Nr. 269 Zweites Blatt. Donnerstag den 17. November
1892
Der Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
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Amtlicher Theil.
Bekanntmachung.
Wir bringen hierdurch zur Kenntniß, daß zwei weitere mit Niveaulinien versehene Meßtischblätter des Königreichs Preußen im Maßstabe 1 : 25000 erschienen sind und zwar Nr. 3106 „Rodheim" und Nr. 3165 „Wetzlar" und daß dieselben zum Preise von 1 Mark pro Stück durch R. Eisen- schmidt in Berlin NW., Neustädter Kirchstraße 4/5 bezw. jede Buchhandlung zu beziehen sind.
Gießen, den 15. November 1892.
Grobherzogliches Kreisamt Gießen.
___________________v. Gagern.___________________
Bekanntmachung, die Veranstaltung von Verloosungen innerhalb des Groß- herzogthums betreffend.
Der Ausschuß zur Errichtung eines Kriegerdenkmals zu Alzey beabsichtigt, zur Vermehrung der Mttel für die Errichtung dieses Denkmals im Juni 1893 eine Verloosung von Silberbarren und kleineren Silbergegenständen zu veranstalten.
Großh. Ministerium des Innern und der Justiz hat die Erlaubniß zur Veranstaltung dieser Verloolung unter der Bedingung ertheilt, daß nicht mehr als 16000 Loose zu 1 Mark das Stück ausgegeben werden dürfen und daß mindestens 40 pCt. des Bruttoerlöses aus dem Verkauf der Loose zum Ankauf von Gewinngegenständen verwendet werden.
Der Vertrieb der Loose im Großherzogthum ist gestattet worden.
Gießen, den 15. November 1892.
Grobherzogliches Kreisamt Gießen. __________________ v. Gagern.
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♦ Zeichner und Maler haben die Verfolgung eines mit Pferden bespannten Schlittens so häufig als Motiv verwendet,
daß fie für einen neuen Vorwurf dem Mr. Fred Whishaw, der in „Land and Water" erzählt, wie er in Rußland auf seinem Fahrrad durch Wölfe verfolgt wurde, nur dankbar sein können. Er befand sich, so schreibt man der „Voss. Ztg." nach seinem Berichte, in dem District Pskoff. Gerade hatte er nach einem kurzen Aufenthalt seine Maschine aufs Neue geschmiert, als er hinter sich ein verdächtiges Geräusch vernahm und, sich umdrehend, einen Rudel von fünf großen Wölfen auf sich losstürmen sah. Im Nu saß Whishaw auf feinem Rad und fort ging es in schwindelerregender Fahrt. Nachdem er einige Meilen zurückgelegt hatte, sah er sich einmal um, in der festen Ueberzeugung, daß von den Wölfen keine Spur mehr zu entdecken fein würde, bemerkte aber zu feinem Schrecken, daß die Wölfe mindestens 100 Meter an Entfernung gewonnen hatten. Er machte darum einen „Spurt" und schoß auss Neue vorwärts. Glücklicher Weise war der Weg so eben wie ein Billard, trotzdem aber sühlte Whishaw wohl, daß er solch eine außergewöhnliche Krastan- strengung nicht lange würde aushalten können. Plötzlich kam ihm ein Gedanke. Er läutete wie wahnsinnig. Die Wirkung dieses Geräusches auf die Wölfe war sonderbar. Sie blieben sofort stehen und verschwanden mit eingezogenem Schwänze hinter den Bäumen. Bald aber hatten sie frischen Muth gefaßt und waren wieder hinter ihm. Der Weg wurde jetzt gefährlicher. Wohl zum zwanzigsten Male blickte Whishaw hinter sich, um zu gewahren, daß seine Verfolger ihm immer mehr auf die Fersen kamen und kaum noch 50 Meter von ihm entfernt waren. Plötzlich hörte er ein fremdes Geräusch — achtete nicht auf den Weg und schoß mit seinem Rad vom Wege in den Schnee, in den dieses einige Fuß tief eindrang. Whishaw zweifelte nicht mehr daran, daß feine letzte Stunde geschlagen habe. Er ergriff die schwere eiserne Lenkstange seines Fahrrads und sprang hinter einen Baum, mit der Absicht, sein Leben so theuer wie möglich zu verkaufen. In diesem Augenblicke schnellten fünf Rennthiere über den Weg. Dies rettete Whishaw vom sicheren Tode, denn kaum erblickten die Wölse diese Thiere, als sie deren Verfolgung aufnahmen. Schnell zog Whishaw sein Rad unter dem Schnee hervor, sprang in den Sattel und fuhr so rasch er es ver
mochte weiter. Sicher und wohl in Lavrik angekommen, hatte er die sportsmännische Genugtuung, in fünfviertel Stunden 28 englische Meilen zurückgelegt und damit den bestehenden „Record" geschlagen zu haben.
