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Rr. 270

Freitag hc» 18 November

1892

Der Mott «scheint täglich, it Ausnahme bei Montags.

Die Gießener

D,«ttte>ßrsi1s, a*en dem Lnzeiß« »ßchentlich drei mal betfdtgt

MchenerAnzeiger

Kenerat-Mnzeiger.

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Gratisbeilage: Gießener Aamitienötätter.

Alle Aano»cen-Vureaux bei I«. und Auslandes netz«« Anzeigen für de« .Gießener Anzeiger^ entgegen.

Amtlicher Theil.

Gießen, 15. November 1892.

Betr.: Die Unterstützung der Familien der zu Friedens- Übungen einberufenen Mannschaften.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

a« dte Erotzh. Vürgermeiftereie» de» «reise».

Nachdem nunmehr die militärischen Hebungen der Reser- visten und Landwebrleute beendet sind, sehen wir in Gemäß- heil unseres Ausschreibens vom 28. Juni I. I. (Anzeigeblatt Nr. 150) der Vorlage der quittirten Empfangsbescheinigungen (^ornt. A.) über die an die Familien einberufener Mann­schaften auf Grund be» Gesetzes vom 10. Mai l. I. ausge­zahlten Beträge bis längstens den I.December l. I. entgegen.

v. Gagern.

Deutsches Reich.

Berlin, 16. November. Kaiser Wilhelm wird den soeben stattgesundenen Besuch des Königs von Sachsen am Berliner Hose gelegentlich der Hosjagden von Königs- Wusterhausen alSbald durch einen Ausflug nach Moritzburg, dem berühmten Jagdschlösse der sächsischen Herrscher, erwidern. Wie man aus Dresden meldet, hat der Kaiser die Einladung des Königs Albert zu einer am 2. December stattfindenden Hosjagd in Moritzburg angenommen, das Nähere über diese abermalige Zusammenkunft der beiden verbündeten und be­freundeten Monarchen muß indessen noch abgewartet werden. Die Annahme, daß es sich bei dem kürzlichen Zusammensein des Kaisers und des sächsischen Monarchen um ernste politische Dinge gehandelt hat und daß hierbei die Jagden in Wuster­hausen gleichsam nur zur Folie dienten, kann durch den so rasch nachfolgenden Gegenbesuch des Kaisers nur eine Ver­stärkung erfahren, wenn auch Berliner Blätter wissen wollen, daß die Reise des Königs nach Königs-Wusterhausen mit der Politik nichts zu thun gehabt habe.

Die Audienz, welche Kaiser Wilhelm neulich dem Bischof von Straßburg ertheilte, hat dem Ver­nehmen nach einen rein privaten Character getragen. Der erlauchte Monarch sprach hierbei wiederholt seine Zufriedenheit mit der Entwickelung der Dinge im Elsaß aus und betonte namentlich auch die Verdienste des Statthalters Fürsten Hohenlohe, zu dem er besonders Zutrauen hege.

Neueste 2Tcxcbrtcbtct».

WolffS telegraphische« Correspondenz-Bureau.

Berlin, 16. November. Das Landesöeonomie Collegium faßte mit 13 gegen 8 Stimmen' folgenden Beschluß: Es ist dringend wünschenswerth, daß auf dem Wege der Gesetz« gebnng ermöglicht werde, den landwirthschastlich en Centralvereinen auf Antrag eine Organisation und Zuständigkeit ähnlich derj.nigen der Handelskammern zu verleihen.

Berlin, 16. November. Drei Versammlungen der Omnibus-, Pferdebahn- und Packetsahrt - Be­diensteten beschlossen heute Nacht, zur Durchführung der von der Lohncommission gestellten Forderungen event. einen Strike herbeizuführen.

