Nr. 295 Erstes Blatt
Samstag dm 17. December
1892
Amts- und Anzeigeblatt fuv den Aveis Gieszen.
Hratisöeitage: Hießmn Stamifienfifätt«.
«flt lBnoRcnu»uteonF des I«. und laitoM nehm«
Abonnements - Einladung!
und den Abonnements
lassen, falls nicht aus
drückliche Abbestellung erfolgt.
Amtlicher Theil
>«««h»e boh »«zeige« zu der Nachmittags für tat f»Lgende» Lag erscheinenden Nummer bis vor». IO Uhr.
frage unter Umständen zu gewärtigende Auflösung des Parlaments schwerlich entkräften dürste, obwohl ein derartiger Schritt der Regierung ja noch immer unwahrscheinlich bleibt. Der letzte Verhandlungstag der Generaldebatte über die Militär-Vorlage bot ebenfalls verschiedene bemerkenswerthe Momente dar. Das eine derselben lag in der ziemlich oppositionell gefärbten Rede, welche der eonservative Abgeordnete v. Manteuffel gegen die Militärvorlage unter Ausfällen gegen die Regierung hielt. Aus der Erwiderung des Reichskanzlers hierauf klang deutlich die tiefe Verstimmung hervor, welche an leitender Stelle durch die unbedingte Parteinahme des jüngsten eonservativen Parteitages für Ahlwardt hervorgerufen worden ist. Bemerkenswerth war ferner das Auftreten des Centrumsmannes Dr. Lieber, welcher Namens seiner Fraetion unter Hinweis auf die schon vom Abg. v. Huene abgegebenen Erklärungen versicherte, dieselbe würde der jetzigen Militärvorlage nimmermehr zustimmen, das Centrum wolle lediglich die zweijährige Dienstzeit innerhalb der gegenwärtigen Friedenspräsenzstärke. Schließlich machte Dr. Lieber noch einen überraschenden Seitensprung, indem er erklärte, die deutschen Katholiken dächten nicht daran, die territoriale Unabhängigkeit des römischen Stuhles unter Gefährdung des Dreibundes zu verlangen, welchen der genannte Centrumsredner als einen sicheren Friedenshort feierte. Vor Dr. Lieber hatte Abg. v. Stauffenberg, der Führer der bayerischen Freisinnigen, gegen die Militärvorlage gesprochen, unter Betonung der Bereitwilligkeit seiner Partei, die zweijährige Dienstzeit mit den erforderlichen Consequenzen zu bewilligen.
— Der Gesetzentwurf, betr. die Bestrafung des Verraths militärischer Geheimnisse, welcher in der vorigen Session nicht mehr zur Erörterung kam, ist dem Reichstage in nicht wesentlich veränderter Gestalt wieder zugegangen. Der Entwurf soll indessen wegen der von ihm gegebenen Definition, des militärischen Verraths keine besonderen Aussichten aus Genehmigung Seitens des Reichstages besitzen.
— Die amtlichen Ermittelungen über die Urheber des Documenten-Diebstahles von Wesel haben noch immer kein greifbares Resultat ergeben. Vielfach glaubt man daher, daß die Untersuchung, obwohl sie mit größtmöglichstem Eifer betrieben wird, im Sande verlaufen werde.
— Die Vorgänge aus dem Berliner Parteitage der Eonservativen scheinen die hiervon zu erwartende Spaltung in der eonservativen Partei sehr rasch nach sich ziehen zu wollen. Wenigstens verlautet in parlamentarischen Kreisen, daß der Reichstagsabgeordnete v. Hell do r ff mit denjenigen seiner politischen Freunde, die sich gleich ihm noch zu dem alten eonservativen Programm von 1876 bekennen, eine besondere Fraetion im Reichstage bilden wolle. Die neue
Hochachtend
Verlag des „Gießener Anzeiger"
Brühl'sche Druckerei (Fr. Chr. Pietsch).
Deutscher Reich.
Berlin, 15. Secember. Die bereits am 10. Deeember begonnene Genera ldebatte des Reichstages über die Militärvorlage hat am Mittwoch mit Verweisung des bedeutungsvollen Gesetzentwurfes an eine besondere Commission von 28 Mitgliedern ihren Abschluß gefunden. Wenn der Beginn dieser Verhandlungen vielsach nicht den hierüber gehegten Erwartungen entsprach, so erklommen sie dafür in ihrem ferneren Verlause unstreitig eine nicht gewöhnliche Höhe. Dies kann namentlich von der Dienstagsdiscussion gelten, in welcher Abg. v. Bennigsen die Militärvorlage unter wirklich großen Gesichtspunkten betrachtete, wobei er zugleich aus die in Deutschland unleugbar vorhandene Mißstimmung zu sprechen kam. Wenn dann der nationalliberale Führer auch die jetzt vielfach ventilirte Frage einer eventuellen Auflösung des Reichstages in den Kreis seiner Betrachtungen zog und hierbei der Regierung die vorauszusehenden Folgen einer solchen zweischneidigen Maßregel zu bedenken gab, so war dies sicherlich kein überflüssiges Beginnen. In seiner Erwiderungsrede vermied es indessen der Kanzler sichtlich, aus die Auflösungsfrage näher einzugehen, welche ausweichende Haltung die umlaufenden Gerüchte über eine in der Militär
Srr
erscheint täglich, »tt Ausnahme bei Montags.
