Nr. 304
189t
Donnerstag den 31. Deccmber
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täglich, rät DrZnohm« de- Äoxlctgl.
Sir-Mer
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Gießener Anzeiger
Keneral-Unzeiger.
Lterräjichr^u« JMe*emt*Ufrdi l 2 Mark 20 Pfg. M Bringerlohu. Durch die Post bc^ye 2 Mark 50 Pf«.
Äcbaction, tpebWw und Druckerei:
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Amts» und Anzrigeblatt für den Kreis Gieren.
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X®9 erscheinenden Nummer Ml Vor». 10 Uhr. | ^»UUJPvillljC» ^luUlultUVmlUU | Anzeige« für den „Gießener Anzeiger" entgeh
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Amtlichem Theil.
Bekanntmachung.
Wir sehen uns veranlaßt, hierdurch zur öffentlichen Kenntniß zu bringen, daß das Gratuliren zum neuen Jahre in der Absicht, dadurch Geschenke zu erhalten, als Betteln bestraft wird und daß das Aufsichtspersonal angewiesen ist, solche Bettler vorzuführen bezw. zur Anzeige zu bringen.
Gießen, den 30. December 1891.
Grobherzogliches Polizeiamt Gießen.
__________________Fresenius.__________________
Bekanntmachung.
Seit dem 20. October 1887 ist, um dem Vagantenthum nach Möglichkeit zu steuern, in hiesiger Stadt eine Naturalverpflegungsstation errichtet worden, welche sich bis jetzt bewährt hat. Von der Verpflegungsstation wird an die die Station in Anspruch nehmenden durchreisenden Handwerksburschen kein Almosen gegeben, sondern den Durchreisenden wird gegen von ihnen zu leistende Arbeit Nachtlager und sonstige Verpflegung in ausreichender Weise verwilligt. Es wird also der drückende Gedanke des Almosenempfangs vollständig ferngehalten. Zugleich mit der Berpfleg- ungsstation ist eine Arbeitsnachweisestelle bei der unterzeichneten Behörde errichtet worden und werden die Gewerbetreibenden dahier dringend gebeten, im Bedarfsfälle sich an die genannte Behörde zu wenden, UM durch Anmeldung ihres Bedürfnisses an Arbeitskräften die so segensreiche Einrichtung auch ihrerseits zu unterstützen. Ueber- dies können die übrigen Einwohner Gießens nicht dringend genug aufgefordert werden, das Almosengeben in ihren Häusern gänzlich einzustellen und die um Almosen Nachsuchenden ab und an das Polizeiamt Gießen zu verweisen.
Gießen, den 30. December 1891.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
_____Fresenius._________________
Bekanntmachung.
Die Forst- und Feldstrafen der 5. Periode können bis zum 25. Januar 1892 kostenfrei hierher bezahlt werden.
Gießen, den 30. December 1891.
Großherzogliche Districtseinnehmerei Gießen I. Platz.
Deutsches Reich.
Berlin, 29. December. Die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr hat, wie fast immer, so auch diesmal so gut wie gar nichts des Erwähnenswertheren in der inneren deutschen Politik hervorgebracht. Die Tageszeitungen beschäftigen sich daher in Ermangelung actueller Ereignisse theils mit Rückblicken aus die wichtigeren Begebenheiten der letzten Monate auf innerpolitischem Gebiete, theils mit Ausblicken auf die nächste Zukunft, wobei die zu erwartenden parlamentarischen Arbeiten in erster Linie stehen. Jedenfalls wird erst der Wiederzusammentritt des Reichstages und die kurz darauf erfolgende Aufnahme der Verhandlungen des preußischen Landtages wieder neues Leben in den augenblicklich sehr verlangsamten Gang der inneren Politik bringen.
— Der Kaiser hat kürzlich neuen Bestimmungen über die Anrechnung der Militärdienst zeit auf das Dien st alter der Civilbeamten seine Zustimmungen ertheilt. Diese Bestimmungen sollen schon vom 1. Januar 1892 ab in Kraft treten.
— Die Blättermeldungen über bevorstehende Personal- veränderungen im preußischen Cultusministerium sind, wie die „Nordd. Allg. Ztg." bestimmt zu versichern weiß, unbegründet.
— Die außergewöhnliche Sitzung des preußischen Staatsministeriums am zweiten Weihnachtsfeiertage hat gutem Vernehmen nach dem neuen Entwürfe des Volksschulgesetzes gegolten. Es soll über alle Grundlagen dieses Reformgesetzes eine vollständige Einigung innerhalb des Staatsministeriums erzielt worden sein und erwartet man die Einbringung der betreffenden Vorlage im Landtage alsbald nach dessen Zusammentritte. Ob der Jmmediatvortrag, welchen der Reichskanzler und Ministerpräsident Graf Caprivi dem Kaiser am Montag hielt, mit den Beschlüssen des Staatsminifteriums vom 26. December im Zusammenhänge gestanden hat, muß noch dahingestellt bleiben.
