Nr. 242 Zweites Blatt. Sonntag den 16. October
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politische Wochenschau.
Gießen, den 15. Ocrober 1892.
In der inneren Politik herrscht seit einiger Zeit insofern Stille, als keinerlei neue Ereignisse eingetreten sind und eine Aenderung der politischen Gesammtlage herbeigeführt haben. Die beiden Gesetzgebungsprojecte, denen in der kommenden parlamentarischen Session das politische Hauptinteresse zugewandt sein wird, sind in ihren Hauptzügen und theilweise auch in Nebenpunkten bereits so ziemlich bekannt. Auch wir haben nicht versäumt, unseren Lesern rechtzeitig über alles das, was sich an Tatsächlichem aus den lebhaften Discussionen der politischen Presse ergeben hat, genügende Auskunft zu geben. Neue Thatsachen von Bedeutung sind mittlerweile nicht hinzugekommen. Nur sind in der Zeitungs- Polemik, die gleichwohl mit unverminderter Heftigkeit fort' dauert, neuerdings zwei Umstände mit besonderer Deutlichkeit in den Vordergrund getreten. Zunächst ist die Thatsache, daß vor der Einbringung der neuen Militärvorlage im Bundesrath das preußische Staatsministerium nicht veranlaßt worden ist, ein amtliches Gutachten über die neue Vorlage -abzugeben, fast von allen Parteien mehr oder weniger in den Bereich kritischer Preßerörterung gezogen worden. Vielfach glaubt man, daß man in dieser Art verfahren hat, um einem möglichen Widerspruche des preußischen Finanzministers von vorneherein aus dem Wege zu gehen. Es ist ja bekannt, daß Minister Miquel die Verschiebung der Militärvorlage auf eine spätere Session schon früher um deswillen eifrig befürwortet hat, weil er zunächst in Preußen seine Reform- -gesetzgebung ans dem Gebiete des Steuerwesens durchführen will, diese aber durch eine gleichzeitige Behandlung der Militärvorlage gefährdet glaubt. Schars ist sodann auch der weitere Umstand in der Zeitungssehde der letzten Woche her- tiorgetreten, daß das Centrum die Vorlage ablehnen wird, falls die bisher in die Oeffentlichkeit gedrungenen Mitthei- limgen auch nur annähernd richtig sein sollten. Schon seither hat die „Kölnische Volkszeitung", ein mehr demokratisches Organ der Centrumspartei, eine lebhafte Gegnerschaft gegen die Projekte der Reichsregierung bekundet. Nunmehr hat auch das eigentlich führende Organ der Partei, die Berliner Germania" in einem offenbar von der Parteileitung veranlaßten Artikel erklärt, daß die Centrumspartei eine Vorlage von der wiederholt von uns gekennzeichneten Tragweite nicht gut heißen wird. Da nun aber die Freisinnigen, Demokraten und Soeialisten zweifellos geschloffen gegen jede namhafte ^Erhöhung der Friedenspräsenzstärke stimmen werden, so sind
die Absichten der Regierung in dem bekannten Umfange sicherlich aussichtslos. Man rechnet denn auch in politischen Parteikreisen mit der Möglichkeit, daß der Reichstag ausgelöst werden wird. Nicht nur hat aäf diese Eventualität Richter die Freisinnigen in seinem Organe und persönlich in Halle und der socialistische „Vorwärts" die Soeialisten schon jetzt hingewiesen, sondern auch das amtliche Organ der Nationalliberalen hat bereits seine Parteigenossen aufgesordert, sich für alle Fälle bereit zu halten.
In Italien macht die Wahlbewegung weitere Fortschritte. Die Auflösung der Deputirtenkammer ist am letzten Mittwoch erfolgt. Die allgemeinen Neuwahlen sind aus den 6. November festgesetzt, die Stichwahlen aus den 13. November. Am 23. November soll die Kammer zusammentreten. — Auch in Amerika ist die Wahlbewegung in vollem Gange. Die Aussichten des demokratischen Präsidentschaftseandidaten Cleveland, der auch von der Mehrzahl der Deutschen unterstützt wird, gestalten sich immer günstiger.
' Vernrischtes.
* Ter bedeutendste Eisenbahn-Knotenpunkt der Erde. Nicht nur Techniker und Ingenieure, sondern die gesammte Verkehrswelt wird es interessiren, daß Chicago der bedeutendste Eisenbahnknotenpunkt der Erde ist, und in Chicago jetzt 31 verschiedene Eisenbahnlinien münden, welche 28 Gesellschaften angehören.
* Der Berlin-Wieuer Diftanzritt ist bereits dem Berliner Witz zum Opfer gefallen. Hier einige Pröbchen:
Dem Sieger!
Daß ohne Pserdewechsel Du Auf die Distanz hast reussirt, Halt' ich für Deinen größten Coup, Der mir gewaltig imponirt!
Ich käm auf keinen Fall so weiter!
Mit Gruß
von Pumpwitz, Wechselreiter. Der Begeisterte.
Wär ich ein Reiter jugendlich
Gleich wollt ich aus mein Roß mich schwingen,
Denn so ein Ritt könnt sogar mich
Noch aus dem Steuerhäuschen bringen!
