Nr. 256
Zweiter Blatt
Mittwoch den 2. November
1892
Gießener Anzeiger
Kenerat-Anzeiger.
Die Gießener
werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Der Wk*tr ZnzeiOar erscheint täglich, *4t Ausnahme deS Montags.
vierteltahriger Aö-nnementspretr 2 Mark 20 Pfg. w> Bringerlohn. Durch die Post vezagri 2 Mark 50 Pfg
Rebedion, Expedition and Drucker«:
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Mmt— und Anzeigebltttt für den Uveis Gietzen.
Hratisöeikage: Hießener Aamitienökätter
vermischter
2)
3)
Weiter bemerkt
Iflf Rnnoncen-Bureaux des In- und TaslandeS nehm« Anzeigen für den .Gießener Anzeiger" entgegen
Lnnadme von Anzeigen zu der Nachmittags für den loigmden Lag erscheinenden Nummer bis vor». 10 Uhr.
4) Sonntag den 13. November I. I., Nachmittags 3 Uhr zu Lollar in dem Saale des Gasthauses zum Schwanen einen Vortrag über das Thema „Wie bringt der Landwirth in futterarmen Zeiten sein Vieh am Besten durch den Winter?" abhallen wird.
Zu diesen Vorträgen werden alle Mitglieder des land- wirthschaftlichen Vereins und alle Freunde der Landwirthschaft hierdurch freundlichst emgeladen.
Die Herren Bürgermeister der obengeuännten und benach. barten Gemeinden werden ersucht, auf möglichst zahlreichen Besuch der Versammlungen hinzuwirken.
Gießen, den 13. October 1892.
Der Director des landwirtbschaftl. Bezirksvereins Gießen Jost.
Bekanntmachung, betr. Abhaltung von landwirthschaftlichen Vorträgen in den Gemeinden des Kreises Gießen.
Es wird zur öffentlichen Kennlniß gebracht, daß der Großh. Landwirthschastslehrer Dr. von Peter von Friedberg Sonntag den 6. November, Nachmittags 3 Uhr ■ einen Vortrag über die Ernährung und Pflege des Milchviehes in dem Saale des Herrn Gastwirths Weil III. zu Lang-Göns abhalten wird.
Zu diesem Vortrage werden alle Mitglieder des land- wirthschaftlichen Vereins und alle Freunde der Landwirthschaft hierdurch freundlichst eingeladen.
Die Herren Bürgermeister der obengenannten und benachbarten Gemeinden werden ersucht, auf möglichst zahlreichen Besuch der Versammlung hinzuwirken.
Gießen, den 26. October 1892.
Der Director des landwirthschaftlichen Bezirksvereins Gießen Jost.
Bekanntmachung, die Abhaltung landwirthschaftlicher Vorträge in den Gemeinden des Kreises Gießen betreffend.
Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß Herr Landwirthschastslehrer Leithiger von Alsfeld
1) Samstag dcn 5. November l. I., Abends 8 Uhr
im Saale des Herrn Wirths Faber zu Watzenborn einen Vortrag „über Bodenkultur und Drainage" Sonntag den 6. November l. I., Nachmittags o Uhr zu Weitershain im Saale des Herrn Gast- mirths ^heiß einen Vortrag „über Schweinezucht und Mast",
Samstag den 12. November L I., Abends 7 Uhr im Nathhaussaale zu Inheiden einen Vortrag „über Wiesenverbefferung und Drainage"
* Der Alkohol als Krafterreger. Ein Vertreter der „Deutschen Warte" hat den Grasen Starhemberg, den Sieger in dem Distanzritt Wien-Berlin, nach den Ursachen seines Sieges befragt. Der Graf betonte besonders, daß von alkoholartigem Getränke so gut wie garnichts über seine Lippen gekommen sei. Das Pserd des Siegers langte in verhältnißmäßig guter Verfassung am Ziele an,, das Pferd des Grafen Miklos dagegen, welchem man zur Stärkung Alkohol eingkflößt hatte, brach zusammen. ~~ Ne „Deutsche Warte" : Der eifrige Turner weiß, daß ihm bei jeder Kraftübung das Blut heiß zu Kopfe steigt, daß ihm bei jeder Schwungübung Schwindel befällt, wenn er sich nicht einige Zeit vorher des Genusses geistiger Getränke enthalten bat. Der Ruderer weiß, daß die Kraft seiner Arme versagt, der Radfahrer, daß seine Beinmuskeln erlahmen, seine Lungen den Dienst verweigern, wenn er sich nicht der äußersten Mäßigkeit befleißigt. Jedem Bergsteiger ist bekannt, daß der A kohol, selbst in der Gestalt des sonst noch am wenigsten schädlichen Rothweins, Schwindel und Ohnmachts- nn fälle heroorruft. In der That spielen in diesen vier Reichen dev Sports die alkoholartigen Getränke eine verschwindend kleine Rolle- die Hauptgetränke sind Milch, C'tronensafr und das berüchtigte Wasser, von dem kürzlich ein Universitätslehrer mittheilre, daß es „früher zum Trinken benutzt wurde".
