Nr. 154 Erstes Blatt Mittwoch den 6. Juli
1892
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/> Bekanntmachmlg,
betr. me Unterhaltung der Kreisstraßen, hier den Umbau der Lumdabrücke bei Daubringen.
Die im Zuge der Kreisstraße Lollar—Daubringen gelegene Lumdabrürke bei Daubringen wird wegen Umbaues derselben von
Montag den 11. Juli d. I.
ab bis aus Weiteres gesperrt.
Gießen, den 5. Juli 1892.
Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.
Bekanntmachung,
betr. die Unterhaltung der Kreisstraßen, hier den Umbau der Wetterbrücke bei Ober-Bessingen.
Die im Zuge der Kreisstraße Ober - Bessingen- Ettingshausen gelegene Wetterbrücke bei Ober- Bessingen wird wegen Umbaues derselben von
Montag den 11. Juli d. I.
ab bis aus Weiteres für den Verkehr gesperrt.
Gießen, den 5. Juli 1892.
Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.
Bekanntmachung, betr. die Veranstaltung von Verloosungen innerhalb des Großherzogthums.
Es wird zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß der Ortsvorstand zu Nidda mit dem am 12. September d. I. daselbst stattfindenden Herbstmarkte eine Verloosung von Vieh und landwirthschastlichen Geräthschasten zu verbinden beabsichtigt, um die Mittel zur Prämiirung von Vieh zu gewinnen.
Großherzogliches Ministerium des Innern und der Justiz hat die nachgesuchte Erlaubniß zur Veranstaltung dieser Verloosung unter der Bedingung ertheilt, daß nicht mehr als 8000 Loose, zu 50 Psg. das Stück, ausgegeben werden dürfen und mindestens 60 pCt. des Bruttoerlöses aus dem Verkaufe der Loose zum Ankauf von Gewinngegenständen zu verwenden sind.
Zugleich ist der Vertrieb der Loose in der Provinz Oberhessen gestattet worden.
Gießen, den 4. Juli 1892.
Grobherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.
Gießen, den 1. Juli 1892.
Betr.: Die regelmäßigen Ergänzungswahlen der Mitglieder des Gemeinderaths.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
die Grotzh. Bürgermeistereien de- «reifes.
Soweit Sie unseren Verfügungen vom 27. und 30. Mai l. I- — Anzeiger Nr. 124 und 127 — noch nicht entsprochen haben, erinnern wir Sie an baldige Erledigung.
v. Gagern.
Deutsche- Reich.
Berlin, 4. Juli. Der Kaiser traf an Bord seiner Jacht „Kaiseradler", gefolgt vom Panzerschiffe „Siegfried", in der Nacht zum Sonntag im besten Wohlsein in Bergen ein, der wichtigsten Handelsstadt Norwegens. Die Kaiserliche Dacht wurde bei der Einfahrt von den Festungsbatterien und von der vor Bergen ankernden deutschen Corvette „Stosch", die jetzt als Cadetten-Schulschiff dient, salutirt. Der Kaiser nahm an Bord des „Kaiseradler" mehrere Meldungen entgegen, hielt dann Gottesdienst ab und setzte um 2 Uhr Nachmittags, ohne an Land gegangen zu sein, die Weitersahrt nach Drontheim fort.
— Die Versetzung des seitherigen deutschen Botschafters in Constantinopel, Herrn v. Radowitz, nach Madrid erregt in den Berliner politischen Kreisen großes Aufsehen, da die Nachricht von dieser diplomatischen Versetzung ganz unerwartet gekommen ist. Herr v. Nadowitz hat das deutsche Reich beinahe ein volles Jahrzehnt bei der Pforte vertreten und sich auf dem ebenso schwierige wie wichtigen Stambuler Botschasterposten ungemein bewährt. Es müssen darum gewichtige Gründe gewesen sein, welche die Versetzung Herrn v. Radowitzs vom goldenen Horn nach der spanischen Hauptstadt veranlaßt haben. Inwieweit die hierüber in der Presse coursirenden Mittheilungen den Thatsachen entsprechen, muß noch dahingestellt bleiben- doch hat die Vermuthung Vieles für sich, daß die Uebernahme des in Folge der Demission des Freiherrn v. Stumm erledigten Madrider Botschafterpostens durch Herrn v. Radowitz hauptsächlich mit den Verhandlungen wegen des neuen deutsch-spanischen Handelsvertrages zusammenhängt. Dieselben erfordern, sollen sie in einem für Deutschland ersprießlichen Sinne zu Ende geführt werden, eine diplomatische Kraft allerersten Ranges und als solche darf Herr v. Radowitz allerdings gelten. — Der bereits ernannte neue Botschafter Deutschlands bei der Pforte, der Kaiserliche Obersttruchseß Fürst Radolin-Radolinski, war bis zum Jahre 1883 diplomatisch thätig, zuletzt als preußischerGesandter bei den thüringischenRegierungen(Weimar). Alsdann wurde er Hofmarschall beim damaligen Kronprinzen I Friedrich Wilhelm, später bewirthschastete Fürst Radolin seine I großen Güter in Schlesien. Da der Fürst während seiner
früheren diplomatischen Laufbahn schon in« Constantinopel thätig war — er sungirte hier in zeitweiser Vertretung des Grafen Hatzftld als deutscher Geschäftsträger — so sind ihm die Verhältnisse am goldenen Horn wenigstens nicht fremd.
