N> . 107 Erstes Blatt Sonntag den 8. Mai
1892
Der Girhener Anzeiger ertdieini täglich, mit Ausnahme des Montag-.
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Anrtlichev Theil.
Bekanntmachung, betreffend Bildung einer öffentlichen Waffergenoffenschaft zur Entwässerung von Grundstücken in den Fluren VIII, IX und I der Gemarkung Sleinheim.
Nachdem zur Ausführung einer Entwässerung von Grundstücken in den Fluren VIII, IX und I der Gemarkung Steinheim Antrag auf Bildung einer öffentlichen Waffergenoffenschaft gestellt worden ist und die Großh. Obere landwirthschaftliche Behörde als fachliche Centralbehörde das beabsichtigte Unternehmen als zulässig und zweckmäßig erachtet und die Einleitung des Verfahrens zur Bildung einer öffentlichen Wassergenossenschaft angeordnet hat, wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die Vorarbeiten hierzu in der Zeit vom 10. bis einschließlich 23. Mai l. I. auf dem Amtszimmer der Großh. Bürgermeisterei Steinheim zur Einsicht sämmtlicher Grundeigenthümer, deren Grundstücke in die zu verbessernde Fläche fallen, offen liegen.
Gleichzeitig werden diese Grundeigenthümer zur Verhandlung und Beschlußfassung, sowie zur Wahl ihrer Vertreter für das weitere Verfahren auf
Mittwoch den 25. Mai l. I., Vormittags 8y2 Uhr in das Rathhaus zu Steinheim vorgeladen, unter Androhung des Rechisnachtheils, daß die Nichterscheinenden sowie die Nichtabstimmenden als dem beantragten Unternehmen beistimmend und mit der Wahl der Vertreter einverstanden angesehen und mit ihren Einwendungen gegen die Art der Ausführung später nicht mehr gehört werden.
Diejenigen Grundeigenthümer und Wassernutzungsberechtigten, die an dem Unternehmen nicht unmittelbar betheiligt erscheinen, werden hiermit aufgefordert, etwaige Einsprachen gegen das Unternehmen in der vorerwähnten Tagfahrt geltend zu machen, widrigenfalls die Einsprachen nach Ablauf der ’ Frist nicht mehr berücksichtigt würden und nur noch privat- , rechtliche Entschädigungsansprüche gegenüber dem Unternehmen ' geltend gemacht werden könnten.
Gießen, den 5. Mai 1892. f
Grobherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Bekanntmachung.
Molkereicursus zu Selters betr.
Mit Zustimmung Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz soll an der Molkerei zu Selters unter Leitung
des Lan-wirthschaftslehrers Andrae zu Büdingen ein Molkereicursus für Frauen und Mädchen eingerichtet werden.
Der diesjährige Eursus beginnt am Montag den 16. Mai, Morgens 8 Uhr, und endigt am Samstag den 28. Mai, Nachmittags 3 Uhr.
Indem wir auf das hierunter veröffentlichte Programm verweisen, laden wir Interessenten ein, sich an dem Eursus zu betheiligen und bis zum 15. Mai bei Herrn Landwirth- schaftslehrer Andrae in Büdingen zu melden.
Programm
für den Molkereicursus zu Selters.
1. Zweck des Eursus. Der Molkereicursus soll : Frauen und Töchtern von Landwirthen Gelegenheit zur Aneignung derjenigen Kenntnisse und Fertigkeiten geben, welche j zum rationellen Betriebe der Milchwirthschaft unbedingt er- \ forderlich sind.
2. Lehrgegenstände. Der Eursus besteht in theoretischem Unterricht, verbunden mit Demonstrationen und ; praktischen Arbeiten in der Molkerei.
Der Eursus wird von einem im Molkereifache ausge- i bildeten Landwirthsschaftslehrer geleitet, welchem zu diesem ! Zwecke ein practikcher Molkereibetrieb zur Verfügung steht, • wodurch jeder Teilnehmerin Gelegenheit gegeben ist, auch die j wichtigsten Fertigkeiten zu erwerben.
Der theoretische Unterricht erstreckt sich auf
* a. Entstehung und Zusammensetzung der Milch, Behandlung derselben im Stall und Transport nach dem Verkaufs- oder Verarbeitungsort;
b. die Bestimmung des Fettgehalts der Milch mittelst des Laktobutyrometers und des Soxhlet'schen Apparates;
c. die verschiedenen Methoden der Entrahmung, ihre Vortheile und Nachtheile uif * Anwendbarkeit im landwirth- schastlichen Betrieb;
d. die Butterbereitung;
e. die Käsegewinnung;
f. die Verwerthung der Magermilch, Buttermilch und Molken;
g. die genossenschaftliche Verarbeitung der Milch;
h. das Wichtigste über Aufzucht, Haltung und Fütterung des Rindviehs.