Neueste Nachrichten.
WolffS selegrapbisches- Torresponbenz-Bvrca«.
Berlin, 29. December. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht die Ernennung Puttkamers zum Commissar im Togogebiet, ferner Bestimmungen betreffend die Anrechnung der Militär di en st zeit auf das Dienstalter der Civilbeamten.
Depeschen deS „Bureau Herold".
Berlin, 29. December. Die „Kreuz-Ztg." meldet aus Wiesbaden, die Nachricht, der hiesige Regierungspräsident von Tepper-Laski werde der Nachfolger des schlesischen Oberpräsidenten v. Seydewitz, sei vollständig unbegründet.
Berlin, 29. December. Laut „Staatsanzeiger" wird der Landtag auf den 14. Januar 1892 einberufen.
Berlin, 30. December. Einer Meldung verschiedener Blätter zufolge wird zu Neujahr eine politische Ansprache des Kaisers an die Generale erwartet.
Bremerhaven, 29. December. Das deutsche Schiff „Sara", aus Oldersum von Schottland hierher unterwegs, ist mit der ganzen Besatzung untergegangen.
Köln, 29. December. Die „Köln. Volksztg." meldet aus Saarlouis, der ehemalige socialdemokratische Redacteur Braun wurde wegen Kaiserbeleidigung in einer Versammlung von Bergarbeitern verhaftet.
Bochum, 29. December. Die Bergarbeiter-Versammlungen sind sehr schwach besucht, ebenso eine in Gelsenkirchen abgehaltene socialdemokratische Versammlung. Der Verband in dem hiesigen Jndustriebezirke nimmt täglich ab.
Wien, 30. December. Der russische Geheimrath Zeve- genrow berichtete nach Petersburg, daß die Regierungs- organe bei Vertheilung von Getreide und Geld in den Nothstandsbezirken gröbste Mißbräuche treiben.
Warschau, 30. December. Infolge des Nothstandes hat der Unternehmer der Truppenverpflegung die Lieferungen eingestellt. Angeblich aus gleichem Grunde wurde die Charkower Cavallerie-Division nach Dubno vorgeschoben.
Loudon, 29. December. Bisher wurden allein auf den Docks 33 Leichen von während des Nebels Verunglückten aus dem Wasser gezogen.
kscater unb provinzielles.
Gießen, 30. December 1891.
— Wir möchten nicht verfehlen, in Bezug auf die Wahl der Stadtverordneten alle stimmberechtigten Personen — ausgenommen Ortsbürger — besonders darauf aufmerksam zu machen, daß nur noch am heutigen Tage die Abgabe der Erklärung von der Gebrauchmachung ihres Stimmrechts im Bürgermeistereigebäude Zimmer Nr. 15 erfolgen kann, wenn sie bei der im Jahre 1892 stattzufindenden Wahl der Stadt-
Feuilleton.
Die blaue Hand.
Neujahrs-Humoreske von Heinrich Heinrich.
(Schluß.)
Unwillkürlich stutzte der redegewandte junge Herr und trat einen Schritt zurück. Auch Lieschen erschrak- ihr Papa sprach mit einer zähen Beharrlichkeit, mit einem versteiften Eigensinn, wie ihn nur das Alter hat.
Mit mir, Herr Nehring," fuhr Herr Lohmeyer m fast drohendem Tone fort, „sollen sich die jungen Herrchen keinen Spaß machen, und so lange ich da tun, will ich schon aus Recht und Ordnung halten. Koste es, was es wolle.
Damit ging Herr Lohmeyer sehr aufgebracht, sehr zormg und sehr hinkend nach seinem Comptoir zurück. Man bemerkte leicht, daß ihn die Angelegenheit über alle Maßen aufreate. Fräulein Lieschen sah Herrn Nehrmg verstohlen an. Ihr war, ohne daß sich das Factum irgendwie erklären ließ, die Befürchtung ausgestiegen, daß Herr Nehrmg zu der blauen Hand in irgend einer Beziehung stünde. Sie seufz e
leise und sagte:
„Ach Gott, nun auch das noch V
Herr Nehring sah die junge Dame aufmerksam an und Fräulein Lieschen wurde sehr roth und sehr verwirrt, wahrend sie ihm die Handschuhe anpaßte.
„Fräulein Lieschen, darf ich mir diesen Stoßseufzer aus- legen, wie ich will?"
„Ach Gott--aber--Herr Nehrmg, wenn Pap
es hört. Was meinen Sie damit?"
„Ich meine, ob ich aus diesem unbewußten Stoßseuszer entnehmen darf, daß Sie mich gern haben und furchten, Papa könnte sich über mich erzürnen?"
„Ach Gott, Herr Nehring —*
Ja oder nein, Lieschen!"
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Sie sagte es so leise, daß sie -s selbst kaum hörte, aber hörte. Mit unglaublicher Schnelligkeit und mit noch un-
glaublicherer Kühnheit küßte er sie aus den Mund — ein kurzes, aber ein echt goldenes Glück.
