>?r. 215. Zweites Blatt. Donncrsiag den 15 September
1892
Der ^efeuer Anzeiger erscheint täglich, urtt Ausnahme de- Montag-.
Die Gießener
verden dem Anzeiger »Schmtlich dreimal beigelegt.
WchMter Anzeiger
Kenerat-Anzeiger.
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Amts- und Anzeigeblutt für den Aveis Gieren.
Inaahme von Anzeigen zu der Nachmittags für d« olgmden Tag erscheinenden Nummer bi» vor«. 10 Uhr.
Amtlicher» Theil.
Vekanntmachttnq,
öffenlliche Faselschau betreffend.
Wir bringen jur öffentlichen Kenntniß, daff in Ver. nbung mit dein am 19. September d. I. stattfindenden -ebmarkie ,ju Hungen eine öffentliche Faselschau durch ; Körcommisfion adgehalten werden wird. Die Schau ginnt Vormittags 8'/, Uhr, jur Ankörung kommen ir Fasel her Vogelsberger und Berner, fpecieQ Simmenthaler iffe, auch muffen die Thiere bereits sprungfähig fein.
Gießen, den 9. September 1892.
Grotzherjogliches Kreisamt Gießen.
____________________I. »■: Jost.______________________
Bekanntmachung,
'ie landwirthschaflliche Winterschule in Alsfeld betreffend.
Die landwirthschaftliche Winterschule Alsfeld beginnt ihren . Wmtercursus Montag den 31. October. Indem wir rmit zu einem recht zahlreichen Besuch einladen, bemerken r, daß die Schule das Ziel verfolgt, jungen Landwirthen jenigen theoretischen Kenntnisse, welche heute zur rationellen ivirthschastung bäuerlicher Güter nothwendig sind, in zwei ^'monatlichen Wintercursen zu vermitteln. Zur Erreichung ses Zieles ist die Schule mit den nöthigen Lehrkräften ) Lehrmitteln zweckentsprechend ausgerüstet?
Ausgenommen werden junge Leute im Alter von 14 bis
-Jahren, welche die Elementarschule besucht und das terrichtsziel derselben erreicht haben; in dem oberen Cursus solche, welche schon den unteren Cursus der Schule mit olg besucht haben, oder welche nachweisen, daß sie die lntnifle, welche der untere Cursus vermitteln soll, bereits tzen. Aeltere Landwirthe können als Hospitanten auf' ommen werden.
Die jungen Leute stehen während ihres Hierseins unter ssicht der Lehrer, sie nehmen Wohnung in bürgerlichen nilien und können Pensionen zu 30 bis 40 Mark pro nat durch den Vorsteher der Schule, Herrn Landwirthschafts- er Leithiger, nachgewiesen werden. Das Schulgeld beträgt das Wintersemester 25 Mark.
Anmeldungen sind an den Aussichtsrath oder an Herrn ldwirthschastslehrer Leithiger zu richten, welcher auch bereit speziellere Anfragen zu beantworten.
Alsfeld, den 30. August 1892.
Aufsichtsrath der landwirthschaftl. Winterschule Alsfeld, v. Grolman.
: Hießmer
Vermischtes.