— Die Abberufung des Gouverneurs von D e u t s ch - O st a sr i k a, des Freiherrn v. Soden, von seinem Posten soll bei der Reichsregierung beschlossene Sache sein. Es heißt sogar, als sein Nachfolger sei bereits der gegenwärtige Consul in Schanghai, Herr Dr. Stübel, in Aussicht genommen. Indessen wird man gut thun, diese durch ein Kabeltelegramm des bekannten Spezialberichterstatters des „Berliner Tageblattes" in Ostafrika, des Herrn Eugen Wolf, mitgetheilte Nachricht noch mit Zurückhaltung aufzunehmen. Weiter „kabelt" Herr Wolf feinem Blatte die kurze Meldung, daß der Reichscommiffar vr. Peters fein Entlassungsgefuch eingereicht habe.
Neueste Nachrichten.
Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.
Berlin, 4. Juli. Der „Reichsanzeiger" publicirt die Ernennung des Consistorialraths Dryander zum Generalsuperintendenten der Kurmark.
Berlin, 4. Juli. Der „Reichsanzeiger" bestätigt, daß die deutsche und rumänische Regierung übereingekommen sind über den Abschluß eines neuen Handelsvertrags in Verhandlungen einzutreten. Inzwischen solle Deutschland bis 30. November 1892 in Rumänien die Meistbegünstigung genießen. Jede Erhöhung des rumänischen Tarifs solle der deutschen Einfuhr gegenüber ausgeschlossen fein.
Berlin, 4. Juli. Die ^Nationalzeitung" erklärt die Münchener Meldung betreffend eine Fusionirung der Münchener „AllgemeinenZeitung" mit der„National- zeitung" als gänzlich aus der Luft gegriffen..
Drontheim, 4. Juli. Der Kaiser ist heute Nachmittag um 6 Uhr an Bord des „Kaiseradler" hier eingetroffen.
Depeschen des Bureau „Herold".
Berlin, 4. Juli. Kommenden Samstag findet eine Sitzung der gemischten Deputation für die hiesige Weltausstellung statt.
Berlin, 5. Juli. Die „Berl. Pol. Nachr." bestätigen das Bevorstehen entscheidender Schritte in der Frage der reichsgesetzlichen Regelung des Apothekenwesens. Die Grundzüge eines förmlichen Gesetzentwurfes werden im preußischen Cultusministerium ausgearbeitet und der Centralstelle des Reiches übermittelt. Erst nach endgiltiger Stellungnahme dieser wird die Ausarbeitung des Gesetzentwurfs vorgenommen. Vorher sollen Sachverständige der Interessentenkreise gehört und die Veröffentlichung der Entwürfe bewirkt werden. Bei der Verschiedenartigkeit der Gesetzgebung dürften eingehende Verhandlungen zwischen der Bundesregierung nöthig werden.
Ferrilleton.
Carl Vogt.
Von Georg Edward.
(1. Fortsetzung.)
