Drittes Blatt.
Nr. 158
1892
Gießener A nzeiger
Heneral-Anz^er.
Amts- und Anzeigcblatt fiir den 'Kreis Gieren.
Die Gießener Z«»ttte«ßlStter »«dm dem Anzeiger »Gchmtlich dreimal deigelegt.
Der
SHtjrotr >Hjdget erscheint täglich, att Lu-nahme deS Ätmtag»
Sonntag den 10. Juli
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Kratisöeikage: Gießener Kamikienötatter^
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Alle Annoncen-Bureaux deS In- und AuMt^rdeS nehm« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" mtgege«.
Amtliche Lhdl
Nr. 35 des Reichsgesetzblatts, ausgegeben den 4. d. M., enthält:
(Nr. 2042.) Bekanntmachung, betreffend die Anwendung der vertragsmäßig bestehenden Zollsätze auf rumänische Erzeugnisse. Vom 2. Juli 1892.
Gießen, den 8. Juli 1892.
Grobherzogliches Kreisamt Gießen.
___________________v. Gagern.___________________
Bekanntmachung,
betreffend Räumung der Wetter.
Wir bringen zur öffentlichen Kenntniß, daß Mitte nächster Woche die Wetter oberhalb Lich zum Zweck dec Räumung abgeschlagen wird.
Gießen, den 8. Juli 1892.
Grobherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Landwirthschafiliche Winke und Rathschläge.
△ ArrS Oberhessen, im Juli 1892.
Landwirthschafiliche Rück, Um* und Vorschau. Das erste Halde Jadr tjt für den Lanbwirth fast ausschließlich Dem Wirken, Schaffen und Arbeiten gewidmet. Was er zu ernten hat, ist ver- hältntßmLßig nur ganz gering. Vielleicht ein wenig Grünfutter und wenn er Gärtneret dabet betteibt, was gewöhnlich der Fall sein wtrd, bekommt er etwas Salat, Schwarzwui-el und einiges Gemüse. Die Spargeln kommen meistenthetls nicht an thn, er verkauft sie lieber, falls er deren zieht und verwendet den Erlös in die Haushaltung.
Ende Juni beginnt aber di- H-«-r«1- und je nachdem diese aussällt, steht es gut oder minder gut um den Vtehstand für das laufende Jahr. Wir dürfen tm Allgemeinen mit den diesjährigen Aussichten zufrieden sein, wenn auch in Betreff der zu erntenden Menge nicht alle Wünsche erfüllt werden. Es macht sich geltend, daß wir schon von Januar an ein trockene- Jahr Haden. Die ntcdergegangene Feuchltgkett hat nicht immer genug«, um die Gras- und Futterpflanzen vollauf zu befriedigen. Daher kommt es, daß tn trockenen, weniger feuchten Lagen da- Bodengra- fehlt, welches die Massen liefern hilft. Außrrdern Haden die vorherrschenden Oft- und Nordostwtnde, weil sie sehr trocken sind, nicht die Eigenschaft, den Graswuchs zu begünstigen. Dagegen haben alle feuchten, schweren Böden einen sehr schönen Wtesenwachs, der durch den häufigen Sonnenschein sich auch qualitativ auszeichnen wtrd. Die schweren kräftigen Bodenarten werden darum in diesem Jahre alles das reichlich einbringen, was sie tm vorigen Jahre dura- die große Nässe eindüßlen. Hoffentlich bleibt und das gute Welter treu, damit daS schöne Futter gut unter Dach gebracht werden kann.
Wenden wir uns zum Hauplnahrungsmittel der Menschen, zu den Hartoff-l«. Langfam gingen sie auf, denn das kühle, Nachts frostige Welter brachte spärliches Fortschreiten; als es aber warm geworden, ging eS rasch voran und heute blicken wir auf einen
prüchtig-ir K-rtoffelstand. Von Krankheit oder Jnsectenfraß (Engerlingen) ist glückl'cherweise in der ganzen Provinz nur vereinzelt zu hören. Bet dieser Gelegenheit wollen wir aber doch unsere Stimme für gemeinschaftliche Vertilgung der Maikäfer in Alugjahren erheben.
