Dienstag den 5. Juli
1892
Der
Gte-eiier Za-eiger erlchein' täglich, mit Ausnahme de- MontagS.
Die Gießener
WoikieaVtLltcr werden dem Anzeiger WScheotlich dreimal deigelegt.
Gießener Anzeiger
Henerat-Anzeiger.
Vierteljähriger JMweeewetsprdi r 2 Mark 20 Pfg. mk Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pt,
Redaction, Expedition und Druckerei:
Kchnkßratze Ar.7.
Fernsprecher 51.
Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gieren felg raten lag erfdjeinenben I Hrätisöeikage: Hießener Iamitienökätter. |
Anrtlicher Theil.
Gießen, den 1. Juli 1892. Detr.: Das Landgestüt, insbesondere die Bedeckung der Stuten durch die Landgestütsbeschäler.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
a« die «rstzh. Bürgermeistereien deS «reise».
Diejenigen von Ihnen, welche unserer Verfügung vom 14. v. M. rubr. Betreffs (Anzeiger Nr. 136) noch nicht entsprochen haben, wollen dieselbe binnen 8 Tagen erledigen, v. Gagern.
Gießen, den 1. Juli 1892. Betr.: Die geologische Landesanstalt, hier Legitimation des Geheimen Hofrath Prof. Dr. Streng in Gießen bei Landbetretung.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
sm dir Grosth. Bürgermeistereir« »es «rrtse».
Unter Bezugnahme auf unsere Verfügung vom 24. October 1882 — Amtsblatt 11 — theilen wir Ihnen das im Abdruck nachstehende Ausschreiben Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz zur Kenntnißnahme, Nachachtung und Bedeutung des Feldpolizeipersonals mit.
v. Gagern.
Darmstadt, den 25. Juni 1892. Betr. i Wie oben.
Das Großh. Ministerium des Innern und der Justiz
an die Grotzherzoglichen Kreisämter der Provinz Oberhessen.
Wir haben dem Mitarbeiter der Großherzoglichen geologischen Landesanstalt Geh. Hofrath Prof. Dr. Streng zu Gießen die gleiche offene Legitimation zum Betreten fremder Grundstücke in der Provinz Oberhessen, wie in unserem Amtsblatt Nr. 19 vom 10. October 1882 bemerkt ist, unter der gleichen Beschränkung, was das Betreten nicht abgeernteter Grundstücke, sowie das Graben und Schürfen in Feldern und Weinbergen anlangt, ertheilt und beauftragen
Sie, die Großherzoglichen Bürgermeistereien in der gleichen Weise, wie damals angeordnet worden ist, hiernach zu bedeuten und mit Anweisung zu versehen.
Finger.
----------------f--------------------------------------------
Gießen, den 2. Juli 1892.
B^Er.: Die land- und forstwirthschaftliche Berufsgenoffen- / schäft für das Großherzogthum Hessen.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Großh. Bürgermeistereien des Kreises.
Diejenigen von Ihnen, welche unserer Auflage vom 17. Mai 1892 noch nicht entsprochen haben, werden hierdurch an umgehende Erledigung derselben erinnert. ___________________v. Gagern.___________________
Gießen, den 2. Juli 1892.
Betr.: Zurückstellung unabkömmlicher Beamten, hier von Lehrern und Schulverrvaltern im Falle einer Mobil" machung.
Die
Großh. Kreis-Schulcommisfion Gießen
an die Schulvorstände des Kreises.
Sie wollen die Lehrer oder Schulverwalter einklassiger Schulen, welche militärpflichtig sind, darauf aufmerksam machen, daß Gesuche um Zurückstellung im Falle einer Mobilmachung innerhalb S Tagen bei uns einzureichen sind. Später einlaufende Gesuche können nicht berücksichtigt werden.
In den Gesuchen ist anzugeben:
1) Civilstellung,
2) Vor- und Zunamen,
2) Militärcharge und Truppengattung,
4) Genaue Angabe des Truppentheils, Regiment, Compagnie rc., bei welchem der Eintritt erfolgt ist, und Datum des letzteren,
5) Bezirk des Landwehrbataillons.
Bei Lehrern oder Schulverwaltern, welche bereits früher bei uns reclamirt haben, bedarf es der Angaben 1—5 nicht, es genügt hier einfache Meldung.
Abwesende Lehrer oder Schulverwalter, die als alleinstehende Lehrer zur Reclamation berechtigt sind, wollen Sie sofort benachrichtigen.
v. Gagern.
Deutscher Reich.
Berlin, 2. Juli. Ueber den Verlaus der Seereise unseres Kaisers nach Norwegen liegen nur spärliche Meldungen vor, aus denen lediglich erhellt, daß die Fahrt des „Kaiseradler" zunächst nach Bergen und wohl dann erst nach Drontheim gerichtet ist.
