Einzelbild herunterladen

Rr. 273

Der

Otetzeuer A«zeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montag».

Die Gießener *e*lCitelUUtt derben dem Anzeiger Wöchentlich dreimal ^eigelegt.

Zweites Blatt. Dienstag den 22. November_________________

GicßenerInzeigcr

Henerat-Anzeiger.

18.92

vierteljähriger ^VonnementspretO 2 Mark 20 Pfg. m- Bringerlohn.

Durch die Post bezog«

2 Mark 50 Pf-,

Nedaction, LxpediNov und Druckerei:

rch»kstr«te Mr.r.

Fernsprecher 51.

-lnrts- und Anzeigeblatt für den Aveis Gießen.

HratisKntage: Hießener JamikienökLtter.

Anrtlichev Therl

ist

zu

L

Annahme von Anzeige« zu der Nachmitta-- für tat faxenden Lag erscheinenden Nummer bis Vor». 10 Ittt.

«De Lnnoncen-Bureaur de- In. und Auslandes nehm« Anzeigen für den ^Gießener äh geiget* entgegen.

tingcriffcn t und das Verausgaben übergroßer Summen für viele städtischen Bauten tadelten. Häufiger lebhafter Beifall bewies den Rednern, daß sie im Sinne der Mehrheit der Erschienenen gesprochen haben. Wer Sieger bei diesen Wahlen sein wird, läßt sich bei den eigenartigen Berhältnisien, die hier obwalten, nicht im Entferntesten Voraussagen, doch scheint es wohl ziemlich sicher zu sein, daß einzelne Social» demokraten ihren Einzug in das Stadthaus halten werden.

Bekanntmachung,

betreffend die Schafräude zu Hausen.

Nachdem die zu Hausen ausgebrochen gewesene Schaf­räude erloschen ist, haben wir die angeordneten Sperrmaß­regeln wieder aufgehoben.

Gießen, den 18. November 1892.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Cocales rrnd provinzielles.

Gießen, 21. November 1892.

Ueber das Ausblafen von Petroleumlampen schreibt ein Fachmann:Wenn es richtig ist, daß unter Hundert Neunund­neunzig die Lampe von oben ausblasen, so ist es ebenso richtig, daß diese Neunundneunzig der gleichen Gefahr ausgesetzt sind, die dem Hundertsten passirt, sich mit Petroleum zu verbrennen. Wenn der Oelbehälter weiter hinunter leer ist, so ist nämlich zu riskiren, daß der leere Raum in Folge der Wärme des Oels mit Gas ganz leicht wie Leuchtgas angefüllt ist; trifft es nun, daß der Docht im Brenner etwas zu schmal und die Röhre nicht ganz angesüllt ist- so bläßt man die Flamme durch den offenen Raum hinunter, das Gas fängt Feuer, zersprengt den Oelbehälter und das übrige heiße Oel fängt Feuer, er­gießt sich über Kleider, Möbel und Zimmerböden, und das" Ende ist, was die Zeitungen fast alle Wochen aus allen Theilen des Landes zu berichten haben. Will man die Petroleum» lampe ohne Gefahr auslöschen, so drehe man den Docht auf die Höhe der Röhre hinunter, aber nicht weiter, sonst riskirt man, daß die Flamme in den Oelbehälter kommt und wieder eine Explosion verursacht- dann bläßt man sie von unten durch die Zuglöcher einfach aus. Das Petroleum ist in kaltem Zustande ganz ungefährlich und man kann es mit Zündhölzchen nicht anzünden- erwärmt man es auf Grade, die es in ein paar Stunden in der brennenden Lampe erhält, so darf man kaum mit Feuer in die Nähe kommen." Möge die Mahnung überall beherzigt werden.

