Nr. 13
Der $iefte«er Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
Die Gießener
Aa mitten V kälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
______________________«-amsta« den 16. Januar______________________
Wchener A nzeiger
Aenerat-Mnzeiger.
1882
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Amts- und Anzeigeblatt für den "Kreis Gieren.
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Anrtliciiev Tbeil.
Polizei-Reglement,
die polizeiliche Beaufsichtigung der Lpinnstuben in der Gemeinde Wieseck betreffend.
Mit Genehmigung Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz vom 4. November 1890 zu Nr. M. I. 28379 wird hiermit nachstehendes Polizei-Reglement für die Gemeinde Wieseck erlassen:
1) Spinnstuben dürfen in Wirthshäusern überhaupt nicht und in Privathäusern nur bis zu der festgesetzten Polizeistunde stattfinden. Wer über diese Stunde hinaus oder in einem Wrrthshause eine Spinnstube hält oder an einer solchen Theil nimmt, wird mit Geldstrafe bis zu 30 JL bestraft.
2) Gegenwärtiges Polizei-Reglement tritt mit dem Tage seiner Verkündigung in Kraft.
Gießen, den 14. Januar 1892.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
_________________ v. Gagern.__
Bekanntmachung.
Unter Bezugnahme auf § 366 pos. 10 des Reichsstrafgesetzbuchs, Art 104 des Polizeistrafgesetzes und das Local- Reglement vom 8. Mai 1856 bringen wir zur öffentlichen Kenntlliß, daß das Befahren des von der Göthestraße nach dem Schiffenbergerweg führenden sogenannten Stephansweges für alle Nichtanlieger bei Meidung der in den angeführten gesetzlichen Bestimmungen angedrohten Strafen verboten ist.
Gießen, den 13. Januar 1892.
Grobherzogliches Polizeiamt Gießen.
Fresenius.
147. Plenarsitzung. Donnerstag den 14. Januar 1892, 2 Uhr. ' Die zweite Berathung des ReichshaushaltSetats wird beim Reichsamt deS Innern fortgesetzt.
Bei den Ausgaben zu gemeinnützigen Zwecken constattrt Abg. ,. Meyer-Arnswalde (cons.), daß für Kunst und Wissenschaft von Retchswegen unglaublich wenig gethan werde. Er habe im vorigen Jahre angeregt, daß dem Kaiser durch den Reichsetat ein Fonds zu Kunstzwecken zur Verfügung gestellt werde; man habe ihm eingeworfen, daß dadurch Bayern verletzt werden könnte, das sehr eifersüchtig auf seine Kunstpflege sei; aber gerade ein bayrischer Abgeordneter, Schenck * Stauffenberg, habe seinen Vorschlag sehr beachtlich gesunden! Redner kritisirt dann die Concurrenz für das Kaiser-Wilhelm-
»ratisöeitage: Hießener Iamitienötätl
National-Denkmal und das Ergebniß derselben. Die Katserbtlder stellten Kaiser Wilhelm I. in einer Pose dar, die dem schlichten Wesen dieses Monarchen sremd gewesen. Er begreife die Vorliebe der Künstler für den Mantel nicht, welcher die Gestalt verberge, ebensowenig die Vorliebe für Allegorien. Hoffentlich werde eine neue Concurrenz unter den Künstlern mehr zusagenden Bedingungen ausgeschrieben. Bet dem realistischen Streben der Künstler hoffe er, daß sie auch die Gangart der Pferde richtig darftellen werden; die Gangart der Pferde des großen Kurfürsten auf der langen Brücke und Friedrich des Großen unter den Linden komme nur im Circus Renz vor; bet solcher Gangart auf dem Pferde zu sitzen, set äunerst schwierig.
Staatssecretär Dr. v. Boetticher Die Kunst set an sich nicht Sache des Reiches; allerdings set das Reich dazu übergegangen, eine Anzahl Ausgaben für Kunstzwecke zu machen und es weide auch künftig der Kunst gegenüber nicht ganz passiv bleiben können, namentlich wenn es sich darum handle, Gebäude für Reichszwecke künstlerisch auszustatten. Was das Katser-Wtlhelm-Denkmal anlange, so habe sich Se. Majestät noch die Entscheidung über die Gestaltung desselben vorbehalten. Auch eine dritte Concurrenz, wie sie der Vorredner wünsche, würde schwerlich einen Entwurf ergeben, der männigltch im Reiche befriedige.
