-k. 188. Zweites Blatt.
Sonntag den 14. August
GichenerAnzeiaer
Henerat-Anzeiger.
Du Gießener A«mitie«ßtälter »erben dem Anzeiger •Mbenthd) drei mo t beigelegt
Der
Wietzener Anzeiger eddytint täglich, itf Ausnahme deS
RcintagS
1882
Vierteljähriger Avonnemeutspret» r 2 Mark 20 Pfg. mk Bringerlohn. Durch die Post bezoger.
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Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gieszen.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für den lelgmbrn Tag erscheinenden Nummer bi- Corrn. 10 Uhr.
chratisbeikage: Hießmer Kamikienökätter.
Alle Nnnoncen-Bureaur de- In- und Au-lande- nehmrr Anzeigen für den .Gießener Anzeiger" entgegen.
Amtlicher» Theil.
Hauptversammlung
des landwirthschaftl. Vereins von Oberhefsen.
Zur diesjährigen ordentlichen Hauptversammlung beehre ich mich die Vereinsmitglieder wie alle Freunde der Land- wirthschast auf
Mittwoch den 7. September d. I., Vormittags IV/2 Uhr
in Steins Garten zu Gießen hiermit ergebenst einzuladen.
Gegenstände der Verhandlungen werden sein:
1) Versicherung gegen Hagelschaden. Referat der Ausschuß- Commission.
2) lieber den heutigen Stand des Molkereiwesens und seine weitere Entwickelung. Referent: Herr LandwirthschaftS- lehrer Leith ig er-Alsfeld.
3) Die Bekämpfung der Kartoffelkrankheit. Referent: Herr
Landwirthschaftslehrer A n d r ä - Büdingen.
Laubach, am 10. August 1892.
Der Präsident des landwirthschaftl. Vereins von Oberhesien.
Friedrich, Graf zu Solms-Laubach.
Pottasche Wochenschau.
Gießen, 13. August 1892.
In Sachen der beabsichtigten Berliner Weltausstellung ist die erwartete Entscheidung auch in der letzten Wache nicht gefallen. Gleichwohl besteht kaum noch ein Zweifel darüber, daß die deutsche Reichsregierung sich gegen das Project erklären wird. Hieran wird auch der in zwölfter Stunde unternommene Versuch einer Anzahl ausgesprochener Ausstellungs- freunde, in weiteren Kreisen eine entschiedene Kundgebung zu Gunsten einer Berliner Weltausstellung Hervorzurusen, nichts mehr ändern. Der in solchen Angelegenheiten allein maßgebende Factor, die deutsche Industrie, hat gesprochen, und zwar in einem Sinne gesprochen, daß es mehr als gewagt sein würde, wollte man den Gedanken an eine Weltausstellung im Jahre 1898 noch weiter zu verwirklichen trachten. Wie nämlich jetzt bekannt wird, lauten von 1200 Antworten, die bis jetzt eingegangen sind, 500 geradezu ablehnend, während von den übrigen 700 ein erheblicher Theil nur eine sehr be-
, dingte Zustimmung ausdrückt. — Von ganz anderer Bedeutung i als die Veranstaltung einer Weltausstellung ist für Deutschland ! die Frage, ob die Handelsvertragsverhandlungen, welche seit letzten Montag mit Rußland geführt werden, zu einem erwünschten Resultate sühren. Schon die Thatsache, daß Rußland sich aus freien Stücken entschlossen hat, unter der Voraussetzung der Ausdehnung eines TheileS der in den Handelsverträgen mit Oesterreich-Ungarn und Italien enthaltenen Zollherabsetzungen auch aus russische Exportartikel seinerseits Deutschland gewisse Zollvergünstigungen zu gewähren, muß als recht erfreulich bezeichnet werden. Allerdings kann man verständigerweise bei der seither von Rußland beobachteten Haltung nicht annehmen, daß die Verhandlungen zu einem förmlichen Handelsverträge sühren werden. Wohl aber ist es möglich, daß Rußland, salls es von Deutschland die Oesterreich-Ungarn und Italien bereits zugestandene Ermäßigung der Zölle aus Getreide und Holz erlangt, die Zölle auf Producte der Kohlen-, Eisen- und Textilindustrie ermäßigen und hieraus der deutschen Industrie ein recht beträchtlicher Vortheil erwachsen wird. — Demnächst wird mit Rumänien ein förmlicher Handelsvertrag abgeschlossen werden. Zunächst sollen erst noch die Handelskammern Gutachten über die Anforderungen abgeben, die auf dem Gebiete der Zollpflicht an Rumänien zu richten sind. — Weniger günstig lauten die Nachrichten über die neue Militärvorlage. Es heißt jetzt, daß die ursprüngliche Schätzung der in der Militärvorlage vorgesehenen Kosten aus 60 Millionen noch weit hinter der Höhe der thatsächlich geplanten Aufwendungen zurückbleibe.
