Nr. 230 Erstes Bla«
Sonntag den 2. Oktober
1892
Der
Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags.
Die Gießener
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Gießener Anzeiger
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vom 1. October 1893 bis 31. März 1899 dem Bundesrath zugegangen sei.
Berlin, 1. October. Der Kaiser wird voraussichtlich selbst den Relchsrag eröffnen.
Men, 30. September. Gelegentlich der Anwesenheit des Deutschen Kaisers ordnete der Kaiser von Oesterreich die Veranstaltung eines Caroussels in der in der Burg befindlichen Winterstallschule an.
Brüffel, 30. September. Heute treten die Comites der deutschen, französischen, holländischen und belgischen Inhaber von portugiesischen Staatspapieren zusammen. Zwecks Einkassirung der verfallenen Coupons erhalten die Inhaber ein Document, welches ihre Rechte gegenüber Portugal für nicht bezahlte Raten vollständig reservirt.
Berlin, 1. October. Die „Nationalzeitung" will wissen, die Militärvorlage sei vorgestern dem preußischen Staatsministerium zugegangen. Für die Zeit bis 31. März 1899 werde die Jahresdurchschnittsstärke an Gemeinen und Gefreiten, nicht wie bisher die Maximalstärke festgestellt, während die Zahl der Unteroffiziere alljährlich im Etat nor- mirt toer'eu solle. Die zweijährige Dienstzeit soll für die Infanterie, ausgenommen bestrafte Mannschaften, als Regel angenommen werden.
Tbeil.
Edictalladung.
'Nachdem wider den Musketier Karl Schultheiß der 4. Compagnie Infanterie-Regiments Kaiser Wilhelm (Nr. 116), geboten am 9. November 1869 zu Paris, der förmliche Desertionsprozeß eröffnet worden ist, wird derselbe hiermit ausgefordert, sich sofort bei seinem Truppentheil zu gestellen, spätestens aber in dem auf
Donnerstag den 19. Januar 1893, Vorur. 10 Uhr anberaumten Termin vor dem unterzeichneten Gericht zu erscheinen, widrigenfalls die wider ihn eingeleitete Untersuchung geschlossen, er in contumaciam für fahnenflüchtig erklärt und in eine Geldbuße von Einhundertundfünfzig bis Dreitausend Mark verurtheilt werden wird.
Darmstadt, 24. September 1892.
Gericht der Großherzoglich Hessischen (25.) Division.
Gefunden: 1 Laterne, 1 Rosenkranz, 2 Bücher, 1 Säbelscheide, 1 Wagenkapsel, 1 Hacke, 1 Stück Kette, 1 eiserner Ring, 1 Armreif, 1 Kinderschuh, 2 Firmenschilder, 1 Taschentuch, 1 Dreschflegelhut, 1 Haarpfeil, 1 Tuchschuh, 1 Hundehalsband, 1 Thermometer, 1 Kinderjacke, 1 Portemonnaie mit Inhalt.
»gelaufen: 1 Stallhase, 1 großer Hund, ugeflogen: 1 Kanarienvogel.
Gießen, den 1. October 1892.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.
2Ie<ieftc llackrtcbttm.
Wolffs telegraphisches Eorrespondenz-Bureau.
Trieft, 29. September. Heute Vormittag wurden vier junge Leute und eine Frauensperson unter dem Verdachte verhaftet, die vor einem Monate vor der Statthalterei, sowie die vorgestern aus einem isolirten Platze erfolgte Petardenexplosion herbeigeführt zu haben. ° Das Resultat der Haussuchungen ist sehr gravirend. Die vorgestrige Explosion war geringfügig.
Petersburg, 30. September.. Die Zahl der für 1892 einzuberufenden Wehrpflichtigen ist auf 262,000 festgesetzt, Tn welcher Z'ffer nicht miteinbegriffen sind 2400 Mann aus der örtlichen Bevölkerung des Terek- und des Kuban- geb'eles, sowie Transkaukasiens, durch welche die im Kaukasus besonders sormirten Heeresabtheilungen zu ergänzen sind.
Depeschen des Bureau „Herold".
Berlin, 30. September. Von sonst zuverlässiger Seite wird gemeldet, daß die M i l i t ä r v o r l a g e heute mit dem Titel des Gesetzentwurfs betreffs der Friedenspräsenzstärke I
Die Cholera.
Die Cholera tritt noch immer in neuen sporadischen Fällen im Reiche auf. So sind in den letzten Tagen aus Coblenz, Düsseldorf und Ludwigslust vereinzelte Cholerasälle gemeldet worden- überall wurden schleunigst die erforderlichen Maßregeln gegen eine Weiterverbreitung der Seuche getroffen. In Hamburg hält sich jetzt die Cholera in sehr' mäßiger Höhe- vom Mittwoch Mittag bis Donnerstag Mittag gelangten 70 Erkrankungen und 25 Todesfälle an Cholera zur Meldung. In Berlin werden täglich noch immer eine größere oder geringere Anzahl Personen als choleraverdächtig in das Moabiter Krankenhaus eingeliefert, doch erweist sich in den allermeisten Fällen der gehegte Verdacht als unbegründet.
