnzeiger.

Deutscher Reich.

Berlin, 27. Februar. Ueber das jüngst beim StaatS- secretär v. Bötticher stattgefundene und durch die Gegenwart des Kaisers ausgezeichnete Abendessen gehen noch immer mancherlei Mittheilungen durch die Tages- preffe. So wird jetzt u. A. gemeldet, daß der Kaiser nach Aufhebung der Tafel in einem Nebenzimmer einen engeren Kreis der Tischgäste um sich bildete und hier eine Reihe von Fragen berührte, die indessen mit der Politik in keinerlei Zu­sammenhang standen. Bei der Tafel dagegen hatte der Monarch mit dem Abgeordneten v. Manteuffel, dem Vorsitzenden der Militärcommission, eine eingehende Unterredung über die Militärfrage. Auch der mitanwesende Finanzminister Dr. Miquel wurde vom Kaiser mit einer längeren Ansprache beehrt.

Großherzog Peter von Oldenburg feierte am Montag sein vierzigjähriges Regierungs­jubiläum, da er am 27. Februar 1853 seinem Vater, dem Großherzog Paul Friedrich August, auf dem Throne nachfolgte. Großherzog Peter bekannte sich gleich beim An­tritte seines Regentenamtes zu den besonneren und versaflungs- treuen Regierungsgrundsätzen, die schon sein Vater befolgte und durch welche der jetzige Herrscher von Oldenburg in seiner nun vierzigjährigen Regierungsthätigkeit das Land in jeder Beziehung auf seine hohe Stufe der Entwickelung ge­hoben hat. Der Großherzog steht jetzt im 66. Lebensjahre, er ist vermählt mit Elisabeth, geb. Prinzessin von Sachsen- Altenburg, welcher Ehe zwei Söhne entsproffen sind, Erb- großherzog August und Herzog Georg Ludwig.

Die internationale Sani"tätsconferenz zur Bekämpfung der C h o l e r a g e f a h r soll nach den neuesten Mittheilungen hierüber nunmehr bestimmt am 5. März in Dresden zusammentreten. Als Sitzungssaal ist der Ballsaal im Gebäude des Ministeriums des Aeußern in Aussicht ge­nommen, die Verhandlungssprache soll französisch sein. .

Aus Afrika sind über den Gesundheitszustand des Reichscommissars für Deutsch-Ostafrika, Major v. Wiß- mann, recht bedauerliche Nachrichten eingegangen. Ihnen zufolge hat Herr v. Wißmann mit seiner Dampfer-Expedition zwar den Nyassa-See erreicht, aber in einem körperlich überaus elenden Zustande. Major v. Wißmann selbst soll sich den schlimmsten Befürchtungen hingegeben, 'die aber hoffentlich nicht gerechtfertigt sind. Freilich erscheint zu seiner Wieder- crholung das Klima am Nyassa-Sce gerade nicht besonders geeignet.

Ausland.

Brüssel, 26. Februar. Heute Vormittag um 9 Uhr hat die Reserendums-Abstimmung in der Stadt und den Vororten über das in Belgien einzuführende Wahlsystem unter reger Betheiligung der Bevölkerung begonnen. Die Abstimmung findet über folgende 5 Anträge statt: 1) das mit vollendetem 21. Lebensjahre zustehende active allgemeine Wahlrecht (Antrag Janson), 2) das mit vollendetem 25. Lebens­jahre zustehende active allgemeine Wahlrecht (Antrag Nothomb), 3) Ausschluß der Unterstützten und derer, welche weder lesen noch schreiben können (Antrag Graux), 4) Abhängigkeit der Wahlberechtigung von dem Jnnehaben einer eigenen Wohnung und dem Nachweis eines gewiffen Bildungsgrades (Regierungs­vorlage), 5) Ausschluß derjenigen von der Wahlberechtigung, welche keine Volksschulbildung besitzen (Antrag Fröre-Orban). Die Stimmabgabe, welche in Redactionslocalen, Cafes und anderen öffentlichen Localen vorgenommen wird, vollzieht sich bis jetzt in völliger Ruhe und Ordnung- bisher ist keinerle Zwischenfall vorgekommen, in den Vorstädten wird die Ab­stimmung um 6 Uhr, im Innern der Stadt um 9 Uhr Abends geschlossen werden.

Neueste Nachrichten.

Wolffs telegraphische« Correspondenz-Bureau.

Berlin, 27. Februar. Die KaiserlichenMajestäten begingen heute die Wiederkehr ihres Vermählungstages. Am Abend findet im Opernhause ein Gesellschaftsabend statt, zu welchem die zur Zeit in Potsdam anwesenden Mitglieder der Königlichen Familie nach Berlin zu kommen gedenken.

Berlin, 27. Februar. Abgeordneter Boediker (Ctr.) ist gestern in Hildesheim gestorben.

Berlin, 27. Februar. Die brasilianische Regie­rung hat nach langdauernden sorgfältigen, in Rio statt­gehabten Prüfungen der Gewehre aller bedeutenden Waffen­fabriken der hiesigen Firma Ludwig Löwe L Co. den Auftrag auf 70000 Gewehre und 35 Millionen Patronen definitiv ertheilt.