Ein ganz Gescheiter. I. Commissionsmitglied: „Wie viel Diebe dürften es wohl gewesen sein, die hier emgebrochen sind? 2. Commissionsmitglied: „Dem Loche nach kann's nur Einer gewesen sein!"
* Am dem Schlachtfelde bei Spichern um Stieringen sind Soldaten beschäftigt, die Ueberreste der gefallenen Krieger auszugraben und sie in ein gemeinsames Grab auf einem besser gelegenen Platze zu betten. Es sind dabei Sachen aller Art ans Licht gebracht worden: Stiefel, Schuhe, Knöpfe, Gebetbücher, Stickereien, Portemonnaies, Kugeln, welche noch in den Schädeln saßen, geladene Granaten u. s. w. In einer Grube wurden nur Pferdeknochen gefunden, ein anderes war 9Qnä ^er. Die Unisormstücke, namentlich das Lederzeug, haben sich sehr gut erhalten. In dem Ledergurt eines französischen Soldaten sand man 40 Franken in Gold. Die Ueberreste, welche auf dem Gemeindegrund von Stieringen ausgegraben wurden,^ werden am Schlackenberge in der Nähe des Denkmals der 77er in einem Massengrabe vereinigt, die aus dem Gemeindebanne von Spichern aufgedeckten am Spicherer Berge. Einen Thell der Fundstücke wird der Forbacher Knegerverein seiner Sammlung einverleiben.
Amtlicher Cheil.
Bekanntmachung, betreffend Ausbruch der Schafräude zü Stangenrod. Nachdem unter der Herde des Schäfers Jacob Theiß zu Stangenrod die Schafräude ausgebrochen ist, haben wir ®rnfhPeMe ber betr/ üerfü9t Derselben wird durch Großh. Bürgermeisterei Stangenrod ein bestimmter Weidebezirk angewiesen^ werden, welchen sie nicht überschreiten darf. fntF^reinre■d,a^erb,e Stangenrod mit der erkrankten , ilher in Berührung gekommen und dieselbe hiernach der Ansteckung verdächtig ist, haben wir deren polizeiliche Beobachtung verfügt. Es ist deshalb bis auf Weiteres die Aus- tuhrung von Schafen aus der Gemarkung Stangenrod überhaupt nur zum Zwecke sofortiger Abschlachtung und nur mit unserer jedesmal besonders einzuholenden Erlaubniß zulässig.
Gießen, den 31. October 1892.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
____v. Gagern.__
Gießen, den 1. November 1892. Sletr.: Viehzählung im Deutschen Reich.
ras Großherzogliche Kreisamt Gießen
an dte «rotzh. Bürgermeister«!-,, des «rette».
Wir werden Ihnen in den nächsten Tagen die An- weisungen für die Zähler und die bei der bevorstehenden Viehzählung in Anwendung kommenden Formulare übersenden und beauftragen Sie, dieselben rechtzeitig zur Vertheilung bringen zu lasten. M
Da die Bestimmungen und Anweisungen für die Zähler audj bei künftigen Viehzählungen maßgebend sind, so weisen wir Sie an, nach beendigter Zählung für Aufbewahrung jener Bestimmungen und Anweisungen Sorge zu tragen. Die " iehzählung muß am l.December l. I. vorgenommen werden.
Das gesammte aufgestellte Zählungsmaterial ist spätestens bis zum 21. December l. I. an uns einzusenden.
v. Gagern.
Feuilleton.
Ein gefährlicher Gaß.
Von Jenny Piorkowsko.
(2. Fortsetzung).
„Das war ein geschickter Stotz, Baron! Sie scheinen ein ausgezeichneter Billardspieler zu sein!" bemerkte Doctor Röting, der mit seiner Zeitung in bequemem Stuhl am offenen Fenster saß, während der Baron sich zur Kurzweil im Billardspiel übte.
Curt hatte seinen Vater auf einem Geschästswege begleitet und die beiden Damen waren im Häuslichen beschäftigt.
„Ich spiele allerdings sehr gern und sehr häufig," versetzte der Baron leichthin auf das ihm gespendete Lob.
Röting sagte nichts weiter- tiefes Schweigen folgte, so daß man nur das Geräusch der Billardkugeln und das Summen und Schwirren der Bienen und tausenden von Jnsecten vernahm, die von Blume zu Blume draußen flogen.