— Dem Kaiserlichen Gesundheitsamt vom 29. bis 30. September, Mittags, gemeldete Cholera-Erkrank- unqs- und Todesfälle-
Staat und Bezirk
O r t
Datum
2G./9.
27/9.
28/9.
29/9.
ä
gestorben
erkrankt
gestorben
erkrankt
gestorben
erkrankt
gestorben
Hamburg
Preußen
Hamburg
70
33
58
42
25
33
24
Schleswig
Altona
11
4
9
9
9
6
9
9
Lüneburg
Wilhelmsburg
1
_
1
2
•©labe
Mittelnkirchen
—|
—
—
—
—
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2
1
Feuilleton.
Geriebene Leute.
Eine amerikanische Geschichte. Von Eethegus.
(Nachdruck verboten.)
Herr Chrus Alexander Brown, einer der reichsten Specu- iQiuen von New-Dork, saß sinnend in seinem PrivatMauch- zimmer. ♦
„Er saß" ist -ffgentlich nicht der richtige Ausdruck. Um es genauer zu betreiben: Herr Cyrus Alexander Brown lag mit demjenigen Körperteil, welcher der Menschheit zum Sitzen gegeben ward, und mit dem Rücken auf einem Schaukelstuhl, hatte die Füße gegen das Kaminsims gestemmt und beide Hände in den Hosentaschen. Im linken Mundwinkel hielt er eine Havannacigarre, was ihn nicht hinderte, rechts auszuspucken, mit jener absoluten Treffsicherheit, die nur ein geborener Bürger der Vereinigten Staaten zu erreichen vermag.
In solcher Lage und Beschäftigung kamen ihm stets seine besten Gedanken.
Heute ließ Herr Chrus Alexander Brown noch einmal eine jüngsten Speculationen im Geiste an sich vorüberziehen. Ec konnte es sich nicht verhehlen, daß er in dem großen Con- ^ne-izkampse mit James Washington Smith neuerdings eine schlappe erlitten hatte. Zwar war es ihm gelungen, als Besitzer der North-South-Eisenbahn die concurrirende Smith- Ouincy-Linie endlich tobt zu machen, indem er jedem Passagier einer Linie eine Lebensversicherungs-Police und ein Freibillet |
Zum nächsten Patti-Concert in Washington versprach. Die Smith Quincy-Linie war ihm nun in die Hände gefallen und er konnte die Preise nach Belieben stellen. Aber seine Specu- lation mit den White Wolf-Silberbergwerken, durch welche er die Smith-Minen-Gesellschaft besiegen wollte, war fehlgeschlagen. Seine rachsüchtigen Concurrenten hatten es leider heraukgebracht, daß die angeblichen White Wolf Minenfelder von Herrn Cyrus Alexander Brown „gesalzen" waren, d. h. daß er die dort „gefundenen" Erzproben kurz zuvor aus Kalifornien hatte hinschaffen lassen. Nun war es natürlich mit der neuen Gründung nichts mehr, — wenigstens vorläufig.
Judeß das war ja auch wirklich ein etwas gewagtes Unternehmen gewesen. Was aber Herr Cyrus Alexander Brown jetzt im Schilde führte, das war ganz sicher und bequem und dazu war das Geschäft für einen Mann von seinen Grundsätzen so sauber wie ein Waschbär.
Die Sache verhielt sich kurz so:
Eine der merkwürdigsten unter den südamerikanischen Republiken hatte auf den Bahnen ihrer staatlichen^Entwicklung allmählich alles eingebüßt, was den Credit begründen oder erhalten kann. Nur einige werthvolle Bergwerks-Concessionen hatte sie noch zu vergeben. Nun standen in jenem gesegneten Lande wieder einmal die Präsidentschaftswahlen bevor. Die sogenannten Parteien waren ziemlich gleich. Ob der General Agostino Aguavita oder der Oberst Diego Panza y Mate als „Erwählter der Nation" obsiegen werde, ließ sich zur Stunde kaum entscheiden, sicher war nur, daß es bei oder nach den Wahlen nicht ohne die übliche Hauerei ausgehen werde.
Vereinzelte Erkrankungen:
Regierungsbezirk Stettin: in einem Orte des Kreises Ueckermünde 1 Erkrankung, in einem anderen Orte desselben Kreises und in der Stadt Stettin je 1 Todesfall. In einem Orte des Kreises Greifenhagen 2 Todesfälle.
Regierungsbezirk Schleswig: in der Stadt Rendsburg 1 Todesfall.