In Preußen beschäftigen die von der Regierung geplanten Steuerreformen die öffentliche Aufmerksamkeit. Hier sollen die Grund- und Gebäudesteuer und wahrscheinlich auch die Gewerbesteuer als Staatssteuern außer Hebung gesetzt und die Einkünfte aus diesen Steuern den Gemeinden zur Bestreitung ihrer Bedürsniffe überwiesen werden. Der durch eine solche Ueberweisung hervorgerusene Einnahmeausfall im preußischen Staatshaushaltsetat soll gedeckt werden durch die Mehreinnahmen aus der im vorigen Jahr revidirten Einkommensteuer, durch eine neu einzuführende Vermögenssteuer im Betrag von Vs vom Taufend, und endlich durch die Beseitigung der sogenannten lex Huene, durch die ein wesentlicher Theil der Einkünfte des preußischen Staates (im Jahr 1891/92 57 Millionen) seither diesem entzogen und
den Gemeinden zugewandt wurde. — Mit der geplanten Steuerreform soll, wie schon letzthin bemerkt wurde, der nunmehr erfolgte Rücktritt des preußischen Ministers des Innern Herrsurth in Zusammenhang stehen, indem Herr- surth angeblich eine anders geartete Steuerreform, als der Finanzminister Miquel, für richtig hält.
Von ausländischen Staaten hat besonders England in der verflossenen Woche von sich reden gemacht. Im neuen englischen Parlament, dessen Sitzungen vor etwa acht Tagen eröffnet worden sind, haben die Gladstoneaner im Bunde mit den Iren ein Mißtrauensvotum gegen die gegenwärtig bestehende Regierung beantragt, über das am letzten Donnerstag abgestimmt worden ist. Wenn auch bis jetzt noch keine Meldungen über das Ergebniß der Abstimmung vorliegen, so ist kaum zu zweifeln, daß es in dem Rücktritt Salisburys und der Bildung eines liberalen Cabinets unter dem Präsidium des mehr als 80jährigen Gladstone bestehen wird. — Aus dem Pamirplateau im Inneren von Asien ist es wieder ein Mal zu Reibereien zwischen Rußland, England und China gekommen, die hoffentlich auch dies Mal, wie im vorigen Jahre, aus diplomatischen Wege gütlich beendet werden. — lieber die Verhandlungen zwischen England und Marokko, Über die wir wiederholt berichtet haben, ist kürzlich ein Blaubuch herausgegeben worden, aus dem sich ergibt, daß England im Einverständniß mit allen namhaften Handelsmächten Europas vorgeht. Der Ausstand, der zu gleicher Zeit in Marokko tobt, wendet sich immer mehr zu Ungunsten des Sultans, so daß schon bald eine Intervention der europäischen Mächte nöthig werden könnte.
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Feuilleton.
D i e Gegenwetlk.
Von Rudolf Hirsch berg.