Die Ausgaben zu gemeinnützigen Zwecken (421OO0Mk.) werden genehmigt.
c o Zur Unterhaltung deutscher Postdampserverbindungen werden 5,3 Millionen eingestellt.
Abg. Dr. Bamberger (dfr.): Diese Ausgabe set gesetzlich festgelegt, aber es muffe doch nach den bisherigen Erfahrungen con- ftattrt werden, daß das Geld weggeworfen set; man habe nicht einmal den Trost, daß der Bremer Lloyd damit auf seine Kosten gekommen wäre. Mit der Dampsersubvenlton würde für die mit den subven- tiontrten Dampfern beförderten Waarm eine Ausfuhrprämie von 25 Procent gewährt, das Höchste, was auf diesem Gebiete geleistet werde.
Staatssecretär Dr. v. Boetticher: So schlimm, wie der Vorredner die Sache darstelle, liege sie nicht. Auch das verflossene Jahr habe für die suboenttonirtm Linien eine Steigerung des Verkehrs ergeben. Man werde erst nach Ablauf der 15jährigen Periode, für welche die Subvention bewilligt ist, ein abschließendes Urthetl über deren Wirkung haben.
Abg. Dr. Hammacher (natl.) schließt sich dem Staatssecretär darin an, daß der abgelaufene vterj^'-ige Zeitraum ein abschließendes Urthetl über den Werth der Subventionen nicht gestatte. Jedenfalls sei der Verkehr trotz ungünstiger Verhältnisse auf den subventtontrten Linien gestiegen. Die Samoa-Linie freilich fei unfruchtbar.
Abg. Richter (dfr.): Herr Bamberger habe bei seiner Berechnung der Ausfuhrprämie die oftafrikanische Ltnie außer Betracht gelassen und ebenso bei der Berechnung des Verluftcontos des Norddeutschen Lloyd den Ausfall der Zinsen für die Schiffe. Wenn die Samoa-Linie aufgehoben werde, so dürfe das Geld nicht für eine andere Linie verwendet, damit das unglückliche Subventtonssystem fortgesetzt und das Geld buchstäblich ins Wasser geworfen werden.
Abg. Samhammer (dfr.) führt aus, daß die suboentiontrten Dampfer vielfach in ihren Leistungen hinter den englischen zurückblieben.
Abg. Richter (dfr.) ersucht den Abg. Hammacher, darauf zu wirken, daß die Kohlensubventionen, durch welche der Erfolg der Dampfersubventionen in Frage gestellt worden, aufhören. Die BiS-
Alle Annoncen-Bureaux deS In- und AuSlande- nehmm Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
marck'sche SuboentionSpolttik lege sich so gegenseitig in ihren Wirkungen lahm.
Die Position wird genehmigt.
E1En^üL.2,Za6rC0eln Segen Rinderpest und ReblauS werden 515300 Mk. und als Reichszuschuß zur Jnvalidttäts- und Altersversicherung 9213838 Mk. bewilligt.
Für Ueberwachung des Auswanderungswesens sind 18OO0Mk. eingestellt.
Abg. Dr. Hammacher (natl.) legt die Nothwendigkeit eines Auswanderungsgesetzes dar, welches den Auswanderern Information und Schutz sichere. England und Belgien unterhielten Bureaus zur Information der Auswanderer, die sich in hohem Maße bewährten Er befürwortet ferner die Außerkraftsetzung des v. d. Hkudl'schen Rescripts, da sich der Süden von Brasilien zur Auswanderung sehr wohl eigne.
Staatssecretär Dr. v. Boetticher: Der Entwurf eines RetchS- AuswanderungsgeseheS bilde jetzt den Gegenstand commissarischer Berathungen. Wahrscheinlich werde der Entwurf dem Reichstage noch in dieser Session zugehen, ob derselbe hier noch zur Durch- berathung gelangen könne, stehe freilich dahin. Mit dem v. d. Heydt- schen Rescripte habe sich der Bundes! ath nicht zu beschäftigen gehabt.
Abg. Dr. Lingens (Ctr.) sieht mit Vertrauen dem Entwürfe entgegen; bei der UebersüUe an Bevölkerung, die sich zeitweilig geltend mache, könne man nicht principiell gegen die Auswanderung sein.
Die Position wird bewilligt.