Brüffel, 27. Februar. DaS gestrige Volksreferendum ft überall ruhig verlausen. In Brüffel waren etwas über die Hälfte der Einwohner in den Listen eingetragen, davon »etheiligten sich 25000 an der Abstimmung. Die Mehrheit timmte für den Antrag Janson.

Brüffel, 27. Februar. Das Gesammtresultat des V o l k s - referendums für Brüssel und Vorstädte ist folgendes: Eingeschriebene 111700, Abstimmende 60279; davon stimmten ür den Antrag Janson 48 660, für den Antrag Nothomb 7684, für die anderen Anträge 3935.

Rom, 27. Februar. Der deutsche außerordentliche Ab­gesandte, General der Cavallerie Freiherr von Lotz, ist heute Mittag vom Papste in feierlicher Audienz empfangen worden, um demselben die Glückwünsche Seiner Majestät des Deutschen Kaisers zum fünfzigjährigen Bischofsjubiläum zu überbringen. Nach der osficiellen Audienz lud der Papst den General von Los ein, ihm in seine Privatgemächer zu folgen, wo er sich mit ihm eine halbe Stunde unterhielt. Hierauf stattete General Freiherr von Los in Begleitung seines Ge­folges dem Cardinal-Staatssecretär Ram polla einen Besuch ab.

Auckland, 27. Februar. Der König der Tonga- Inseln ist an Influenza gestorben.

Depeschen des SureeuHerold*.

Berlin, 27. Februar. Das Staatsministerium hielt heute unter dem Borsitz des Grafen v. Eulenburg eine Sitzung ab, welcher auch der Reichskanzler beiwohnte. Dem Vernehmen nach wurde heute die deutsche Antwortnote auf das russische Anerbieten wegen des Handelsvertrags festgestellt.

Berlin, 28. Februar. DieKreuzztg." meldet auS Güstrow: Etwa 1000 Landwirthe, größere und kleinere Besitzer, schloffen sich dem Bunde der Landwirthe an.

Berlin, 28. Februar. DerBerliner Börsencourier" erfährt von unterrichteter Seite, die deutsch-russischen Handelsvertragsverhandlungen hätten zur Zeit die beste Aussicht auf einen baldigen Abschluß. Der Czar selbst wünsche den Abschluß des Handelsvertrags. Der russische Botschafter Gras Schuwalow habe das Verdienst, den Czar in diesem Wunsche bestärkt zu haben. Der Botschafter reist am Samstag zur Vorbringung der deutschen Vorschläge nach Petersburg ab.

Berlin, 28. Februar. Der deutsch-russische Han­delsvertrag stipulirt deutscherseits eine Ermäßigung des Getreide- und Holzzolles, russischerseits die Aufhebung des Zolles auf landwirthschaftliche Maschinen und eine Ermäßigung des Kohlenzolls für die Landeinfuhr.

Altona, 27. Februar. Auf Anordnung der Polizei­behörde wurden 30 Pumpen, deren Wasser für in hohem Grade gesundheitsgefährlich befunden wurde, geschlossen. Die Maßregel erfolgte nach der bacteriologischen Untersuchung des Altonaer Brunnenwaffers.

Leipzig, 27. Februar. Der Rath der Stadt Leipzig dementirt nachdrücklichst die Machinationen interessirter Kreise, namentlich in Berlin, nach denen unter Ausbeutung der Cholerafurcht Zweifel wegen der Abhaltung der dies- jährigen Ostermesse wachgerufen wird. Der Gesundheits­zustand in Leipzig sei nach wie vor äußerst günstig.

Basel, 27. Februar. In der Nacht von Samstag auf Sonntag haben Verbrecher bei der Station Laufen der Jura-SimploN'Bahn 26 Schrauben an den Schienen gelöst und ein 12 Meter langes Schienenstück ausgehoben. Die That wurde glücklicherweise vom Bahnwärter noch recht- zeitig entdeckt. Die Thäter sind unbekannt, man vermuthet, daß ein entlassener Arbeiter dabei betheiligt ist.

Wien, 27. Februar. Zahlreiche katholische Deutschböhmen in den Gemeinden des Saazer und Komotauer Bezirks drohen mit dem Ueber tritt zumProteftantismus, falls dort czechisch gepredigt wird.

Wien, 27. Februar. Nach polnischen Blättern wüthet die Cholera zur Zeit in den Gouvernements Czernichow und Jekaterinoslaw.

Paris, 27. Februar. Der Panama-Prozeß kommt am 8. März vor die Geschworenen. Es sind vier Tage für die Verhandlungen angesetzt. DerFigaro" glaubt, der Prozeß werde noch manches ans Tageslicht bringen.

Paris, 27. Februar. Der parlamentarische Untersuchungsausschuß prüft gegenwärtig die Aus­sagen Charles de Leffeps vor dem Untersuchungsrichter Franqueville. Bisher wurden keinerlei Nachrichten darüber bekannt gegeben. Die Aussagen sollen sehr belastend für Floquet, Freycinet und Clemenceau sein. Leffeps sagte aus, die Panamagesellschaft habe im Jahre 1888 auf Drängen des damaligen Ministerpräsidenten Floquet, insbesondere der

Cocales unb provinzielles.