* Die verstorbene Königin Olga von Württemberg war als Großfürstin Olga Nikolajewna ein Mädchen von blendender Schönheit. Sie galt noch, als sie im Jahre 1846 den König Karl heirathete, für eine der schönsten Frauen in ganz Europa. Der Ehe der Großfürstin ging, wie der Mailänder „Secolo" berichtet, ein merkwürdiger Roman voraus. Fürst Baria- tinsky, Offizier der russischen Garde, hatte sich nämlich wahnsinnig in die Prinzessin verliebt, und seine Liebe wurde er- wiedert. Die beiden Liebenden hatten bereits beschlossen, aus Petersburg zu fliehen und sich in Deutschland zu ver- heirathen, als sich eines Tages Fürst Bariatinsky zu dem Czaren begab, sich ihm zu Füßen warf und ihm erklärte, daß ihm fein Gewissen und sein Pslichtgesühl nicht gestatten, das kaiserlich russische Haus zu entehren. Er lege daher ein umfassendes Geständniß ab, und der Czar war ob dieser Unterthanentreue so gerührt, daß er Bariatinsky sofort zum Feldmarschall und zum Gouverneur des Kaukasus ernannte. In Hoskreisen behauptet man wohl nicht mit Unrecht, daß Bariatinsky den ganzen Plan sehr schlau erdacht und ausgeführt habe, um ein gewissen Nimbus zu gewinnen und sich die Gunst des Czaren zu sichern. Bariatinsky starb vor etwa 12 Jahren in einem kaiserlichen Schlosse bei Warschauer hatte sich nicht verheirathet, denn — so sagte er oft — wenn ein gewöhnlicher Sterblicher das Glück gehabt hat, eine kaiserliche Prinzessin zu lieben und von ihr wieder geliebt zu werden, so giebt es für ihn keine andere Frauen mehr.
* Zwei Fleischermeister in Erfurt, die die Schlachthausgebühren jahrelang dadurch entzogen hatten, daß sie einen großen Theil ihres Schlachtviehes zu Hause schlachteten, und die deshalb mit harten Geldstrafen belegt wurden, sind nun auch aus der Fleischerinnung ausgestoben worden. Wie die Innung durch eine im „Allg. Anzeiger" veröffentlichte Bekanntmachung mittheilt, erfolgte die Ausstoßung der beiden Schlächtermeister auf einstimmig gefaßten Beschluß.
Feuilleton.
Eine Lücke in der Ausbildung unserer Forstleute.