A Mainz, 20. November. Die Agitation für die kommenden Mittwoch stattfindende Ergänzungswahl zur hkesigen Stadtverordnetenversammlung ist im vollen Gange und beschäftigt die meisten Mainzer Kreise mehr als die gegenwärtig schwebenden großen politischen Tagessragen. Die demokratische, nationalliberale und Centrumspartei, die ge­meinschaftlich vorgehen, haben bereits ihre Candidaten genannt, während die Socialdemokraten und die Deutschfreisinnigen noch mit ihren Candidaten zurückhalten. Neben sehr rühriger Preß- und Hausagitation haben die Socialdemokraten h e u t e Nachmittag in derStadthalle" eine große Volksver­sammlung abgehalten, in welcher mehrere Tausend Personen anwesend waren. Redner.waren der Abgeordnete Jöst und der Schriftsetzer Dörr, welch Letzterer bereits der Stadtver­ordnetenversammlung angehört. Nicht ohne Geschick übten beide Redner an der bisherigen städtischen Verwaltung eine scharfe Kritik, wobei sie der Bürgermeisterei und den Stadt­verordneten große Unterlassungssünden vorwarsen und insbe­sondere den Schlendrian, der gegenüber den städtischen Beamten

Gießen, 19. November 1892.

Betr.: Die Ausführung des Gesetzes über den Schutz der in fremde Verpflegung gegebenen Kinder unter sechs Jahren.

Das Grobherzogliche Kreisamt Gietzeu an die Großherzoglichen Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises.

Unter Bezugnahme auf unser Ausschreiben vom 17. No­vember 1880 (Anzeigeblatt Nr. 273) vom 27. März und 11. November 1885 (Amtsblatt Nr. 1 und 7) fordern wir Sie zur alsbaldigen Einsendung der Ueberwachungsbogen be­züglich der in fremde Pflege gegebenen Kinder unter sechs Jahren (§ 17 der Instruction) beziehungsweise zum Bericht, falls in Ihrer Gemeinde keine solche Kinder verpflegt worden sind, auf.

v. G agern.

Bekanntmachung,

betreffend die Maul- und Klauenseuche.

Nach Mittheilung Großh. Kreisamts Büdingen Nidda die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen.

Gießen, den 18. November 1892.

Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.

Bekanntmachung.

Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß der neu gewählte und bestätigte Grobherzogliche Bürger­meister Georg Schmandt II. zu Hausen heute als Orts- gerichtsvorsteher und Standesbeamter der Gemeinde Hausen verpflichtet worden ist.

Gießen, den 18. November 1892.

Großherzogliches Amtsgericht.

Fresenius.

Eingesandt.

Wieseck, im November 1892.

cv c^mmer noch kein Brodabschlas r r

In verschiedenen öffentlichen Blättern ist schon seit Monaten daraus hingewiesen worden, wie wenig der jetzige Preis der Bock- waaren und des Mehls gegenüber dem der verschiedenen Fruchl- gattungen im Einklänge stehe. Seit den letzten vier Wochen sind die Fruchtpreife abermals gesunken: Weizen ist auf 16.30 Mark, Korn auf 14.40 Mark und Gerste auf 13.80 Mark der Doppelcentn er zurück­gegangen, trotzdem bleiben die Brodpreise wie sie sind. Hieraus gehts rasch und sprungwerse; vor dem Abschlag scheint man einen nicht ru bezwingenden Widerwillen zu haben! Noch in 1888 war der ho^?e Preis für einen Sechspfünder aus ganz vorzüglichem Roaacn:

n6ur^'wUM0iIt 7? ~ tn ber Stadt incl. des Octrois

auch nur 75 Pf hier und da sogar nur 72 Pf. - also noch 9 Pf mehr als damals, obgleich die Backfrucht: Weizen, Korn und Gerste billiger sind als damals und qualitativ besser als seit drei Jahrzehnten, flHf0hnh hPUhQ tL89r Ernte ist eS aber, die hier ins Gewichi fällt und die hauptsächlich für einen Preisabschlag sprechen dürfte. Warum ein solcher nicht schon längst erfolgt Ist, dürfte schwer zu be- ünden sein. Ein Preisaufschlag des Holzes hat nicht stattgehabt, & e ^gehaltenen Holzversteigerungen; das Wasser ist auch nichtMuerer geworden. Dann wird man wohl nicht fehl gehen, wenn man den Grund in den Abmachungen der hier in Betracht fünaT?a?ed)M*fint§nhtC m*** macht stark!" das