* Göttingen, 8. September. Hierselbst erregt eine Cholerageschichte allgemeine Heiterkeit. U. A. ist für unsere Stadt angeordnet worden, daß alle von Hamburg kommenden Reisenden nach ärzlicher Untersuchung entweder sofort in die zur Quarantänestation eingerichtete neue Schützenballe gebracht werden, oder sich, falls sie ungefährlich erscheinen, doch durch den Revers verpflichten müssen, in den nächsten sechs Tagen ihres Hierseins das eigene Haus oder das der Verwandten — denn unsere Hotels nehmen Niemand aus Hamburg aus — nicht zu verlassen. Sitzt da nun vor einigen Tagen in einem hiesigen Restaurant eine fidele Stammgesellschast zusammen, in welcher, wie das „Tageblatt" zu berichten weiß, auch die Präsentivmaßregeln das Gespräch bilden. Während man im Allgemeinen die Maßnahmen der hiesigen Behörden lobt, ist ein Stammgast nicht zufrieden. „Ja, meine Herren," so ungefähr ließ er sich vernehmen, „was Helsen alle Verordnungen ^und Verfügungen, wenn sie nicht befolgt werden. Sehen Sie mich an, ich bin vollkommen unbehelligt von Hambu-g, wo ich Geschäfte abzuwickeln hatte, nach Göttingen zurückgihrt. Während der langen Eisenbahnsahrt bin ich nicht ein einziges Mal desinfizirt worden und auf Sem hiesigen Bahnhofe kümmerte sich keine'Menschenseele um mich. Auf dem Papier steht alles wunderschön da, aber, meine Herren, bic Praxis, die Praxis!" Als der Sprecher geendet und seine trocken gewordenen Lippen angefeuchter hatte, bemerkte er mit stillem Behagen, daß seine Stammtischfreunde sich in heiliger Scheu vor ihm in respcctvolle Fernen zurückzogen; nach noch nicht fünf Minuten war er allein. Einem der Geflohenen ließ die Geschichte keine Ruhe; er ging zur Polizei- direction und machte feinem gepreßten Herzen Luft. Alsbald wurde ein Schutzmann abgeordnet, dem nicht desinfizirten Herrn einen Besuch zu machen und ihn vor die Alternative zu stellen, entweder den sechstägigen Hausarrest zu unterschreiben oder sich stehenden Fußes in die Quarantänestation zu verfügen. Jetzt erklärte jener Herr, die ganze Sache sei ein „Scherz"; er sei überhaupt nicht in Hamburg gewesen. Doch der Schutzmann blieb bei seinem Befehl, und so blieb dem Spaßmacher nichts Anderes übrig, als sich durch Unter- chrift des Reverses einem sechstägigen Hausarrest zu unter» werfen. Am Stammtisch war ob dieses Verlaufes der Sache des Lachens kein Ende. Der Held des Abenteuers sitzt zerknirscht daheim und überlegt bei sich, daß es doch wohl richtiger sei, keine Cholerageschichten zu erfinden. '
* Ich hatte dieser Tage Gelegenheit — so schreibt dem „B. T." ein Leser — die Bibliothek eines Dienstmädchens kennen zu lernen und beeilte mich, ein Verzeichniß der dort
Alle Innoncm-Öureau? deS 3iu unb Auslandes nehm« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Vorgefundenen literarischen Schätze aufzustellen. Die Büchersammlung bestand aus zwei stark abgerissenen Schauerromanen, einem Traum- und Punktirbüchlein, einem Exemplar „Lenor- mand, oder die Kunst des Kartenlegens", einem Wunschbuch, einem Liebesbriefsteller, einer Sammlung der „Neuesten und schönsten Volkslieder", einem Soldatenliederbuch und einigen handschriftlich gesammelten Gedichten, vornehmlich solchen, in welchen das Leid und der Schmerz des Liebeslebens geschildert wurde. Die einzelnen Blätter zeigten verschiedene Handschriften. Einzelne besonders ergreifende Stellen in den Gedichten waren am Rande angezeichnet und mit Anmerkungen versehen. So stand bei dem Lied von dem treulosen Heinrich, der nach dem Tode seiner ersten Gattin „eine reiche Erbin von dem Rhein" heimführte, an der Stelle:
//Zwölf Uhr schlugs, da drang durch die Gardine Eine weiße, kalte Todtenhand"
die Bemerkung: „die Augen hätte sie ihm auskratzen sollen, und ihr erst recht." — Ich hatte — so fügt der Gewährsmann hinzu, der anscheinend recht lebhafte Beziehungen zu Dienstmädchen unterhielt — schon öfter Gelegenheit, m Dlenstmädchen-Bibliotheken Einblicke zu bekommen; sie waren nicht alle so reichhaltig, wie die hier vorgeführte, aber das Traumbuch und die Sammlung der „Neuesten und schönsten Lieder" hat selten gefehlt. Die Traumbücher dringen bis in die kleinsten Dörfer vor, und selbst die Kuhmägde, die sonst keine literarischen Neigungen haben, wissen 'sich ihr Traumbüchlein zu verschaffen. Der Umsatz beziffert sich auf Hunderttaufende. Ganz erheblich ist mitunter der Einfluß bes Traumbuchs auf das Verhalten unserer Dienstmädchen. Uns ist ein Fall bekannt, daß ein Dienstmädchen wegen plötzlichen Verlassens ihres Dienstes vor Gericht stand, und endlich als Grund ihrer Flucht angab, daß sie den Dienst bet der ihr sehr freundlich gesinnten Herrschaft so schnell verlassen, weil das Traumbuch ihr gesagt hätte, daß ihr in dem Hause ein Unglück bevorstehe.
