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Str. 274 Zweites Blatt. Mittwoch dcu 23. November

1892

Der Oie-cuer A«)erger trfü/eint täglich, «it Ausnahme deS Montags.

Die Gießener K««irre»StLtrer »vrrdku dem Anzcigrr »tchentlich dreimal

Gießener Anzeiger

Senerat-Anzeiger.

vierteljähriger A»o««e»eutsprets i 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezöge» 2 Mark 50 W

Redaction, Expedition und Druckerei:

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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gieren.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für den falgenden Tag erscheinenden Nummer bi» vor». 10 Uh«.

Hratisbeitage: Hießener Jamikienötätter.

Alle Annoncen-Bureaux de» In- und Lu»lande» nehm« Anzeige« für denGießener Anzeiger- entgegen.

Amtlicher Theil.

Gießen, den 19. November 1892.

Betr.: Die Ausführung des Gesetzes vom 28. September 1890 über die Brandversicherungsanstalt für Gebäude.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Grotzh. Bürgermeistereien de- Kreises.

In Ausführung der Bestimmung des § 28 der Brand- assecurationsordnung vom 18. November 1816 sind den Großh. Steuercommissariaten bisher alljährlich in dem Monat December die Verzeichnisse über die im Laufe des Jahres durch Brand oder Abbruch rc. abgegangenen Gebäude von Ihnen vorgelegt worden. Die Vorlage dieser Verzeichnisse kommt für die Folge in Wegfall. Dagegen ist, zum Behufs der pünktlichen Ausführung der Bestimmung des Art. 18 des Gesetzes vom 28. September 1890 durchaus geboten, daß über den Abbruch von Gebäuden von Ihnen im Laufe des Jahres Großh. Brandverstcherungskammer zu Darmstadt alsbald berichtliche Anzeige gemacht wird, sobald Sie von dem Gebäudeeigenthümer oder auf andere Weise hiervon Kenntniß erhalten. Eine derartige Anzeige hat jedoch nicht zu erfolgen bezüglich der durch Brand zerstörten Gebäude, da die Versicherung dieser Gebäude, der Bestimmung des Art. 17 des erwähnten Gesetzes gemäß, bis zu der stattgehabten Wiederherstellung und neuen Abschätzung des Gebäudes fortbestehen bleibt.

v. Gagern.

Gießen, 19. November 1892.

Betr.: Den Termin für die Einsendung der Gemeinde­rechnungen pro 1891/92.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Großherzoglichen Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises.

Diejenigen von Ihnen, welche die Gemeinde-Rechnung für 1891/92 bis jetzt noch nicht an Großh. Oberrechnungs- kammer-Justificatur II. Abtheilung eingesandt haben, werden zur unverzüglichen Absendung derselben aufgefordert.

v. Gagern.

Bekanntmachung,

die Ertheilung der Erlaubniß zum Betrieb einer Versicherungs-

Anstalt betreffend.

Es wird zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß Großh. Ministerium des Innern und der Justiz der Wiener Lebens­und Rentenversichemngsanstalt (Filialdirection in Berlin) die Erlaubniß zum Geschäftsbetrieb im Großherzogthum Heffen unter den üblichen Bedingungen aus Widerruf ertheilt hat.

Gießen, den 19. November 1892.

Grobherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Bekanntmachung.

Wegen des hohen Geburtstages Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs bleiben die Bureaus des unterzeichneten Gerichts Freitag den 25. l. Mts. geschloffen.

Gießen, den 21. November 1892.

Großherzogliches Amtsgericht.

Fresenius.

Cocaki unö provinzielles.

Gießen, 22. November 1892.

Ernennungen. Zufolge Entschließung Großherzog'- lichen Ministeriums des Innern und der Justiz vom 17. No­vember wurden beauftragt: 1) der Gerichtsassessor Lang in Mainz mit Wahrnehmung der Dienstverrichtungen eines Amts­richters bei dem Amtsgericht Lorsch; 2) der Gerichtsassessor Ferdinand Schmidt in Mainz mit Wahrnehmung der Dienst- Verrichtungen eines Staatsanwalts bei dem Landgericht der Provinz Rheinhessen- 3) der Gerichlsassessor vr. Messer in Mainz mit Wahrnehmung der Dienstverrichtungen eines Amts­anwalts bei dem Amtsgericht Mainz- 4) der Gerichtsassessor Dr. Langsdorf in Darmstadt mit Wahrnehmung der Dienstverrichtungen eines Hilssgerichtsschreibers bei dem Land­gericht der Provinz Rheinhessen.

Steinfurth, 18. November. Gestern Abend ist der ehe­malige hiesige Bürgermeister, Herr Johs. Alt III., im 72. Lebensjahre an einem Herzleiden gestorben. Der Ver­

blichene stand 18 Jahre an der Spitze der Gemeindeverwaltung und hat durch die Biederkeit seines CharacterS und sein freund­liches, wohlwollendes Wesen sich allgemein beliebt zu machen gewußt.

vermischtes.