Für das engere Hessen begann die revolutionäre Bewegung des Jahres 1848 in Mainz. Gerade diese Stadt, die sich von jeher durch freie, geistige Bildung ausgezeichnet, in der am Ende des vorigen Jahrhunderts die Republik am Rhein verkündet worden, trat als die erste im Großherzogthum Hessen an die Spitze der Aufregung. Es war in einer Sitzung des Narrenvereins, wo der Ruf: „Kein Carneval, sondern Preßfreiheir und Volksbewaffnung!" die Versammlung plötzlich in eine Bürgerversammlung umgestaltete. Man faßte den Beschluß, nach Darmstadt zu ziehen und der Kammer der Abgeordneten eine Adresse zu überreichen. Es geschah, die Adresse — die muthigste wohl von .allen Adressen, die in jeneT Zeit abgefaßt wurden — wurde 'überreicht und der erste Schritt war gethan. Schon am 27. Februar hatte Heinrich v. Gagern mit einigen anderen Abgeordneten einen Antrag in der hessischen Kammer eingebracht, der darauf hinzielte, den Großherzog zu bestimmen, in der Bundesversammlung und außerhalb derselben die Herstellung eines Bundesstaates , Einsetzung einer Cenrralgewalt und Einberufung einer Volksversammlung in zwei Kammern zu bewirken. Am Abend des nächsten Tages wurde in Gießen im Busch'schen Garten die erste große Volksversammlung abgehalten. Sie war wesentlich durch die Bemühungen zweier Studenten I zusammengekommen, Alexander Büchners, des jetzigen verdienst- I -»otlen Lillerarhistorikers in Caen, und Rudolf Fendts, der '
später als Buchdruckereibesitzer und Verleger der „Neuen Hessischen Volksblätter" in Darmstadt lebte. Da es galt, zu dieser Versammlung für den „Republikanischen Club" einen älteren Mann als Präsidenten zu finden, wanderten die beiden auch zu Carl Vogt, der damals, wie schon oben bemerkt, erst seit Kurzem als außerordentlicher Professor der Naturwissenschaft und „anerkannter Republikaner", wie Fendt in feinem 1875 erschienenen, sehr lesenswerthen Buche über jene Zeit schreibt, in Gießen lebte. Carl Vogts allgemein bekannte Gesinnungen, besonders auch seine Betheiligung an den burschenschaftlichen Bestrebungen der dreißiger Jahre, die ihn damals sogar zur Flucht nöthigten, hatten die jungen Studenten veranlaßt, ihre Schritte zuerst zu ihm zu lenken. Aber wider Erwarten wies Carl Vogt sie ab. „Stürmt meinetwegen den Himmel," sagte der neue Extraordinarius der Naturwissenschaft, „und proclamirt die deutsche Republik — von heute auf morgen! Ich bin Professor und habe Rücksichten aus meine amtliche Stellung zu nehmen, die Euch Tollköpfen fremd sind. Sucht Euch für die mir zugedachte Charge einen Anderen. Später wirds vielleicht schöner!" Aber die weiteren Ereignisse ließen auch Carl Vogt auf der Tribüne des Politikers erscheinen, und daß sein Name bald in Gießen zu den meistgenannten gehörte, geht aus den Flugblättern und Zeitungen jener Zeit hervor. Als in den Märztagen eine Bürgerwehr organisirt wurde, wählte man Carl Vogt zum Obersten, und es scheint, daß sich der professor extra- ordinarius der Zoologie und Doctor der Medicin seiner militärischen Functionen mit großer Pünktlichkeit zu entledigen verstand. Fendt erzählt übrigens, daß der republikanisch gesinnte Oberst Vogt einmal auf einer Parade, wo er als ed)ter Sonntagsreiter auf einer nmfL Rosinante die Front entlang sprengte, eine unvergeßlich ^sche Figur abgab.
Nach einer Mittheilung der sehr conservativen „Frankfurter Oberpostamtszeitung" aus jenen Tagen gab es damals in dem kleinen Gießen nicht weniger als fünf politische Vereine. Drei derselben waren ausgesprochen demokratisch-republikanisch, ein vierter schwankte nach rechts und links, und der letzte, der sich selbst als constitutionell-monarchisch bezeichnete, war durchaus conservativ.
Carl Vogt stand auf der Liste der Wahlcandidaten für die constituirende Versammlung in Frankfurt. Er war bereits im Vorparlament gewesen und hatte sich dort ausgezeichnet. Als er als Candidat der constituirenden Nationalversammlung auftrat, erließ er Anfangs April einen großen Aufruf: „An die Oberhessen." Dieser Aufruf, das politische Glaubensbekenntniß. Carl Vogts, enthält viele Punkte, die dadurch überraschen, daß sie auch jetzt noch auf dem Programm der linksstehenden politischen Parteien Deutschlands auftauchen, andererseits aber zeigt er, wie viele Bestrebungen damals vorhanden waren, die sich erst nach Jahren in Deutschland realisiren sollten, die aber in jener Zeit den Verthei- digern und Vertretern dieser Bestrebungen Verachtung und Verfolgung zuzogen. Außer den bekannten allgemeinen Forderungen, wie Rede- und Preßfreiheit, freies Associations- recht, Gleichheit vor dem Gesetze, allgemeines Staatsbürgerrecht, einheitliches System des Handels, der Sicherheitsgesetze, der Münze, der Eisenbahnen und Einheit der Civil- und Strafgesetzgebung und des Gerichtsverfahrens, enthält der genannte Aufruf Carl Vogts auch die Forderung der „Einheit des Vaterlandes".
Der interessanteste Punkt des Vogt'schen Programms ist aber jedenfalls die Stelle, wo er Stellung zu der Frage des zu erwählenden Oberhauptes des Staates nimmt. „Ein Bundeshaupt mit verantwortlichem Ministerium," schreibt