Zur Position Reichsschulcommission (9O0O Mk.) beantragt Abg. Richter (dfr.): die verbündeten Regierungen zu ersuchen, in Ausführung der Bestimmung des Reichsmilitärgefetzes dem Reichstage einen Gesetzentwurf vorzulegen zur Regelung der Vorbedingungen welche zum einjährig-freiwilligen Dienst berechtigen. Mit dem Anträge soll ausgesprochen werden, daß auf dem Verordnungswege eine solche Erschwerung der Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Dienst, wie sie in Preußen auf Grund der Beschlüsse der vorjährigen Schul- conserenz eingeführt werden soll, überhaupt unzulässig sei.
Staatssecretär Dr. v. Boetticher bestreitet, daß mit der betreffenden Verordnung eine Erschwerung des einjährig-freiwilligen Dienstes beabsichtigt sei.
Abg. Dr. Hartmann (cons.) befürwortet den Antrag Richter, da derselbe ja keinen Termin für den Erlaß des darin geforderten Gesetzes enthalte.
Abg. Richter (dfr.): Thatsächlich werde die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Dienst durch die fragliche Verfügung erschwert- fei dieselbe erst in Preußen eingeführt, so werde sie bald auch in anderen Bundesstaaten eingeführt werden.
Staatssecretär Dr. v. Boetticher: Die fragliche Bestimmung bezwecke lediglich, die höhere Bildung zu einem Abschluß zu führen.
Abg. Alt Haus (dfr.) spricht sich gegen die oorgeschrtebene Prüfung aus, welche im Interesse der Schule nicht erforderlich fei und bittet um Annahme der Resolution Richter.
Nachdem noch Abg. v. Bar (dfr.) für die Resolution Richter eingetreten, wird dieselbe mit großer Mehrheit angenommen.
Weiterberathung morgen 1 Uhr.
Netteste Nachrichten.
Wolff- telegraphisches Korrefpoadenz-^ureau.
Berlin, 14. Januar. Der preußische Landtag wurde heute Mittag im Weißen Saale des Schlosses er-
u Feuilleton.
Ein prscti scher Mensch.
Novellette von Ed. Vogler.
(Nachdruck verboten.)
„Wie unbehaglich," brummte Herr Commerzienrath Wehner, sich nach einem flüchtigen Ausblicke von seiner Zeitung und einem grüßenden Verneigen nach einem Fenster des gegenüberliegenden Hauses tiefer hinter die seidenen Vorhänge des Erkers zurückziehend, „ist man jetzt wohl einen Morgen unbehelligt von diesen fast zudringlichen Blicken unseres neuen vis-a-vis? Es fehlte bei Gott blos noch, daß dieser Doctor Röhn seiner Vertraulichkeit dadurch die Krone aussetzt, daß er uns laut einen „Guten Morgen!" über die Straße zuruft."
Die rundliche Dame an der anderen Seite des Erkers, an welche sich der Sprechende mit seinen letzten Worten gewendet, ließ langsam die feine Handarbeit in den Schooß sinken, während ihre Augen flüchtig zu dem erwähnten Gegenüber hinüberstreiften, das dort mit einer fast zärtlich zu nennenden Emsigkeit zwischen den mit blühenden Fenstergewächsen bestandenen offenen Fenster hantirte.
„Du bist ungerecht, Willibald," sagte sie dann, unauffällig den offenen Fensterflügel etwas zudrückend, „sein Gruß ist stets so respectvoll, daß Du die von Dir ihm angedichtete Ungeheuerlichkeit wohl nie zu befürchten hast. Ich schätze Doctor Röhn als einen sehr angenehmen Mann."
„Ganz — frauenhaft," lachte der alte Herr belustigt aus, leicht die Achseln zuckend, „ein einigermaßen hübsches Aeußere, einige verbindliche Worte, das genügt, für Euch ist der Ausbund aller Liebenswürdigkeit fertig. Offen gestanden, mich stört diese säst zur Schau gestellte Blumencultur da drüben; es macht mir fast den Eindruck, als ob dieser Doctor sich weniger seiner Blumen halber dort aushält, als um überhaupt unauffällig stundenlang am Fenster zu sein."
„Bis die Liebliche sich zeigte, bis das theure Bild sich ins Thal herunter neigte, ruhig, engelmild," recitirte Frau Wehner mit schelmischem Lächeln, dem betroffen zu ihr herüberschauenden Eheherrn voll ins Auge sehend. „Du kannst aber überzeugt sein, Willibald, daß ich jene „Liebliche" nicht bin und auch unserer alten Susanne dürste, meiner bescheidenen Meinung nach, dieses Prädikat nicht zuzuertheilrn sein, aber — nun, gelt, Alter," lachte sie, belustigt über das immer länger werdende Gesicht ihres Gegenüber, auf, „wüßtest Du Niemanden, der diese Bezeichnung verdient?"