Ä U Ar verliert das Sprichwort an seinem

guten Klang, hier, wo es grlt, vorzugsweise den geringen Mann vor UebervorlheUungen ,u schützen, sollte man dieser wenig ju em" mienben Verbrüderung doch einen Strich durch die Rechnung machen durch Wort nnh edeldenkende, oolkssreundliche Männer

durch Wort und Thal die Hebel ansetzen mußten, um unreelle Breite für das unentbehrlichste Nahrungsmittel aus der Welt zu schaffen

N> senden Unzufriedenheit zu steuern Es ist ja leicht begreiflich: Der Einzelne vermag nichts vereinte Kraft i^ nRbCr wollen nicht entfernt, daß die hier

in Betracht kommenden Geschäftsleute geschädigt werden sollen- wir bezwecken durch diese Zellen nur, daß dieselben ihren Kunden aeam- über billig denken und billigfordern" sollen. Es wäre ungleich! ^LÄ/n,daß unter den momentanen Verhältnissen 10 Pfennige für das Pfund Roggenbrot) I. Qualität der entsprechende Preis wäre- wir wollen uns aber eine specielle Berechnung bis auf später ersparen.' Nur darauf wollen wir Hinweisen, daß die betreffenden Herren in 8CnCn $???!£rJaAcn' msnn sie es dahin kommen lassen, daß das Publikum zur ^elbstbilfe greift. Mittel und Wege lasten sich noch ^ubUten1 Publikum ein kräftiges, preiswürdiges Stück Brod

Feuilleton.

Im Iugendübermvlh.

Novelle von C. Gerhard.

(2. Fortsetzung).

Hertha erröthete ein wenig.

Die Rosen sind ein Geschenk des Herrn von Egloffstein und ich darf sie daher wohl nicht weitergeben."

Thun Sie es, Gnädigste!" rief der joviale alte Herr, sich Hertha wieder nähernd,der Leuen hat eine duftige Blüthe verdient und wird sie doppelt schätzen, wenn sie aus so schönen Händen kommt."

Hertha löste eine der Rosen und überreichte sie dem jungen Offizier- er steckte sie an seine Brust und verneigte sich vor der Spenderin wie vor einer Königin, dann verließ er die Tribüne.

Fräulein v. Ramin blickte ihm mit einem seltsamen Gemisch von Unwillen und Bewunderung nach- sie war mit ihrem Thun unzufrieden und sah doch ein, daß sie nicht anders hätte handeln können, ohne ungezogen zu sein. Leuen aber hatte sich auch in ihren strengen Augen tadellos be­nommen. Barg die glänzende, bestechende Außenseite jedoch auch einen edlen Kern?

Während Hertha sich diese Frage vorlegte, war sie das Ziel beobachtender Männeraugen. Einige der Offiziere, welche an jenem Morgen mit Leuen zusammen bei Hartung gewesen, hatten die Blumenspenden bemerkt und meinten halb neidisch, halb anerkennend:Der Leuen geht verteufelt ins Zkug- sogar das Eis der Marmorschönheit schmilzt unter seinem Blick. Am ersten Tage der Bekanntschaft eine Rose zu erhalten, das will viel sagen."

Am nächsten Abend schon stattete Horst von Leuen HfcCrPÖnnCrin' $rQU H^dtck, einen Besuch ab und lCB gerne bewegen, zum Thee zu bleiben. Von seinem

Siege wollte er gar nichts hören und vermied auch zu Herthas Erleichterung jede Erwähnung ihrer Gabe. Er war in glänzendster Laune und entfaltete ein außerordentliches Unterhaltungstalent. Wohin sich auch das Gespräch lenkte, mochte es die Politik, seinen Stand, den Sport, die Künste und Wissenschaften berühren über alles wußte er gewandt zu sprechen und sachgemäße Urtheile abzugeben. Dabei war er so einfach, so natürlich, so harmlos heiter, daß Hertha allmälig ihr Vorurtheil schwinden fühlte und auch immer mehr aus sich heraustrat.