Berlin, 16. November. Seine Majestät der Kaiser conferirte heute Vormittag längere Zeit mit dem Staats­minister Dr. v. Bötticher. Der Großfürst Wladimir trifft morgen Abend zum Besuche Sr. Majestät des Kaisers im Neuen Palais ein, wird am Freitag früh Seine Majestät zur Jagd nach der Göhrde begleiten und von dort mit nach Potsdam zurückkehren.

Dresden, 16. November. Eine Erklärung desDresdener Journals" bezeichnet die Blätlermeldung, in Sachsen würde der M i l i t ä r ü o r l a g e an maßgebender Stelle keinerlei Sympathie entgegengebracht, als jeder Begründung ent­behrend.

Hamburg, 16. November. Vom Senat wird zur öffent­lichen Kennrniß gebracht, daß nach einer Mittheilung des Reichskanzlers die Bundesstaaten Ersucht worden sind, von einer gesundheitspo llzei li chUeberwachung der von Hamburg kommenden Seeschiffe abzusehen. Für die amtliche Verbreitung der Thatsache, daß die aus Hamburg kommenden Schiffe in den deutschen Häsen nicht mehr als verdächtig behandelt würden, in den vorzugsweise beteiligten Auslandsstaaten, würde Seitens des Reichskanzlers Sorge getragen werden.

Newyork, 16. November. Der Einwanderungscommissär ordnete gestern an, keinen Einwanderer durchzulassen, welcher nicht mit einer Eisenbahnfahrkarte, einem Gepäck­scheine und zehn Dollar Geld versehen sei. Jnsolgedessen wurden gestern zweihundert Einwanoerer nach der Control- ftation auf Ellis Island gebracht. Die Einwanderer, sowie die Eisenbahn- und Dämpfschiffahrtsgesellschaften protestirten entschieden, aber vergeblich. Die Gesellschaften drohen, die Sache vor Gericht zu bringen. Das Schatzamt bereitet ein Circular vor, welches bestimmt, daß die zwanzigtägige

Quarantäne für Einwanderer in Zukunft nur auf Zwischen­deckspassagiere anwendbar sein soll.

Depeschen de« BureauHerold".

Berlin, 16 November. Der. Bundesrath hat den Reichöhaushaltsetat so weit vorbereitet, daß derselbe sofort nach Constituirung des Reichstages den Mitgliedern zugeht. Die Vorarbeiten für die Einführung der Sonn-, tagsruhe in allen gewerblichen Betrieben, wo dieselbe noch nicht eingeführt ist, werden so beschleunigt, daß dieselbe bis spätestens 1. April 1893 überall eingesührt wird.

Berlin, 16. November. Die n'ationalliberale Fractiion beschloß gegen die Vermögenssteuer' (Ergänzungssteuer) zu stimmen und schlägt dagegen die Er­hebung einef Erbschaftssteuer vor.

Berlin, 16. November. Socialdemokratischer Parteitag. Vormittagssitzung. Nach einigen geschäftlichen Mittheilunger. Singers wurde die Discussion über den Bericht des Parteivorstandes fortgesetzt. Liebknecht erkennt die Mängel bet demVorwärts" an und tagt, Aenderungsvorschläge seien willkommen. Er spricht ferner über das Gehalt der Redacteure. Bezüglich der Parlamentsthätigkeit der ReichstagSfraction verweist Abg. Singer auf den gedruckten Bericht und beant- tragt die Annahme einer Resolution gegen die Militärvorlage, welche die Einführung eines auf der Erziehung zur allgemeinen Wehrhaftigkeit beruhenden und die allgemeine Volksbewaffnung verwirklichenden Wehrsystems fordert. Augustin-Berlin be­gründet den Antrag auf Stimmenthaltung bei Stichwahlen zwischen bürgerlichen Candidaten. Mittag und Albrecht (Halle) verlangen einen Antrag der Fraction im Reichstag auf Ein­führung des Achtstundentages. Bueb Mülhausen (Elsaß) spricht über einen Antrag betreffend Aushebung der Ausnahmegesetze für Elsaß-Lothringen unter Anführung drastischer Beispiele. Nachmittagssitzung. Schwer-Hamburg spricht für die Verstaat­lichung der Apotheken und Aerzte. Kauth-Rostock befürwortet den Antrag des Reichsvereins, ein Versammlungsgesetz im Reichstage einzubringen. Metzner-Berlin befürwortet die Ab­schaffung des religiösen Eides. Auer bittet die Discussion über momentan aussichtslose Anträge aufzugeben. Erhardt- Ludwigshasen beantragt den Beschluß, daß nach jeder Reichs­tagssession ein kurzgesaßter Bericht über die parlamentarische Thätigkeit herausgegeben wird. Bebel wünscht, daß in der Antragform eingereichte Wünsche möglichst besprochen werden und beantragt, sämmtliche Anträge, die sich aus die zukünftige Thätigkeit der ReichstagSfraction beziehen, zur Erwägung zu übergeben. Referent Singer conftatirt beim Schlußworte, daß im Ganzen kein Widerspruch gegen die parlamentarische Thätigkeit der Fraction vorhanden sei. Eine Resolution gegen

