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Nr. 115
Mittwoch den 18. Mai
1892
5) er Witter Anzeiger erfchemt täglich, rott Ansnabme be» MontagS.
The Rieften er Pft«tfint0r&Her werben dem Anzeiger irdchrntlich dreimal beigetegt
Gießener Anzeiger
KeneratiMnzeiger.
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HratisKeisaae: Kießener Kamikienbkälter.
Alle Annoncen-vureaux de» In. und LuSlande» nehmen Anzeigen für den .Gießener Anzeiger" entgegen.
llmUidicr Cbcil.
Bekanntmachung,
betreffend die Verminderung der Herbstzeitlose.
Mit Rücksicht darauf, daß die Herbstzeitlose in Folge der bisherigen trockenen Witterung in ihrer Entwickelung zurückgeblieben ist, verlängern wir die Frist für die durch unsere Verfügung vom 26. April d. I. — KreiSblatt 98 — angeordnete Vertilgung der Herbstzeitlose bis zum 31. Mai d. I.
Gießen, den 16. Mai 1892.
Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gag ern.
f Gießen, 16. Mai 1892.
Betr.: Wie vorstehend.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Grotzh. Bürgermeistereien de- Kreises.
Vorstehende Bekanntmachung wollen Sie zur Kenntniß Ihrer Gemeindeangehörigen bringen. Ihren Berichten über den Befolg der angeordneten Maßregeln sehen wir bis zum 5. Juni d. I. entgegen.
v. Gagern.
Gießen, den 14. Mai 1892. Betr.: Die Regulirung der Gewerbsteuer.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
mt 6U «r»tzh. «ürgermriUereie« M «r-is«»
Rach Art. 27 des Gesetzes vom 8. Juli 1884, die gleich» mäßige Besteuerung der Gewerbe betreffend, geschieht die Regulirung der Gewerbsteuer durch eine Commission, welche aus dem Steuercommiffär als Vorsitzenden und drei von der Stadtverordnetenversammlung, beziehungsweise dem Gemeinderath einer jeden Gemeinde auf drei Jahre gewählten Mitgliedern besteht.
Für den Fall, daß gewählte Mitglieder mit Tod abgehen oder nicht mehr die Bedingungen der Wählbarkeit besitzen, oder sonst dauernd außer Stande sind, ihr Mandat zu erfüllen, werden in jeder Gemeinde weiter zwei Ersatzmänner gewählt, die in solchen Fällen an die Stelle von ursprünglich Gewählten zu treten haben.
Zu Mitgliedern der Commission und zu Ersatzmännern können nur solche gewählt werden, welche zur Zeit der Wahl volle 30 Jahre alt sind und welche die passive Wahlfähig»
feit als Mitglieder der Stadtverordnetenversammlung, bezw. , als Gemeinderathsmitglicd besitzen.
Sie wollen durch die Stadtverordnetenversammlung, beziehungsweise den Gemeinderath, die Wahl der drei Mit- - glieder und zwei Ersatzmänner alsbald vornehmen lassen und i uns das Srgebniß derselben binnen acht Tagen mittheilen.
v. Gagern.
I Bekanntmachung,
betreffend die Unterhaltung der Kreisstraßen.
Fuhrwerksbesitzern wird hierdurch zur Kenntniß gebracht, ' daß von Dienstag den 17. Mai d. I ab auf der » Kreisstraße Wieseck—Alten-Buseck eine Dampfstraßen- > walze in Thätigkeit ist.
Gießen, den 14. Mai 1892.
Grobherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Betreffend: Polizeistrafgesetz, insbesondere straßenpolizeiliche Vorschriften.
Wir sehen uns veranlaßt, nachstehende Bekanntmachung I mit dem Anfügen wiederholt zu veröffentlichen, daß das ' Aufsichtspersonal angewiesen, Zuwiderhandlungen unnach- i sichtlich zur Anzeige zu bringen.
Gießen, 10. Mai 1892.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Fresenius.
Bekanntmachung.
Unter Bezugnahme aus § X.86 pos. 16 des Reichsstrafgesetzes. Art. 104 des Polizeistrafgesetzes und das Localreglement vom 8. Mai 1856 bringen wir zur öffentlichen Kenntniß, daß das Fahren, Reiten und Viehtreiben, außer auf den ausschließlich für Fußgänger bestimmten BanquetS der Straßen, innerhalb der Stadt auf den nachbenannten Straßen und Gäßchen bei Meldung der in den angeführten gesetzlichen Bestimmungen angedrohten Strafen verboten ist:
1. Die Göthestraße von der Süoanlage bis zur Löberstraße.
2. Die Plockstraße.
3. Sämmtliche Fußwege der West-, Ost-, Nord- und Südanlage.
4. Die kleine Mühlgafle vom Tiesenmeg bis zur großen Mühlgasse.
5. Das Gäßchen von der Marktstraße bis zum Stadtbach längs des Pistor'fchen Hauses.
6. Das Rittergäßchen von der Mäusburg längs des Adamisscken Hauses.
7. Die Dreihäusergasie von der Wagengasse bis zur Sonnenstraße.
8. Die Erlengaffe von der Sonnenstraße bis an das Hintergebäude der Kaufleute Mettenheimer u. Schultheis.
9. Das Trillergäßchen von den Reuenbäuen bis zum Neuenweg.
10. Das Gäßchen „auf der Bach" vom Kirchenplatz bis zur Wetzsteinsgasse.
11. Das sogenannte Efliggäßchen von der Alicestraße bis zur Liebigstraße.
12. Der Weg von der Liebigstraße bis zur Ludmigstraße längs der Oberhessischen Eisenbahn und zwar nur in der angegebenen Richtung.
13. Der Weg von der Wilhelmstraße bis zur Liebigstraße.
14. Der Weg vom Lenz'schen Felsenkeller durch den Viaduct der Main-Weser-Bahn nach dem Hamm.
15. Das Gäßchen von dem Schiffenbergerweg auf den Nahrungsberg, der Gartenstraße gegenüber beginnend.
16. Das Gäßchen von der Gartenstraße bis zum Schiffenbergerweg am westlichen Eingang zu Steins Garten beginnend.
17. Der Weg über die Wiesen vom Justizgebäude nach dem Philosophenwalde.
Gießen, den 10. December 1883. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Fresenius.
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Neueste Nacheichte»,
Wo^ffS telegraphische» Cc rtcfoonfcer.fr «urcau.
Danzig, 15. Mai. Der Kaiser ist heute Nachmittag 6 Uhr 20 Minuten mittelst Sonderzuges hier eingetroffen und an dem gegenüber der Schichau'schen Werst errichteten Bahnsteige ausgestiegen. Zum Empfange waren der com- mandtrende General des 17. Armeecorps, General der Infanterie Lentze, und der Oberpräsident der Provinz, Staatsminister Dr. v. Goßler, erschienen. Am Eingänge der Schichau'schen Werft begrüßte der Kaiser den Ingenieur Ziese und besichtigte die im Bau befindliche Kreuzercorvette I., roo er von den Arbeitern mit Hurrah-Rusen empfangen wurde. Alsdann bestieg der Kaiser eine Barkasse und fuhr nach der vor der Kaiserlichen Werst liegenden „Hohenzollern", wo er mit dem Gefolge das Diner einnahm.
Feuilleton.
Monsirar Robert.
Eine kleine GelLlchte aus dem CircuSIeben.
Von 21. »om Rhein.
(Nachdruck verboten.)
Der glänzend erleuchtete und mit allem Comsort der Neuzeit ausgestattete Circus zu M. ist bis aus den letzten Platz gefüllt. Das seine Publikum hat sich heute nicht minder zu der Vorstellung gedrängt, als die arbeitende Klaffe, gilt eS doch, dem besten Turner und lustigsten Clown der Circus- gesellschast, Monsieur Robert, der seine Benesizvorstcllung bat, ein Zeichen der Anerkennung in Gestalt klingender Münze zu geben. Zudem verspricht die Vorstellung eine besonders intcreffante zu werden, denn Monsieur Robert, der Liebling des M.'schen Publikums, wird sich natürlich im vortheil- hastesten Licht zeigen und der Circusdirector hat noch, in Erwartung der guten Einnahme, ein Uebriges gcthan und das Programm durch Zusatz einiger Zugspiöcen bereichert.
Unter Beifall des dichlgesüllten Hauses sind drei Pro- grammnummern passirt, da tritt der Benesiciant in die Arena. Die stürmische Begrüßung erwidert die schlanke, elastische Gestalt lächelnd mit einer tiefen Verbeugung nach allen Seiten. Die große Menge sicht in ihm nur den Circus- künstler, dazu berufen, die Besucher zu ergötzen und zu belustigen, nicht den Menschen, der denkt und sühlt wie jeder anderer feiner Mitmenschen. Nur der aufmerksame Beobachter bemerkt den tiefen Ernst, der hinter dem Lächeln des jungen Mannes verborgen ist, nur er sieht die marmorbleichen Züge des lustigen Clowns und murmelt ergriffen:
„69 lacht das Gesicht, Wenn das Herz dabet bricht."