Man geht von Reichswegen der Reblaus zu Leibe; man eröffnet von Landeswegen den Feldzug gegen den Coloradokäfer und die Kiefernmotte. Man geht in Rheinhessen bezirksweise gegen die Hamster vor. Warum wollen wir nicht kreis- oder bezirksweise gegen den scheußlichen Schädling Maikäser vorangehen? Die Maikäfer und Engerlinge können in vielen Gemarkungen grade fo verderblich werden, wie die vorgenannten Schädlinge für die in Betracht kommenden Landestheile. Warum also zögern? Wenn es noch besonderer Umstände, Räucherösen rc. wie bei den Mäusen bedürfte, so wäre es schon schwieriger. Bei der Maikäfervertilgung braucht man aber nichts als zwei Hände und einen Topf und bann kann der Krieg losgehen. Man liest aus Starkenburg, daß ganze Fluren von dem Engerling verwüstet werdm. Was ist dagegen ein Betrag von 2- oder 3000 Mk., den eine Gern inde gegen das Hebel aufwendet? Das Geld bleibt ja doch in der Gemeinde. Schulkinder von 7 Jahren an können sich Pfennige verdienen und sich nützlich machen. Aber alle Gemeinde« eine- Bezirk-, ohne jede Au-nahme müssen zur Mitwirkung — nöthtgenfalls mit Strafe — genölhtgt werden, d'M Maikäfer zu Leibe zu rüden, sonst ist die Sache Flick- und Stückwerk. „Hät hilft dös Maulspiatze nix" — hat jener Vogelsberger Bauer gesagt — „häi mutz gepiffe weare." Wird der Vertilgungskrieg planmäßig durchsführt, bann ist der Eifolg gewiß. Es hat aber auch eine Reihe von Jahren zu geschehen, oder besser: wir müssen mit den Maikäfern und Engerlingen, an vielen Orten auch „Engelänner" genannt, gerade so auf dem Kriegsfuße stehen und gerüstet sein, wie wir es von Reichswegen mit den Franzosen sind.
Wir wenden uns zu den Futtermittel« und Gemüsen. Im Monat Mai fah es wenig erquicklich aus. Heule darf man recht zufrieden damit sein. Es zeigt sich auch dabei wieder, daß die späten Frühjahre für unsere Gegend stets voriheilhast sind, denn wenn es zu frühe Sommer wird, kommen die Nachtfröste (wie wir es dieses Jahr sogar noch Mitte Juni im Kreise Alsfeld leider erlebten) und verderben Vieles.
„ Zu den Halmfrüchte« übergehend, bemerken wir mit Vergnügen, daß es gut dis recht gut aussieht. Weich' ein Unterschied zwischen Ende Juni 1891 uno 1892! Wenn uns im vorigen Jahre daS Obst nicht an vielen Orten herausgerissen hätte, wäre es da und dort schief gegangen. Dieses Jahr sieht es mit dem Obste gering aus, aber sonst steht es sehr erfreulich. Eins ergänzt das andere und das ist gut, sonst würden die Bäume am Ende gar bis in den Himmel wachsen.
Seit Mitte Juni ist es fübler geworden, für Menschen und Thiere eine große Wohlthat. Diese Witterung begünstigt, noch besonders das Auspflanzen von Dickwurzeln, Tabak, Kohlraben, Weißkraut, Wirsing und anbei en Gemüsen. Das trockene Frühjahr ermöglichte die giüuduche Säuberung und Durcharbeitung der Felder, welche durch die enorme Feuchtigkeit des 1891er Jahrgangs ganz ungewöhnlich verunkrautet waren. Der Stand der Handels- gewächse als: Raps, Zuckerrüben, hie und Da auch etwas Hanf, Flachs, Tabak und Mag'amen ist recht schön.
Die Er«t-a«-fichien in unserer Provinz find, wie fich a«- Borfiehendem ergiedt, fast allgemein gut bis sehr gut. Für Den Berichterstatter ist es ein wahrer Hochgenuß, so etwas niederschreiben zu können. Nur Obst fihlt; allein es ist gut, daß sich die Bäume ausruhen, sonst würde dies ihrer Tragfähigkeit schaden.
Wie bei uns, sieht es fast in ganz Deutschland, in ganz Europa au§ und auch von den übrigen Wcltthetlen wtrd Günstiges gemeldet. Die Getretbepreise sinken, trotzdem die krampfhaftesten Anstrengungen von den Großhändlern gemacht werden, sie hoch zu halten. Es ist zu bedauern, daß bas Brot bes armen Mannes von geldhungerigm Großsveculanten so vertheuert werden kann.
Trotz diesen Hindernissen werden wir — wenn nicht besondere große Unglücksfälle durch Hagelschlag — (Landleute versichert die Ernte!) — und Ueberschwemmungen auftreten — eine schöne Ernte und einen guten Herbst zu erwarten haben, denn auch der Weinstock hat schön geladen und die Blüthe ist gut verlaufen. So hat es seit 1868, also seit fast einem Vierteljahrhundert in den Weinbergen nicht mehr ausgesehen.