Literatur unb ICunfL
— Die bewährte illuftrirte Familien-Zeitschrifl ,Unitw:fum* (Verlag deS Universum, A. Hauschtld. Dresden) ist in den 9. Jahrgang etngetreten, und in dem ersten Hffle desselben liegt eine Leistung vor, welche die höchste Anerkennung verdient. Die Zeitschrift verschmäht e-, ihr erstes Heft mit einer besonderen Bilderfülle auSzu- ftatten, wie sie dann im ganzen Jahrgange nicht wiederkehrt. An der Spitze deS Heftes wird ein meisterliches Lichtdruckblatt gegeben, dem sich vier vollseitige, ungemein anziehende Holzschnitte anschltetzen,' ein Jllultrationsschmuck, der noch durch einen illastrirten Artikel und eine ebenfalls tllustrtrte Humoreske ergänzt und ähnlich reichhaltig durch den ganzen Jahrgang beibehalten wird. Der literarische Reich- toum des Heftes ist in die Augen springend.
Fenilleton.
Die WUtsusstkllung in Chicago.
Von Ernst von Hesse-Wartegg.
(Nachdruck verboten.)
Mit Recht sieht man in Deutschland der Weltausstellung Chicago mit großer Spannung entgegen. Amerika hat alte Welt schon so häufig durch seine Erfindungen und ungenschasten, hauptsächlich auf technischem Gebiete, in raunen gesetzt, daß mau wohl überzeugt sein kann, es 5 dies auf Cer nächstjährigen Weltausstellung in noch viel ^artigerem Maße thun als bisher. Bei uns in Europa sich das Ausstellungswesen schon etwas überlebt und bei en unserer Industriellen erwecken diese großen Weltmärkte gemischte Gefühle, wenn nicht geradezu Unbehagen. In Amerika hat man bisher nur eine derartige Wellst cllung gesehen, jene von Philadelphia 1876, mit welcher Amerikaner den hundertsten Jahrestag ihrer Unabhängig- Serklärung feierten. Damals enthielten sich begreiflicher ise die europäischen Monarchien jeder offiziellen Bethei- ng, denn sie hätten gewissermaßen die Losreißung des 'rikanischen Continents von dem europäischen Mutterlande zeseiert. Die deutschen Industriellen, welche dennoch die ladelphiaer Ausstellung beschickten, thaten dies ohne Unter- tmg und offizielle Vertretung oder Betheiligung von Seiten Reiches. Ueberdies war der Mehrzahl der deutschen -steller der amerikanische Markt nicht hinreichend bekannt, gaben sich keine besondere Mühe und das Resultat war ennchiedene Schlappe für die deutsche Industrie, welcher geflügelte Wort des Geheimeraths Reuleaux „billig und cht" entsprang.