(Schluß.)
Alsdann wiederholte er mit einem anderen Freunde dasselbe Experiment, nur mit der wohlbedachten Nuance, daß er, wenn er vorhin 1000 Gulden gewettet hatte, die Frequenz- ziffer der morgenden Kurliste werde eine gerade sein, dem Zweiten gegenüber ebenfalls 1000 Gulden für den Fall einer ungeraden Ziffer emsetzte. Dann ebenfalls Discretion erbeten und zugesagt, sreundschastlicher Händedruck und das Geschäft war gemacht. Denn mit einer der beiden Wetten mußte er ja nothwendigerweise reüssieren. Dann steckte er rm anderen Morgen die Banknoten des Verlierenden mit freundschaftlich bedauerndem Achselzucken ein und war verschwunden wie ein durchgegangener Kassirer. War er ja einmal nach Entscheidung der Wette seinem anderen Partner m den Weg gelaufen, so bat er ihn entweder um einen kurzen Zahlungsausschub oder verweigerte auch die Zahlung geradezu, sobald er sicher war, nicht rechtlich belangt werden zu können. Mit Entrüstung behauptete er dann, er wette nie so hoch, das könne ihm die ganze Badegesellschast bezeugen u. s. w. — Der andere Betrogene aber, der an den Grasen verloren und bezahlt hatte, merkte zwar meistens bei der Abrelse des industriösen Herrn, welchem Schwindelmanöver er zum Opfer gefallen war, schwieg aber gewöhnlich, um sich nicht zu blamiren. Denn auch er konnte dem Verschwundenen rechtlich nichts anhaben, der die einmal gezahlte Verlustsumme nach dem Gesetze nicht herauszugeben brauchte. Seine Rech- ivng im Hotel aber war stets gewiffenhaft beglichen, so daß * seine billige Erwerbsmethode unbehelligt sortführen konnte, sorgfältig vermied er natürlich, aus einem alten Schauplatze iber vor einem Publikum, dem er, wenn auch nur zum Theil, Hon bekannt war, ein zweites Mal auszutreten; und so kam 's, daß seine Wettaffairen selten viel Aussehen erregten und mmer rasch vergessen waren. Mir freilich, den der Zufall chon ein paar Mal zum Zeugen seines brillanten Kunst- tückes gemacht hatte, wurde der Gedanke allmälig unerträg
lich, diesen Menschen so ungestört seinen einträglichen Raubzug sortsetzen zu' sehen, und ich sann auf Pläne, wie ich ihn bei dem nächsten Zusammentreffen mit ihm vor der Gesellschaft entlarven und unschädlich machen könnte.
Da wollte es das Glück, daß ich in Schandau nicht nur den mir schon zur fatalen Gewohnheit gewordenen Grafen N., sondern auch einen älteren Universitätssreund wiederfand, der sich dort als Referendar mit widerstrebender Seele auf den gänzlichen Uebergang ins Philisterium vorbereitete. Ich theilte ihm mit, was es mit dem Grafen, der sich ihm zufälligerweise auch schon genähert hatte, für ein Bewandtniß habe, und fragte ihn, ob sich im Wege Rechtens etwas gegen den Jndustrieritter thun lasse. „Klagbar ist eine Wettschuld auch in Sachsen nicht," erwiderte mein rechtskundiger Freund, „andererseits besteht wiederum kein Recht, das aus einer solchen Schuld Gezahlte wieder zurück zu verlangen. Mit dem Gesetz können wir dem sauberen Patron also nicht bei- kommen. Er hat sich seinen Kriegsplan zu schlau zurechtgelegt. Ganz unschädlich zu machen ist so ein civilisirtes Raubgenie überhaupt nicht,- denn selbst wenn wir etwa steckbriefliche Warnungssignale durch alle Bäder erließen und ihm so sein jetziges Verfahren unmöglich machten, so wäre ihm doch