Wir sehen mit Befriedigung zurück, daß am Ende des ersten Halbjahres 1892 alles so schön abgtgangen; wir sehen mit Zufriedenheit um rrn-, daß alles viel besser geworden, als man noch vor wenigen Wochen zu hoff.n wagte; wir sehen mit D-r traue« in di- Zukunft, denn die Vorbedingungen für ein gutes Ende sind vorhanven. Möchte Alles in Erfüllung gehen. Das walte Gott!
Verkehr, Land« und Volkswirthjchaft.
i _ -Die Ernte i« Ungarn. Die Ernte-Arbeiten in Ungarn haben allgemein begonnen unö Die Berichte über die Ernteerträge lauten mit jedem Tage günstiger. Nach dem Stande des Weizens sind die Schatzungen auf eine volle Mittelernte berechtigt, vorausgesetzt, daß die Witterung in der Erntezeit günstig bleibt. Die Roggenernte gistaltet sich im ganzen Lande sehr befriedigend; 'die Aehren sind lang und voll ausgebildet und es haben sich daher die Schätzungen auf eine Mittelernte erhöht. Die Gerste wird überall sehr gelobt. Hafer verspricht eine reiche Ernte. Der Mais hat sich sehr schön entwickelt und setzt bereits Kolben an.
Citeratur unö Annst.
- . " Di- Arb-itSfiub- (Zeitschrift für leichte und geschmackvolle Handarbetten mit sarvlgen Originalmuftern für EaneoaSstickerei, f?Pl cation und Plattstich, sowie schwarzen und bunten Vorlagen für Abiliaran-, Klöppel-, Strick- und Stickarbeiten aller
L ™onalud> 1 ft. SB'tts Dletteljäljtlid) 90 Pfg.) erläfct für Abonnenten ein Preisausschreiben für eine selbsterfundene & ™,Dbcr Stickarbeit und hat dafür drei Preise von 20, 15 und Mk. ausgesetzt. Die Arbeit muß irgend eine Neuheit bieten, ent- roeber im Mutter, im Material ober in ber Arbeitsart; sie mutz sich burch Regelmayigkett ber Ausführung auszeichnen und darf noch nirgends oeioffentlicht sein. Die Einsendung hat bis 25. August 1892 an ben Verlag ber Arbettsstube, Eugen Twietmeyer in Leipzig, mit dem Vermerk „Zur Pr.isbewerbung" franco zu erfolgen, mutz von dem Abonnementsbeleg für das dritte Vierteljahr (Post- ober Buchhanblungsquittung), sowie von der vollständigen Adresse der Einsenderin begleitet sein. DaS Ergebniß des PreiSbewerbes wird tn dem Octoberhefte der „Arbeitsstube" bekannt gemacht. DaS Recht der Veröffentlichung der piämhrten Arbeiten steht der „Arbeitsstube" ' Je*6 ^beiten selbst bleiben Eigenthum der Einsenderinnen. Die Rücksendung der nicht angetauften Arbeiten geschieht portofrei im k?? m6,8 Monats November. Wir glauben unteren Leserinnen durch niese Mitthetlung einen Dienst zu erweisen.
Feuilleton.
Carl Vogt.
Don Georg Edward.
(4. Fortsetzung.)
Carl Vogts Thätigkeit auf dem Gebiete der Naturwissenschaften ist eine so vielseitige, die Reihe seiner Werke und wissenschaftlichen Abhandlungen eine so große, daß es fast unmöglich ist, aus alles das einzugehen. Während des Revolutionsjahres erschien seine Reisebeschreibung „Ocean und Mtttelmeer", welcher dann die mit Humor und Satire gewürzten „Bilder aus dem Thierleben" und die „Untersuchungen über .Thierstaaten", ferner die noch immer sehr brauchbaren „Zoologischen Briese", eine Art gemeinverständlicher Naturgeschichte, und die gegen den Physiologen Rudolph Wagner gerichtete unerquickliche Streitschrift „Köhlerglaube und Wissenschaft" folgten.
Am 24. November 1859 kam in London ein Buch heraus, das unsere Weltanschauung von Grund aus umgestalten sollte. Es sührte den Titel, dessen Uebersetzung lautet: „lieber die Entstehung der Arten im Thier- und Pflanzenreich durch natürliche Züchtung oder Erhaltung der vervollkommneten Rassen im Kampfe ums Dasein". Eine I Notiz in Darwins Autobiographie sagt, daß die erste Aus- I läge des Buches, die 1250 Exemplare stark war, am Tage der Herausgabe und eine zweite von 3000 Exemplaren bald danach verkauft wurde. „Es ist ohne Zwetsel die Haupt- arbeit meines Lebens", sagt Darwin. Seitdem sind mehr als dreißig Jahre vergangen. Das Werk, dem Darwin selbst nicht entfernt die Bedeutung beilegte, die es in der Folge errang, scheint anfangs in Deutschland keine warme Auf- nähme gesunden zu haben, wenn auch immer noch eine wärmere als in England. Als ber Verfasser indessen im
Jahre 1876 seine autobiographischen Erinnerungen auszeichnete, konnte er von Deutschland schreiben, daß dort alle ein oder zwei Jahre ein Catalog oder eine Bibliographie über den „Darwinismus" erscheint. Deutschland hatte also die Führung auf dem Gebiete der Descendenztheorie übernommen und behauptet sie heute noch.