Die Gießener
»erben dem »szei-er »Scherttlich dreimal deißelegt.
Zum Bezug des „(Siebener Anzeiger" für das 1. Vierteljahr 1893 laden wir hiermit ergebenst ein. — Wie bisher, wird der „Gießener Anzeiger" die Tagesereignisse in kurzer objektiver Uebersicht zur Kenntnis; seiner Leser bringen. Die neuesten Nachrichten der zuverlässigsten telegraphischen Correspondenz- Bureaus sowie zahlreiche Mittheilungen aus dem engeren und weiteren Vaterland halten den Leser stets über die Vorfälle in demselben auf dem Lau- senden. Unterstützt durch an allen Orten der Provinz O b e r h e s s e n ansässige Berichterstatter, ist der „ Gießener Anzeiger" ferner in der Lage, die interessanten Vorgänge in der Provinz so frühzeitig wie möglich zur Kenntniß seiner Leser zu bringen, desgleichen Wirtz den Begebenheiten in der Stadt Gießen die gebührende Besprechung im localen Theile des Anzeigers zu Theil werden. Der in der Provinz Oberhessen betriebenen Landwirthschaft wird der Anzeiger durch Veröffentlichung von allem Wissens- werthen aus dem Gebiete derselben besondere Berücksichtigung zu Theil werden lassen, daneben aber auch die Beobachtungen und Erfahrungen in Haus- wirthschaft, Handel, Gewerbe und Industrie in den Kreis seiner Besprechungen ziehen. Ein gediegenes Feuilleton wird neben besonderen Artikeln ernsteren und heiteren Inhaltes den erwünschten Untcrhaltungsstoff bieten. Außerdem werden die „Gießener Familienblätter", welche dem Anzeiger wöchentlich 3 mal beigelegt werden, und die stets ein gewähltes Feuilleton als Unterhaltungsstoff bringen, namentlich im Kreise der Familien eine beliebte Beigabe bieten.
Wir ersuchen nun namentlich auswärtige Leser, ihre Bestellung bei der Post baldgefl. aufaebcn zu wollen. Neuhinzutretendc erhalten vom Tage der Bestellung bis 1. Januar den Anzeiger kostenfrei zugestellt, wie wir auch gerne bereit sind, Probe- Exemplare nach auswärts postfrei zu versenden. Den Lesern in hiesiger Stadt werden wir, wie seither,
Bekanntmachung,
betreffend die Maul, und Klauenseuche zu Muschenheim.
Nachdem die zu Muschenheim ausgebrochen gewesene Maul- und Klauenseuche erloschen ist, haben wir die ver- hängte Gemarkungssperre wieder aufgehoben. Die Großh. Bürgermeisterei Muschenheim ist indeß vorläufig noch nicht befugt, für Vieh, welcher nicht zum Schlachten ausgeführt wird, Gesundheitsscheine auszustellen. Für den Transport solchen Viehes ist vielmehr der Besitz thierärztlicher Zeugnisse erforderlich.
Gießen, den 15. December 1892.
Grobherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Meßmer Anzeiger W
\ «ebortion, Lp>edM«s
A A A e mrd Druckerei:
Seneral Anzeiger. ‘ät
Feuilleton.
Im Boudoir einer Römerin.
Wir laden den geneigten Leser ein, sich mit uns in das Boudoir einer vornehmen römischen Dame zu begeben — Hony soit qui mal y pense, fünfzehn Jahrhunderte sind verflossen und wir wollen nur die Geheimnisse eines antiken Boudoirs ergründen.
Eine Reihe von Selavinnen steht erwartungsvoll vor dem Schlafgemach ihrer Herrin, denn die Zahl der Geschäfte, bis dieselbe als Meisterwerk der Toilettekunst erscheint, ist groß, und für jedes sorgt eine „Speeialselavin". Da steht das Schminkmädchen, die Malerin der Augenbrauen, die Zahn- putzerin und die anderen Cosmcten, welche wir sofort der Reihe nach kennen lernen werden.
„Die eine bringt ein silbernes Waschbecken, die zweite eine Gießkanne, die dritte einen Spiegel und Büchsen, so viel nur immer in einer Apotheke in Reihe und Glied stehen können."
Unsere „Domina", so hieß die Römerin von ihrem vierzehnten Jahre an, hat sich erhoben. Ihr Aussehen kann nicht gerade ein einladendes genannt werden, denn sie hatte sich Abends vor dem Schlafengehen das Gesicht mit Brodteig belegt oder sich mit Poppäasalbe gesalbt. Vielleicht hatte sie auch, um die Runzeln, die sich schon zeigen, zu vertreiben, Teig aus Bohnenmehl aufgelegt, um in Jugendfrische zu erscheinen.