Regierungsbezirk Potsdam: in je einem Orte der Kreise Westhavelland und Oberbarnim 1 Todesfall.
• Berlin, 30. September. Der der heutigen Magistratssitzung vorgelegte Bericht über die b acter io l o g i sch e Untersuchung des der Spree entnofnmenen Leit ungs« wassers stellt fest, daß sich bis heute mittelst der genauesten Untersuchung in keinem einzigen Falle das Vorhandensein von j Cholerakeimen im Leitungswasser nachweisen ließ.
! Berlin, 30. September. Der amerikanische Bcricht- erstattet Stanhope ist aus Hamburg heute Nachmittag in ■ Berlin eingetroffen und wurde im Moabiter Krankenhause auf : bas Grünblichste besinficirt.
I Hamburg, 30. September. Pariser unb Londoner Aerzte finb zum Zwecke des Cholera st udiums eingetroffen.
; Hamburg, 30. September. Laut der bis zum 17. Sep- . tember reichenden Statistik des Medicinalamts starben hier ! seit Mitte August 9500 Menschen an der Cholera, Cholerine, : Durchfall, Brechdurchfall. In Hamburg und Altona zusammen ! 10,000 Menschen.
I Brüffel, 30. September. Hier erkrankten gestern
\ 7 Personen und 2 Todesfälle wurden angemeldet.
I Paris, 30. September. Gestern erfolgten 29 Er-
; krankungen und 17 Todesfälle.
| Havre, 30. September. Gestern erkrankten hier 7 Per- i sonen und 3 starben.
Cocales unb provinzielles.
Gießen, 1. October 1892.
— Sitzung des Schwurgerichts der Provinz Oberheffen > am 1. October 1892. Zur Verhandlung kommt die Stras- l fache gegen Heinrich Wend erholt von Homberg an der Efze wegen Verbrechens gegen die Sittlichkeit. Die Anklage । vertritt ber Großh. Erste Staatsanwalt Jockel, verlheidigt wird der Angeklagte vom Rechtsanwalt Holzapfel, als Ge- , schworene wurden ausgeloost die Herren: Jacob Schneider IV., Leonhard Lang, Wilhelm Braun, Johannes Fritzel, .Wilhelm i Ries, Wilhelm Jacob Küchel, Heinrich Becker II., Wilhelm ' Rabenau, Eduard Kretschmann, Bernhard Küchel IV., Heinrich Roemer VI. und Freiherr Adolf von Harnier. — Heinrich Wenderholt ist eines Verbrechens gegen § 177 des Strafgesetzbuchs angeklagt. Die Verhandlung sand unter Ausschluß der Oeffenllichkeit statt und endete, nachdem die Geschworenen (Obmann: Freiherr Adolf von Harnier) die gestellte Schuld- srage bejaht, mit der Berurtheilung des Angeklagten in eine Zuchthausstrafe von drei Jahren, unter Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von fünf Jahren.
Unter sothanen Umständen hatte Herr Cyrus Alexander Brown das Glück mit einem enischlossenen Streiche herausgefordert. Durch einen fach- und weltkundigen Ingenieur, Herrn John Lincoln Myers, hatte er sich über die Beschaffenheit der noch zu vergebenden Minen „da unten" vergewissert und zugleich mit dem Oberst Diego Panza y Mate Verbindung angeknüpft. Die Minen erwiesen sich als überaus vielversprechend, und daraufhin war durch Herrn Myers ein kleiner, schweigsamer, redlicher Vertrag zu Stande gekommen welcher lautete: '
//Herr Cyrus Alexander Brown liefert dem Oberst Don Diego Panza y Mate 200 Sack Weizen. Wenn die Saat nach Wunsch aufgeht, erhält Herr Cyrus Alerander Brown aus zehn Jahre die Fuchsjagd im Revier San Pueblo y Jago."
Nur die drei Betheiligten wußten, daß die 200 Sack Weizen ebenso viele Tausend Dollar-Anweisungen zum Zwecke der Anwerbung und Besoldung einer kleinen Armee von „Patrioten" waren und daß die Fuchsjagd eine nach dem Siege des edlen Obersten zu ertheilende Concession auf die Minen von San Pueblo y Jago bedeutete.
Die Sache war im schönsten Gange. Heute war dem Obersten das Geld überwiesen worden. Der Unterhändler hatte 10000 Dollar Provision erhalten) Das Feld war gedüngt, — daß zur weiteren Düngung vielleicht auch noch das Blut einiger Hundert Creolen, Mischlinge, Neger und Indianer fließen sollte, kümmerte Herrn Cyrus Alexander Brown wenig, — und nun sollte die Saat aufsprießen. In vierzehn Tagen sollte die Sache losgehen.
Und sie ging auch pünktlich los.
Erst erschienen in dem ^New-Uork Herald" und der