Miquel, Finanzminister.
Auf viele neugierige Fragen soll der Distanzreiter Oberlieutenant Miklos im Stile des Mirza Schafft geantwortet haben:
Wie ich's geplant, wie ich's gemacht, Hält' Jeder gern erklärt.
Wer wissen will, wie ich's vollbracht, Dem sag' ich nur: „Frag 's Pferd!"
Das Roß aber soll mit bedeutsamem Wiehern versichert haben:
Wie Pyrrhus einst im Krieg Hab' ich auch mir geschworen: Noch so ein Sieg Und ich bin verloren!
Sehr treffend schildert diese Empfindung auch der Stoßseufzer eines Thierschützers.
Manch' Rößlein geht heut' lahm und krumm, Für Viele war's ein „todtes Renne n", Man sollte den Diftanzritt drum Doch lieber Rittualmord nennen!
Hamburg, 12. October. Postasfistent Grabmann.
Literatur unö Ainst.
— P. K. Rosegger, einer der gelesenslen und beliebtesten der deutschen Schriftsteller der Jetztzeit, läßt noch im October d. I. unter dem Titel „Allerlei Menschliches" ein neues zweibändiges Werk in A. Hartledens Verlag in Wien erscheinen. „Adam und Christus, das sind die Pole dieses Buches", so bezeichnet der Verfasser sein neuestes Werk, und wir glauben treffend. Zwischen beiden Polen liegt allerlei Menschliches. Bücher wie dieses werden nicht viel geschrieben. Für den ersten Blick gibt es sich wie ein zusälliges Sammelweik, näher besehen ist es die weite Scala einer mit sich einigen Menschenseele, die das Ringen, Lieben, Leiden und wohl auch Irren der Welt tapfer mitmacht und über Alles und Jedes eine selbstständige Ansicht und ein freimüthiges Wort hat. Die Abschnitte über Liebe und Ehe, über den Haß. über den Selbstmord, über den Krieg, über Religion usw. sagen Dinge, die bisher noch kaum ausgesprochen worden sind. Besonders hinzuweisen wäre auf den „Empfangßtag im Elysium" mit seiner wunderlichen Satyre. Auch Erzählungen hat das Buch und zwar aus Bereichen, in welchen man diesem Poeten noch selten begegnet ist. Als das Eigenartigste des Werkes dürften aber sicherlich die „drei Legenden" bezeichnet werden, die in der modernen Literatur ihresgleichen nicht haben. In welchem Sinne, das möae der Leser entscheiden.
— Wer Dampfbetrieb einzurichten ober seine bestehende Anlage zu verändern wünscht, wende sich an R. Wolf, Magdeburg- Buckau. Diese Firma, die bedeutendste Locomobil-Fabrik Deutschlands, baut auf Grund 30jähriger Erfahrungen Locomobilen mit ausziehbaren Röhrenkesseln, fahrbar und feststehend, welche in der Landwirthschaft und jeglichen Betrieben der Klein- und Großindustrie zu Tausenden Verwendung gefunden und sich als sparsamste und dauerhafteste Betriebsmaschinen vorzüglich bewährt haben. Wölfische Locomobilen gingen aus allen deutschen Locomobil-Prüfungen wegen ihres äußerst geringen Brennmaterial-Verbrauchs als Sieger hervor. 2547
Feuilleton.
D e r ehrliche Finder.
Von E. Fa dr ow.
(Nachdruck verboten.)
„Auf dem Wege vom Nordthor bis zum Centralbahnhof ist eine Brieftasche, enthaltend eine Photographie und mehrere Privatpapiere, verloren worden. Gegen hohe Belohnung abzugeben be:m Portier des Bahnhofs."
Also stand es drei Tage hintereinander mit fetten Lettern in den gelesensten Zeitungen der Stadt gedruckt.
Emily Tußner las es erst am dritten Tage, weil sie bis dahin vor lauter Zerstreutheit und Aufregung einigermaßen den Kops verloren hatte.
Es war allerdings eine sonderbare Sache: auf der Straße eine Brieftasche zu finden und darin seine eigene Photographie zu entdecken, das passiert doch nicht alle Tage. Nicht nur sonderbar war es, aber auch ärgerlich. Emily wußte, daß sie niemals einem Herrn ihr Bild geschenkt hatte, und dieses Fundobject war offenbar eine Herrenbrieftasche - es befand sich darin ein Brief, überschrieben „Carlo mio," und eine A^t Commissionszettel, des Inhalts: Cigarren, Sporen abholen, Mamas Säule, Werner, Cravatten.
Man konnte sich eine Art Vorstellung von dem Schreiber dieses Zettels machen. Etwas vergeßlich erstens, sonst hätte tr sich diese wenigen Besorgungen nicht zu notiren brauchen,- ein guter Sohn, der für seine Mutter Bestellungen übernahm,- wahrscheinlich ein Landwirth, der nur für wenige Stunden in die Stadt gekommen war — Emily zerbrach sich, wie gongt, den Kops über ihren interessanten Fund. Plötzlich fuhr sie auf — Werner, so hieß ja der Photograph ihres Bildes! Sie zog sich an und ging zu ihm hin.