Krause, der in seiner kleinen Schrift: „Charles Darwin und sein Verhältniß zu Deutschland" über die Entwickelungs- lehre in diesem Lande spricht, hebt hervor, daß die ersten Anhänger und Verkünder derselben populäre Schriftsteller gewesen, was natürlich zur Folge hatte, daß die wissenschaftliche Welt, und an ihrer Spitze die Professoren, der Sache mit Mißtrauen entgegensah. Ernst Häckel gelang es endlich auf der Naturforscher-Versammlung in Stettin, 1863, ebenso wie durch seine „Radiolarien", die im Jahr vorher erschienen waren, auch die Aufmerksamkeit ber wissenschaftlich Gebildeten aus die Darwinsche Theorie zu lenken, die nun alles Thun und Denken durchdringt und deren philosophische Tragweite eine ungeheuere, wenn auch noch lange nicht genügend gewürdigte ist.
Gegner der Darwinschen Lehre — und deren gibt es überall noch eine große Anzahl — haben unter anderem nicht genug betonen können, daß die Entwickelungstheorie schon früher mehrfach aufgestellt worden sei. Das ist That- sache. Darwin aber bleibt ewig das hohe Verdienst, dieselbe ausgebildet und begründet zu haben.
Aeußerlich betrachtet, wird der Utilitarismus darin zum Weltprincip erhoben. Das Nützliche bleibt bestehen, verstärkt sich durch den Gebrauch, nm schließlich vererbt zu werden. Von wenigen, vielleicht nur von einer einzigen überaus einfachen Stammform haben sich langsam durch Transsormismus der unermeßliche Reichthum der Formen, die verwickelsten Gebilde aller Lebewesen entwickelt. Der nie rastende Kampf ums Dasein bildet das Nützliche aus, das sich den Verhältnissen anpaßt und sich während einer unermeßlichen Zeitdauer
verändert und festigt. So ist alles, was geworden, in stetem Werden begriffen; ein Naturproceß, dunkel, rücksichtslos, von eiserner Gewalt, ein unablässiges, unaufhaltsames Vorwärts. Der goldene Traum von der Harmonie und dem seligen Frieden der Natur, den das achtzehnte Jahrhundert geträumt hat, wird mit rauher Macht zerrissen: ein unbarmherziger Kamps der Natur tritt an seine Stelle, in dem das Eine durch die Vernichtung des Andern fortschreitet, sich entwickelt, sich vollendet. Durch Untergang und Tod des Unbrauchbaren wird junges kräftiges Leben erzeugt. Das Schöne und Gute wird bedeutungslos und nur das, was der Lebenserhaltung dient, nur das Nützliche, hat Bedeutung. „Hunger und Liebe", sagt Schiller. Das Wunderbare, Unvermittelte verschwindet, die leitenden Zwecke, die geheimnißreichen Triebkräfte des Daseins werden beseitigt. Der Mensch, selbst ein Glied des Processes, beugt sich unter die Naturgesetze, unter die „ewigen ehernen großen Gesetze", wie Goethe sagt.
Ein Bild, furchtbar in seiner Kälte, niederschmetternd in seiner eisernen Härte! Rastlos, mannigfaltig, — doch im Grunde leer und ungeheuer! Aber der Mensch wird sich seines nahen Verhältnisses zum All bewußt und daraus muß eine Begelsterung für Großes und Edles entstehen. Die Natur wird personificirt, und wo die Theorie ins practische Leben übergeht, strahlt sie auf dieses einen seltenen eigenartigen Glanz.
Das ist daS Weltbild nach der Descendenz-Theorie!
Häckel ist in Deutschland der Vorkämpfer und bedeutendste Vertreter des Darwinismus geworden. An ihn reiht sich eine große Anzahl von Forschern und Denkern, deren Namen von gutem Klang sind. Zu ihnen gehört Carl Vogt, und er war auch einer von jenen elften Anhängern und Verkündern der Abstammungslehre, die von Krause in seiner oben genannten Schrift als populäre Schriftsteller bezeichnet werden. (Schluß folgt.