Feuilleton.

Eine Lücke in der Ausbildung unserer Forstleute.

(Schluß.)

Die Entwickelung des modernen Lebens, die stets wachsenden Anforderungen, die dasselbe an die Arbeitskraft des Menschen stellt, erfordern ein Gegengewicht. Ein besseres, gesünderes, vollkommeneres gibt es nicht, als der Gang hinaus aus der dunstigen Atmosphäre der Städte in die freie Gottesluft, in den Wald. Es gibt kein besseres Heil­mittel für das geistige und körperliche Leid, kein besseres Mittel zum Wiederersatz der Kräfte, zur Wiedergewinnung der Heiterkeit des Gemüths, der ruhigen, richtigen Denkkraft, der geistigen und körperlichen Arbeitsfreudigkeit und Arbeits­fähigkeit, als der Aufenthalt im Walde. In den Wäldern ist die Kraft des alten deutschen Volksthums erwachsen. Der späte Enkel kann der Quelle nicht entbehren, an der seine Ahnen groß geworden sind.

Hat der betreffende Wohnplatz eine Umgebung, in der man sich erholen kann, einen nahe gelegenen Wald, so wird der Städter, dem es der Berus gestattet, der Pensionär, der Beamte, der Rentner, nach getaner Arbeit, womöglich täg­lich, seinen Gang dahin machen. Der Kaufmann und Hand­werker wird wenigstens am Sonntag einen Ausflug in den Wald unternehmen. Wer hierzu keine Zeit und Gelegenheit bat, wer an einem Orte wohnt, dessen Umgebung reizlos ist, der packt, wenn er die Mittel hat, im Sommer die Koffer und fährt auf ein paar Wochen an einen stillen Waldort in die Sommerfrische. Dem starken Zuge der Menschen, in den Städten den dauernden Wohnsitz aufzuschlagen, steht der stets wachsende Erholungszug zur Sommerfrische in das Waldgebirge gegenüber.

Damit der Wald nun auch wirklich das biete, was der Erholungsbedürftige in ihm sucht: schönen Baumschlag und

