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Nr. 29.

Donnerstag den 4. Februar

1892

Der fricfirnet Zr-ei-er erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Die Gießener A««itien-5Lttsr »erden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigelegt.

Kenerat-Anzeiger.

Vierteljähriger AöonnemeutspreiSr 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg.

Redaction, Expedition und Druckerei:

Kchutstraße Ar.7. Fernsprecher 51.

Amts- und Anzergedlntt füt? den 'Kreis Gieren.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.

Hratisöeikage: Hießener Kamilienbkätter.

Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Aintlicher» Lbeil.

Bekanntmachung,

bett. die Maul- und Klauenseuche im Kreis Büdingen.

Wir bringen zur öffentlichen Kenntniß, daß nach Mit­theilung Großh. Kreisamts Büdingcn die Maul- und Klauen­seuche im ganzen Kreise Büdingen wieder erloschen ist.

Gießen, den 2. Februar 1892.

GroßherzoglicheS Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Gießen, den 1. Februar 1892.

Betr.: Das Ersatzgeschäft für 1892.

Der Civil-Vorsitzende der Großherzogl. Ersatz-Commission Gießen

an die Großh. Bürgermeistereien des Kreises.

Sie wollen nunmehr mit Ausstellung der Stammrollen sofort beginnen und dieselben mit denjenigen für 1890 und 1891 bis längstens den 10. l. Mts. bei Meidung der Abholung durch Wartboten einsenden.

Hierbei wollen Sie die dem Formulare vorgedruckte Anmerkung genau beachten, insbesondere alle Bestrafungen rc. unter RubrikBemerkungen" eintragen.

Falls ein Bruder eines Militärpflichtigen bei der Muster­ung mit zur Vorstellung kommen, oder bereits im Heere dienen sollte, wollen Sie dies in der Stammrolle bemerken. Z. B. Ein Bruder, geb. am . . ten . . . . 187 ., kommt pro 1892 mit zur Vorstellung, oder ein Bruder drent seit . . ten 189 . im Regiment Nr.......te Compagnie.

Außerdem wollen Sie am Schluffe der Stammrolle aus­drücklich bescheinigen:

1) daß und bezw. wann die Aufforderung zur Anmeldung zur Stammrolle erfolgt ist;

2) daß die in derselben eingetragenen und nicht im Orte geborenen Militärpflichtigen in Ihrer Gemeinde zur Zeit der Anmeldung ihren dauernden Aufenthalt haben;

3) daß die in ihren Gemeinden zuständigen, sich daselbst jedoch nicht aufhaltenden Militärpflichtigen an­gewiesen worden sind, sich bei der Bürgermeisterei ihres Aufenthaltsortes zur Stammrolle anzumelden.

Reclamationen aus früheren Jahren, welche pro 1892 erneuert werden sollen, sind alsbald mittelst Bericht ein­zufordern.

Reue Reclamationen sind mit den Stammrollen vorzulegen. Jost, Regierungsrath.

Deutsches Reich.

Berlin, 2. Februar. Die politische Krisis in Preußen ist nach den Aufregungen der letzten Tage in ein ruhigeres Fahrwasser eingelenkt, wozu namentlich der Umstand wohl mit beigetragen hat, daß das preußische Volksschulgesetz nunmehr bis auf Weiteres der be­treffenden Commission des Abgeordnetenhauses zur Berathung vorliegt. Von der Gestaltung der Vorlage in der Commission wird die endgiltige Stellungnahme der jetzigen parlamentarischen Gegner des Entwurfs zu demselben abhängen und da nach den Aeußerungen des Ministerprästdenten Grafen Caprivi in der Samstagssitzung des Abgeordnetenhauses die Regierung es den von liberaler und sreiconservativer Seite geäußerten Wünschen gegenüber nicht an Entgegenkommen fehlen lassen will, so erscheint eine Verständigung in der Frage des Volksschulgesetzes nicht ausgeschlossen. Offenbar sind in diesem Sinne auch außerparlamentarische Einflüsse thätig, z. B. dürste die Annahme nicht unbegründet sein, daß bei dem am letzten Samstag beim Kaiser stattgefundenenHerrenabend" die Angelegenheit des Volksschulgesetzes erörtert worden ist, da u. A. der Cultusminister Graf Zedlitz-Trützschler zu den Gästen gehörte. Von den angeblichen Demissionsgesuchen des Ministers Dr. Miquel und des Oberpräsidenten v. Bennigsen ist es inzwischen ebenfalls merkwürdig still geworden und herrscht überhaupt zwischen der Regierung und der national­liberalen Partei anscheinend wieder vollkommene Eintracht oder sollte es nur ein Waffenstillstand sein?

