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Vtr. 259

Samstag dcn 5. November

1892

Der Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags.

Die Gießener Mamilienvlälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Hichener Anzeiger

Kenerat-Anzeiger.

Vierteljähriger Aöonnementsprei»: 2 Mark 20 Pfg. mti Bringerlohn.

Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Psg.

Redaction, Erpedilion und Druckerei:

-chutstratze Fernsprecher 51.

Amts- und Anzeigedtntt fiir den "Kreis liessen.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.

Amtlicher Theil.

/ Gießen, den 1. November 1892.

a^tr.: Die Ausführung des Reichsgesetzes vom 10. Mai 1892 / über die Unterstützung von Familien der zu Friedens- f Übungen einberufenen Mannschaften.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

<m die «rotzh. Vürgermetfterese« deA KreiseA.

Wir beauftragen Sie, die Gemeinde-Einnehmer nochmals auf unser Ausschreiben vom 28. Juni l. I. pos. 5 (Kreis- blatt vom 1. Juli 1892 Nr. 150), wegen der Verrechnung der angewiesenen Unterstützungebeträge mit der Kreiskaffe hinzuweisen und denselben zu eröffnen, daß alle bis 1. k. Mts. noch nicht an den Kreiskafferechner abgelieferten seither ertheilten und vor diesem Termine noch ertheilt werdenden Zahlungsanweisungen wenn nöthig auf ihre Kosten durch Wartboten abgeholt werden müßten.

Zugleich empfehlen wir Ihnen, alle noch in Aussicht stehenden Unterstützungsanträge sobald wie möglich an uns einzusenden. Wir machen noch darauf aufmerksam, daß nach § 2 der Ausführungsvorschriften zum Gesetz vom 2. Juni 1892 die Unterstützung schon vor Beginn der Hebung beantragt werden kann und im Voraus von Halbmonat zu Halb­monat ffiß zur Beendigung der Hebung zahlbar ist. Es scheint das nicht genügend bekannt zu sein, da die Unter­stützungsanträge seither immer erst nach beendigter Hebung oder auch während der Hebung für den abgeleisteten Theil derselben von Ihnen aufgenommen worden sind.

Da im letzten Falle wohl nicht anzunehmen ist, daß die Berechtigten nur für einen Theil der Hebungszeit ihren Anspruch angemeldet, sondern diesen doch wohl für die ganze Hebungszeit erhoben haben, so wollen diejenigen von Ihnen, die einen solchen Anspruch nicht für die ganze Hebungszeit aufgenommen haben, uns sofort noch den Antrag (Empfangs- Bescheinigung, Formular A) für den Rest der Hebungszeit einsenden, wobei wir bemerken, daß nach § 5 der genannten Ausführungsvorschriften eine Rückzahlung ordnungsmäßig vorausbezahlter Beträge auch dann nicht stattfindet, wenn eine vorzeitige Entlassung des Einberufenen vor dem Tage, bis wohin Vorauszahlung stattgefunden hat, erfolgt ist. __v. Gagern. _________________

Bekanntmachung,

Maul- und Klauenseuche zu Leihgestern betreffend.

Nachdem die in einem Gehöft zu Leihgestern ausgebrochen gewesene Maul- und Klauenseuche erloschen ist, haben wir die angeordneten Sperrmaßregeln wieder aufgehoben. Zur Ausstellung von Gesundheitsscheinen ist die Großherzogliche Bürgermeisterei Leihgestern indeß vorläufig noch nicht befugt,

Gratisbeilage: Gieljener Kamitienötatter.

Alle Annoncen.Bureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

zur Ausführung von Rindvieh, Schafen, Ziegen, Schweinen aus Fer Gemarkung Leihgestern ist vielmehr bis auf Weiteres noch der Besitz thierärztlicher Gesundheitszeugnisse erforderlich.

Gießen, den 3. November 1892.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

__v. Gagern.__

Bekanntmachung,

Maul» und Klauenseuche zu Mainzlar betreffend.

Nachdem seit dem Erlöschen der Maul-und Klauenseuche bis jetzt in der Gemarkung Mainzlar Fälle von Maul- und Klauenseuche nicht mehr aufgetreten sind, Haden wir der Großh. Bürgermeisterei Mainzlar die Erlaubniß zur Aus­stellung von Gefundheitsscheinen für Rindvieh, Schafe, Ziegen und Schweine wieder ertheilt.

Gießen, den 3. November 1892.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

___v. Gagern. _________

Bekanntmachung,

Schafräude zu Allendorf a. d. Lda. betreffend.

Nach Erlöschen der Räude unter der Herde des Schäfers Wißner zu Allendorf a. d. Lda. und nachdem ein Räude­ausbruch unter den unter polizeiliche Beobachtung gestellten anderen Herden dieser Gemeinde jetzt nicht mehr zu befürchten steht, haben wir die über die Gemarkung Allendorf a. d. Lda. verfügte Sperre wieder aufgehoben.