Es waren sehr genußreiche Stunden, die das Quartett in Frau Elsens behaglichem Salon verlebte und die frohe Stimmung ward noch erhöht und vergeistigt, als Hertha sich bereit sand, zu singen. Ihr voller, weicher Alt klang wunder­bar innig in Schubert'schen und Schumann'schen Liedern, für die sie eine besondere Vorliebe besaß. Zum allgemeinen Erstaunen erklärte Leuen, auchein wenig musikalisch" zu sein und ließ sich nicht zum Singen nöthigkn. Wie ver­zaubert lauschten die drei dem siegenden Tenor, der den großen^Raum durchhallte- ja, das herrlicheWinterstürme wichen dem Wonnemond" entlockte den Damen schimmernde Thränen. Spät erst verabschiedete sich der Gast und in dieser Nacht sand die schöne Freundin Frau v. Hardecks wenig Schlaf.

Dem angenehmen Abend folgten viele gleiche Tage, Leuen war fast unzertrennlich von Hardecks. Zwar war er auch früher häufig in das Haus des jungen Ehepaares ge­kommen, aber es war doch klar, daß ihn jetzt ein anderer Magnet hinzog. Seine Kameraden neckten ihn anfangs sehr oft- er wußte dann aber eine so abweisende Miene anzu­nehmen, seine Augen flammten so zornig, daß die Herren bald verstummten. Mit heimlichem Neide beobachteten sie, wie der junge Offizier täglich mit der schönen Fremden zu« sammenkayt- entweder machten die vier harmonisch gestimmten Menschen Ausflüge zu Pserde und zu Wagen oder sie unter­hielten sich zu Hause in fesselnder Weife und musizirten

häufig. Herr v. Hardeck war eine ernste, zurückhaltende Natur, aber daheim im vertrauten Kreise kamen alle seine liebenswürdigen Eigenschaften zur Geltung, wenn er auch nicht mit Leuen wetteifern konnte. Manche der Damen welche Hertha kennen lernten, nannten den jungen Grasen launenhaft,' Hertha schwieg dazu, denn ihr gegenüber hatte I er sich nie so gezeigt, aber als sie ihn bald darauf in einem größeren Kreise sah, fand sie, daß er eine überaus gleich- giltige, blasirte Miene zur Schau trug. Er saß bei Tisch * ne^VlnemJe^JUn8en' blonden, sehr unbedeutend | aussehenden Mädchen und unterhielt sich mit demselben und \ einigen feiner Kameraden in höchst nachlässiger Weise. Als cr sich nach dem Essen Hertha näherte, sagte er: Ich athme aus, endlich aus jener geisttödtenden Atmosphäre" bc- ) freit zu sein," und nun ergoß cr eine ganze Sathre beißenden j Spottes über seine Tischnachbarin und die jüngeren Osfi- 1

^örte ihm sehr ernst zu, kein Lächeln erhellte ihr schönes Gesicht und sie fragte endlich vorwurfsvoll: Unb Sie halten sich für so erhaben, für so weit über den I besprochenen Persönlichkeiten stehend, daß Sie es wagen 1 kennen, dieselben in so nichtachtender Weise zu behandeln?" ' ®r "urde bleich, sie aber fuhr fort:Mich dünkt, geistig hervorragende Menschen müßten ihre Bedeutung gerade : d°rin zeigen, daß sie Geduld mit den Schwächen anderer , haben."

k ."Si- haben recht, tausendmal recht, gnädigstes Fräulein, ' und ich will mich andern."

Er hielt sein Wort- nie mehr bemerkte Hertha jene : blasirte, hochmüthige Miene bei ihm, nie mehr jenes gelang. . meilte Aussehen, und eS erfüllte sie mit geheimem Stolz, daß !hr ^lnfluß auf ihn so groß sei, und mit einer jubelnden l Freude, die sie sich nicht zu erklären versuchte.

(Fortsetzung folgt.)