— Der leidige Preßkamps der „Nordd. Allg. Ztg." gegen den Fürsten Bismarck soll bis auf Weiteres nicht fortgesetzt werden. Wenigstens verlautet, daß die Reihe der durch ihre Schärfe solches Aufsehen erregenden Anti-Bismarck- Artikel des genannten Blattes als einstweilen abgeschloffen zu betrachten ist, wobei vermuthlich als Voraussetzung gilt, daß auch der Altreichskanzler nunmehr schweigt und seine Angriffe auf den „neuen Cours" einstweilen einstellt oder mindestens mildert. Nun hat ja Fürst Bismarck allerdings schon wieder neue politische Aeußerungen gethan, in Gestalt seiner Kissinger Unterredung mit einem Redacteur der Münchener „Reuest. Nachr." Aber diese Aeußerungen klingen erstlich lange nicht so schroff, als die Erklärungen, die Bismarck in Wien bei seinem Interview durch einen Redacteur der „Neuen Fr. Pr." abgegeben hat, und dann datiren sie auch vom 27. Juni, an welchem Tage Fürst Bismarck von den jüngsten gegen ihn gerichteten Artikeln der „Norddeutschen" noch keine Kenntniß haben konnte. Die Kissinger Auslassungen des Er- Kanzlers sind also nicht als eine Erwiderung auf die betreffenden Vorstöße in dem Organe Caprivis zu betrachten und hoffentlich wird er auch in Zukunst von einer solchen Replik absehen, da sie nothwendiger Weise nur eine Fortsetzung des ganzen bedauerlichen Streites bedeuten würde.
— Die Frage der Berliner Weltausstellung ist durch den als ziemlich feststehend geltenden Entschluß der sranzäsischen Regierung, in Paris eine Weltausstellung voraussichtlich im Jahre 1900 zu veranstalten, plötzlich in ein ganz neues Stadium getreten. Wie erinnerlich, sollte die projectirte Berliner Weltausstellung um die Wende des Jahrhunderts stattfinden, man würde also das Schauspiel zweier gleichzeitigen Weltausstellungen erleben. Aber die Veranstaltung zweier solcher gewaltigen internationalen Wettkämpfe zur selben Zeit ift nicht gut denkbar, es wird also entweder Berlin oder Paris von dem Projekte zurücktreten müssen. Nun kann ja die deutsche Reichshauptstadt für sich geltend machen, daß sie zuerst den Plan gefaßt hat, die nächste Weltausstellung nach Chicago zu veranstalten, aber darum brauchen sich die Franzosen natürlich nicht zu kümmern, dies um so weniger, als ja die
Ferrilletsn.
Carl Vogt.
Von Georg Edward.
Was Du ererbt von Deinen Vätern hast, Erwirb es, um es zu besitzen.
Goethe.
Wenn ein bekannter Kritiker und Publicist einmal irgendwo sagt, daß man große Schriftsteller bei Nennung ihrer Namen im Geiste wie auf dem Piedestal ihres Ruhmes sieht und augenblicklich ihre Werke und deren Bedeutung gegenwärtig hat, so gilt das in unserer Zeit, in Deutschland ebenso wie im Auslande, nur für eine sehr beschränkte Anzahl von Männern. Vergleicht man das Ende des neunzehnten mit dem Ende des achtzehnten Jahrhunderts, so wird man finden, daß die Jetztzeit unglaublich verflacht ist, sei es nun, daß wir, bis zur Krankhaftigkeit nervös, nicht mehr fähig sind, zu fühlen und zu denken, wie die Vergangenheit, sei es, daß das mit maschinenartiger Geschwindigkeit vorwärts stürmende Leben uns keine Zeit dazu übrig läßt — es ist gewiß, daß in den weiteren Kreisen überall ein Erschlaffen uns geistigem und künstlerischem Gebiete eingetreten, während Wissenschaft und Forschung mit Riesenschritten vorwärts eilen. Man weiß in weiteren Kreisen wohl, daß ein Schopenhauer über das Elend des Daseins geschrieben, daß ein Darwin vom Kamps ums Dasein geredet, man weiß auch, daß ein «Eduard von Hartmann über das Unbewußte philosophirt oder gar ein Nietzsche mit Zarathustra gesprochen hat — aber mehr als diese Schlagworte kennt man doch nicht, wenn man auch nur zu bereit ist, ein Urtheil über jeden Philosophen, jeden Künstler, jeden Schriftsteller abzugeben.