Man hat diesen Warnungsruf in Deutschland wohl be- ’9r, unb setzt nun alles daran, die erlittene Schlappe in
Chicago auszuwetzen. Die Amerikaner feiern mit ihrer nächsten Ausstellung den vierhundertsten Jahrestag der Entdeckung der neuen Welt, und dieses welthistorische Ereigniß veranlaßte auch die europäischen Monarchien, sich offiziell an der Ausstellung $u beteiligen. Die heimische Industrie wird diesmal geschützt von den Fittichen des deutschen Reichsadlers in Chicago erscheinen und allem Anscheine nach wird die deutsche Abtheilung jene aller anderen europäischen Staaten an Größe und Gediegenheit übertreffen/ gerade so, wie die Chicagoer Weltausstellung voraussichtlich alle ihre Vorgänger an Größe und Pracht übertreffen wird.
Das wichtigste Ausstellungsobject wird indessen die Stadt Chicago selbst sein. Jedesmal, wenn ich nach der großen Metropole des Michigan-Sees kam, wurde ich von der Pracht, von dem großartigen Verkebr, dem Reichthum dieser jungen Städteriesin in Erstaunen versetzt — jedesmal Zeigten sich mir neue technische Wunder aller Art, obschon ich in den letzten zwei Jahren kaum länger als je zwei Jahre von Chicago ferne blieb. Gewiß kann man diese Stadt als das größte Wunder des neunzehnten Jahrhunderts bezeichnen, und wir Deutsche haben alle Ursache, darauf stolz zu sein, denn ein volles Drittel der Bevölkerung Chicagos sind Deutsche, welche somit einen ganz bedeutenden Antheil haben an dieser merkwürdigsten Schöpfung des nordamerikanischen Continents. Noch vor sechzig Jahren war an der Stelle, wo heute Chicago steht und einen Flächenraum entnimmt, der jenen manches deutschen Kleinstaates an Ausdehnung weit übertrifft, nur nackter Prärieboden, hie und da unterbrochen von Baumgruppen, zwischen denen sich die Zeltlager kriegerischer Jndianerstämme erhoben. — 1870 stand dort bereits eine Stadt von dreihunderttausend Einwohnern! Selbst die beiden großen Feuer, welche Chicago 1871 und 1874 nahezu vernichteten, thaten dem ptlzanigen Wachsthum der Stadt nur wenig Eintrag. Noch brannte
die Stadt, als auch schon die Obdachlosen ihren Wiederaufbau unternahmen. Ganz Amerika reichte ihnen hilfreich die Hand und gab die Mittel dazu her. In dem Zeiträume vom 15. April bis 14. December 1872, also binnen zweihundert Wochentagen, wurde bei einer Arbeitszeit von durchschnittlich 16 Stunden täglich, in je zwei Stunden ein Eisen- und Steinpalast von 25 Fuß Front und vier bis sechs Stockwerken Höhe erbaut! Und so stand schon ein Jahr nach dem Brande auf demselben Boden die merkwürdigste und verkehrsreichste Stadt Amerikas *).
Man kann sich schwer eine Vorstellung machen von dem Unternehmungsgeist, — ja, man möchte beinahe sagen der Tollkühnheit — der Chicagoer in ihrem Geschäftsleben sowohl wie in ihrem Bestreben, dem in der Weltgeschichte einzig dastehenden Wachsthum ihrer Stadt durch Neubauten und städtische Anlagen gerecht zu werden. Einige Beispiele werden dies zur Genüge darthun. So lag der Boden, auf dem Chicago erbaut wurde, nur wenige Fuß über dem Spiegel des Michigan-Sees, die Anlage von Kellerräumen und Kloaken war nicht möglich, denn das Seewasser drang überall ein. Das hinderte aber die Chicagoer nur wenig. Da half nur ein Höherlegen der Straßen. Sie hoben die gewaltigen mehrstöckigen Gebäude mittelst einfacher Wagen- winden, allerdings in großer Zahl, von ihren Grundmauern empor und bauten diese letzteren um etwa neun Fuß höher. Dann wurde die Straße um das entsprechende Maß aus- gefüllt und so die ganze Stadt auf die erforderliche Höhe über dem Spiegel des Michigan-Sees gebracht.
(Fortsetzung folgt.)
*) Siehe Hesse-Wartegg: „laufcnb und ein Tag im Occident." Leipzig, Carl Reißners Verlag. 1892. Preis 8 Mark.