Wer das Studium der Forstwiffenschast erwählt, der thut dies im Banne des mächtigen Zaubers, den der Wald auf das für Naturschönheit empfängliche Gemüth des Knaben und Jünglings ausübt. Die Schönheit des Waldes wirbt dem Walde seine Diener. Was das Studium der Forstwissenschaft bietet und worin im Wesentlichen die Thätigkeit des Forstmannes besteht, das ist den jungen Leuten, wenn sie vor der Wahl des Lebensberufes stehen, zumeist noch ganz unbekannt. Nun sollte man denken, es wäre keine Disciplin im Gebiete der Forstwissenschaft eingehender behandelt, als die Forstästhetik, und kein Theil der Forstwirthschaft liebevoller gepflegt, als derjenige, welcher sich mit der landschaftlichen Schönheit des Waldes besaßt. Beides ist nicht der Fall. Die Forstwissenschaft, die sich theils auf naturwissenschaftlicher, theils auf volkswirthschastlicher, namentlich aber auf mathematischer Grundlage aufbaut, ist durchaus nüchtern. Es war noth- wendig, daß die großen Männer, die das Forstfach vom Handwerk zur Wissenschaft erhoben, diesem eine recht solide Grundlage gaben. Es galt, mit der „Buchenduselei" zu brechen und die Jägerei unterzukriegen, es galt, die wichtigen Ausgaben, die der Wald im Haushalte der Natur und deS Volkes zu erfüllen hat, in den Vordergrund zu stellen, es galt, die Pfleger des Waldes in Bezug auf Wissen und Können den Beamten der älteren Zweige des Staatsdienstes ebenbürtig zu machen. Dieses letztere Ziel ist heute im Wesentlichen erreicht. Maturitätsexamen wird in allen deutschen Staaten vom Forstmanne längst gefordert. Bayern, Württemberg und Heffen bilden ihre Forstverwaltungsbeamten auf der Universität in gleicher Weise aus, wie die Hörer der alten Facultäten. Im Königreich Sachsen ist die Bewegung zur Verlegung des forstlichen Unterrichts von der Akademie auf die Universität im Gange, die übrigen Staaten werden über kurz ober lang nachfolgen.
Die sorstwifsenschastlichen Disciplinen haben sich, wie dies bei einer jungen Wissenschaft naturgemäß ist, rasch und stetig vermehrt. Der Stoff wächst an, Umerabtheilungen, die zu umfangreich geworden sind, scheiden als selbstständige Fächer aus. Aus der Forstbenutzung hat sich der Waldwegebau , aus der Waldwerthberechnung die Statik, aus der Waldertragsregelung die Holzmeßkunde abgezweigt, aber die
Lehre von der Schönheit des Wirthschastswaldes, oder, um es der Kürze wegen mit dem üblichen Fremdwort zu nennen, die „Forstästhetik", ist noch in keinem Vorlesungsverzeichniß zu finden. Und doch ist der Zeitpunkt schon längst gekommen, wo die Forstwirthschaft auch der Anforderung, daß bei Be- wirthschastung der Waldungen die Gesetze der Schönheit zu berücksichtigen sind, Genüge leisten darf und selbst vom kalten Utilitätsstandpunkte Genüge leisten muß.
Für eine lange Reihe von Ortschaften ist die Berücksichtigung der landschaftlichen Schönheit bei Bewirthschastung der ihnen zunächst gelegenen Waldungen ein Factor von höchster finanzieller Bedeutung. Man denke nur an den Schwarzwald und die Vogesen, an den Odenwald und die Haardt, den Speffart und Taunus, das Riesengebirge und das Ostseegestade mit ihren zahlreichen Gurorten. Das Gedeihen vieler dieser Wohnplätze ist ganz wesentlich davon abhängig, daß die Waldungen in ihrer Umgebung nicht sowohl nach den Grundsätzen des forstlichen Reinertrags als mit Rücksicht auf die landschaftliche Schönheit bewirthschaftet werden. Manche der hierbei in Betracht kommenden Waldungen sind Eigenthum der betreffenden Gemeinden und diese müssen gerade in ihrem finanziellen Interesse wünschen, daß ihr Besitz vor allem so bewirthschaftet werde, daß er auf die den Verdienst bringenden Gäste, auf die Patienten und Sommerfrischler anziehend wirkt. Der indirecte Vortheil, den der Wald solchen Orten bringt, wenn er in jener Hinsicht tadellos behandelt wird, ist ohne Zweifel oft größer als der directe Nutzen, den er der Eigentümerin gewährt, wenn lediglich die Grundsätze des forstlichen Reinertrages den Leitstern abgeben.