Erklärliches Aufsehen erregt die vom Prinzen Georg von Sachsen in seiner Eigenschaft als commandirender General des 12. (königl. sächsischen) Armeecorps erlassene Verfügung in Sachen der Soldaten Mißhand­lungen. Der Erlaß ist zuerst in dem socialdemokratischen Vorwärts" zur allgemeinen Kenntniß gebracht worden und bezieht er sich auf derartig empörende Vorgänge, daß man <

fast an eine Düpirung des genannten Blattes glauben möchte, I es ist dies aber bei der ganzen Sachlage nicht anzunehmen.

Die in sehr scharfem Ton gehckltene Verfügung des Prinzen zählt eine ganze Reihe von Fällen aus, in denen Soldaten des sächsischen Heeres seitens ihrer nächsten Vorgesetzten in wirklich empörender Weise mißhandelt worden sind/ ganz besonders schlimm scheint es im Fuß-Artillerieregiment Nr. 12 und im Infanterie-Regiment Nr. 105 (beide Regimenter stehen in Elsaß-Lothringen) zugegangen zu sein. Die Ver- fügung hebt die bedenklichen Folgen und Wirkungen solcher Ausschreitungen hervor und erklärt, daß denselben unter allen Umständen entgegengetreten werden müsse, wobei ent­sprechende Maßnahmen in Anregung gebracht werden. Auch betont der Erlaß des Prinzen, daß die höheren Vorgesetzten manchmal von vornherein Partei gegen den seine Miß­handlungen anzeigenden Soldaten zu nehmen schienen, was ebenfalls scharf gerügt wird. Schließlich spricht der Erlaß die Erwartung aus, daß die Commandeure künftig bestrebt sein werden, die gerügten Uebelstände auszurotten. Es heißt, daß die Verfügung des Prinzen Georg bei den Ver­handlungen des Reichstages über den Militäretat zur Sprache gebracht werden soll.

In Berlin sind dieser Tage seitens der Polizei Haussuchungen bei bekannten S o c i a l i st e n vor­genommen worden. Es wurden hierbei eine Anzahl Bücher und Schriften aufreizenden Inhalts ausgefunden und be­schlagnahmt, außerdem verhaftete die Polizei 15 bis 20 Personen, darunter auch selbstständige Gewerbetreibende. Aus der Post beschlagnahmte die Polizei anarchistische Schriften, die aus England gekommen waren.

Ueriefte Had^ridyten.

GolstS tellgrayhischrs Lorreipondmz-Bureau.

Danzig, 2. Februar. Der als Ersatz desAdler" auf der hiesigen kaiserlichen Werst neuerbaute Kreuzer wurde heute Nachmittag zu Wasser gebracht. Die feierliche Taufe vollzog der Oberwerft-Director. Der Kreuzer erhielt d:n NamenKaiseradler".

Bremen, 2. Februar. Ein Telegramm desNordd. Lloyd" aus Southampton von heute früh 6 Uhr be­stätigt, daß sämmtliche Passagiere wohlbehalten gelandet sind und in Newyork übernachteten. Die Mannschaft befindet sich noch an Bord. Nach einem hier eingegangenen Privat­telegramm ist die Post gerettet. Das Wetter hat sich gebessert.