Schatten, Blumenflor und Vogelsang, frische Waldluft und rieselnde Quellen, anmuthige Ruheplätze und schöne Durch­blicke, muß er entsprechend bewirthschastet sein. Das liegt klar vor Angen, in einer ganzen Reihe von Waldungen, die nicht Schutzwald sind, kann gleichwohl das nackte forstliche Reinertragsprincip unmöglich allein maßgebend sein. Wir wollen ein Beispiel anführen. Es ist keineswegs unwahr­scheinlich, daß bei leidlichem Preise der Eichenlohrinden die Rechnung ergibt, daß die finanziell vortheilhafteste Bewirth- schaftung der Waldungen in der Umgebung von Baden-Baden die Eichenniederwaldwirthschast ist. Nun denke man sich, die Forstverwaltung ginge demgemäß vor. Der entzückende Tannenwald, der sich als sammetgrüner Kranz um das Badener Thal windet und ihm seinen Hauptreiz verleiht, würde nieder­geschlagen und auf den entblößten Hängen würden Lohhccken erzogen, die alle anderthalb Decennien umgehauen werden und den wüsten Anblick der Kahlhiebflächen bieten. Ja, wäre das denn überhaupt möglich, ohne einen Schrei der Entrüstung durch ganz Deutschland und über seine Grenzen hinaus, ohne ein einstimmiges Vernichtungsurtheil der gebildeten Welt her­vorzurufen Und ohne einen großen Theil der Fremden zu verscheuchen, die in Baden-Baden Gesundheit und Erholung suchen und denen die Stadt ihren zunehmenden Wohlstand verdankt?

Was von Baden-Baden gilt, das trifft auch bei vielen hundert anderen Orten zu. Die Bevölkerung verlangt, daß ihr Liebling, der Wald, nicht bloß nach dem starren Verdicte und der schwankenden Grundlage der Reinertragsformel, son­dern auch nach den ewigen Gesetzen der Schönheit bewirth. schäftet werde. Demnach reicht es nicht aus, den Wald nur in die zwei Hauptgruppen, in den Schutze und RemertragS- wald, zu scheiden. Es besteht sactisch noch eine dritte Gruppe. Sie umschließt alle die Waldungen und Waldtheile, bei deren Bewirthschastung die landschaftliche Schönheit zu berücksichtigen ist. Ein kurzes bezeichnendes Wort wäre noch für diese

dritte Hauptgruppe von Waldungen zu finden. Das Wort Erholungswald" ist zu lang, vielleicht entspräche die Bezeich­nungLustwald". *

Es bedarf keiner weiteren Darlegung, daß derselbe Wald zugleich zwei, ja selbst den drei erwähnten Hauptzwecken gleich­zeitig dienen kann und unter Umständen dienen muß. Der Schutzwald kann nebenher auch Nutzwald feilt. Der Lust- malb ist wohl in allen Fällen zugleich Nutzwald. Die Auf­gabe des Forstmannes muß gerade darin bestehen, daß er bei Bewirthschastung der ihm unterstellten Waldungen allen den mannigfachen Anforderungen, die in den verschiedenen Richtungen gestellt werden, gleichzeitig zu entsprechen vermag, hier kann er sich als Meister zeigen.

Die Forderung des Volkes, daß die Waldungen in der Nähe der Wohnorte mit Berücksichtigung der Schönheitsgesetze bewirthschastet werden, ist im höchsten Grade berechtigt. Die Berücksichtigung der landschaftlichen Schönheit bei Bewirth- schaftung der Waldungen ist unter Umständen geradezu eine große ethische Pflicht.

Wie bedeutende Mittel werden mit Recht aufgewendet, um in den (Sammlungen die Werke der Kunst zusammen- zustellen, um durch ihren Anblick den Menschen zu erheben, seinen Gxschmack zu läutern, sein Wesen zu veredeln. Dem gleichen Zwecke wird durch Besichtigung einer schönen Land- schast, eines schönen Stückes Natur gedient. Wird unser Herz erhoben bei der Betrachtung des Denkmals eines großen Mannes, eines schönen Gemäldes, so schlagt es nicht minder hoch beim Anblick einer vielhundertjährigen Eiche, die uns den Begriff der Ewigkeit zu vermitteln scheint. An dem fest­gefügten Stamme hinauf durch die kräftigen gedrungenen Aeste und das rauschende Laubdach gleiten unsere Gedanken Zu dem Ewigen, der die Welten lenkt, in ehrfurchtsvoller Bewunderung seiner Werke sucht unser Geist den Weg zu ihm. Vermögen wir unter Ausbietung aller Kräfte etwas zu Stande zu bringen, das schöner und ehrsurchtgebictender