Befinden sich die betreffenden Waldungen im Eigenthum des Staates, so liegen die Verhältnisse ähnlich. Die kleinen birecten Opfer, bie ber Staat an solchen Orten aus sorst- ästhetischen Grünben zu bringen hat, werben ihm burch Hebung ber Steuerkraft ber Bevölkerung wohl reichlich ersetzt.
Fast noch mehr tritt der directe finanzielle Ertrag bei Bewirthschastung ber Walbungen, bie in unmittelbarer Nähe größerer Städte gelegen sinb, zurück. Man vergegenwärtige sich bie Verhältnisse von Frankfurt a. M., Wiesbaben, Darmstadt und ähnlichen Orten. In diesen Städten ziehen ständig wohlhabende Familien zu, ganz' wesentlich mit durch den Umstand bewogen, daß sich in nächster Umgebung schöne Waldungen finden, die zu Fuß und zu Roß, mit Wagen und
Waldbahn leicht zu erreichen sind. Die weitere Entwickelung solcher Städte ist recht ernstlich durch die Art beeinflußt, wie die Waldungen in ihrer Umgebung bewirthschaftet werden.
Neben dem Staate und den Gemeinden gibt es zahlreiche Großgrundbesitzer, Fürsten, Grafen und Freiherren, bie auf bem Laube in ihren von ben Ahnen ererbten Schlössern wohnen, mit Liebe an ihren Wälbern hängen uub bringenb wünschen, baß in diesen den Rücksichten auf landschaftliche Schönheit in weitgehendem Maße Rechnung getragen wird. Alle die Vorgenannten haben ein dringendes Interesse daran, daß die Forstbeamten auch in der Forstästhetik eine gute Aus bilbung erhalten.
Die Forstwissenschaft unterscheibet gegenwärtig nur zwei Hauptgruppen von Walbungen, ben Schutzwalb zur Abhaltung ber Bodenabstürze und Überschwemmungen, sowie zur Verhinderung der Lawinenbildung im Hochgebirge und Beruhigung des Sandes in der Niederung. Im Schutzwald ist Erhaltung des Waldbestandes die Hauptaufgabe. Bet ber zweiten Gruppe steht bie Erzielung bes höchsten bauernben Ertrages im Vorbergrunb. Wie die letztere Aufgabe zu lösen sei, darüber gehen die Meinungen noch sehr auseinander. Lebhaft wogt der literarische Kampf zwischen der Schule des höchsten Bodenreinertrages und der Schule des höchsten Waldreinertrages. Mit dem Rüstzeug endloser mathematischer Formeln wird der Streit so hitzig geführt, als hinge das Wohl des Vaterlandes von seinem Ausgange ab. Und doch gilt, wenn irgendwo, auf diesem Gebiete der Zukunftsmusik, auf dem mit ganz unsicheren Grundlagen gerechnet werden muß, da es sich um Discontirung von Werthen handelt, tue oft erst lange, nach 100 Jahren eingehen, das Goethe'sche Wort: „Grau, Freund, ist alle Theorie und grün des Lebens goldner Baum." Der goldene Baum des Lebens wird über- sehen bei diesem Kampfe. Es wird übersehen, daß daS Volk, daß die in der Neuzeit veränderten Verhältnisse noch weitere Ansprüche an den Wald stellen, welche die Ausscheidung einer dritten Hauptgruppe von Waldungen fordern.
Deutschland ist in der großen Periode, in ber Bismaick mit gesegneter Hanb bas Steuerruber Germaniens lenkte, aus einem armen Lanbe zu einem wohlhabenben geworden. M t bem Wohlstanb wächst bie Freube an ber Kunst unb am Schönen unb bie Möglichkeit, für ben frohen Lebensgenuß Mittel auszuwenben.
(Schluß folgt.)