London, 2. Februar. Aus Äther fiel d wird von 9^2 Uhr Morgens gemeldet, daß das Rettungsboot zwei Offiziere und acht Feuerleute von derEider" nebst einer Kiste Gold gelandet hat. Die Gelandeten berichten, daß das Schiff voll Wasser sei, ausgenommen im Vordertheil. Die Rettung der übrigen Mannschaft sei verschoben.

Rom, 2. Februar. Der Papst empfing heute anläß­lich des Festes Mariä Lichtmeß Vertreter von mehr als hundert Pfarreien, Capiteln und Körperschaften Roms, welche Wachskerzen überreichten. Er hielt an mehrere Personen Ansprachen. Das Wohlbefinden des Papstes schien ein zu­friedenstellendes zu fein.

Turin, 2. Februar. Eine Bekanntmachung des Rectors der Universität theilt mit, daß morgen die Vorlesungen wieder ausgenommen werden. Er ermahnt die Studirenden zu vollkommener Ruhe, damit strenge Disciplinarvorschristen vermieden werden.

Sofia, 2. Februar. In der Nähe der türkischen Grenze bei Burgas hat ein Zusammenstoß zwischen der Gensdarmerie und einer Räuberbande stattgefunden. Erstere wurde von Landleuten unterstützt. Der Anführer wurde ge- tödtet und zwei Räuber wurden gefangen genommen.

Zanzibar, 2. Februar. Reutermeldung. Der englische Generalconsul erklärte gestern Zanzibar für einen Frei­hafen, ausgenommen für Waffen und Munition.

Rio de Janeiro, 2. Februar. Der Kriegsminister hat demissionirt und der Marineminister übernimmt interimistlsch sein Portefeuille.

Depeschen dtSBureau Herold".

Berlin, 3. Februar. DieNatlib. Ztg." schreibt: Gestern fand eine Sitzung des Staatsministeriums über die Fragen, welche durch das Volksschulgesetz hervor- gerusen wurden, statt.

Berlin, 2. Februar. Dem Herrenhcuse ging ein Gesetzentwurf betr. die äußere Heilighaltung der Sonn- und Feiertage in den Provinzen Schleswig- I Holstein, Hannover, Hessen-Nassau und in den hohenzollern- I schen Landen zu. Die Oberpräsidenten und Regierungs- I Präsidenten sind ermächtigt, über die äußere Heilighaltung der |

Sonn- und Festtage Polizei-Verordnungen gemäß des Gesetzes über allgemeine Landes-Verwaltung vom 30. Juli 1883 zu erlassen. Mit dem Inkrafttreten dieser Polizei-Verordnungen treten die in den bestehenden Gesetzen, landesherrlichen und sonstige Verordnungen enthaltenden Vorschriften über äußere Heilighaltung der Sonn- und Festtage außer Kraft.

Berlin, 2. Februar. DieNational-Ztg." zufolge wurde in Kiel ein Techniker der Germaniawerst verhaftet, weil er verdächtig ist, Schisssbaupläne verrathen zu haben.

Zittau, 2. Februar. Es wurde hier eine Falsch­münzerbande verhaftet und Münzapparate beschlag­nahmt.

Brieg, 2. Februar. Durch Hochwasser wurde hier enormer Schaden angerichtet. In den Vorstädten ragen von einstöckigen Häusern nur noch die Dächer hervor.

Havre, 3. Februar. Das deutsch» SchiffJphigenia" erhielt bei der Collision mit dem Pier ein schweres Leck. Die Ladung wurde beschädigt und mußte gelöscht werden.

Giuseppe Giacosa.