„Emma? Das wäre!" rief Herr Wehner, indem er aussprang und die Zeitung sortschleuderte. „Und das sagst Du so lachenden Mundes, Agnes, so, als ob es Dir die höchste Befriedigung gewährte, Deine Tochter ä la Toggen- burg angeschmachtet zu sehen? — Aber das ist ja Unsinn, Thorheit!" fuhr er dann fort, mit langen Schritten das Zimmer durchmessend; „Emma kennt meine Willensmeinung, daß nur ein tüchtiger Geschäftsmann dereinst mein Schwiegersohn werden kann und würde deßhalb den Annäherungsversuchen eines anderen auch nicht die geringsten Concessionen machen. — Hahaha!" lachte er auf, vor seiner Frau stehen bleibend, „Altchen, es ist also nichts mit dem Pfuscher da drüben."
„Der Herr ist practischer Arzt!" wendete nicht ohne Ernst die alte Dame ein, aber ihr Gatte unterbrach sie polternd:
„Ach was, practischer Arzt, ein unpractischer Mensch ist er! Setzt sich hier unserem halben Dutzend Aerzten, die selber nicht genug zu thun haben, noch aus die Nase, — oder meint der Monsieur, cs würde ihm zu Liebe die halbe Stadt krank werden? Freilich, wenn so ein Bruder Lustig merkt, daß seine Rechnung nicht stimmt, dann soll irgend ein reiches Kausmannstöchterlein daran glauben. Geh mir," setzte er wegwerfend hinzu, „mit alle den Gelehrten und Beamten, die ein halbes Leben daran setzen, den Rest desselben bei einem kümmerlichen Einkommen zu begehren; der schlichteste Kaufmann ist mir lieber; ihm steht die Welt offen; er kann
Schätze sammeln, während jene im engbegrenzten Wirkungskreise sich mühen, unfähig, sich in außergewöhnlichen Lagen des Lebens zu Helsen, — es sind alles, alles unpractische Menschen, Leute, die . . . aber da geht ja unser Freund," unterbrach er plötzlich seinen vom kaufmännischen Bewußtsein geschwellten Sermon, an das Fenster tretend, „offen gestanden, daß erste Mal, daß ich ihn früh ausgehen sehe."
„Du wirst nicht darauf geachtet haben; Doctor Röhn verläßt seit einiger Zeit regelmäßig punkt acht Uhr seine Wohnung; jedenfalls doch, um seine Patienten zu besuchen."
„Seine Patienten!" lachte Herr Wehner spöttisch auf.
„Doch laffen wir das gut sein," setzte er mit einem ernsten Blick auf die ruhig häkelnde Ehegenossin hinzu, „Emma sowohl wie Du, Ihr kennt meine vorhin schon ausgesprochene Meinung; für einen Mann, der darauf warten muß, ob irgend Jemand ihm feine Gebrechen klagen will, ist meine Tochter nicht; mag sich der Doctor deßhalb an eine andere Adresse wenden, meinetwegen an Kreisrichters Töchterlein, wo wir kürzlich den Herrn kennen lernten; wir mir schien, hatte er ja bei Clärchen einen gewaltigen Stein im Brett. — Appropos," setzte er dann nach einem Gange durch das Zimmer hinzu und ein leichter Seufzer hob seine Brust, „was ist mit Emma? Seit diesem Hausballe bei Kreisrichter Hahn scheint mir das Mädel zu kränkeln; ich wollte Dich nicht mit meinen Befürchtungen beunruhigen, bevor ich selbst klar gesehen, aber es scheint mir doch jetzt an der Zeit, zn sprechen; vielleicht hat sie zu viel getanzt."
„Daß ich nicht wüßte," erwiderte seine Gattin, „aber so unrecht hast Du nicht, auch mir ist das veränderte Wesen Emmas ausgefallen, recht, recht ausgefallen," fügte sie mit eigenartiger Betonung hinzu.
//Also auch — hm! Nun um so besser, daß ich gestern Abend ein Billet an unseren alten Medicinalrath schrieb; ich bat ihn, hier einmal mit vorzusprechen; er soll einmal sehen, was dem Kinde fehlt."
(Fortsetzung folgt.)