„Wer hat von meinen Bildern noch welche nachbestellt?" Photograph (verwundert): „Niemand, mein Fräulein." Emily (sehr roth werdend): „Dann bitte erklären Sie mir, was ein junger Herr hier vor drei Tagen mit meiner Photographie zu thun gehabt hat."
Photograph (noch verwunderter): „Ich verstehe nicht — bei mir hat Niemand ein Bild von ihnen — aber darf ich fragen, was Sie eigentlich von mir wünschen?"
Emily (sich sammelnd): „O, es besitzt Jemand ein Bild von mir, ohne daß ich es der betreffenden Person gegeben habe - ich dachte, daß vielleicht" —
Photograph (in plötzlicher Erleuchtung): „Ah, — einen Augenblick, — vielleicht" — — er fährt aus eines der umherliegenden Albums los, blättert fieberhaft, findet nichts, blättert nochmals, lächelt endlich intim und macht Emily eine Verbeugung, die ungefähr der Ueberreichung eines Lorbeerkranzes gleichkommt.
„Mein Fräulein, das Bild ist aus meinem Album verschwunden — gar nicht wunderbar!" Erneute Verbeugung. „Doch muß das schon vor länger als einem Monat geschehen fein, denn so lange ist es mindestens schon her, daß mich die letzten Leute fragten, wer denn dieses schöne junge Mädchen sei. Ich wurde nämlich danach ziemlich oft gefragt, auch von jungen Herren, und tch erinnere mich jetzt, daß dies schon längere Zeit nicht mehr geschehen ist."
„Aber wie konnten Sie mein Bild in Ihr Album stecken!" rief Emily aufgebracht.
„O, ich bitte sehr, das ist ganz usuell. Die Damen erlauben allerdings nicht oft, daß ich sie im Kasten ausstelle, — aber hier in meinem Empfangszimmer habe ich es stets thun dürfen. Nur auf speziellen Wunsch unterbleibt es —"
„Dann wünsche ich allerdings hiermit „speziell", daß es nicht wieder geschieht, Herr Werner, — adieu!"
Spruchs, schmetterte den Unglücklichen noch einmal mit den blauen Augen nieder und verschwand.
Auf dem Heimwege lächelte sie aber mehrmals. Welchem noch so wohlerzogenen Mädchen schmeichelt Bewunderung nicht, wenn sie sich auch etwas keck ausdrückt, wie hier bei dem jungen Bilderstürmer.
„Jung? Natürlich, er mußte jung [ein. Aeltere Herren begehen solche Streiche nicht mehr. Der betreffende Carlo war ein junger Landwirth, der eine Mutter besaß, und der ihr Bild „gemopst" hatte.
Emily sagte von alledem nicht eine Silbe ihrem Vater, dem Geheimen Justizrath Tußner. Erstlich, weil er sie aus- gelacht hätte, und zweitens, weil er rücksichtslos und ohne viel Worte die interessante Brieftasche selber an die richtige Adresse befördert hätte. Und das wollte sie eben selbst thun!
Sie schwankte von ihrem geraden Wege ab und wanderte zum Centralbahnhof.
„Die Brieftasche hat sich gesunden," sagte sie zu dem erstaunten Portier; „ich bitte um die Adresse des Verlierers."
„Ich soll weiter nischt sagen," erwiderte der alte Mann, „als bloß zwanzig Mark geben und die Tasche aufheben, bis er kommt."
Dabei holte er seinen alten. Geldbeutel hervor und kramte darin herum.
Emily lachte dummerweise nicht, sondern wurde dunkel- roth. „Hier" sprach sie, indem sie ihrerseits dem Alten einen Thaler reichte, „geben Sie mir nur die Adresse, sonst bekommt er die Brieftasche garniert; mein Vater wird sie ihm senden."
„Soso, Ihr Vater?" Und der Portier sah mißtrauisch in das verlegene schöne Gesicht. „Na, mir kann's egal sein. Also der Herr ist der Rittmeister Eigström in Mariahos. Maria- Hos bei Hosburg. Adieu Fräulein."
Zu Hause nahm Emily zunächst ihr Bild aus der Tasche, beguckte noch einmal den übrigen Inhalt und siegelte dann das Packetchen sorgsam und zierlich ein. „Einschreiben. Herrn Rittmeister Eigström. Mariahos bei Hosburg." Brrrr! Es war ihr ganz seltsam zu Muthe. Und weil einmal eine Art tolle Laune sie ergriffen hatte, drückte sie in die Mitte des kleinen Briespackets ein uraltes Siegel, welches sie besaß,- darauf stand in feiner, kaum lesbarer Schrift: „Une lettre adoucit les peines de l’absence."
An diesem Abend bemerkte der Geheime Justizrath, daß seine Tochter einsilbig und zerstreut sei, entgegen ihrer sonstigen Art, unaufhörlich zu plaudern. „Na, Mädchenlaunen!" dachte er. „So ein zwanzigjähriges Kind will auch mal schweigen, wenn's ihm beliebt." (Schluß folgt.)