Die practischen Arbeiten während des Eursus bestehen in a. Milchabnahme in der Molkerei;
b. Entrahmung der Milch mittelst einer Centrifuge; im Anschluß hieran die Entrahmung von gleichen Milch- mengen nach dem Kaltwasserverfahren und nach dem allgemein üblichen Häfenverfahren zum Vergleich des Ausrahmungsgrades und der Zeitdauer;
c. Buttergewinnung, Butterkneten und Verpackung;
d. Bereitung von Magerkäsen (Hand-und Limburger Käsen) und französischen Weichkäsen (Fromage de Brie, de Camenbert, de Neufchätel).
3. Zeitdauer des Eursus. Die Molkereicurse werden im Mai abgehalten und sind von vierzehntägiger Dauer, worüber jedesmal näher bestimmt werden wird.
4. Aufnahmebedingungen. Aufnahmefähig sind junge Mädchen aus dem Großherzogthum Hessen, welche zum mindesten 16 Jahre alt sind und in der Haus- und Land- wirthschaft bereits practisch gearbeitet haben.
Als Honorar zahlt jede Theilnehmerin am Cursus 10 Mk., wofür ihr indeß noch ein Lehrbuch über Milchwirthschaft zu Theil wird.
Kost und Wohnung kann während der Dauer des Cursus gegen billigen Preis in Selters genommen werden.
5. Prüfung. Am Schluß des Cursus wird eine kurze Prüfung abgehalten, wozu Eltern und Interessenten eingeladen werden.
Darmstadt, den 4. Mai 1892.
Großherzogliche Obere landwirthschaftliche Behörde: ___________________Jaup. _____________
Gefunden: 1 Messer, 2 Taschentücher, Geld, 1 Brille, 1 Armband, 1 Bleifederhalter, 1 Schiebkarren, 1 Schraubenschlüssel und 1 Lederhandschuh.
Zugelaufen: 1 Dachshund.
Gießen, am 7. Mai 1892.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Fresenius.
Nenefte Nachrichten.
fBo(R$ telegraphische» Lorrespondenz-Bureav
Berlin, 6. Mai. Der „Reichsanzeiger" meldet die Ernennung des Wirklichen Geheimen Oberregierungsraths und Ministerialdirectors Lohmann zum Unterstaatssecretär im Handelsministerium.
Berlin, 6. Mai. Heute erschoß sich der Ches des Bankhauses Hammerstein. Der Fall soll mit der Börse nicht in Verbindung stehen.
Paris, 6. Mai. Der bei der Explosion im Restaurant Very schwer verletzte Hamonod ist gestorben. Der Zustand Verys ist unverändert.
Petersburg, 6. Mai. Die Nordische Telegraphenagentur bestätigt aus bester Quelle, daß die Getreidecommission ihre Zustimmung zur Freigabe des Exports der augenblick-
Feuilleton.
Die Laterne.
Aus den Erinnerungen eines alten Offiziers.
Von Friedrich Meister.
(Nachdruck verboten.)
Ja, ich will die Geschichte endlich einmal zu Papier bringen. Wohl hatte ick mir fest vorgenommen, daß kein Mensch von der Begebenheit, die den Wendepunkt meines Lebens bildete, jemals etwas erfahren sollte, jetzt aber habe ich diesen Entschluß ausgegeben.
Der heutige Tag ist ein Glückstag für mich gewesen, einer der glücklichsten, die ich je erlebt.
Ich bin ein alter Mann, der seinem König manch langes Jahr gedient hat. Durch Gottes Gnade ist meine Laufbahn eine ehrenvolle gewesen, meine Leistungen haben Anerkennung gesunden, weit über Verdienst, heute aber ist mir das Größte widerfahren — mein allergnädigster König und Herr hat mir die erste Klaffe des Rothen Adlerordens verliehen und mich überdies mit einem Handschreiben beglückt, bei dessen Durchlesen mir die alten Augen wieder und wieder naß geworden sind.
Meine Tochter Hertha hat ihren Kindern, den vier lieben, blauäugigen Knaben, lang und breit von der neuen Ehre erzählt, die dem Großvater zu Theil geworden, und dieselben dabei ermahnt, in seine Fußtapfen zu treten und, wie er, sich die Liebe aller Nahestehenden, die Bewunderung des Vaterlandes und die wohlwollende Anerkennung des obersten Kriegsherrn zu erwerben.