Ja, Monsieur Robert lächelt, während sein Herz weint. Vergeblich hatte er den Director gebeten, die Vorstellung ab lagen zu lassen, umsonst hatte er eine Verlegung erfleht- der hartherzige egoistische Mann, dessen Gott sein Geldbeutel ist,
hatte ihn mir den barschen Worten abgewiesen: „Durch Ihr Nichtsthun wird die Schwester auch nicht gesund. Findet eine Verlegung der Vorstellung statt, so wird der Besuch zweifellos ein schlechterer und pecuniäre Verluste können Sie mir nicht zumuthen- Ich erwarte bestimmt von Ihnen, daß Sie am Platze sind und Ihrem Renomme und meiner Gesellschaft Ehre machen. Sollten Sie fehlen, so ist das Ihrer sofortigen Entlassung gleich zu erachten."
Zitternd und bebend vor Zorn war der schlanke junge Mann, dessen Wuchs der Fichte vergleichbar und dessen Muskeln stählern zu sein schienen, von dannen gegangen. Was sollte er thun? Er war machtlos seinem Brodherrn gegenüber und wußte nur zu gut, daß aus Mitleid und Theil- nähme bei dem Manne nicht zu rechnen war, daß er vielmehr seinen Worten die That unfehlbar folgen lassen werde. Konnte, durfte er seine Existenz aufs Spiel setzen? Nein, nimmermehr, denn daS hieße Noth und Entbehrung herausbeschwören, und sein armes krankes Schwesterchen, das von einer tückischen, schleichenden Krankheit ergriffen war und schon Monate hindurch auf dem Siechbette lag, bedurfte der sorgfältigsten Pflege. Nicht minder das greise Mütterlein, das am Bette ihres todtkranken Töchterchens wachte. Der Kamps der zarten, jungen Mädchenblume mit der bösartigen Krankheit schien zu Ende gehen zu wollen. Der lieblichen Schwester letztes Stündlein nahte, Freund Hain stand bereits erwartungsvoll am Fußende ihres Lagers.
Mit gramdurchsutchten Zügen, aber thränenlos, saß die Mutter an dem Sterbebette ihres Lieblings. Auch Roberts Augen hatte der Schlaf geflohen. Neben der treuen, sorgenden Mutter hatte er die letzte Nacht am Bette des jungen Mädchens gewacht, um gleich am nächsten Morgen den Director zu bitten, die Vorstellung absagen zu lassen, da irn Lause des Tages oder Abends der Tod die Schwester ver- muthlich von ihren Leiden erlösen werde.
Die Bitte, die erste, welche er während seines Engagements ausgesprochen, war in schroffe/ Weise abgelehnt worden.
Blutenden Herzens hatte er die Arena betreten. DaS Lächeln, das gewohnheitsmäßig auch heute auf seinen Lippen schwebte, war das eines gequälten, lebensmüden Mannes, dem sein Berus durch die Hartherzigkeit der Mitmenschen verleidet, dem die Sorge um ein theures Leben auf die Stirn gedrückt ist.
Kurz vor Beginn der Vorstellung hatte er den Director nochmals flehentlich gebeten, ihn von dem Auftreten zu dis- pensiren, er war aber kurz mit der Bemerkung abgewiesen worden, daß ein solches Beginnen den Ruf seines Circus vernichten werde.
Nachdem sich der Begrüßungssturm einigermaßen gelegt, schritt Monsieur Robert schnellen Schrittes dem Seile zu, an dem er sich leicht und behende bis zum Schwebereck emporzog. Er „arbeitete" heute mit ungewöhnlicher Bravour, seine Muskelkraft schien sich verdoppelt zu haben, mit Eleganz führte er die kühnsten und gewagtesten Hebungen aus und ein wahrhaft enthusiastischer Beifall erdröhnte, als der bewunderte Turner aus der schwindlichten Höhe in die Arena hinabstieg und als Zeichen, daß er sein Pensum beendet, vor den Zuhörern seine Verbeugung machte.
Monsieur Robert zog sich schnell zurück, aber daS Publikum ließ mit seinen Beisallsbezeugungen nicht eher nach, bts der Benefiziant sich zu einer Zugabe anschtckte.
Müden Schrittes betrat er von Neuem die Stätte seiner Triumphe und verneigte sich abermals vor der schaulustigen Menge.
Aus seinen Wink trugen die Diener einen großen Teppich herbei, der inmitten der Manege ausgebreitet wurde. Alsdann brachten sic eine Anzahl Stühle und ein Sprungbrett herzu. Monsieur Robert machte zunächst einige halsbrecherische Stückchen mit und an drei auseinander gestellten Stühlen, um mit einer seiner Glanzleistungen — dem Sprunge über acht voreinander gestellte Stühle — zu schließen.
(Fortsetzung folgt.)
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