Zunächst tritt hervor eine Sclavin mit einem Becken, in dem sich frische Eselsmilch befindet. Sie muß das Kata- plasma abwischen, nämlich den Brodteig aus dem Gesicht. Hervor tritt die zweite Sclavin, welcher eines der wichtigsten Geschäfte, daS Schminken, obliegt.
Es folgt die Verschönerung, resp. Herstellung der Augenbrauen. Dies bewirkt das wunderthätige Spießglanzerz, das gerieben und mit Wasser angeseuchtet, die schönsten Augenbrauen herstellt, so wie es die Mode verlangt. Und nun bringt eine andere Sclavin auf goldenem Tcllerchen ein weiß- gelbes Glas von Chios zum Zahnputzen, falls unsere Domina einige Zähne hat. Falsche Zähne waren nämlich bei den Römern schon seit uralten Zeiten in Gebrauch.
Mit dem Zahnputzen, resp. Zahneinsetzen ist der erste Haupttheil der Toilette beendet. Der zweite besteht in der Frisur des Haares, gegen welche die ausgesuchteste Rasfinirt- heit unserer Friseure zum Kinderspott wird.
_ „Doch die größte Kunst," so bemerkt ein Satiriker, „und die meiste Zeit wird auf den Haarschmuck verwendet." Einige, welche ihr natürlich schwarzes Haar in blondes und goldgelbes verwandeln wollen, färben es mit Salben, die sie in der Sonne eintrocknen und einbeizen lassen. Andere, die sich ihr schwarzes Haar noch gefallen lassen, verschwenden daran das ganze Vermögen ihrer Männer und lassen Einem das ganze glückliche Arabien entgegenbuften. Da werden Brenneisen bei einem glühenden Feuer warm gemacht, um damit krause Löckchen zu schaffen, welche die Natur verweigerte. Da müssen die Haare weit in die Stirn herab bis in die Augenbrauen gezogen werden. Rückwärts aber wallen in stolzen Ringeln die Locken über den Rücken herunter. Goldgelbe Haare waren seit uralten Zeiten in Rom Mode. Es gab zwei Wege, zu diesem Ideale zu gelangen, entweder die Beizung oder das Tragen von fremdem Haare.
Die über den Schläfen und der Stirne befindlichen Haare wurden vermittelst des Brenneisens zu kleinen Locken gekräuselt, dann wurden die aufgelockerten Haare mit kost- barem Nardenöl und wohlriechenden Essenzen besprengt. Martial nennt die so eingesalbte Gallia eine wandernde
Parsürneriedude. Die Salben kosteten oft ein ganzes Vermögen. Besorgt wurden dieselben durch babylonische und alexandrinische Händler, welche sich bemühten, immer etwas Neues in diesem Artikel zu bieten.
Die Haare wurden nun, nachdem sie eingesalbt und durchgekämmt sind, in Flechten von hinten zusammengelegt und über dem Scheitel wie ein Wulst aufgethürmt. Dieses hieß der „Knoten" oder die „Schleife", in deren Variationen 'sich die ganze Kunst des Friseurs zeigte. Die Nadel, womit der Haarbau zuiammengehalten wurde, war zuweilen hohl und wurde sogar als geheimer Giftbehälter benutzt, zu dem Frauen in der Verzweiflung ihre letzte Zuflucht nahmen. Man konnte nun die Haare noch mit einem Diadem fassen, welches vorn um Stirn und Schläfen herumlief, wobei nur die vordersten Haare in kleinen Löckchen herabfielen, oder die vorderen Haare wurden über bte Stirne zusammengeschlungen und dann ineinandergeknüpst.
Sehr wichtig für alle diese Manipulationen war natürlich der Toilettenspiegel. Aber man denke nicht, daß dieser ruhig an der Wand hing, sondern eine eigens dazu bestimmte Sclavin mußte denselben der Gebieterin so geschickt Vorhalten, daß ihr Blick immer auf die von ihr gewünschte und von der gewandten Sclavin schon errathene Stelle fiel. Der Spiegel war nicht von Glas, sondern von polirtem und geschliffenem Metall, ringsuck mit Edelsteinen besetzt und oft mit goldenem Griff- versehen. Aus beiden Seiten waren Schwämmchen angebracht, um den geringsten Dunst auf der Platte sofort wegzuwischen. Mit bitteren Worten sprechen die Satiriker von den colossalen Summen, welche solche Spiegel kosteten.
Aus dem Orient stammte die Sitte, die Haare mit Perlen zu durchflechten, ungeheure Federaufsätze, Lotosblumen, wie überhaupt Sinnbilder der personifizirten Natur zu tragen. Von besonderen Folgen war jedoch die Bekanntschaft mit den