* Alexander Dumas hat sich ganz der Philosophie ergeben und behandelt mit Eiser den Haß. Nachdem er neulich mit Recht bemerkt hatte, es werde zu viel Haß in das Gesell­schaftsleben hineingetragen, Rassen- wie Klaffenhaß spalteten und schädigten tief die Menschheit, ergeht er sich heute in Betrachtung über anonyme Briefe.Ich erhielt und erhalte noch immer viele anonyme Briese", so schreibt er.Ich ziehe sie weitaus den anderen vor. Sie haben den großen Vortheil, daß man nicht genöthigt ist, sie zu beantworten. Beim ersten Satz:Ein Freund setzt Sie in Kenntniß", oder: Alter Esel", weiß ich, woran ich bin- ich lese nicht weiter und werfe den Brief ins Feuer oder wo anders hin, wo er die Möglichkeit hat, die Luft, aus der er entstanden, wieder­zufinden. Aber alle Welt ist nicht so erfahren und denkt nicht so philosophisch wie ich, und es ist zweifellos, daß bei gewiffen gewöhnlichen Leuten der anonyme Bries ein wahres Unglück Hervorrufen kann. Es ist das einfachste und billigste Sprengmittel des lausenden Hasses - er ist das Dynamit der Dienstmädchen, der Bemakelten und leider auch manchmal der Frauen von Welt. Ein Fetzen Papier und darauf ein paar Worte, die, anders gestellt, einer guten Handlung dienen könnten. Drei Sous für die Briefmarke das ist als Capitalanlage nicht ruinös und das Ergebniß ist tief ein­schneidend. Das kann man eine schöne Arbeit des Haffes nennen. Vor Allem ist dieser Haß im Grunde genommen ein unwillkürliches und unwiderstehliches Zeugniß von Achtung. Man haßt niemals den, welchen man verachtet. Denken wir übrigens auch daran, daß hundert sehr ungerecht und laut schreiende Feinde dem Angegriffenen immer irgendwo einen neuen, unbekannten Freund wachrufen, der über ihre Unge­rechtigkeit und Ungeschicklichkeit empört ist, und daß schließlich einige Geister von dieser Art das ausmachen, was man die öffentliche Meinung nennt."

Feuilleton.

Im Iugendüdermuth.

Novelle von C. Gerhard.

(3. Fortsetzung).

Sie blühte immer schöner auf in dem Sonnenschein dieser Tage, wie eine Rose, der es bisher an Licht gebrach. Hertha hatte frühe ihre Mutter verloren und daher eine einsame Kindheit verlebt, wenn auch zärtlich behütet von dem sie über alles liebenden Vater. Nach zweijährigem Aufenthalt in einer Pension hatte Herr v. Ramin seine liebreizende Tochter in die Welt eingesührt, aber da er selbst kränklich war und Hertha das hohle Gesellschaststreiben geisttödtend fand, so widmete sie ihre Zeit nun ganz dem Vater und sand ihre Freude an gemeinsamen Studien mit ihm, an der Aus­bildung ihrer Talente und an langen Rltten durch Feld und Wald. Wohl hatte sich dem schönen und reichen Mädchen mancher Mann in heißem Liebeswerben genaht, sie aber hatte alle mit ihrem Vater verglichen und keiner hatte dabei bestanden.

Nun lernte sie in Horst v. Leuen einen mit zahlreichen guten und edlen Eigenschaften geschmückten Mann kennen, eine ritterliche Persönlichkeit, einen Character, der sich wohl in jedem Sturme des Lebens b:währen mochte. Daher war es nur zu natürlich, daß er bald ihr ganzes Denken gefangen nahm. Aber ihre stolze Natur lehnte sich gegen die allzu rasche Besiegung auf- sie ward dann plötzlich herbe und ver­schlossen gegen Leuen und fand oft harte und kalte Worte, die ihn sichtlich traurig stimmten. Als sie ihm einst beson­ders erregt auf einem Ritt widersprach, beugte er sich zu ihr nieder und flüsterte:Also noch immer Prinzeßchen Rührmichnichtan?"

Sie wissen noch?" stammelte sie erglühend.

O, ich erkannte Sie sofort. Niemals auch vergaß ich das kleine Mädchen, das meine erste unbewußte Anbetung seiner Schönheit so strenge tadelte. Die Gefühle, die einst des feurigen Knaben Herz bewegten, sind in dem Manne nun wieder erwacht und er hofft sehnlichst, nicht zum zweiten Male so grausam zurückgewiesen zu werden."

Eine Antwort Herthas verbot die Annäherung Frau

Elsens, aber das liebliche Lächeln, der leuchtende Blick, den Leuen empfing, mußten ihm wohl verständlich genug sein, denn er war von jenem Augenblicke an in übermüthiger, glückesfroher Stimmung.