Dann klapperte Herr Nehring auffällig einige Münzen aus den Ladentisch und ging fort.
Herr Lohmeyer verfolgte seine Hand nun in der That mit einer wahren Berserkerwuth, mit einer Verbissenheit, wie sie nur die beleidigte Würde, der beleidigte Ordnuugs- und Rechissinn kennt. Da die hundert Thaler nicht zogen, setzte er einige Wochen später fünfhundert Thaler aus die Entdeckung des Thäters — ohne Erfolg. Er schimpfte aus Polizei und Stadtverordnete und sagte, sie seien faule, schlemmerische Tagediebe, auf die Regierung, die keine Ordnung im Lande halte und der das Wohl und die Sicherheit der Bürger nicht am Herzen läge, — alles vergebens! Die blaue Hand kam nicht wieder.
Auch Herr Nehring stellte sich mit einer seltenen Opser- bereitwilligkeit in den Dienst der guten Sache. Er schimpfte weidlich auf das nächtliche Bubenstück, auf die verkommene, revolutionär augesreffene Zeit, auf die Ritter der Nacht, die im Dunkeln schleichen und Nachts auf der Leiter groß thun- aber es hals alles nichts — die Hand war fort. Höchstens war es als ein Erfolg anzusehen, daß Herr Lohmeyer bei dieser Gelegenheit in dem jungen Herrn Oswald Nehring von Nehring und Malter einen sehr ordentlichen, braven und gesinnungstüchtigen Kaufmann und Menschen kennen und schätzen lernte.
Der Sommer kam, aber die blaue Hand kam nicht und Herr Lohmeyer sah sich schließlich doch aus Geschäftsintereffe veranlaßt, eine neue Hand über seinen Ladeneingang anzuschaffen. Aber als eine Art Entschädigung für erlittene Unbill, als ein beredter Protest wurde die Hand feuerroth angestrichen. Blutig, wie das Morgenroth der socialen Revolution, lohte und drohte die Hand die Grimmaische Straße cntIan9 — ein mene tekel allem Bestehenden. Immer weiter rollte die Zeit und bald wurde es jährig, seit die blaue Hand fort war. Herr Nehring hatte in der ganzen Zeit seine Nachforschungen in der aufopferndsten und dankenswerthesten j Weise fortgesetzt, hatte auch wirklich Erfolg und konnte schon s
an den Weihnachtsfeiertagen Herrn Lohmeyer mittheilen, daß er der Hand auf der Spur wäre. Der Verkehr zwischen Herrn Lohmeyer und Herrn Nehring wurde infolge dessen immer freundschaftlicher, auch Fräulein Lieschen durfte sich manchmal erlauben, etwas nett zu Herrn Nehring zu sein, ohne vom gestrengen Herrn Papa auf den verruchten Character der Jugend hingewiesen zu werden. So kam endlich die Sylvesternacht — schauerlichen Angedenkens — wieder heran. Um jedem neuen Unfall vorzubeugen — man war ja, wie Herr Lohmeyer jetzt behauptete, in der neuen Zeit nicht des Bettes mehr sicher, in dem man lag, — wollte Familie Lohmeyer, die direct über dem Laden ihre Wohnung hatte, die Nacht wachen, bis der Spectakel vorüber war. Damit das aber nicht allzu ängstlich aussehen sollte, hatte Fräulein Lieschen noch eine Freundin und Herr Lohmeyer Herrn Nehring junior zu einem Glase Punsch eingeladen. Natürlich wurden aus dem einen Glase Punsch noch verschiedene andere und als die Stimmung dem Herrn Nehring eine hinreichend sylvestermäßige zu sein schien, sagte er leise und geheimnißvoll zu Herrn Lohmeyer:
„Ich bin ihr aus der Spur!"
„Das haben Sie schon oft gesagt und es ist immer nicht gewesen, mein lieber Herr Nehring. Ich glaube nicht mehr daran."
„Aus mein Wort und auf meine Ehre, Herr Lohmeyer, ich bin ihr aus der Spur. Aber die Sache will schlau an- gedreht werden. Was geben Sie mir, Herr Lohmeyer, wenn ich die blaue Hand wieder zur Stelle schaffe?"
„Die blaue Hand?" fragte Herr Lohmeyer eigenthümlich schwärmerisch, als ob ein holder Traum um seine etwas benebelten Sinne fliege.
„Aus mein Wort und meine Ehre, die richtige blaue Hand, Herr Lohmeyer!"
„Gut. Wenn Sie mir meine blaue Hand wieder herschaffen und den Dieb dazu, daß ich ihn bestrafen laffen kann, so sollen Sie sich aus meinem Laden wünschen, was Sie wollen, und ich werde es Ihnen geben."
„Topp! Herr Lohmeyer, es gilt. Fräulein Lieschen,