Gießen, den 3. November 1892.

Grobherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.___________________

Gießen, den 2. November 1892.

Betr.: Die Aufnahme von Blinden in die Blinden-Anstalt zu Friedberg.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Orotzh. Bürgermeistereien bei Kreises.

Diejenigen von Ihnen, welche unserer Auflage vom 12. October d. I. (Kreisblatt Nr. 240) noch nicht entsprochen haben, werden hiermit an Erledigung derselben erinnert. ___________________v. Gagern._____________

Gießen, den 2. November 1892.

93 etr.: Anschaffung und Unterhaltung des Faselviehes.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Gratzh. Bürgermeistereien des Kreises.

Eine Gemeinde unseres Kreises hat vor Kurzem einen Faselochfen gekauft, ohne beim Vertragsabschluß die Annahme ausdrücklich von der Bedingung abhängig zu machen, daß die Ankörung des Fasels durch die Körcommission erfolgen werde. Die Gemeinde ist nunmehr, nachdem der Fasel von der I

Körcommission für untauglich erklärt wurde, in große Hngelegenheiten gekommen, da sie deffen Rücknahme vom Verkäufer nicht verlangen kann. Wir müssen Ihnen aus diesem Anlaß dringend empfehlen, bei Ankäufen von Fasel- ochsen, welche durch eine Hessische Körcommission noch nicht gekört worden sind, stets die Eingangs angeführte Bedingung zu stellen.

v. Gagern.

Bekanntmachung.

Donnerstag den 10. November l. I, Nach­mittags 3 Hhr wird auf £ out) § Bierkeller (Westanlage) zu Gießen eine Generalversammlung des landwirthschaftlichen Bezirksvereins Gießen abgehalten werden. Alle Mitglieder des landwirthschaftlichen Bezirks- und Ortsvereins, sowie alle Freunoe der Landwirthschast werden zu dieser Versammlung hierdurch freundlichst eingeladen.

Die Herren Bürgermeister werden ersucht, den in ihren Gemeinden wohnenden Mitgliedern des Vereins von dieser Einladung Kenntniß zu geben und auf möglichst zahlreichen Besuch der Versammlung hinzuwirken.

Tagesordnung:

1) Vortrag des Herrn Privatdocenten Dr. Seitz zu Gießen über den Betrieb des Ackerbaues und der Viehzucht im Auslande.

2) Berathung über Hagelversicherung und zwar über folgende Fragen:

1. Ist der bestehende Zustand der freiwilligen Hagel­versicherung für unsere Landwirthschast für genügend zu erachten?

Für den Fall der Verneinung der ersten Frage, soll

2. eine weitere Ausdehnung der Hagelversicherung angestrebt werden:

a. durch Gewährung von Zuschüssen aus öffentlichen Mitteln ohne Zwangsversicherung? oder

b. auf dem Wege der Zwangsversicherung mit oder ohne Zuschüsse aus öffentlichen Mitteln?

3. Soll im Fall von 2a der Zuschuß erfolgen in Form der staatlichen Versicherung nach bayrischem Muster oder durch Prämiirung der bei Privatgesellschaften sich Versichernden?

4. Soll ad 2b eine Zwangsversicherung auf das ganze Großherzogthum erstrebt ober kleineren Verbänden, z. B. den Provinzen, die gesetzliche Möglichkeit der Ein­führung der Zwangsversicherung gewährt werden?

5. Ist von kleineren Verbänden als den Provinzen, nämlich von Gemeinden und Kreisen, ein selbstständiges Vorgehen auf Grund des ihnen gesetzlich zu verleihenden Rechtes des Versicherungszwanges etwa zu erwarten?

Feuilleton.

Theo.

Sctzze von E. Waldheim.

(Nachdruck verboten.)

Im Pensionat der Madame Fournier ertönt die Glocke zur Frühstückspause. In der nächsten Minute ergießt sich ein Schwarm lachender Backfische von dem Flur auf den Hof. Lauter junge, fröhliche, übermüthige Gesichter. Wie wäre es auch anders möglich gewesen? Ein Stündchen Carcer, eine Strafarbeit, das sind die einzigen Sorgen, die vielleicht einmal auf Stunden das sonnige Dasein trüben.

Leicht werden hier Freundschaftsbande geknüpft, die jungen Herzen schwören sich in schwärmerischen Augenblicken, nie von einander zu lassen, und man befestigt diesen Bund noch zum Hebersluß durch einen Ring oder sonst ein sichtbares Zeichen. Kurz es ist hier, wie in hundert anderen Pensionen, auch hier werden manche dieser Schwüre einst vergessen sein, wenn nach Jahren vielleicht daS Leben mit seinen ernsten Ansorderungen an diese Herzen herantritt.