Alessandro Manzoni und Giacomo Leopardi bilden die Ausgangspunkte einer neuen italienischen Literaturepoche. Während der berühmte Roman des ersterenI promessi sposi durch Goethe in Deutschland eingeführt, leider heme nur noch in Leihbibliotheken ein klägliches Dasein führt, sind die schwermüthig-tiefsinnigen Dichtungen Leopardis, an dessen Seite sich nur noch Dante stellen kann, durch die meister­haften Uebersetzungen Heyses und Brandes dem deutschen Publikum vertrauter geworden. Erst um die Mitte unseres Jahrhunderts entwickelte sich lebhaft das dramatische Leben in Italien. Nachdem vorher nur Silvis Pellico und Battista Nicolini die Herrschaft auf der Bühne mit Erfolg behauptet hatten, kamen in rascher Folge eine ganze Gruppe dramatischer Dichter zur Geltung, unter denen Carlo Marenco, Giacinto Battaglio und Balbo der Vorrang gebührt.

Während in jüngster Zeit in Deutschland die dramatische Dichtkunst einen starken Rückgang zu verzeichnen hat, und ganz besonders die letzte Saison sich durch Mißerfolge aus­zeichnet, ist es vor Kurzem zwei italienischen Dichtern ge­lungen, auf unserer vaterländischen Bühne festen Fuß zu fassen. Der eine, Giovanni Verga, dessen leidenschaftliche DichtungCavalleria Rusticana mit der Musik Mascagnis einen Triumphzug um den ganzen Erdball gefeiert hat, scheint allerdings nach den zuletzt veröffentlichten Productionen die Hoffnungen nicht zu rechtfertigen, die man in ihn gesetzt hat. Dagegen hat in allerneuester Zeit Giuseppe Giacosa aus unserer Nachbarbühne in Frankfurt mit seinem Drama Tristi Amori siegreichen Einzug gehalten und damit den ersten starken Bühnenerfolg der letzten Theatercampagne erzielt.

Giuseppe Giacosa wurde am 21. October 1847 zu Colleretto Parella geboren. Seine ersten Studien machte er in Jvrea, bezog dann die Turiner Universität, und übte daselbst, nachdem er zum Doctor der Rechte promovirt worden, eine Zeit lang die Advocatur aus. Im Jahre 1872 aber versuchte er sein Glück als Lustspieldichter mit dem Proverbe A con, ehe lecca cenere, non si fida farinaM. Gleich daraus ließ er das LustspielStoria vecchia undLa partita a scacchi aufführen, die schon überall, darunter auch in Deutschland, großen Beifall fanden. Den größten Erfolg aber hatte er nach einigen anderen Versuchen mit der zweiactigen Comödie in VersenTrionfo d Amore, seit welcher Zeit Giacosas Namen zu den populärsten in Italien zählt. Auch seinII conte Rosso, das 1880 mit dem italienischen Staatspreis gefrönt wurde, trug nicht unerheblich zu seinem Ruhme bei. Während graziöser Stil und geschmackvolle Form die characteristischen Vorzüge der angeführten Dramen sind, zeichnet sich Giacosas jüngstes Werk, das morgen Abend in Gießen über die Bretter gehen soll, durch eine meisterhafte Scenensührung, geistreichen Dialog und Gedankentiefe aus. Wenn es wahr ist, daß man von der Bühne herab alles sagen könne, es komme nur daraus an, wie so hat Giacosa in seinem Drama gezeigt, daß er die gefährlichsten Klippen decent zu umsteuern versteht, und ein Bild vor unseren Augen entrollt, das den nachhaltigsten Eindruck aus uns hervorzubringen und uns aufs tiefste zu erschüttern vermag. Nach dem übereinstimmenden Bericht der Frankfurter Blätter ist die Besetzung des Stückes, in der auch uns dasselbe vorgesührt wird, eine ganz vorzügliche, so daß wir mit lebhafter Spannung einem Abend entgegen­setzen dürfen, der ein Stück modernes Leben im Rahmen einer bedeutenden Dichtung wiederspiegelt. -y.