damit das Handwerk noch keineswegs gelegt. Diesem ersindungsreichen Talente würden doch immer wieder neue originelle Ideen entquellen, unaufhörlich und unausrottbar, wie die Köpfe der Hydra. Aber ich habe eine Idee, rote wir wenigstens einmal etwas Vergeltung mit ihm spielen können und ich gebe Dir mein Wort, der kluge Jäger geht uns noch in feine eigene Falle." Daraus theilte er mir seinen Plan mit, der die schlauen Berechnungen des Schwindlers zu Schanden machen sollte. Der samose Gras hatte sich nönv lich mit meinem Freunde schon bekannt gemacht und auch bereits mit seinen kleinen Plänkelwetten begonnen. Höchst willkommen war ihm daher nach ein paar Tagen die pro- vocirende Behauptung des Referendars, es werde am nächsten Morgen früh 8 Uhr an dem Hotel schneien, und er wettete sofort 1200 Mk. dagegen. Ich hatte mir unterbeffen, natürlich ohne Beziehungen zu meinem Freunde merken zu laffen, ebenfalls das geschätzte Vertrauen unseres Mannes zu erwerben verstanden und als ich mich, sowie ich die erste Wette ab
geschloffen wußte, in ein Gespräch über das Wetter mit ihm einließ, verfehlte er richtig nicht, seinerseits 1200 Mk. ans die Behauptung des morgigen Schneefalles zu setzen. Lachend acceptirte ich die Wette und verbrachte noch ein paar Stunden beim Champagner in seiner wirklich sehr angenehmen Gesellschaft. In der Weinlaune kam ich noch einmal auf unsere Wette zu sprechen, gab meiner Furcht Ausdruck, er werde wohl mit seinem Schneefall Recht behalten (es war Ende August) und wurde schließlich so kühn, 3000 Mk. dafür einzusetzen, daß die Elbe bis morgen Abend glatt zugefroren sein würde. Wie zu erwarten, schlug der Graf die günstige Wette nicht aus und hielt es, wie sich später herausstellte, nicht einmal für nöthig, feine übliche Gegenwene abzuschließen, zu der natürlich eventuell mein Freund bereit gewesen wäre.
Die 3000 Mk. waren ja ganz unverlierbar; darum zahlte er auch sehr bereitwillig, als am Morgen der Schneefall ausblieb, seine 1200 Mk. an mich, um sich seinerseits die größere Summe zu sichern, die er Abends von mir fordern würde. Er glaubte dabei nicht einmal etwas zu opfern, da er ja die eben^gezahlten 1200 Mk. von meinem Freunde, der dieselbe Wette natürlich verloren hatte, einziehen konnte. Aber kaum hatte ich das Geld in der Tasche, so winkte ich dem Referendar, der nun mit bedauernder Miene dem Grasen mit« theilte, es fei ihm unmöglich, seine Verbindlichkeit zu erfüllen. „Sehen Sie, Herr Gras, wir sind ein Concurrenzunternehmen und bedauern sehr, daß uns ein College in die Falle geraden ist. Sie werden aber wohl Gesetzeskenntniß genug besitzen, um zu wiffen, daß Sie ebensowenig Ihre 1200 Mark, wie Ihre 3000 Mark von uns erhalten können, da wir uns, wie Sie, streng an den Buchstaben des Rechts halten. Ich möchte Ihnen rathen, Ihren Wirkungskreis schleunigst zu verändern." Der Gras machte böse Miene zu unserem guten Spiele und verschwand. Wo und wie er sich jetzt seinen Lebensunterhalt verdient, habe ich leider nicht erfahren können. Wir aber theilten die 1200 Mk. und verwendeten sie zu einem guten Zwecke. Wir setzten nämlich mit Hilfe dieser erbeuteten Reisekasse die Tour durch die Bäder noch ein paar Wochen fort, um alle Welt vor dem bösen Grasen und seinen Wetten zu warnen.