* *

Kurze Zeit daraus gab der Oberst v. Egloffstein an seinem Geburtstage ein Gartenfest mit darauffolgendem Tanz. Hertha im blaßgelben Seidenkleide, ohne jeden Schmuck, war strahlend schön und entzückte durch eine bei ihr ungewohnte Heiterkeit, sowie durch ihren Gesang alle Welt, namentlich Leuen, der wie gebannt in der Nähe des Flügels stand und mit unbeschreiblicher Wonne das jubelnde, leidenschaftliche Dein ist mein Herz" vernahm. Aus Frau Elsens Ver­anlassung sangen Hertha und Leuen dann noch einige Duette. Wunderbar paßten ihre Stimmen zu einander und wie die beiden herrlichen Gestalten so Seite an Seite standen, da dachte und sagte Mancher:Welch ein schönes Paar!"

Nach dem Gesänge folgte der Tanz. Von Leuens Arm umschlungen, flog Hertha durch den Saal und sie waren Nach­barn an der Abendtasel. Sie sprachen nicht viel, denn die Ahnung eines nahen, großen Glückes durchzitterte ihre Seelen und machte die Lippen schweigsam.

Eine Quadrille nach Tisch hatte Hertha Herrn v. Witz­leben trotz ihres Widerwillens gegen den kleinen hämischen Menschen versprechen müssen. Träumerisch betrat sie mit ihm den Tanzsaal und achtete anfangs wenig aus seine Unter­haltung, die sich hauptsächlich um die Urlaubsreife drehte, die er schon am nächsten Morgen antreten wollte, ^luf einmal aber wurde sie ausmerksam und plötzlich wich jede Farbe aus ihrem Antlitz.

Und Sie können mir aus Ehrenwort versichern, daß alles wahr ist, was Sie mir erzählten?"

Aus Ehrenwort! Hielt es für meine Pflicht, gnädiges Fräulein davon zu benachrichtigen."

Ich danke Ihnen."

Ein Blick der Verachtung traf den Offizier und als in diesem Augenblicke die Quadrille ihr Ende erreichte, schritt Hertha, ohne Herrn v. Witzlebens dargebotenen Arm, noch seine ehrfurchtsvolle Verbeugung zu sehen, allein die Treppe hinab in den Garten. Was sie soeben hatte hören müffen, ohne mit der Wimper zu zucken, ohne den frechen Redner Lügen strafen zu können, hatte all das kospende, süße Glück

in ihrem Herzen ertödtet und wie gebrochen ließ sie sich auf eine Bank gleiten.

Da nahten sich schnelle Schritte im Laubgange und im nächsten Augenblicke stand Horst v. Leuen vor dem zusammen­schreckenden Mädchen.

Endlich finde ich Sie, theuerste Hertha, nachdem ich alle Säle nach Ihnen durchsucht. Ach, laffen Sie mich Ihnen heute sagen, was mein Herz schon lange erfüllt, daß ich Sie unaussprechlich liebe!" Er hatte sich neben sie gesetzt und versuchte ihre Hände zu ergreifen, während er fortfuhr: Werden Sie mein, Hertha, mein geliebtes Weib!"

Sie lachte grell auf.Enden Sie die Comödie, Graf Leuen !"

Um Gott, Hertha, was soll das?" Er starrte entsetzt in ihr todtblassek Antlitz.Was habe ich verbrochen?"

In Ihren Augen vielleicht wenig- mich gelüstet es aber nicht, Ihnen zum Halten Ihres Schwures behilflich zu sein."

Hertha!" Es klang wie ein Todesseufzer. Dann aber kam es gleich einem Strom von seinen Lippen:Ach, verzeih mir, was ich in sträflichem Leichtsinn gefehlt- ich kannte Dich ja nicht. Ausgelöscht waren die bösen Worte in meiner Er­innerung, als ich Dich sah, die Liebe zog mit Allgewalt iw mein Inneres und ich hoffte, Du theiltest sie."

Ja," antwortete sie, und es zitterten Thränen in ihrer Stimme,ich theilte sie. Ich schäme mich nicht, es zu ge­stehen, ich habe Sie namenlos geliebt Und vielleicht Härte ich trotz des Furchtbaren, das ich erfuhr, an Ihrer Neigung nicht gezweifelt, wenn Sie nicht gerade heute, am Tage, den Sie sich zum Siege auSer'sehen, um mich geworben. DaS scheidet uns für ewig- ich kann Sie fortan nur verachten."

Das ist zu viel! Bei Gott, an den unseligen Tag habe ich nicht gedacht- o, glaube eS mir. Das ist Zufall ober die Nemesis!"

Sie aber wandte sich mit schmerzensstarrem Antlitz und schritt dem Hause zu. Im Garten sang ein Männerquartett; Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht". Der junge Osfi^ zier schlug die Hände vor daS Gesicht und heiße Tropfen, die Gram und Reue erpreßt, drangen aus feinen Augen, die feil den Kinderjahren keine Thränen bergoffen."

(Schluß folgt.)