Mit dem heutigen Tage sind es fünfundsiebzig Jahre, -aß Carl Vogt in Gießen geboren wurde. Alle Welt weiß von ihm, daß er einer der größten und rücksichtslosesten deutschen Materialisten, einer der wissenschaftlichsten Verfechter Zer Darwinschen Theorie ist, und in seiner engeren Heimath ist es noch in Vieler Erinnerung, daß er nach der Erhebung tton 1848 seine Vaterstadt im Vorparlament und der deutschen t
Nationalversammlung zu Frankfurt vertrat. Aber die zahlreichen Werke, die Vogt der deutschen Nation geschenkt, sind weder nach Gebühr gewürdigt noch gekannt, obwohl er sich in einem großen Theile derselben nicht nur an den Fachmann, sondern gerade an das Volk wendet. Selbstständiger als Büchner, schärfer als Moleschott und in der Kühnheit der Consequenzen vielleicht nur von Häckel übertroffen, hat sich Vogt auf vielen Gebieten der Naturwissenschaft glänzende Verdienste erworben, die ihm auch jenseits der Grenzen Deutschlands einen ehrenvollen, unvergänglichen Namen sichern.
Carl Vogt ist am 5. Juli 1817 in Gießen geboren, wo sein Vater damals Professor der Medicin war. Nachdem er das Gymnasium seiner Vaterstadt absolvirt hatte, bezog er 1833 die dortige Universität, um Medicin zu studiren, arbeitete aber währenddessen auch eifrig aus dem Laboratorium Liebigs. Die Berufung seines Vaters als Professor an die Klinik zu Bern veranlaßte ihn, nach der Universität dieser Stadt überzusiedeln, wo er in dem bekannten Physiologen Gabriel Gustav Valentin einen trefflichen, einflußreichen Lehrer fand. 1839 promovirt, beteiligte er sich an Agassizs und Desors naturwissenschaftlichen Arbeiten und lebte später mehrere Jahre in Paris, Rom und Nizza. Dort, am Gestade des schönen Mittelmeeres, erreichte ihn der Ruf, als Professor am zoologischen Lehramt seiner Vaterstadt zu wirken. Er kam Ostern 1847 dahin, seine lebhafte Betheiligung aber an der Bewegung des Jahres 1848 war der Grund, daß er, kaum länger als ein Jahr in seiner Stellung tätig, derselben verlustig ging, worauf er bis 1850 wieder in Bern lebte. Bis Anfang des Jahres 1852 beschäftigte er sich dann in Nizza mit zoologischen Untersuchungen, bis er im Herbste desselben Jahres einem ehrenvollen Rus als Professor der Geologie an die Universität zu Genf Folge leistete, wo er noch jetzt wirkt. Die Schweiz ehrte ihren ausgezeichneten Bürger durch Erwählung zum Mttgliede des Großen Rathes und zum eidgenössischen Ständerath, der noch 1878 die Wahl zum schweizerischen Nationalrath folgte.
In seiner Vaterstadt hat Carl Vogt nur den kleinsten Theil seines Lebens zugebracht. Seine Verdienste, die er sich
um dieselbe erworben, liegen wesentlich auf politischem Gebiete und verursachten ihm mancherlei Verfolgungen und Verleumdungen. Er war als junger Gelehrter nach Gießen gekommen, hielt am 1. Mai 1847 zum Antritt seines Lehramtes eine glänzende Rede über den damaligen Stand der beschreibenden Naturwissenschaften, und als im Frühjahre des nächsten Jahres die große Märzbewegung über Deutschland ging, war er von Anfang an einer der muthigsten, unbeirr» testen Verkünder der neuen Freiheit, die beginnen sollte. Die Bürgerschaft Gießens hat ihn damals zum Obersten der Bürgergarde ernannt und er vertrat, wie schon oben erwähnt, später seine Vaterstadt im Vorparlament und der großen Nationalversammlung zu Frankfurt.
Nimmt man die unzähligen Flugschriften zur Hand, die in den Jahren 1848 und 1849 in Gießen für und wider Carl Vogt ausgegeben wurden, sucht man die Zeitungsnotizen und Berichte auf, die von ihm handeln, dann wird man bald finden, daß die politischen Anschauungen des jungen Professors damals hart angefochten wurden, daß man, wie daS bei Wahlbewegungen ja immer der Fall ist, die schärfsten Verdächtigungen gegen ihn losließ, deren sich Vogt auf alle mögliche Weise zu erwehren hatte. Es war besonders der Vaterländische Verein, der den absolut links stehenden demokratischen Candidaten angriff. Wenn Carl Vogt in einer Rede, die er während seines letzten Besuches in Gießen hielt, jedes persönliche Verdienst, das in jenen Jahren die Bürgerschaft dieser Stadt hätte veranlassen können, gerade ihm die Ehre einer Wahl in das Frankfurter Parlament zu erweisen, von sich wies, und die Ursache dazu einzig in die Befürwortung Liebigs legte, so war das entweder ein Beweis der Bescheidenheit oder der dankbaren Erinnerung Carl Vogts- an seinen großen Lehrer — denn sein Wirken vor, während und nach der Frankfurter Nationalversammlung beweist nur zu wohl, wie befähigt er war, Gießen in jenen denkwürdigen Tagen zu vertreten.
(Fortsetzung folgt.)