Es ist heute ein besonderes Leben unter diesem jungen Völklein, ein großes Wichtigthun und geheimnißvolles Flüstern­aber wenn die Vorsteherin an ihm vorübergeht, da verstummt plötzlich daS Zischeln und Raunen und eS wird lautlos still wie in einer Kirche, denn vor Madame Fournier gilt es ja daS große Geheimniß zu verbergen; die hat übermorgen ihren Geburtstag und da wird sich eine auserlesene Schaar dieser jungen Damen aus einige Stunden in den Dienst der Muse Thalia begeben; die nicht beschäftigten ergehen sich in Muth- maßungen, wer gut oder schlecht spielen oder wen die Vor­steherin besonders loben wird.

Du, Theo, meinst Du wirklich, daß ich die Iduna spielen könne?"

Das kann doch jetzt nicht mehr in Frage kommen, wo wir bereits Generalprobe gehabt haben, Hildegard," erklärte Theo mit einer reizenden Bestimmtheit.

Sie ist fast die größte unter den sie umgebenden jungen Mädchen und von schlanker graziöser Gestalt mit raschen geschmeidigen Bewegungen. Hildegard von Freidors und Clara Walthaus sind ja eigentlich viel schöner, anmuthige Blondinen mit feinen regelmäßigen Zügen und süßen Ver- gißmeinnichtangen. Aber der Blick bleibt schließlich doch wieder auf Theo hasten, auf diesem ausdrucksvollen pikanten Gesicht, mit dem beweglichen Mienenspiel, mit den unbestimmt leuchtenden Augen, die den Gedanken schon ahnen lassen, noch ehe die Lippen ihn ausgesprochen.

Untere Scenen gehen übrigens brillant, Hildegard, zu Deiner Beruhigung seis gesagt- aber wie mirs die alte Miß da in der Probe vorgeschwatzt hat, so mach ichs doch nicht." Und mit blitzenden Augen zu den andern gewendet, fährt sie fort:Ich fühle, daß nur so, wie ich meine, richtig sein kann und ist. Als wir neulich im Residenztheater dieZärt­lichen Verwandten" sahen, habe ich auf jede Wendung und Betonung Acht gegeben, gerade als hätte ich eine Ahnung gehabt, daß uns eine genaue Kenntniß aller Details bald von Nöthen sei. O, eS wird samoS ausfallen, unser erstes Debüt, daraus könnt Ihr Euch verlassen, Kinder!"

Theo ist ganz begeistert und siegesgewiß. Und die andern stimmen in vollster Heberzeugung bei.

Endlich ist der große Abend erschienen. In der Garderobe herrscht ein reizendes Chaos: Bunte Bänder, groteske Hüte, vorsündfluthliche Cylinder, verschabte Fracks und altmodische Reisröcke geben sich bei dem Dust von Puder und Schminke

ein fröhliches Rendezvous, und zur Gesellschaft liegen auf Tischen und Stühlen noch diverse Perrücken, Schnauz- und Backenbärte umher, die zur Anprobe einmal ausgenommen und dann achtlos wieder zur Seite geworfen werden. Kurz, der ganze sogenannte Charadekasten hat seine Schätze heraus­geben müssen für die übermütigen Schauspielerinnen, die einander neckend, in den seltsamsten Auszügen umherlausen- ein phantastisch abenteuerliches Bild, das dem Maler Stoff zu einer reizenden Scizze geliefert hätte.

Die bereits fertig Angekleideten suchen durch Wegräumen der eigenen Sachen etwas Ordnung in das Wirrsal zu bringen, was auch nach und nach gelingt. Nur Theo steht wie ein Fels in brandendem Meere, nicht daraus achtend, daß sie schon eine Weile ihr Kleid mit Füßen tritt- in voller Aktivität, Theo Jessin in Anatole Schumerich umzuwandeln, sieht und hört sie nichts.

Wie schneidig sitzt aber auch der Dandyanzug, wie knapp umspannt das Jacquet die schlanken Hüften und wie aller­liebst steht ihr der zierliche blonde Schnurrbart- wie sie sich so nonchalant in den Sessel zurücklehnt und das Monocle ins Auge klemmt, eS ist, als habe sie eS soeben dem Stutzer Zug um Zug abgelauscht- und wie ihr die Freude über ihr eigen gelungen Bild (daS sie im Spiegel erblickt) aus den Spitzbubenaugen lacht!

Reizend, entzückend, genial!" tönt eS da plötzlich ans einem halben Dutzend frischer Kehlen und die Andern drängen nun auch herzu, das Wunder zu bestaunen- es ist ein Vor­spiel, dessen Triumph Theo allein feiert; selbst die alte Miß zögert nicht, der viel Bewunderten Weihrauch zu spenden. Sie können eS ja nicht wissen, keine von allen weiß es, welchen Gedanken sich Theo in diesem Augenblicke hinqibt^ nicht ahnen, daß sie in dieser Stunde den Flügelschlag'dcS