Etwas verwundert über das plötzliche Schweigen schaute der Baron nach Röting hin- derselbe saß, halb hinter der Zeitung verborgen, ganz vertieft in einen Artikel, über den sein Auge eben hingeglitten war. Seine Stirn war in finstere Falten gezogen und sein Blick blieb mit so nachdenklichem Ausdruck auf den Zeilen hasten, wie wenn er Über ein schwieriges Problem nachsänne. Plötzlich aber glättete feine Stirn sich wieder und feine kleinen lebhaften Augen blieben forschend aus den Zügen des Barons ruhen.
„Bei Gott, ich irre mich nicht," murmelte er leise vor sich hin, „welch eine Entdeckung!"
„Sie scheinen ja da etwas sehr Interessantes zu lesen, ueder Doctor," bemerkte der Baron lächelnd, „irgend etwas Neue- am politischen Himmel?"
„N — ein- nichts von Bedeutung," erwiderte Röting hinter seiner Zeitung hervor, „der eine Artikel hier zog nur meine besondere Aufmerksamkeit aus sich. Vielleicht interessirt er auch Sie, da er von Paris herrührt."
„Von Paris? — ein neuer coup d’etat vermuthlich oder ein Mord, oder —"
//Das nicht gerade. Es betrifft einen notorischen Schwindler und Betrüger."
Der Baron hielt plötzlich in seinem Spiel inne, hob den Kops und sah mit unruhig fragendem Blick nach dem Sprechenden hin.
„Wissen Sie, Baron," fuhr dieser fort, „derartige Gauner und Betrüger haben mich von jeher interessirt- ihre Ränke und Listen zu beobachten und zu studiren, ist ebenso belehrend wie unterhaltend. Wir Literaten verdanken ihnen gar manchen guten Gedanken. Sie, der Sie so viel von der Welt gesehen haben, interessiren sich sicher ebenfalls für derartige Criminal- fadjen, — ich meine natürlich nur als Studie der menschlichen Natur."
//Gewiß — gewiß," versetzte der Baron lächelnd, während er seinen Queue sorgfältig mit Kreide strich, „doch sagen Sie, was steht da von Paris?"
//Von Paris? — Ach so, ganz recht, — hier!" sprach Röting, indem er die Hand mit der Zeitung, welche er während der Unterhaltung hatte sinken lassen, wieder hob, „da schreibt der Pariser Correspondent: „Wie man hört, hat Jules Rougeboit, über dessen geschickte Verhaftung ich vor wenigen Tagen berichtete, — infolge der vielen überführenden Beweise gegen ihn — seine Mithilfe an den verschiedenen, an einem der ersten Pariser Bankhäuser verübten Schwindeleien eingestanden. Man wird sich erinnern, daß diese Angelegenheit seiner Zeit großes Aussehen erregte- die Betrügereien waren mit einer so unglaublichen Frechheit und mit solchem Geschick auSgesührt worden, daß sie längere Zeit jeder Entdeckung trotzten. Dieser Rougeboit soll ein umfassendes Geständniß abgelegt und die tarnen feiner Com-
£hcen genannt haben, an deren Spitze sich der berüchtigte Andre Dalmais befindet."
Ein halb unterdrückter Ausrtis entschlüpfte den Lippen des Barons, der Queue entfiel feinen Händen und einen ^oment blieb er regungslos stehen. Doch schnell faßte er lut) wieder, und forschend einen Seitenblick nach Röting htnwersend, der nach seiner Cigarre gegriffen hatte und gelassen ein paar derbe Züge aus derselben that, hob er oen Queue wieder auf, trat mit wunderbarer Selbstbeherrschung an den Rauchtisch und zündete sich ruhig eine Ctgarrette an.
//^u deren Spitze sich der berüchtigte Andre Dalmais befindet," wiederholte Doctor Röting, indem er in seinem Stuhle gemächlich hin- und herschaukelte, ohne anscheinend etwas von der plötzlichen Aufregung seines Zuhörers ge wahrt zu haben. „Die Behörde bewahrt in der ganzen Angelegenheit große Zurückhaltung, doch glaubt man, daß fte Dank Rougeboits Aussagen bereits über seinen jetzigen Aufenthalt unterrichtet ist. Jedenfalls ist ihm Lesaire, einer der renommirtesten Detectives, bereits auf der Spur." Das ist's," schloß Rüting, indem er das Zeitungsblatt sinken netz, plötzlich ausstand und jetzt zum ersten Male dem Baron scst ms Aage sah.
„Das ist etwas sehr Alltägliches, lieber Freund," bemerkte der Franzose leichthin, während er die Augenbrauen ein wenig in die Höhe zog und nachlässig die Asche von seiner Cigarrette streifte.
„Allerdings," erwiderte Röting, „für mich hat diese Geschichte aber em ganz besonderes Interesse, ich kenne näm lich diesen Andre Dalmais."
„Eine nette Bekanntschaft, das muß ich sagen/ lächelte der Baron.
Fortsetzung folgt.)