Das war nun freilich sehr viel gesagt, zu viel für meine bescheidenen Verdienste; sie hatte eben mit der Voreingenommenheit einer liebenden Tochter geredet. Aber die Rührung übermannte mich doch. Ihr Antlitz, ihre Gestalt, ihre Stimme erinnerten mich so lebhaft an ihre verstorbene Mutter, an wein treues Weib, deren Abwesenheit der einzige bittere Tropfen in dem Freudenkelch des Tages war.
Hertha erzählte den Knaben die schon so oft wiederholte Geschichte, wie der Großvater in seinem letzten Feldzuge bei Le Bourget das Eiserne Kreuz erster Klaffe gewann; dann, als sie den funkelnden Stern des Rothen Adlerordens in die Cafette zu den übrigen Orden und Ehrenzeichen legte, forderte sie die kleine Gesellschaft auf, drei kräftige Hurrahs dem lieben Großvater zu Ehren ertönen zu lassen, und ich muß gestehen, daß diese dünnen Kinderstimmchen mich mehr bewegten, als das brausende Jubelgeschrei der ungezählten Tausende, das uns bei unserem Einzug ins Brandenburger Thor einst begrüßt hatten.
Jetzt sitze ich allein im stillen Gemach; die Kinder schlafen und das Haus ist ruhig. Ich sitze und denke der vergangenen Zeiten.
Lebhafter als seit langen, langen Jahren erwacht in mir die Erinnerung an jenen Abend, wo der letzte irdische Augenblick mir so nahe war, daß ich es nur einer wunderbaren Gottesfügung danken kann, wenn mir dennoch ein friedliches, ehrenvolles Alter im Kreise liebender Kinder und Kindeskinder bescheerr worden ist.
Gar manches Mal habe ich dem Tode ins Angesicht geschaut, dem Tod auf dem Felde der Ehre. Niemals jedoch war ich dem Tode so nahe, und dazu einem schlimmen, unrühmlichen Tode wie an jenem Abend.
Bis heute hat Niemand diese Geschichte vernommen, und so lange ich am Leben bin, soll aucy Niemand sie vernehmen. Man wird diese Niederschrift nach meinem Tode versiegelt in meinem Schreibtische finden. Ich könnte es nicht über mich gewinnen, meiner Tochter davon zu erzählen, ich weiß aber, daß sie mir verzeihen wird, wenn ich nicht mehr bin.
Nun zu meinem Bertcht; möge er für Andere eine Lehre sein.
Im Jahre 18** stand ich als Secondlieutenant in dem *ten Regiment. Mein Vater war kein reicher Mann, dennoch aber gewährte er mir einen Zuschuß, mit welchem ich, selbst ohne ängstliche Sparsamkeit, gar wohl hätte auskommen können. I Meiner Mutter erinnere ich mich als der besten der Frauen; |
sie hing an mir mit zärtlichster, vielleicht ein wenig zu nachsichtiger Liebe.
Die jungen Offiziere unseres Regiments genossen in der Garnison den Rus der unverwüstlichsten Lebenslustigkeit — um mich nicht stärker auszudrücken; von allen aber galt ich, mit einer einzigen Ausnahme, als der Tollste. Die Natur hatte mich mit einer romantischen Ader ausgestattet und daher mochte es wohl kommen, daß ich meine größte Freude an Abenteuern aller Art sand.
Die erwähnte Ausnahme, Lieutenant Helmsdorf, war mein intimster Freund. Seine Charactereigenschasten hatten ihm vor allen andern meine vollste Zuneigung erworben. Seine Neigungen und Liebhabereien glichen den meinigen auf ein Haar, er huldigte derselben halb sentimentalen, halb verdrehten Philosophie, die mich in den Augen meiner verständigeren und kaltblütigeren Kameraden zuweilen geradezu räthselhaft erscheinen ließ.
Ohne Aufregung fühlten wir beide uns nicht glücklich. Die stumpfe Einförmigkeit des Garnisonlebens gab uns nur wenig Gelegenheit, unseren Passionen zu fröhnen, allein, was an Abenteuern und sonstigen Extravaganzen fertig zu bringen war, das brachten wir fertig. Selbstverständlich gerielhen wir dadurch in mancherlei Schwierigketten, sogar in recht häßliche, aber, Gott fei Dank, immer nur außerdienstlich. Bei solchen Gelegenheiten bewährte sich unsere gegenseitige Freundschaft auf das Zuverlässigste und wir fühlten uns immer fester aneinander geknüpft.
Nachdem auf solche Weise zwei Jahre vergangen waren, begannen sich, wie dies nicht anders möglich sein konnte, drückende Geldverlegenheiten bei uns einzustellen. Ab und zu hals uns zwar ein glücklicher Abend am Spieltisch wieder etwas aus der Klemme, allein niemals auf die Dauer, und gar bald liefen uns die zudringlichen Gläubiger wieder die Thüren ein.
(Fortsetzung folgt.)