Gießen, 28. Februar 1893.

Tagesordnung für die Sitzung der Stadtverordnete« Donnerstag den 2. März 1893, Nachmittags 4 Uhr pünktlich, nötigenfalls mit Fortsetzung Freitag den 3. März, Nachmittags 4 Uhr: 1. Decretur von Kosten­rechnungen. 2. Entwurf eines Statuts für die Gemeinde­krankenversicherung. 3. Berathung des Voranschlags der Stadt Gießen für 1893/94.

** Bon der Universität. Der außerordentliche Professor vr. R e h m in Marburg ist zum ordentlichen Professor in der juristtschen Facultät der hiesigen Universität ernannt worden.

** L. G. Das vierte Coucert des Gießener Coueert- Vereins unter Leitung des Herrn Musikdirectors Felchner wurde mit Schuberts Symphonie in H-moll (unvollendet) eingeleitet. DaS gefällige Werk erfuhr eine ganz vortreffliche Wiedergabe. Düster und ernst, im weichsten pp beginnen Celli und Contrabässe das Hauptthema des ersten SatzeS. Oboe und Clarinette stimmen dann einen lieblichen Gesang an, der sich in dem von den Celli zuerst vorgetragenen Seitenthema fortsetzt, um plötzlich durch eine Generalpause unterbrochen zu werden. Die nun mit aller Gewalt hervor­brechende Leidenschaftlichkeit, im Wechsel mit den immer wiederkehrenden, von Synkopen begleiteten Seitenthema, brachte das Orchester geradezu musterhaft zu Gehör. Die schönste, wirkungsvollste Leistung aber bot es in dem mäch­tigen, bis zum furchtbaren Schmerzensaufschrei gesteigerten Crescendo des zweiten TheileS, sowie den Steigerungen des Hauptthemas in der Coda. Das Andante con moto be­ginnt mit einem abwärtssteigenden Pizzicato der Bässe, zu dem Hörner und Fagotte die harmonische Grundlage bilden. Die Violinen bringen darauf einen schlichten, träumerischen Gesang, der nach verschiedenen Modulationen und nach einer Gegenmelodie der Holzbläser in den Mittelsatz ausläuft. Hier, bei der synkopischen Begleitungsfigur der Violinen, wie vor­her, bet dem Einsatz der Holz- und Blechbläser bet beglei- tenden Achteln der ersten Violinen in energischem Ganz- Bogenstrich, wäre eine einheitlichere Bogensührung erwünscht gewesen. Nun beginnt jenes liebliche Thema, das, nach echt Schubert'scher Weise, in häufigerem Wechsel zwischen dur und moll von Clarinette, Oboe, Flöte wiederholt wird. Die Leistungen der einzelnen Instrumente ließen wenig zu wünschen übrig, insonderheit war es auch heute wieder die Clarinette, die ihren Partunvergleichlich schön", wohl zur Freude aller vorurtheilsfreien Zuhörer, vortrug. In gleich guter Weise gelang die Ausführung der zweiten Orchesternummer, der Anacreon-Ouverture von Cherubint. Nach einer kurzen Ein­leitung folgt das Allegro. Das im großen Ganzen heitere Gesammtbild dieses Satzes wird nur wenige Male durch düstere Harmonien unterbrochen. Ein kurzes Fugato, deffen Figuren von den ersten Violinen leicht und graziös gespielt, von den Holzbläsern ebenso zierlich nachgeahmt wurden, leitet in ein neues jubelndes Thema ein, das mit einer glänzenden Stretta zum Schluß führt. Das Vorspiel zur Oper Lohengrin" von Wagner wurde correct und finngemäß, mit geschmackvoll dynamischer Schattirung gespielt. Von den vor­trefflich gelungenen zarten und feineren Stellen seien hervor- gehoben: die Flageolett und hohen Geigentöne zu Anfang und Schluß des Vorspiels. Etwas vorlaut war die Clarinette beim Einsatz der Holzbläser. Für die mitwirkende Solisttn, die Königlich sächs. Hofopernsängerin Frau Marie Wittich, gestaltete sich der Concertabend zu einem Festabend, der der gefeierten Künstlerin die reichsten Ehren brachte. Wir können unser Urtheil über sie in die wenigen, aber schwer- wiegenden Worte zusammenfassen:Sie ist eine Sängerin von außergewöhnlicher Begabung, von größter Bedeutung; sie ist eine Künstlerin von Gottes Gnaden." Und in der That: eine solch wundervolle, von Wohllaut überquellende Stimme (Mezzo-Sopran), die in der Höhe, wie in der Tiefe schönste Ausgeglichenheit zeigt, verbunden mit einer muster­haften Aussprache, wird man wohl selten zu hören bekommen. Dazu gesellt sich das gänzliche Aufgehen der Person in der Sache, das liebevolle Sich-Vertiefen in den Stoff, wie es Dichter und Componist fordern müssen, wenn sie die Gefühle zum Ausdruck gebracht wissen wollen, die sie selbst bei der